Der böse Blick des Jeremias Gotthelf

1.

Die «Stichwort»-Beiträge der «ZeitSchrift» vom Dezember 1996 waren Johann Peter Hebel gewidmet, dem «menschenfreundlichen Apokalyptiker». Im einleitenden Beitrag zum Thema schrieb Niklaus Peter: «Dass Menschenfreundlichkeit, dass Aufklärungsfrömmigkeit nicht mit Gemütssimpelei einher gehen muss, dass der böse Blick nicht zum unabdingbaren Signum für gute Literatur gehören muss, dies lässt sich bei Hebel lernen. Das ist auch mit einem leichten Seitenblick auf Gotthelf gesagt, der nächstes Jahr ausgiebig gefeiert werden soll: Ein Mann nota bene, der in virtuoser Weise seine und anderer Ängste in den Fieberbildern der Apokalypse aufzuladen wusste und dies auch gegen liberale Theologen wie Zeller eingesetzt hat.»

In der Tat: Gotthelfs Blick war in den achtzehn Jahren von 1836 bis zu seinem Tod 1854, die seine schriftstellerische Laufbahn umspannen, nie frei davon, «böse» zu sein. Der «Zeller-Handel» – die Berufung von Eduard Zeller als Professor für neutestamentliche Exegese an die Universität Bern durch das kirchenkritische «Freischarenregiment» der Berner Radikalen 1847 – hat ihn inspiriert für das erst posthum veröffentlichte böse Pamphlet «Die Versöhnung des Ankenbenz und des Hunghans, vermittelt von Professor Zeller». (XIII, 521 ff.)[1] Diese Erzählung hat er in den folgenden Jahren zu seinem politischen Testament, dem Roman «Zeitgeist und Berner Geist», erweitert. Dessen Veröffentlichung 1852 verstärkte die Isolierung des Landpfarrers Albert Bitzius in Lützelflüh. Der damalige «Zeitgeist» hatte nachgerade genug von Gotthelfs literarischen «Fieberbildern der Apokalypse», die – auch – dazu geschaffen wurden, moralisierend Ängste zu wecken und ängstigend Moral zu propagieren.

Aber Jeremias Gotthelf hat schon in seinen Frühwerken mit Naturgewalten im Dienst seines Gottes wahre Höllenfahrten inszeniert, wenn er einen Sünder auf den richtigen Weg zurückzuschreiben hatte. In der frühen, 1839 erschienen Erzählung «Dursli der Brannteweinsäufer» schickt er den Protagonisten an Heiligabend auf einen kathartischen Gang durch den «Utzenstörfer Wald»: «Mitten in der schwarzen Nacht» gerät Dursli in ein «flutend Flammenmeer», sieht er «einen grässlichen, glühroten Teufel mit feurigem Tannenbaum das Feuer schüren» in einem Ofen, «aus dem die Feuerwellen quollen häuserhoch, und in der Ofenglut schienen Tausende von Menschen sich zu winden, zu feurigem Knäuel geballt». Aus den Köpfen der Leidenden «quollen Feuerströme, die heissen Tränenströme der Väter, deren Kindern anfroren auf den kalten Backen ihre kalten Tränlein, während die Väter in warmen Pinten sassen». (XVI, 160 ff.) Moralische Standpauke in Form einer apokalyptischen Vision: Zweifellos hat Gotthelf seine «Aufklärungsfrömmigkeit» – denn dieser Begriff trifft auf ihn so gut zu wie auf Hebel – eben auch in dieser Art verstanden. Die Frage ist: Warum war ihm nicht Hebels menschenfreundlicher Ton eigen?

2.

Es gibt in Gotthelfs Werk eine Konstante, die nach 1840 für einige Jahre unauffälliger wird – zum Beispiel in den «Uli»-Romanen oder in «Geld und Geist» –, jedoch im Früh- und im Spätwerk deutlicher hervortritt: das auf latentem Sozialneid gründende politische Ressentiment von Albert Bitzius.

