Tamil statt Pouletschenkel

Mein Singlehrer am Lehrer- und Lehrerinnenseminar Langenthal begründete 1971 während einer Singstunde seine Nationalratskandidatur auf der Liste der Republikaner wie folgt: Erstens sei er natürlich nicht gegen die Italiener, zweitens sei jedoch der Geist jedes Menschen dort verwurzelt, wo sich selbiger inkarniert habe, deshalb sollten drittens die Sizilianer gefälligst dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen seien.

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Bahnhof Langenthal: Die nächste Bahnstation Richtung Olten heisst Roggwil-Wynau. Aus Wynau stammt der mittlerweile prominenteste Vertreter einer rassistischen Partei, Markus Ruf, der in Langenthal Mitte der siebziger Jahre das Gymnasium besucht und sich dadurch zur Legende gemacht hat, dass er an einem Turntag mit zum Hitlergruss erhobener Rechten eine Ehrenrunde gedreht habe; heute ist er Nationalrat der Nationalen Aktion (NA). Aus Roggwil aber kommen zur Zeit die Tamilen und Tamilinnen, denn dort steht das Flüchtlingszentrum Grunholz des Schweizerischen Roten Kreuzes.

Die Wände der Bahnhofunterführung sind von keinen fremdenfeindlichen Spraysprüchen bedeckt. Die NA-Wahlplakate hängen nicht dichter als anderswo. Oben auf dem Bahnhofplatz kurven propere Autos der oberen Mittelklasse. Jetzt, am Samstagmorgen, gibt es hier weder Töfflilärm noch rosarote Kämme, keine «Bomber» und «Doc's», keine mit Badges behängten Lederjacken.

Dort, wo die Bahnhofstrasse auf den Bahnhofplatz mündet, steht das Restaurant «Bahnhof». Das hiess früher «Chez Fritz». Im «Chez Fritz» trafen sich vor dem Zweiten Weltkrieg die oberaargauischen Nationalsozialisten, um sich auf den Anschluss ans tausendjährige Reich vorzubereiten. Noch heute begrüssen sich am Stammtisch bestandene Männer in nostalgischen Augenblicken mit einem kameradschaftlichen «Heil». Vis à vis vom Restaurant «Bahnhof» steht ein trutziger Steinbau. Das ist der Polizeiposten.

Vereinzelt strömen Leute aus der Umgebung mit Einkaufstaschen aus der Bahnhofunterführung und gehen dorfeinwärts, ins regionale Einkaufszentrum, wo sich in der Marktgasse Geschäft an Geschäft reiht, wo auf engem Raum Nordmann, Migros und Coop grosse Einkaufszentren betreiben: jenes vom Coop heisst «Tell».

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Anzündereien, Anpöbeleien, Rempeleien: Daran haben sich die Farbigen in Langenthal schon fast gewöhnt. In letzter Zeit aber werden auf sie regelrechte Verfolgungsjagden veranstaltet. Dem Tamilen S. wurde mit einer zerbrochenen Bierflasche eine Sehne an der Hand zerschnitten; U. entkam den Schlägern am Bahnhofplatz nur, indem er sich in einen Zug flüchtete; im benachbarten Lotzwil wurde ein Haus, in dem eine tamilische Familie wohnt, in den letzten Wochen insgesamt dreimal überfallen; die Fensterscheiben wurden eingeworfen, ein Velo vor dem Haus beschädigt. Das Flüchtlingszentrum in Roggwil erhielt – seit diese Geschichten durch Presse und Fernsehen publik gemacht worden sind – wieder vermehrt anonyme Drohtelefone.

Im «James», der spanischen Weinhalle im Dorfzentrum, versucht mir an diesem Samstagvormittag der freie Journalist und Szenenkenner Guido Rudolphi Langenthals jugendliche Subkultur zu erklären. Hier gebe es «Punks» und «Kiffer»; «Italos», «Heavys», «Fixer», «NA-Schläger» und «Weavers». Im Umfeld der Gewerbeschule gebe es die «Teddys», die vor allem aus Burgdorf kommen (die haben vor einiger Zeit einen Schulkollegen zusammengeschlagen, weil er ein «Kiffer», also tendenziell ein «Linker» sei). Dazu kommen die «Skinheads», die ihre grosse Nacht am 17. Mai 1986 hatten: Verstärkt von einer grossen Aargauer Delegation von Skins unter Führung des Schlägers Thomas Richter, genannt «Hamster», aus Birr haben sie damals in Langenthal mehrere Passanten zusammengeschlagen, das Jugendhaus gestürmt und ein privates Getränkelager geplündert. Die zurückgelassenen Wandaufschriften meldeten: «Wir sind wieder da! Heil dir Helvetia, NFF» für «Neue nationale Front» und: «Badener Skins»; dazu Hakenkreuze.

