Vorkaufsrecht für die Büezer von Deisswil

 

Flach vierstöckig hingeklotzt qualmt die Kartonfabrik Deisswil unten im Worblental unter dem Bantiger in den dunstigen Wintermorgen, auch an diesem Samstag. Zur Zeit wird hier wieder «Durchlauf» gearbeitet, sieben Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag. Und die Maschinen werden auch nicht abgestellt, wenn die Sektion Deisswil der Gewerkschaft Textil Chemie Papier ihre Hauptversammlung durchführt. Drum führt sie sie am 15. Februar 1986 gleich zweimal durch, am Morgen und am Abend. So können’s auch die Schichtarbeiter richten und in die Fabrikkantine kommen, wo nun, vormittags um halb zehn, neben dem Sektionsvorstand der GTCP-Branchensekretär Fritz Gfeller zum ersten Mal an diesem Tag an den zusammengeschobenen Tischen Platz genommen hat und der Sektionspräsident Ruedi Bachmann die Gewerkschaftskollegen und -kolleginnen aus dem Betrieb begrüsst.

Bald jedes Jahr überschattet Politik die Hauptversammlung. Gerade zwei Jahre ist es her, da ist es einem Fabrikherren, Heinz Winzenried, gelungen, den ganzen Vorstand der GTCP-Sektion zu überreden, seine Gewerkschaft zu vergessen und einen völlig harmlosen, winzenriedhörigen «Hausverband» zu gründen. Irgendwie so hat die Familie Winzenried die Kartonfabrik mit heute noch 120 Angestellten – 1980 waren es noch 540 – immer regiert, mit Zuckerbrot und Peitsche, wie man sagt. Für das «Alterswohnheim Steingrüebli der Kartonfabrik Deisswil AG» drüben in Ostermundigen zum Beispiel haben die Winzenrieds die Hälfte bezahlt, die andere Hälfte die Arbeiter und Arbeiterinnen mit zwei Lohnprozenten. Nun hängt eine goldigglänzende Tafel im Eingang des Neubaus: «Ein Werk echter Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber, Mai 1983». Für ihre Leute haben die Fabrikherren im Lauf der Jahrzehnte ganze Siedlungen gebaut, in Ostermundigen, in Bolligen und talaufwärts in Stettlen und Vechigen. Drin wohnt heute noch ein Drittel der Deisswiler Arbeiterschaft, zu hochanständigen Mieten, muss man sagen, 3 1/2 Zimmer ab 250 Franken ohne Nebenkosten. Wer «auswärts» wohnt, erhält zum Lohn eine «Mietzinsentschädigung», früher 125 Franken, zur Zeit noch 80. Aber nicht mehr lange: «Es scheint uns», heisst es in der neusten Ausgabe der Fabrikzeitung, den «Deisswiler Nachrichten», «die langfristige Sicherstellung unserer Arbeitsplätze durch die Modernisierung der Produktionsanlagen habe in der heutigen Zeit die Priorität vor einer allerdings sozial willkommenen und seit Jahren bewährten Subvention der Mieten für Mitarbeiterwohnungen.»

Vor zwei Jahren hat Heinz Winzenried den damaligen GTCP-Präsidenten Ernst Sommer umgedreht und dazu gebracht, der «Berner Zeitung» zu sagen: «Bei uns im Betrieb geht es nicht um Politik.» Vorher hat der Winzenried den Sommer zum Arbeiter-Verwaltungsrat in der Kartonfabrik Niedergösgen AG gemacht, die zur CelCarta Holding AG gehört, deren Verwaltungsratspräsident Winzenried ist. Korrumpiert hat er ihn, wie er die Arbeiter in Niedergösgen mit der «vertraglichen Erfolgsprämie» korrumpiert hat, die er gegen den Widerstand der Gewerkschaft einführte. «Die hat den Arbeitern befohlen», hat er später erzählt, «lehnt das ab, der Winzenried macht euch noch zu Kapitalisten. Das war das schönste Kompliment, das ich in meinem Leben bekommen habe.» Irgendwie so hat er’s mit dem Sommer gemacht, und dann hat er gesagt: «Ich habe Vertrauen in die neue Hausgewerkschaft. Sie wird mein Partner für den neuen Vertrag sein.» 