«Unversieglich» sei Gotthelfs Humor gewesen, hat ein Herausgeber seiner Werke, Rudolf Hunziker, einmal gerühmt. Ein anderer, Walter Muschg, schränkte allerdings ein, über «Zeitgeist und Berner Geist» hätten auch Gotthelfs Verehrer den Kopf geschüttelt, weil der Autor darin «sein Lachen verloren» habe. Tatsächlich haftet vielen humoristischen Passagen in Gotthelfs Werk etwas merkwürdig Unlustiges an. «Jakobs, des Handwerksgesellen» frühsozialistisch verdorbene Idee von einem Recht auf Arbeit ist Gotthelf zum Beispiel Anlass zu einem spöttischen Exkurs. Das wäre ein «herrlicher Fortschritt», meint er, wenn der Meister so viele Knechte füttern müsste, «als kommen»: «Erst stopfen sie sich aus mit dem gröbern Fleisch, dann schreiten sie vor zu ordinärem Rindfleisch, wackerm Braten, dann kommen sie zu den Kotletts, den Rostbeefs usw., den feinen Pasteten und Pressköpfen, und haben sie endlich jegliches Fleisch vom Vieh, sei es, in welcher Gestalt es wolle, satt, so fressen sie zum Dessert den Meister selbst mit Haut und Haar, als wäre er ein jung, zart Rettigchen.» (IX, 164 f.) In ähnlicher Weise verspottet er im Roman von «Anne Bäbi Jowäger» die «Maulhuren und Gotteslästerer», für die Aufklärung mit Glaube nicht zusammengeht: «Oh, man glaubt nicht, was so ein Herr, der alle Tage einen halben Zentner Bifsteak frisst oder hundert Austern, so ein Bauer, der in der Woche seine Speckseite versorgt, so ein Wirt, der beim letzten Glas nicht mehr weiss, wann er das erste getrunken, ein Geschäftsmann, der von wegen Geschäften von Schoppen zu Schoppen, von Essen zu Essen kömmt, was denen in die Glieder fährt, […] wenn eine Woche lang Bifsteak, Speck, Gläser, Wein aussen bleiben […]. Öde wird es ihnen und leer, wie die Welt war, ehe der Geist über die Wesen kam; von wegen mit Bifsteak und Speck und Wein ist Mut, ist Kraft, ist der Geist dahin, der sie aufrecht erhielt und so aufbegehrisch machte, sie fallen zusammen ärger als Pferde, denen der Haber fehlt, es geht ihnen ärger als Schweinsblattern, aus denen man die Luft gedrückt, und die zu einem erbärmlichen Hämpfeli zusammengefallen sind!» (V, 243 f.) Wenn man bedenkt, dass Bitzius sehr wohl selber auch gut zu essen und zu trinken verstand, können solche mit Aggression unterlegte Pauschalattacken nicht gut mit protestantisch-asketischer Lustfeindlichkeit erklärt werden. Hätten Knechte mehr Fleisch zu fressen, würden sie zu Kannibalen; hätten jedoch sich aufgeklärt währende Herren, Bauern und Geschäftsleute zu wenig davon, würden sie zu Schweinsblattern ohne Luft: Das ist ein Humor, der gegen unten tritt und gegen oben kläfft.

3.

In der Lebensgeschichte des Bernburgers Albert Bitzius sind unschwer mögliche Wurzeln für einen unterschwelligen Sozialneid zu finden. In seiner Gotthelf-Biografie schrieb Karl Fehr 1954, in Bitzius sei «ein Zug ins Vornehm-Aristokratische, ein starkes Familien- und Standesbewusstsein […] stets lebendig» gewesen, und deshalb habe «er sich gerne einem gehobenen und geistig gebildeten Bürgertum zugehörig» gefühlt. Bedeutsam sei, «dass das bäuerliche Element bei diesem genialen Maler und Gestalter der bäuerlichen Welt unter den nächsten Vorfahren kaum vorhanden war» – dafür finden sich unter ihnen vier Professoren, ein Propst, zehn Pfarrer, ein General, fünf Schultheissen und zehn Landvögte. An seinen Vorfahren gemessen hat Bitzius also nicht eben eine grosse Karriere gemacht: In Utzenstorf konnte der 27jährige 1824 nicht Nachfolger seines verstorbenen Vaters werden, weil seit seiner Konsekration noch keine fünf Jahre vergangen waren, was nach dem Gesetz für die Übernahme eines Pfarramts notwendig gewesen wäre. Von Herzogenbuchsee weg wurde er nach fünfjähriger Vikariatszeit 1829 versetzt wegen eines Streits mit dem Regierungsstatthalter in Schulfragen. Als Vikar an der Heiliggeistkirche in Bern 1830 war seine Bewerbung um das freigewordene Pfarramt erfolglos. Erst 1832 bestimmte ihn die Gemeinde Lützelflüh nach einem einjährigen Vikariat zu ihrem Pfarrer.

