«Das hier ist einmalig»

In der Sondermülldeponie Kölliken (AG) sind zwischen 1978 und 1985 ungefähr 375’000 Tonnen Sondermüll vergraben worden. Zusammen mit dem vergifteten Erdreich müssen deshalb nun etwa 650’000 Kubikmeter Material «rückgebaut» werden, schätzt der Baggerfahrer Harald Martin. «Dass wir nicht wissen, was hier alles vergraben liegt, macht die Arbeit gefährlich. Es gibt zwar eine Einlagerungsdatenbank, aber die ist nicht sehr genau. Wüssten wir’s exakt, wüssten wir auch, womit zu rechnen ist.»

Seit dem 5. November 2007 wird in der luftdicht überdachten Deponie der Sondermüll wieder ausgegraben, sortiert und in Portionen von ungefähr 25 Tonnen in Containern zur Entsorgung verschickt, zum Teil bis nach Holland. Zuständig dafür ist die Arbeitsgemeinschaft Phoenix AG, ein Zusammenschluss der Firmen Walo Bertschinger AG, Eberhard Bau AG, Eberhard Recycling AG, Ecosoil Süd GmbH (Ulm) und dem Entsorgungszentrum Richi Weiningen AG. «Was wir hier machen, ist einmalig», sagt Martin. Darum stellten sich immer wieder neue Probleme, deren Lösung technische Pioniertaten erfordere.

Von Giftfass zu Giftfass

Wenn sich das Schleusentor öffnet, sitzt Harald Martin in der luftdichten Führerkabine seines riesigen gelben Baggers, ausgerüstet mit Druckluftflaschen, die Atemluft für vier bis fünf Stunden enthalten. Die Halle vor ihm liegt unter Scheinwerferlicht und wegen der feuchten Wärme des aufgebrochenen Bodens oft in einem diesigen Nebel.

Vorn an der Böschung arbeiten zwei Bagger. Sie legen die teilweise durchgerosteten Giftfässer frei, die auf einer Fläche von etwa drei Fussballfeldern acht bis zehn Meter hoch gestapelt, Fass an Fass im verseuchten Erdreich stehen. Mit einem Greifer werden sie weggehoben und «so heil wie möglich» in einen Container gestellt. Dann wird den Fässern mit einem Probenahme-Rohr Material entnommen. Analyse und Bestimmung des richtigen Entsorgungswegs ist danach Aufgabe der «Arbeitsgemeinschaft Triage Kölliken» – ein Zusammenschluss von weiteren drei Firmen.

Martin arbeitet mit dem Bagger weiter hinten. Wenn die Fässer im Container zu ihm kommen, liegt der Laborbericht bereits vor. Mit dem Bagger reisst er den Stahlmantel der Fässer auf, kippt sie, und verschiebt den Inhalt in den richtigen Container für den Abtransport.

Immer einer der vier Maschinisten hat neben der regulären Arbeit von Montag bis Montag Pikettdienst. Denn was in dieser Halle an die Oberfläche kommt, kann plötzlich zu brennen beginnen. Zum Beispiel Ammoniumdichromat, Magnesiumspäne, Aluminium- oder Phosporabfälle, Kaliumpermanganat, Schwefel. All diese Stoffe sind leicht- oder selbstentzündlich, brandbeschleunigend, explosionsgefährlich – und reagieren zum Teil auf Wasser oder Schaum aggressiv.

Alarm um Mitternacht

Pikett heisst: Wenn das Firmenhandy läutet, muss der Maschinist in fünf bis zehn Minuten in der Leitstelle sein und dort dem Feuerwehrkommandanten zur Verfügung stehen.

Wenn, was gewöhnlich der Fall ist, niemand weiss, was brennt, gibt es nur eine sichere Methode, das Feuer zu löschen: ihm den Sauerstoff zu entziehen. Martin kam noch nie in diese Situation, aber sein Unia-Kollege, der Traxfahrer Gerald Petschnigg, schon zweimal: mitten in der Nacht hinüber zur Leitstelle, mit dem Trax rein in die Schleuse, rein in die dunkle, rauchgefüllte Halle. Sichtweite höchstens vier Meter, fahren «mit dem Arsch», jede erfühlte Bodenwelle eine Orientierungshilfe. Ist der Brandherd erreicht: zuschütten, das Feuer ersticken und hoffen, dass nichts explodiert. Feuerwehr und Polizei stehen hinter den Notausgängen der Halle für alle Fälle bereit. – Der Pikettdienst wird mit 50 Franken pro Wochentag, mit 80 Franken am Wochenende entschädigt. Die Einsätze werden gemäss Gesamtarbeitsvertrag als Arbeitszeit verrechnet; Gefahrenzulagen sind keine vorgesehen. Martin, der im Kanton Zürich wohnt, sitzt seine Pikettwochen jeweils in einer Firmenwohnung in Kölliken ab.

In der Nacht auf den 26. Juni 2008 entzündeten sich in der Halle Magnesiumsspäne. Die über acht Meter hohen Flammen beschädigten die Dachfolie. Der Zwischenfall machte Reparaturen und ein neues Sicherungskonzept nötig und führte zu einem Arbeitsunterbruch von mehr als einem halben Jahr. «Man hat zu unserem Schutz wirklich vieles verbessert», sagt Martin. Die Oberfläche des ganzen «Deponiekörpers» wird seither mit Wärmebildkameras überwacht, die Baggerunterseite ist nun mit Metallplatten gesichert, die Kabinenscheibe mit Eisenstäben.

Seit dem 19. Januar läuft der Betrieb wieder normal. An guten Tagen werden 500 Tonnen Sondermüll verschickt. Die «Rückbauphase 1», die seit dem 25. September 2008 abgeschlossen sein sollte, hofft man im August beenden zu können. «Damit wird dann gut ein Fünftel der Deponie rückgebaut sein», sagt Martin. Danach folgt die Phase 2: die restlichen vier Fünftel.

 

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Berlin, Mallorca, Kölliken

Seine Lehre hat Harald Martin (* 1950) in Schwerte bei Dortmund als Spitzendreher gemacht. 1967 geht er nach Berlin, ab 1969 Ausbildung zum Baumaschinenführer bei der Siemens Bauunion. Heirat, Familie und Vater von vier heute erwachsenen Töchtern. Arbeit vor allem im Tiefbau. Er habe – im 1945 umkämpften und bombardierten Berlin – «mehr als einmal eine Bombe in der Baggerschaufel gehabt». Er erinnert sich an Kollegen, die weniger Glück hatten als er und bei Explosionen ums Leben kamen.

Später arbeitet er als Baggerfahrer auf der Insel Mallorca. 2002 kommt er wegen seiner Freundin in die Schweiz. Zuerst Temporärjobs, dann drei Jahre bei der Dieziger AG, St. Gallen; 2005 Wechsel zur Eberhard AG, Kloten (ZH), für die er im Winter 2007/08 bei der Sanierung einer Sondermülldeponie in Biasca (TI) mitarbeitet.

Harald Martin ist Unia-Mitglied, seinen Lohn bezeichnet er als branchenüblich. Er wohnt in Brüttisellen (ZH), seine grosse Liebe ist Spanien.