Aber die GTCP-Sektion Deisswil hat er nicht kaputtmachen können. Damals hat man hier Ruedi Bachmann zum Sektionspräsidenten gemacht. Und der hat die Sektion gegen den Hausverband geführt, wie er jetzt die Hauptversammlung leitet: pflichtbewusst, speditiv und engagiert. Für den Jahresbericht der Betriebskommission gibt er nun seinem jungen Kollegen, dem BK-Präsidenten Manfred Bachmann, das Wort. Entsprechend den Mitgliederzahlen von Gewerkschaft und Hausverband, berichtet dieser, sei auch das Stärkeverhältnis in der BK, nämlich 7:4. Alle Chargen, Präsident, Vize, Kassier und Sekretär seien von eigenen Leuten besetzt. Das Klima in der BK sei trotz der Spaltung gut. Glaub’s wohl, wenn der Hausverband kaum mehr Lebenszeichen macht. Die einzige Aktivität der Hausverbändler in letzter Zeit sei die «Kinderbescherung» gewesen. Da hätten sie der GTCP-Sektion geholfen, die Winzenriedsche Weihnachtsgabe von 10000 Franken in Form von Geschenken an die Fabrigglerkinder zu verteilen. Aber sonst ist der Hausverband auf dem Abstellgeleise. Denn im letzten November ist sein Initiator, der Heinz Winzenried, plötzlich aus dem Betrieb ausgestiegen. Er und sein Bruder Erich, der jetzt der Fabrikherr ist in Deisswil, haben nämlich ihren gemeinsamen Besitz auseinandergeknübelt. Erich hat die Fabrik genommen samt Boden und Häusern und der Heinz den Rest, die Incepa Holding AG, die die CelCarta und die Kade Holding kontrolliert; die Beteiligung an der Papirec SA in Genf, die Chemische Fabrik Aarberg AG und was weiss ich. Kurz und gut, die Kartonfabrik Deisswil ist nun wieder aus allen Verbindungen gelöst, ein «selbständiges Familienunternehmen», für das die drei Familien Harnisch, Hoffmann und Erich Winzenried «als einzige Aktionäre die Verantwortung übernommen» haben, wie die «Deisswiler Nachrichten» berichten.

Und Erich Winzenried hat dann sofort in die Hände gespuckt und aufgelistet, was nötig sei, um die Jahresproduktion von 100000 auf 150000 Tonnen Karton hinaufzuschrauben: «Umbau Nasspartie KM 5 und 6, Prozessleitsystem, Ausbau Querschneider und Trockenpartie» und so weiter. Das kostet eben 50 Millionen Franken, und den grösseren Teil des Geldes macht er flüssig, indem er seine Reserven in Form von Boden und Häusern realisiert, wie man sagt, indem er also an die 50 Fabrigglerhäuser, insgesamt 156 Wohnungen, verkauft. Den Arbeitern, die jetzt in diesen Häusern wohnen, hat er das Vorkaufsrecht offeriert. Aber Preise hat der Fabrikherr noch keine genannt. Und darum ist auch diese Hauptversammlung wieder von Politik überschattet, irgendwie.