Diese Jugendgruppen umfassen je ungefähr zwanzig Personen, bestehen mehrheitlich ausschliesslich aus Männern im Alter von 16 bis 20 Jahren. Identifikation stellen sie über ideologische Versatzstücke, Uniformierung und ausgrenzenden Gruppengeist her. Seit der grossen Razzia im «Pub» vor zwei Jahren, bei der 50 Polizisten etwa 100 Leute überprüften, verfügt diese vielfach verflochtene, vielfach zerstrittene Szene über keinen Treffpunkt mehr. Zwar darbt da noch ein Jugendhaus, doch das soll nächstens abgerissen werden. Ersatz ist nicht in Sicht. Die Szene hat sich auf die Gasse verlagert.

Für die Angriffe auf die Tamilen – das weiss man in der Szene – seien die «Heavys» verantwortlich, bierselige Jugendliche aus dem Büezer- und Mittelstandsmilieu. Sie tragen Lederjacken, darüber Jeansgilets. Sie kommen aus Langenthal, Madiswil und Lotzwil.

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Regiert wird Langenthal von einem Klüngel von SVP-, FDP- und SP- Politikern und Politikerinnen. Beherrscht jedoch wird das Dorf von einem diskreten Geld- und Bildungsbürgertum, das in Villen im Grünen, in Logen und Clubs sich in Christi und Goethes Namen an allem Schönen, Edlen und Guten ergötzt und seine Fäden zieht über die ganze Region zum besten des Pöbels. Bezüglich des kulturellen Austausches unterhält dieses lichte Geschlecht zur profanen Unterwelt eine Beziehung der rigiden Ignoranz. Allerdings hat sie es in den letzten Jahren für gut befunden, den ehemals vom zersetzenden Geist kritischen Denkens unterwühlten Kulturtreffpunkt «Chrämerhus» vermehrt unter seine huldvollen Fittiche zu nehmen.

Die Szene der Jugendlichen dieser gehobenen Herkunft, die durch die Mittelschulanlage am Dorfrand geschleust wird, nennt Rudolphi die «Blinden». Auf meinen fragenden Blick führt er aus: «Die sitzen in der ‘Traube’ und verengen sich ihren schmalen Gymnasiastenhorizont zusätzlich mit Jasskarten. Die tun jahraus, jahrein nichts anderes als jassen.» Engagiert sich doch einmal einer politisch, so tut er's wie Peter Schär, der die «American Swiss Partnership Organization» gegründet und auch schon damit geprahlt hat, dass sein paramilitärischer Club von der amerikanischen Botschaft und vom grössten Industriebetrieb am Ort, der Maschinenfabrik Ammann, unterstützt werde.

Offenen Rassismus haben noble Kreise nicht nötig. Es gilt zwischenhinein als chic, die eine oder andere Frucht der eigenen Privilegien mit einem armen, dummen Negerlein zu teilen. Ansonsten ist hier, was wie Rassismus tönte, fein gedrechselte Kunst, zum Beispiel als Schnitzelbank an der weitherum berühmten Langenthalter Fasnacht. «D Meiere vo Langetau frogt d Müllere z'Lotzwil: / 'Näht Dir hür zur Wiehnacht öppe ou so ne Tamil'? / 'Ig weiss nid rächt' – seit d Müllere – do frog i zersch mit Maa, / bis jetz hei mir ar Wiehnacht immer Pouletschänku gha!'» (Fasnacht 1986)

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Wird Rassismus in Langenthal gewalttätig, so ereignet er sich als schicksalshaftes Aufbrechen des Unerklärlichen. Plötzlich stürzt sich ein gutbürgerlicher, jüngerer Herr auf die zwei Volksmoudjahedins, die sich nach Langenthal verirrt haben, um Propagandamaterial zu verteilen und Geld für ihre Sache zu sammeln, packt den einen an der Gurgel, schüttelt ihn und schreit, man sehe ja, was geschehe, seit der Schah gestürzt worden sei.