Dass er danach in diesem Amt besonders erfolgreich gewesen wäre, behauptet niemand. Er hat offenbar unter einem Sprachfehler gelitten und bereits 1817 in einem Brief geschrieben, er wolle «das Predigerfach wählen, wozu ich freilich nicht die besten Organe besitze, welche sich aber, wie Demosthenes lehrt, ausbilden lassen» (4/13). Und die Bevölkerung von Lützelflüh hielt aus verschiedenen Gründen Distanz. An der offiziellen Eröffnungsfeier zum diesjährigen Gotthelfjahr in der Dorfkirche von Lützelflüh hat der Gemeindepräsident, Walter Müller, Anfang Januar von der «Zurückhaltung der Gemeindeglieder ihrem Pfarrherren gegenüber» gesprochen und daran erinnert, dass man in dieser Gegend die Ereignisse des Bauernkriegs und die harte Hand der Regierung in Bern bei der Verfolgung der Täufer noch nicht vergessen gehabt habe. Die Pfarrherren allgemein, vorab solche, die Burger der Stadt waren, hätten als Vertreter dieser Regierung gegolten, seien doch noch zu Gotthelfs Zeiten Regierungserlasse von der Kanzel herab verlesen worden. Trotz des grossen Einsatzes für die Benachteiligten habe Bitzius deshalb «kein herzliches Verhältnis des Vertrauens» zur Gemeinde herstellen können, umso mehr als man ihn schon wegen den wirklichkeitsnahen Figurenzeichnungen in seinen Büchern so weit als möglich gemieden habe.

Weiter hat er es also nicht gebracht als mit Ach und Krach zum Landpfarrer ohne grossen Zulauf. Ein Werdegang, der in einem wie Bitzius, der sich sehr wohl dazu berufen fühlte, weitherum wahrnehmbar zu wirken, einen gewissen Neid auf die Erfolgreicheren hervorrufen musste. Halb ist dieser Neid unkontrolliert als verletzende Bitterkeit in seine Texte eingeflossen, halb hat er ihn zu kontrollieren versucht: Dann führte er in rationalisierter Verkehrung dazu, dass Gotthelf die Missgunst der Armen den Reichen gegenüber anprangerte und die Kraft der «Ergebung» zur höchsten menschlichen Tugend stilisierte, was dann zum Beispiel so klang: «Es ist doch merkwürdig, wie stille, liebe Ergebung tausendmal mehr wirket als laute, begehrliche Ungenügsamkeit. O wenn das alle Weiber wüssten!» (III/413)

4.

Dass sich Jeremias Gotthelf vom politischen Reformer, der 1830/31 mithalf, die liberale Kantonsverfassung zu erstreiten, zum Reaktionär wandelte, der sich 1848 schliesslich sogar gegen die Bundesverfassung stellte, ist bekannt: Er wurde vom Liberalen zum Radikalenfresser. In einem Brief an seinen Freund Joseph Burkhalter, den philosophierenden Bauern von Niederönz, schrieb er aus Bern am 18. Oktober 1830, er sei «durch die grossen Zeitereignisse von der Theologie weg in die Politik gerissen» worden. Es finde zur Zeit eine von der «Vernunft» begonnene «Revolution» statt: «Sie ist ein neuer, schlagender Beweis gegen die, welche behaupten wollen, die Welt werde immer schlimmer und die Menschen immer verdorbener. […] Ist es [das Volk, fl.] einmal recht erwacht und begreift es, was allein ihm recht auf die Beine hilft, nämlich eine vernünftige, nicht gelehrte, aber menschlich christliche Bildung, dann geht es mit starken Schritten vorwärts.» (4/94 f.) Fast exakt neunzehn Jahre später schreibt er seinem Briefpartner Abraham Emanuel Fröhlich, Pfarrer in Aarau, am 12. Oktober 1849, er arbeite an seinem Roman «Zeitgeist und Berner Geist», «um das Demoralisieren des Volkes von oben herab, namentlich durch schlechte Beamtete, zu zeigen. […] Wir müssen alles aufbieten, um ihm Frühjahr bei neuen Wahlen den Antichrist los zu werden. Gelingt dies nicht, dann gute Nacht, dann erst streckt das greuliche Tier seine Hörner so recht lang und teuflisch aus.» (7/237) Wie soll man die Tatsache deuten, dass sich Bitzius’ frühe Hoffnung auf die Volkserziehung derart in die staatsverdrossene Ablehnung des «Demoralisierens von oben» verkehrt hat? 1830 spricht der junge, mit dem Zeitgeist sympathisierende Vikar aus der Stadt, 1849 der alternde, den Zeitgeist verteufelnde Landpfarrer. Aber ist damit alles erklärt?

