[WOZ Nr. 34/2005, 25.8.2005]
Er sei nun neunzig Jahre alt, habe die Zeitung seit der Erstausgabe als Abonnent begleitet und Mühe, weiterhin alles zu lesen, was er lesen möchte. Mit dieser Begründung hat er Anfang Juli sein WOZ-Abo gekündigt. Jetzt steht er unter seiner Haustür in Lindau, zwei Kilometer hinter Effretikon, sieht aus wie siebzig und sagt spöttisch: «Bisch en Husierer oder bisch du de Fredi?» Dutzis gemacht haben wir schon am Telefon. Das also ist «Ralf Winkler, Lindau», früher «Ralf Winkler, Effretikon» – in den Leserbriefspalten der Deutschschweizer Presse eine Institution seit Menschengedenken.
Hausführung: Winkler geht flink treppauf und treppab voran. In seiner Schreibstube ist einfach nachzuvollziehen, dass er in den Tagen der WoZ-Gründung mindestens so aktiv gewesen ist wie Filippo Leutenegger: Auf den Büchertablaren sind nicht nur kritische Stimmen der Zeitgeschichte versammelt, von Meienberg und Frischknecht über Jean Ziegler bis zu Hans A. Pestalozzi – hier finden sich auf einer Ablage quer durch den Raum auch rund fünfzig Bundesordner mit Winklers eigenen Texten.
Schlägt man im Ordner «1981» unter dem Buchstaben «W» nach, findet man eine Kopie des WoZ-Essays «Die Schweiz ist nicht friedensfähig» des Publizisten Roman Brodmann (siehe WoZ Nr. 6 / 1981) und die im Original archivierten Leserbriefseite der folgenden Woche mit Winklers erstem Leserbrief an die WoZ. Er teilt darin Brodmanns Einschätzung und sagt in zwei Sätzen das, was die Bergier-Kommission gut fünfzehn Jahre später der Nation auf tausenden von Seiten schonend beizubringen versuchen wird: «Mir war schon immer klar: Hitler und seine Nazis müssten Vollidioten gewesen sein, wenn sie eine Waffenschmiede angegriffen und zerstört hätten, die derart gut und fleissig für die braunen Verbrecherhorden arbeitete. Aber es tönt halt besser zu sagen, wir helvetischen Sibesieche seien dank unserer Armee nicht in den Krieg verwickelt worden.»
Die Herstellung eines Staatsfeinds
Über die schweizerischen Waffenlieferungen an die Nazis weiss Winkler aus eigener Erfahrung Bescheid: Als er 1941 in der Maschinenfabrik Sulzer in Winterthur bei der Herstellung von Motoren für deutsche U-Boote und Kriegsschiffe mitarbeiten sollte, sagte er sich, dafür habe er nicht Maschinenschlosser gelernt. Er kündigte und ging als Bauernknecht eine Zeitlang ins Solothurnische. Als er wieder in seinen Beruf – zu Escher-Wyss in Zürich – zurückkehrt, soll er mithelfen, General Rommels Afrikacorps mit Kühlschränken so gross wie Eisenbahnwagen auszurüsten. Er kündigt erneut: «Kaum war ich in einer neuen Firma, haben die auch wieder für Hitlers Krieg gearbeitet. Es war wirklich eine Sauerei.»
Winkler tritt damals aus der protestantischen Kirche aus und radikalisiert sich in der Auseinandersetzung mit der Armee zum nicht zuletzt christlich motivierten Pazifisten: In der Armee arbeitet er zuerst als Eisenbahn-Hilfsdienstler bei der Elektrifizierung der Bahnlinie Winterthur-Schaffhausen mit. Als er aber den Fahneneid schwören und sich damit zu absolutem Gehorsam verpflichten soll, sagt er Nein und geht dafür drei Monate ins Gefängnis. Ein weiteres Aktivdienst-Aufgebot im Februar 1945 verweigert er. Dafür geht er zehn Monate ins Gefängnis und wird aus der Armee ausgeschlossen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lässt er sich auch nicht mehr dazu zwingen, Militärpflichtersatz zu bezahlen. Dafür geht er weitere fünf Mal ins Gefängnis. Dass er den geforderten Betrag stattdessen jeweils humanitären Organisationen überweist, interessiert beim Staat niemanden: Mit dem Vorwand, er wolle sich im Ausland seiner Zahlungspflicht entziehen, enthält man ihm monatelang seinen Pass vor. Als er ihn endlich doch erhält, fährt er nach Deutschland, Frankreich, Polen und Griechenland, um freiwilligen Zivildienst zu leisten.