Am Nachmittag, zwischen den beiden Hauptversammlungen, geht’s zur Besichtigung von Deisswiler-Häusern ins «Steingrüebli»-Quartier nach Ostermundigen. Auch Rudolf Wynistorf, der Berner Vizedirektor der Genossenschaftlichen Zentralbank – am Morgen als «einer von uns» vorgestellt und dann skeptisch gemustert – ist dabei. Natürlich sollten sich die Arbeiter das Vorkaufsrecht im Grundbuch festschreiben lassen, das koste nichts und verpflichte zu nichts, sagt er. Aber sonst – es werde den wenigsten gelingen, eine Liegenschaft zu erwerben, weil’s viel zu teuer komme. Er zeigt zu einem frischrenovierten Zweifamilienhaus hinüber: «Das dort zum Beispiel, das geht heute für acht bis neunhunderttausend, und wenn wir ein Eigenkapital von zweihunderttausend annehmen –.» Er rechnet überschlagsmässig und nennt dann horrende Mieten. Und woher soll ein Büezer zweihunderttausend Flüssiges nehmen? Und die Ausländer in den Häusern: Warum sollte, sagen wir, ein Türke ein Haus kaufen wollen hinten in Boll-Sinneringen, Gemeinde Vechigen? Und die Pensionierten? Wie lange muss man die AHV sparen, bis es für ein Einfamilienhüsli längt? Winzenried hat angekündigt, er wolle zwar nicht zu Höchst- aber doch zu Marktpreisen verkaufen. Seit wann können Büezer von heute auf morgen in der Agglomeration Bern Häuser zu Marktpreisen posten?

Am Abend kommen auch die frischpensionierten Gewerkschafter – Jahrgang 1920 – in die Kantine der Kartonfabrik, zum Teil in Begleitung ihrer Frauen. Acht grosse Fruchtkörbe stehen zu ihrer Ehrung bereit. In die Kantine gekommen ist jetzt auch der Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Beat Kappeler. Zwischen Traktandum 3 «Mitteilungen» und Traktandum 4 «Jahresbericht» holt er zu einem Kurzreferat aus über «Die Häusertransaktionen der Kartonfabrik Deisswil – Investitionspolitik eines Unternehmens – worauf gilt es zu achten?» Kappeler beschäftigt sich nicht damit, ob und wie die Büezer Häuser kaufen sollen, er geht davon aus, dass Winzenried 25 bis 30 Millionen aus seinem Häuserverkauf lösen wird und gibt der Sektion Deisswil vier Fragen mit auf den Weg: Erstens frage sich, wie Winzenried die restlichen 20 bis 25 Millionen für die geplanten Investitionen finanziere. Zweitens wäre es interessant zu wissen, ob wirklich das ganze Häusergeld in den Betrieb zurückfliesse oder ob es von Winzenried plötzlich teilweise anderweitig investiert werde. Drittens müsse man nach dem Einfluss der Investitionen auf Arbeitsplätze und Arbeitsqualität fragen. Und viertens sei die ganze Geschäftspolitik des Unternehmens im Auge zu behalten, ob weiterhin die Karton-Monokultur gepflegt oder ob diversifiziert werde. – Einiges beantwortet Fabrikdirektor Winzenried dann am Montag am Telefon: Der Ausbau seines Betriebs verlaufe nach einem Fünfjahresprogramm. Den grösseren Teil – «30 Millionen auf jeden Fall» – gedenke er aus Häusern und Boden zu lösen. Ein weiterer Teil in der Grössenordnung von 10 Millionen müsse in der Fabrik selber als Überschuss erarbeitet werden. Der Rest werde fremdfinanziert, also bei den Banken geholt. Im übrigen laufe die ganze Sanierungsaktion unter dem Motto: «Erhaltung der Arbeitsplätze durch Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit». Es gebe «sicher keinen Abbau» von Arbeitsplätzen, denn ob eine Maschine 100 oder 150 Tonnen Ausstoss habe, sie brauche eine feste Bedienungsmannschaft.

Gegen Schluss der abendlichen Hauptversammlung hat der Branchensekretär Fritz Gfeller das Wort ergriffen: «Ich möchte noch einmal empfehlen, dass die Betroffenen versuchen, beim Häuserkauf genossenschaftliche Lösungen zu suchen. Es ist leider so, dass bei solchen Sachen die Solidarität unter den Betroffenen nicht funktioniert und jeder das Gefühl hat, allein stehe er besser da. Aber mich dünkt, man könnte aus der Geschichte der Arbeiterbewegung mindestens lernen, dass das eben nicht so ist.» Merkwürdig, den ganzen Tag hat keiner der Betroffenen das Wort ergriffen: Keiner ist zur Angst gestanden, dass er sich an seinem Haus überlüpfen könnte; keiner zu seinen Sorgen, weil die Miete sich in absehbarer Zeit so oder so verdoppeln oder gar verdreifachen wird; keiner hat davon geredet, dass das Haus, wenn er’s nicht zu kaufen versucht, an den Meistbietenden geht und er dann vermutlich vom Käufer hinausgeworfen wird. Alle haben sie geschwiegen und geschaut, sie haben den Vorstand einstimmig wiedergewählt, und dem Kassier haben sie einstimmig Decharge erteilt.