Das politische Engagement von Albert Bitzius richtete sich um 1830 gegen die Vormachtstellung der Aristokratie, genauer gegen jene patrizischen Bernburger, die «Stockaristokraten», unter denen die nichtpatrizischen Bernburger, zu denen die Familie Bitzius gehörte, weitgehend rechtlos geblieben waren (Fritz Huber-Renfer in: 13/17) Vermutlich half Bitzius damals auch deshalb mit, die Aristokratie aus ihrer politischen Vormachtstellung zu verdrängen und das liberale Bürgertum an die Macht zu bringen. Noch während dieser Umwälzungen – die liberale Verfassung wurde am 7. Juli 1831 angenommen –, drehte Gotthelf der von ihm begrüssten Entwicklung jedoch, biografisch bedingt, den Rücken, und trat auf 1. Januar 1831 sein Vikariat in Lützelflüh an. Ein Jahr später wurde er als Pfarrer gewählt, er verlobte sich, heiratete Anfang 1833 und liess sich im Emmental häuslich nieder – weit weg vom Schuss, um eine der von Gotthelf so geliebten kriegerischen Metaphern zu verwenden. Seine Versuche, sich in die kantonale Politik einzumischen, brachten ihn in den folgenden Jahren in scharfe Opposition zu den einflussreichen liberalen Kreisen, vorab wegen seiner schulreformerischen Auseinandersetzungen mit dem Hofwil-Gründer Philipp Emanuel von Fellenberg. Seither hatte er in Bern den Ruf des Stänkerers und Kritikasters, die zunehmende, auch kirchenfeindliche Radikalisierung der politischen Elite tat ein übriges, Bitzius vom Zeitgeist zu entfremden und seine literarisch verbrämten Attacken gegen den «entschiedenen Fortschritt» Jahr für Jahr moralisch massloser und politisch unpräziser zu machen – die Radikalen wurden ihm durchs Band zu Lumpen und Taugenichtsen, die frühsozialistisch orientierten Handwerksgesellen allesamt zu verführten Kindsköpfen, die Juden unterschiedslos zu plumpen antisemitischen Karikaturen.

In seinen polemischen Rundumschlägen schwingt immer auch ein bisschen die Verletztheit eines Zurückgestellten mit. Er, der mitgeholfen hatte, die liberale Verfassung zu erstreiten, wurde weder je in den Grossen Rat, noch gar in den Regierungsrat berufen. Er, der, hätte man ihn nach Bern geholt, ohne jeden Zweifel mit Feuer und Flamme für kantonale Reformen im Schul- und Sozialbereich eingestanden wäre, wurde nicht gebraucht. In der Politik sei’s ihm so ergangen: «Schrieb ich dem Erziehungsdepartement über Schulsachen, so erhielt ich die Antwort: ‘Wir finden uns nicht gewogen.’» Und als Pfarrer ging’s ihm so: «Zu diesem allem hatte ich eine Gemeinde, wo ich nur rein durch Passivität Boden gewinnen konnte, durch verfluchtes Zuwarten.» Von allen Seiten sei er gelähmt worden, fährt er in seinem Brief vom 16. Dezember 1838 an seinen Vetter Carl Bitzius fort: «Ich konnte nirgends ein freies Tun sprudeln lassen. […] Dieses Leben musste sich entweder aufzehren oder losbrechen auf irgendeine Weise. Es tat es in der Schrift.» (4/280)

Albert Bitzius wurde nicht aus Neigung Schriftsteller, die Schriftstellerei war dem bald 40jährigen letzte Wahl, um doch noch irgendwie weithin sichtbar wirken zu können. Bitzius’ Karriere als Jeremias Gotthelf hatte deshalb nicht nur ästhetische und ethische Voraussetzungen: Am Anfang war nicht nur erzählerisches Talent, christliche Überzeugung und sozialreformerisches Engagement. Am Anfang war der Trotz eines Zurückgestellten, dessen gesellschaftspolitische Analysen oft genug durch das Ressentiment gegen die damaligen politischen Akteure verunklart wurden.

5.

Aber worin liegt trotz allem die unbestreitbare Faszination der Texte von Jeremias Gotthelf? Gotthelf ist ein grosser Realist und ein grosser Tendenzschriftsteller. Das erste hat ihn in den weltliterarischen Olymp akademischer Literaturbetrachtung erhoben, das zweite machte ihn dort zum Aussenseiter.

