Der Schock von Egerkingen

Egerkingen (SO), Restaurant Bahnhof: An der Tür zum kleinen Säli zeigt eine Unia-Fahne, wo das neue, provisorische Gewerkschaftsbüro der Unia Biel-Solothurn zu finden ist. «Wir sind hier täglich von 17 bis 20 Uhr präsent», sagt die Unia-Sekretärin Teresa Matteo, «um die Angestellten des Logistikzentrums zu beraten und zu organisieren. Über den Fortgang unserer Verhandlungen werden wir vorderhand mit Flugblättern laufend informieren.»

Petra A. (35) und Anita B. (51) arbeiten seit mehreren Jahren als Rüsterinnen im «Frischdienst» des Usego-Logistikzentrums. Für heute haben sie sich hier per E-Mail angemeldet und geschrieben, es sei eine Schweinerei, was passiere. Jetzt sind sie da, um sich Luft zu machen.

Besitzer wechseln ständig

Anita B. war schon längere Zeit misstrauisch: «Seit dem Verkauf der Usego an den deutschen Lebensmittelkonzern Rewe gab es hier nichts als Entlassungen und Abbau: Bei uns im Frischdienst wurde die Arbeit immer weniger. Ich musste immer häufiger abends eine oder zwei Stunden früher nach Hause gehen.» Aber, so Petra A.: «Was wirklich im Tun gewesen ist, haben wir schliesslich aus den Medien erfahren. Informiert worden sind wir nie.»

Es war ein Blitz aus heiterem Himmel: Seit Rewe das Logistikzentrum übernommen hat, waren die knapp 400 Angestellten der Meinung, der Konzern wolle in der Schweiz seine Discountkette Penny lancieren und benötige dazu Egerkingen als logistische Basis. Nun zieht sich Rewe plötzlich ganz aus dem schweizerischen Detailhandel zurück. Denner übernimmt alle 146 Pick Pay-Filialen mit den rund 1100 Angestellten. Und Denner übernimmt das Logistikzentrum, aber nur 225 Angestellte. Geschlossen wird zudem die Rewe-Zentrale in Volketswil (ZH), dort verlieren 75 Angestellte die Stelle.

Egerkingen, «Logistik Center»: Hier wechseln die Eigentümer schneller als die Beschilderungen. Vorn an der Strasse wird man zu Rewe gewiesen, angeschrieben ist der weitläufige Bau mit Usego, und gehören soll er ab 1. November Denner. Im Verwaltungstrakt schmücken Plakate mit der Konzernphilosophie die Wände. Unter dem Titel «Fair» heisst es zum Beispiel: «Wir behandeln unsere Mitarbeitenden vernünftig. Wir sehen uns als Team.»

Ein Warenlift führt in die beiden übereinanderliegenden, riesigen Lagerhallen. Hier sind auf hohen Regalen die Produkte in Kisten und Schachteln geordnet. Pausenlos zirkulieren die Arbeitenden auf leise summenden Elektrofahrzeugen durch die endlosen Gänge und stellen nach den Bestelllisten der Pick-Pay-Filialen die Waren auf Paletten zusammen.

Die Usego-Pressesprecherin Iris Affolter, die durch die Hallen führt, sagt, die besten Chancen, ihre Stellen zu behalten, hätten die Rüster und Rüsterinnen in den Lagerhallen und die Chauffeure. Nicht gut sehe es für die Angestellten im administrativen Bereich aus. Die Geschäftsleitung werde, sagt sie, alle betroffenen Mitarbeitenden bei der Stellensuche unterstützen.

Unwissenheit macht ratlos

Für Petra A. und Anita B. ist die Unsicherheit im Moment das Schlimmste. Sie wissen noch nicht, ob ihnen gekündigt wird oder nicht. Petra A., Mutter von zwei kleinen Kindern, schläft schlecht: «Dauernd der Gedanke: Was passiert, wenn… Das macht Angst.»

Anita B., auch sie Mutter von zwei Kindern und geschieden, sagt, sie habe in letzter Zeit ab und zu eine blinde Bewerbung geschrieben, weil sie der Sache hier nicht mehr getraut habe. Heute hat sie sich für eine neue Stelle vorstellen können. Jetzt ist sie in der Zwickmühle: «Soll ich den Job, wenn ich ihn erhalte, trotz dem tieferen Lohn nehmen? Oder warte ich bis zur Kündigung und riskiere, arbeitslos zu werden?» Und auch wenn man schliesslich bleiben könnte: «Was tun, wenn es heisst: Du kannst bleiben, aber mit tieferem Lohn?»

Ins provisorische Unia-Büro gekommen ist Petra A., um sich erfahren, was man gemeinsam tun könne: «Ich will abends in den Spiegel schauen und sagen können: Ich habe gekämpft, egal wie es herauskommt.» Trotzig fügt Anita B. bei: «Wir haben unsere Jobs gern, und wir brauchen das Geld.» Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen seien im Moment verunsichert und sagten: «Geht ihr ruhig mal in dieses Gewerkschaftsbüro, vielleicht bin ich dann auch dabei, wenn’s mich braucht.» Petra A. und Anita B. haben sich entschieden: Sie sind Unia-Mitglieder geworden.

Die Unia fordert in Egerkingen, dass die Frist für die gesetzlich vorgesehenen Mitwirkungsrechte von zwei auf sechs Wochen verlängert wird. In dieser Zeit sollen die Auswirkungen des angekündigten Verkaufs analysiert und Alternativen gesucht werden, damit es, wenn überhaupt, zu möglichst wenigen Entlassungen kommen wird.

 

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Rewes Schlachtfest

Der Rewe-Konzern macht in 14 europäischen Ländern mit 11’600 Geschäften und mit 196’000 Vollzeitangestellten 40,8 Milliarden Euro Umsatz. 2003 hat er die Bon Appétit-Gruppe von dem Verleger Beat Curti gekauft, zu der die Pick Pay-Kette und das Logistikzentrum Egerkingen gehören. Seither hat am Rewe-Hauptsitz in Köln der Wind gedreht. Heute haben jene Leute das Sagen, die immer gegen den Kauf waren, weil sie den Schweizer Markt als gesättigt betrachten. Darum hat Rewe nun verkauft.

Neben Denner kam «La Valaisanne Holding» zum Handkuss, die die 75 selbständigen Detaillisten von «Pick Fresh» und «Partner von Pick Fresh» übernimmt. Rewe behält in der Schweiz einzig die Gastronomieversorgung. Rewe-Geschäftsleitungsmitglied Alain Caparros: «Wir haben kein Geld  verloren.» Dafür sollen 250 Angestellte ihre Stelle verlieren. Die Unia Biel-Solothurn verurteilt «die Raubritter-Methoden»: Der Konzern habe «vor kurzer Zeit ein gesundes Unternehmen übernommen und es ohne Rücksicht auf Verluste und ohne jegliches sozialpolitisches und volkswirtschaftliches Verantwortungsbewusstsein aufgeteilt und ausgeschlachtet».