«Bedrückende Situation»

saemann: Herr Brenner, es heisst, die Zahl der psychiatrischen Patienten und Patientinnen habe in den letzten Jahren stark zugenommen. Stimmt das?

Hans Dieter Brenner: Ja, das ist sicherlich so.

Werden wir immer kränker?

Über die Gründe muss man differenziert sprechen. Es gibt einige Krankheiten, die absolut gesehen zugenommen haben – zum Beispiel Essstörungen –, und solche, die entsprechend der demographischen Entwicklung zugenommen haben, weil sich bei ihnen Erkrankungsgipfel in verschiedenen Lebensaltern zeigen – es gibt deshalb zurzeit Zunahmen – zum Beispiel depressive Erkrankungen um die Lebensmitte und im Alter – und Abnahmen – zum Beispiel Neuerkrankungen an Schizophrenie während beziehungsweise nach der Adoleszenz. Weitere Gründe sind die gesellschaftliche Vereinzelung, die Ausgrenzung, die sehr rasch einsetzt, wenn man einmal psychisch krank gewesen ist. Es wird auch immer schwieriger, nach einer psychischen Erkrankung wieder ein tragfähiges soziales Netz aufzubauen – womit das Wiedererkrankungsrisiko grösser wird. Am Arbeitsplatz gibt es mehr Verunsicherungen, ständige Wechsel und eine Zunahme der Anforderungen, die tragende Funktion der Familie ist brüchiger geworden, und manche früher in Krisenzeiten Halt gebende Wertorientierungen sind in einer postmodernen Beliebigkeit verloren gegangen. Dadurch hat auch die Zahl psychosozial bedingter Störungen zugenommen.

Auf der einen Seite mehr Erkrankende, auf der anderen offenbar eine Krise der institutionellen Psychiatrie. In Bezug auf die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern ist die Rede von Defiziten, von der Schliessung von Abteilungen und von Personalabbau. Droht hier ein psychiatrischer Versorgungsnotstand?

Ich bin der Meinung, dass wir bisher im institutionellen psychiatrischen Bereich ein einigermassen ausreichendes Angebot hatten. Die psychiatriepolitische Frage ist im Moment, wie viele Ressourcen die Gesellschaft bereit ist, dafür den psychiatrischen Institutionen zur Verfügung zu stellen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass nach Meinung der Verantwortlichen ein Limit erreicht beziehungsweise – auch mit Blick auf die finanzielle Situation des Kantons – bereits überschritten ist. Von daher scheint der Abbau, den wir jetzt machen müssen, unvermeidbar. Man muss sich aber auch überlegen, was dieser Abbau bedeutet für Menschen, die ohnehin schon benachteiligt sind und keine Lobby haben. In einem gesamtpolitischen Zusammenhang gilt vermutlich: Bei solchen Menschen kann man am besten sparen, da verliert man am wenigsten Wähler.

Einen Notstand gibt es also nicht?

Bisher nicht. Ich bin aber der Meinung, dass die Abbaubeschlüsse, die wir getroffen haben, zu Qualitätseinbussen und Versorgungslücken führen werden. Eine solche Einbusse ist schon in den letzten Jahren festzustellen gewesen wegen der zunehmenden Zahl der Patienten und Patientinnen bei nicht in gleicher Weise steigenden personellen und finanziellen Ressourcen. Heute müssen wir sagen: Im Prinzip können wir auf nichts mehr guten Gewissens verzichten. Wir haben den Abbauentscheid unter der Frage treffen müssen: Wie halten wir den Schaden möglichst gering? Mit Aussagen wie jener, man könne sparen und erst noch eine bessere Psychiatrie machen, wurde dies in den Medien verharmlost.

Ich denke, dass der Kanton Bern, der früher in Bezug auf die Modernität seines psychiatrischen Versorgungssystems auch international eine vielbeachtete Position einnahm, sich heute etwa im Mittelfeld bewegt. Für jemanden, der die frühere Situation gekannt hat und weiss, wie sich die Psychiatrieversorgung international weiterentwickelt hat – für jemanden, der heute den Stillstand nicht nur im Kanton Bern, sondern in der ganzen Schweiz sieht, ist die Situation schon bedrückend.

Natürlich ist es so, dass das Direktorium der Universitären Psychiatrischen Dienste, zu denen die «Waldau» gehört, den Auftrag der Budgeteinhaltung auszuführen hat, andererseits muss es aber als Anwalt der Kranken und der Mitarbeitenden auch deutlich machen, dass damit eine Verschlechterung der Versorgung einher geht.

Was läuft denn heute verkehrt?

Das Hauptproblem heute sehe ich darin, dass es in vielen Gebieten der Schweiz an psychiatriepolitischen Zielvorgaben mangelt. Wie soll unsere psychiatrische Versorgung in fünf oder in zehn Jahren aussehen? Wie weit soll die Verlagerung in den ambulanten Bereich gehen? Dazu kommt, dass in der Schweiz bisher ein völlig unflexibles Tarifsystem jede Weiterentwicklung in Richtung einer modernen Psychiatrieversorgung verhindert hat.

Inwiefern?

Für eine moderne Psychiatrieversorgung ist heute beispielsweise die starre Trennung zwischen stationär, halbstationär und ambulant kaum mehr vertretbar, wie sie das geltende Tarifsystem mit der finanziellen Bevorzugung der klinischen Behandlung sozusagen festschreibt. Es gibt heute bereits an vielen Orten erprobte Modelle, in denen Patienten und Patientinnen zunächst einer stationären Behandlung zugewiesen, danach aber durch dasselbe Behandlungsteam je nach wechselndem Bedarf sehr schnell tagesklinisch oder zu Hause ohne finanzielle Einbusse weiterbehandelt werden können. Das ermöglicht Behandlungsformen, die patientengerechter sind. Es ist ein riesiger Unterschied, ob Sie einen Akutkranken in der Klinik sehen oder zu ihm nach Hause gehen und dort über das Vorgehen entscheiden. Dort begegnen Sie ihm psychologisch gesprochen auf seinem Territorium, Sie sehen die Angehörigen, Sie sehen, welche Ressourcen vorhanden sind.

Was uns in der Schweiz heute fehlt ist, dass wir viel zu wenig Behandlungsangebote haben, die im Sinn einer gemeindeintegrierten Akutversorgung flexibel kombinierbar und bedarfsorientiert das anbieten, was der Patient oder die Patientin jeweils wirklich braucht, und dies möglichst im natürlichen Lebensumfeld. Ein solches Modell ist gegenüber vollstationärer Akutbehandlung nicht nur wirksamer, sondern auch kosteneffizienter.

Diese gemeindeorientierte Akutversorgung ist eine schöne Utopie.

Nein, eine solche Versorgung gibt es heute bereits, zum Beispiel in mehreren deutschen Bundesländern, in den Niederlanden, in England oder auch in Skandinavien. Und auch hier in Bern versuchen wir Schritte in diese Richtung zu machen. Die Verlegung der Aufnahmestation F aus dem «Waldau»-Areal in das Stadtzentrum von Bern, die für nächstes Jahr geplant ist, ist zum Beispiel ein solcher Schritt.

Dieser Beitrag erschien gekürzt als Kasten im Rahmen einer «24-Stunden-Reportage aus der Waldau», die von insgesamt zehn JournalistInnen verfasst worden ist und  vier ganze Zeitungsseiten umfasst.