Der lange Weg hinaus

«Drehtürenpsychiatrie»? Ein merkwürdiges Wort. Aber heutzutage ein treffendes. Früher wäre «Verwahrungspsychiatrie» das treffendere gewesen. Wer damals in die «Irrenanstalt» musste, blieb nicht selten für den Rest des Lebens versorgt – der Künstler Adolf Wölfli, der berühmteste Patient der Irrenanstalt Waldau, zum Beispiel 35 Jahre lang bis zu seinem Tod 1930. Seit die Psychiatrie 1953 begonnen hat, vor allem mit chemischen Substanzen zu kurieren, werden Menschen mit psychischen Krisen zwar kaum schneller wirklich gesund, aber schneller sozial unauffällig. Dadurch wird die Aufenthaltsdauer in der Klinik kürzer – kurz bleibt allerdings nicht selten auch die Zeit, bis die nächste Klinikeinweisung fällig wird.

Dass der Waldau-Eingang für viele zur Drehtüre wird – raus aus der Klinik, rein in die Klinik – hat vor allem drei Gründe:

Erstens strapazieren akute psychische Krisen die persönlichen Beziehungen. Soziale Netze reissen, Wohn- und Lebenssituationen werden unhaltbar. Der Weg aus der Klinik beginnt deshalb häufig mit der stressigen Suche nach einem neuen Dach über dem Kopf.

Zweitens verhindern solche Krisen, dass man weiterhin das Rädchen spielt, das einen zuvor in der grossen Maschine der Arbeitswelt hat funktionieren lassen. Wer aber aus der Klinik will, braucht Geld. Darum steht man vor der Alternative, eine neue Arbeit zu finden (was immer schwieriger wird) oder durch Annahme einer Invalidenrente sich und der Welt zuzugestehen, dass man «chronisch krank» ist.

Drittens schliesslich gibt es das, was man die «Stigmatisierung der PsychiatriepatientInnen» nennt. «Stigma» nannten die alten Griechen jenes Brandmal, mit dem sie Sklaven, Verbrecher und Verräter aus der Gemeinschaft der Ehrenwerten ausschlossen. Schwere psychische Krisen stigmatisieren in ähnlicher Weise, denn eine Psychose ist kein Beinbruch. Das Bein wächst wieder zusammen, aber wer einmal psychotisch war, so will es das Stigma, spinne ein Leben lang. Stigmatisierten Menschen geht man aus dem Weg, oder man nimmt sie nicht ernst.

Frustrierende Wohnungssuche, entwürdigende Geldknappheit, Zurückstellungen und Ausgrenzungen – dazu die abhängig machenden Medikamente, die einen zwar schnell unauffällig krank, aber nicht richtig gesund werden lassen: Es gibt auf dem Weg aus der Klinik Situationen, wo Umkehren das einzig Mögliche scheint. Und ist man erst wieder drin, beginnt die Suche nach der Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben von vorne.

Wie soll man den Mut nicht verlieren, wenn diese Rückkehr auch nach mehreren Anläufen und trotz der professionellen Hilfe, die man drinnen und draussen in Anspruch nehmen kann, erneut misslingt? Zuzugeben, dass man es alleine nicht schafft: Diese Not würden zwar die Mitbetroffenen in der Klinik verstehen. Aber wozu mit denen mehr als nötig reden? Die spinnen ja auch (sagt das stigmatisierende Vorurteil, von dem so schwer loszukommen ist). Und die andern, die Ärzte, die Sozialarbeiterinnen, die Pflegerinnen und die Beistände verstehen einen irgendwie immer nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Richtig verstanden wird man aber doch nur von Gleichgestellten und Gleichbetroffenen. Weil das so ist, muss dort, wo die professionelle Hilfe am Ende ist, die Selbsthilfe beginnen. Wo ich es allein nicht schaffe, kann die gemeinsame Anstrengung in einer Selbsthilfegruppe Hindernisse überwinden helfen. Die Redaktion des «Kuckucksnests» zum Beispiel ist eine solche Selbsthilfegruppe. Es wären andere – mit anderen Zielen – denkbar.