Als 1985 eine Geschäftsinhaberin ihre Verheiratung mit einem Schwarzen bekanntgibt, wird sie auf dem Standesamt von einem Beamten gefragt, ob sie keinen Schweizer gefunden habe; ihrem Mann wird bedeutet, einen Schwarzen wolle man hier nicht. In der folgenden Zeit trägt das Schaufenster ihres Ladens verschiedene Male die Aufschrift «NEGERHURE»; sie verliert den Grossteil ihrer Kundschaft; nach kurzer Zeit ist sie gezwungen, den Laden zu schliessen. Depressionen machen ihr in dieser Zeit zu schaffen. Drei Monate nach der Hochzeit wird ihr die Wohnung gekündigt. Offizieller Grund: sie sei Raucherin; inoffizieller: man sei keine Negerherberge. Heute hat ihr Mann gute Arbeit und guten Lohn bei der Lotzwiler Firma Metzger AG; Hartmetallwerkzeuge. Dort arbeiten auch drei Tamilen. Einer kam letzte Woche einige Tage lang nicht zur Arbeit. Er ist in Lotzwil auf offener Strasse zusammengeschlagen worden.

Wenn militanter Rassismus verhindert werden müsste, dann fehlt die Langenthaler Polizei. Während des Skinhead-Saubannerzugs 1986, während dem unter anderem auch der schwarze Ehemann der erwähnten Geschäftsinhaberin zusammengeschlagen wurde, erschien sie trotz rechtzeitigem Alarm aus dem Jugendhaus um Stunden verspätet. Gegenüber der «Berner Zeitung» hielt damals ein Kantonspolizist fest: «Im Journal steht, dass nichts besonderes vorgefallen ist.» In der Szene gilt: Der Schmier sagen wir nichts. Und auch die misshandelten Tamilen wollen mit der Polizei nichts zu tun haben. Gegenüber der «Berner Zeitung» klagte man auf dem Polizeiposten: «Die Tamilen trauen uns nicht. Die meinen aufgrund ihrer Erfahrungen in Sri Lanka offenbar, Polizei sei von vornherein etwas Böses.» Rudolphi vermutet, dass das verlogen sei. «Die Tamilen wissen aufgrund von Erfahrungen in Langenthal, dass die Schmier hier etwas Böses ist.» Gegenüber der WoZ hält Wachtchef Willi Nydegger fest, dass die Polizei über die hier dargestellten Vorfälle nichts wisse. «Wir bekommen keine Anzeigen.»

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Ein vergleichsweise harmloses Ereignis liess den Gewerbeschullehrer Heini Abt aufklärend aktiv werden. Während einer Turnstunde beim Speerwerfen richtete ein Metzgerstift seinen Speer plötzlich auf eine eben neben dem Sportplatz vorbeigehende Gruppe von Tamilen. Die Mit-Metzger-Stifte hätten beifällig gegrölt. Zusammen mit zwei Kollegen organisierte Abt daraufhin eine Veranstaltungsreihe zur Flüchtlingsproblematik: Ein Informationstag für die Lehrerschaft mit asylpolitischer Prominenz im Mai, eine Ausstellung zum Thema im August und Gespräche mit Asylsuchenden für jene Klassen, die solches wünschten, im September dieses Jahres. Diese Aufklärungsarbeit, resümiert Abt, habe schon etwas gebracht: «Bei jenen Schülern, die sich mit den Flüchtlingen und ihren Problemen auseinandergesetzt haben, hat sich gezeigt, dass neue Informationen auch eine andere Basis für die Diskussion ergeben können.»

Die Ausstellung war übrigens nicht nur für die Gewerbeschüler und -schülerinnen, sondern auch für das Langenthaler Publikum geöffnet. Nach Abt haben sich innert 14 Tagen alles in allem etwa fünfzig Personen in die Ausstellungsräume bemüht. In Langenthal leben 14 000 Menschen. 

(Redaktionelle Bearbeitung: 1994.)