Palaver über Poetisches

 

I

 

Heute wie zu Heines Zeit

gibt es Liebe, die verraucht

in die Trauer ohne Streit.

Nur die Reime sind verbraucht.

 

Heute wie zu andrer Zeit

ist die Welt in Leid getaucht

und erhofft Gerechtigkeit.

Doch die Reime sind verbraucht.

 

Heut sind Verse überwunden

und die Wörter weltbefreit:

reden gänzlich ungebunden

und zu jedem Sinn bereit.

 

(27./28. 7. 2009)

 

II

 

Was, fragst du, das Reimen solle,

Reime seien doch beschränkt.

Wer in Versen reden wolle,

rede meist doch nur verrenkt.

 

Auch wenn’s nicht so holprig wäre,

wär’s veraltet doch im Kern:

Nur das jeweils Sprachprekäre

nenne man zu Recht modern.

 

Ach, mein Freund, modern ist alles,

nur nicht Verse: Die sind mies

oder eben andernfalles

gut gemacht. Und überdies,

 

und vor allem, sagen gute

Nötiges zur rechten Zeit.

Dieses ist, wie ich vermute,

wichtiger als dieser Streit.

 

(27./28. 7. 2009)

 

III

 

Wer’s nötig hat, etwas zu sagen,

ist nichts als ein läppischer Tropf.

Denn Meinung schlägt schnell auf den Magen,

ermüdet das Herz und den Kopf.

 

Drum hüte dich, Dichter, beim Dichten

zu meinen: Nichts schadet dir mehr.

Du sollst weder fordern noch richten:

Das Schöne sei nutzlos und leer.

 

(16.9.2009)

 

IV

 

Dein Ton sei leicht,

die Form geeicht,

die Rede seicht,

das reicht.

 

(16.9.2009)

 

V

 

Zur Erleichterung der Rezeption

beton den Rhythmus und den leichten Ton.

Und um ihn möglichst wenig zu beschweren,

verbleibe stets im dunklen Ungefähren,

das, fragmentiert und neumontiert, so gut

wie klar Gesagtes seine Wirkung tut.

Vor allem aber gib dich intressant

und zeige dich, denn nichts macht dich bekannt

als nur dein Aussehn. Drum sei jung und schön.

Wer will schon lesen, gibt es was zu sehn?

 

(10.+ 1.11.2009)

 

VI

 

Wenn die Sprache Wahrheit wär,

wär dies wirklich von Belang:

Reime reimen arbiträr,

leer wie jeder Zwang.

 

Doch die Sprache ist nicht wahr:

Sprache schleift im Hals aus Ton

fahles Herrschaftsinventar

rund zu Konvention.

 

Und an ihren Rändern haust

Poesie kollateral:

Öffnet wer zur Hand die Faust,

wirkt sie manchmal sozial.

 

(Nov., 31.12.2009, 9.1.2010)

 

VII

 

Die Wörter sind an Schattierungen reich,

und doch sagen viele das Andere gleich.

Besser, man übt sich, statt drüber zu klagen,

darin, das Gleiche anders zu sagen.

 

(9./10.1.2010)