Als Realisten hat sich Gotthelf freilich nicht bezeichnet, sondern als «Volksschriftsteller». In der Einleitung zum posthum veröffentlichten Roman «Der Herr Esau» hat er geschrieben, was er darunter versteht: Ein Volkschriftsteller sei einer, der «treu und wahr» aufs Papier bringe, «was er in sich aufgenommen hat während seinem Leben, Eindrücke, deren er sich in ihrer Entstehung nicht mehr bewusst ist […], so müssen seine Gestalten auf dem Papier Gestalten im Volke entsprechen, sonst ist das Bild nicht treu, er muss das Ganze wieder in einzelne Züge auflösen, muss die einzelnen Züge zu besondern Personen werden, in bestimmten Verhältnissen sie hervortreten lassen.» (1/8 f). Albert Bitzius war Meister der plastischen konkreten Beschreibung – dass er mit grossem Geschick recherchieren konnte, hat schon sein erster Biograf, Carl Manuel, feststellt: Wenn Bitzius «zwei- oder drei Male in einem Hause gewesen» sei, habe er die ganze Haushaltung los gehabt «bis ins Chuchigänterli». Deshalb ist Gotthelfs Prosa «voller realistischer Details  […], die in dieser Schärfe nirgends in der Schweizer Literatur beschrieben sind», wie der Schriftsteller Beat Sterchi letzthin gesagt hat. («Berner Woche», 9.5.1997)

Die Fähigkeit zur «treuen und wahren» Abbildung traf zusammen mit der Tatsache, dass Gotthelf nie bereit war, «sich mit der künstlerischen Bewältigung eines Problems zu begnügen, sondern sein Dichtertum zugleich als eine sittliche und religiöse Verpflichtung auffasste». Deshalb verwendet Walter Muschg, der dies schrieb, in Bezug auf Gotthelf den Begriff «Tendenz» als terminus technicus. Er zieht über dessen literarische Produktion einen grossen Bogen, der frühes, mittleres und spätes Werk umfasst, wobei dem Aufschwung aus der sozialkritischen «Tendenzschriftstellerei» («Bauernspiegel», «Wassernot» etc.) zur «klassischen, objektiven Erzählkunst» (zum Beispiel der «Uli»-Romane) ein Rückfall in die reine «Tendenzdichtung» («Zeitgeist und Berner Geist») folgen. Während diese ästhetische Gliederung (parteiisch = kleine Kunst – über den Parteien stehend = grosse Kunst – parteiisch = kleine Kunst) einen Rückfall ins Gleiche suggeriert, stehen sich unter politisch-ideologischem Aspekt das frühe und das späte Werk als Pole entgegen: Dem sozialkritisch-«revolutionären» Frühwerk folgt das liberal-reformerische mittlere und das wertkonservativ-«reaktionäre» Spätwerk. Anders: Der Kritik an der Welt, wie sie ist, folgt die Konstruktion einer Welt, wie sie sein könnte und schliesslich die zunehmend wütendere Verteidigung des Ideals angesichts einer Welt, die sich von ihm immer weiter entfernt.

Der Prozess, sich als scharfsichtigen Realisten innerhalb der Spannungsfelder zwischen «Tendenz» und «Objektivität», zwischen Fortschritt und Rückschritt, zwischen Realität und Ideal zu positionieren, ist für Gotthelf nie abgeschlossen. Deshalb hat er seine grossen Themen – von den Problemen des Grundbesitzes bis zur Geschlechterfrage, vom Verhältnis zwischen Christentum und Aufklärung bis zum Schulwesen und zur Armennot, vom Doktern über das Arbeiten bis zum Lieben, Streiten und Hassen – immer wieder neu gesehen, neu bewertet, neu formuliert. Gotthelf war ein Nahkämpfer in den Niederungen der Tendenz, parteiisch, voreingenommen, polemisch. Aber gerade deshalb war sein Blick auf die Phänomene immer wieder neu und originell. Eine «objektive Erzählkunst» gibt es eben vermutlich gerade nicht: Entweder ist sie objektiv, oder sie ist Kunst.

Die aktuelle hiesige Literatur hätte vom Volksschriftsteller Gotthelf zu lernen. Aber noch tummelt sie sich grossenteils im lauwarmen Planschbecken der Autonomie, das ihr die Kunst-Moderne bereitgestellt hat. Die Schweizer Literatur hat, soll sie je wieder gesamtgesellschaftlich ausstrahlen, Jeremias Gotthelf noch vor sich.

[1] Zitiert wird nach: Jeremias Gotthelf: Sämtliche Werke, Erlenbach-Zürich (Rentsch) 1911-1977; I-XXIV (Werkbände) und 1-18 (Zusatzbände).