Beim Abendessen erzählt Gfeller, ein Arbeiter habe ihm gesagt, er könne das Zweifamilienhaus zwar kaufen, aber dann müsse er den Kollegen in der Nachbarwohnung hinauswerfen, weil der nicht soviel Miete bezahlen könne. Man müsse sich auch einmal fragen, fährt er fort, wie es zu dieser Situation gekommen sei, dass Winzenried Häuser verkaufe, um die Fabrik zu sanieren. Bis in die fünfziger Jahre sei der Gewinn der Fabrik in die Häuser gegangen. Und danach? In die Fabrik jedenfalls nicht, die sei im Vergleich wirklich veraltet. Nun, viel zu spät, werde investiert, und die Büezer müssten helfen, die Investitionen zu bezahlen. Und Verena Bürcher, Redaktorin der GTCP-Gewerkschaftszeitung, sitzt auch am Tisch und sagt: «Jetzt werden die Arbeiter aus den Häusern fliegen, weil sie Winzenrieds Preise nicht bezahlen können. Dann wird investiert, modernisiert und, wer weiss, am Schluss gehen doch noch ein paar Arbeitsplätze drauf.»

Währenddem lurgt der Bruder eines Gewerkschafters Schlagermelodien aus seiner elektrischen Orgel. Es gibt Teigwaren, Geschnetzeltes und Salat. Bald machen sich die ersten Frischpensionierten mit dem Früchtekorb auf den Heimweg. Diskret rechnet der Sektions-Kassier mit dem Musikanten ab. Es geht gegen zehn. Der Wein macht die Beine schwer. Plötzlich sagt Gfeller: «Lue, dä dört mit em Huet, wo ufschteit, dä geit itz uf d’Nachtschicht.» 

Heute erinnert sich der damalige Präsident der Gewerkschaftssektion, Rudolf Bachmann: Der Deisswiler Fabrikherr Erich Winzenried habe damals versilbert, was zu versilbern gewesen sei, Häuser und Boden in Ostermundigen, Deisswil, Stettlen und Sinneringen, die kleineren Häuser zu fairen Preisen an die Arbeiter; die Wohnblöcke an die Pensionskasse der Fabrik. In die Fabrik zurückgeflossen sei freilich das wenigste. Es sei zur Schuldendeckung gebraucht worden, habe es zuerst geheissen. 1991 jedoch habe Winzenried auch noch die Fabrik verkauft und sich als Privatier in das Tessin zurückgezogen. Neuer Besitzer sei der österreichische Konzern Mayr-Melnhof, der Kartonfabriken in Österreich, Deutschland, Holland und England betreibe. Seither wehe in Deisswil ein anderer Wind. Von den ehemals sechs seien noch drei Maschinen in Betrieb, diese produzierten jedoch gleichviel wie früher die sechs und erst noch bessere Qualität. Der Cash flow der Fabrik habe sich verdreifacht, die Zahl der Festangestellten um 100 reduziert. (9.1.1995) [im Frühjahr 2010 hat der Mayr-Melnhof-Konzern die Papierfabrik Deisswil geschlossen; 255 Angestellte haben ihre Arbeit verloren, vgl. «Bund», 8.4.2010.]

Nachgedruckt in: Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden, Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, 129-134 Dokumentiert wird die Buch-Version. Die Reportage in der WoZ trug den Titel: «Wenn der Kapitalist seine Reserven flüssig macht».)