Gleichzeitig sucht er den Einstieg in einen sozialen Beruf. Ab Mai 1949 bewährt er sich als Praktikant des Landheims Brüttisellen. Der Heimleiter attestiert ihm im Arbeitszeugnis «für die praktische Jugendfürsorge und -erziehung ausgezeichnete Qualitäten». Das Praktikum muss er auf Druck des Kantons trotzdem abbrechen: Wer sich nicht an die Gesetze halte, sei als Erzieher in einem halbstaatlichen Heim nicht tragbar. Kriminalisierung, Berufsverbot, zeitweilige Vorenthaltung von Pass und Wahlrecht, dazu eine Staatschutzfiche, die bis 1989 auf ein Kilo Papier anwachsen wird. So hat der Schnüffelstaat aus dem Idealisten Winkler einen Staatsfeind gemacht.
Nonkonformist ohne Fehl und Tadel
1949 heiratet Winkler Hedi Gege, die heute hier in der Stube ab und zu mit einer ironischen Bemerkung ins Gespräch eingreift, wenn Ralf für ihren Geschmack allzu blumig erzählt: 1952 haben die beiden für einige Zeit die technisch-wirtschaftliche Leitung des Internationalen Freundschaftsheims in Bückeburg in Niedersachsen übernommen. Nach der Rückkehr in die Schweiz planen sie – unterdessen mit zwei kleinen Kindern – die Gründung einer lebensreformerischen Siedlung in Frankreich. Als der Kauf des Geländes in den Cevennen und damit das Projekt scheitert, entschliesst sich Winkler, seine Erwerbstätigkeit endgültig einzustellen. Das kann er, weil sich Hedi bereit erklärt, bis zur Pensionierung als kaufmännische Angestellte für das nötige Geld zu sorgen. Ralf wird Hausmann, und einen Zustupf zum Haushaltungsgeld verdient er mit dem Verkauf von im Lauf der Zeit rund 150 Spinnrädern, die er mit viel kunsthandwerklichem Geschick baut.
Daneben hat Ralf Winkler aber von nun an eine Mission: Er nimmt den Kampf auf gegen die fundamentale Unvernunft der herrschenden Weltordnung. 1957/58 steht er monatelang in jeder freien Minute auf öffentlichen Plätzen der Stadt Zürich. Auf dem Plakat, das er mit sich trägt, heisst es: «Ich suche auf der Erde einen Platz, wo ich als freier Mensch, meinem eigensten Wesen gemäss, leben und arbeiten kann.» Seinen radikal utopischen Argumenten wird in dieser Zeit oft entgegengehalten, ohne Geld könne eben doch niemand leben. Um diesen Einwand zu entkräften, entschliesst er sich zum Selbstversuch: Ohne Geld mit- oder anzunehmen reist er einen Monat lang durch die Schweiz und durch Deutschland und berichtet über diese Reise Jahrzehnte später ausführlich in «neue wege» (Nrn. 11+12/1997).
Vor allem aber beginnt Winkler nun zu schreiben. Seit den späten fünfziger Jahren sitzt er mit der Disziplin eines Industriearbeiters an der Schreibmaschine. Bereits 1960 erscheinen im nonkonformistischen Clou-Verlag in Egnach Auszüge aus seiner Korrespondenz unter dem Titel «Heute: Gehirn-Schuttabfuhr». Unter anderem schlägt Winkler darin vor, neben zu Preisen und Stipendien auch den Ehrentitel der «Erdenbürgerschaft» zu verleihen. «Erdenbürgern» – als Beispiele nennt er Albert Schweitzer, Abbé Pierre oder Danilo Dolci – solle der Lebensunterhalt und die nichtkommerzielle Arbeitstätigkeit finanziert werden, und sie sollten das Recht haben, ihre Pläne und Wünsche zu veröffentlichen.
Uf Widerluege
Seit damals hat Winkler Bundesordner um Bundesordner mit Korrespondenzen, Leserbriefen und den zugehörigen Zeitungsausschnitten gefüllt, chronologisch geordnet und mit einem alphabetischen Register versehen. So ist ein umfassendes Archiv entstanden, in dem Winklers pointierte Kommentare zu brennenden zeitgeschichtlichen Fragen und ihre Spiegelung in den Reaktionen der angeschriebenen Prominenz oder der ZeitungsredaktorInnen gleichermassen abgelegt sind.
Galten Winklers politische Sympathien ursprünglich dem Landesring der Unabhängigen von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, hat er später über 3000 Unterschriften für die GSoA-Initiative zur Abschaffung der Armee gesammelt und anlässlich seines neunzigsten Geburtstags am 27. April gesagt: «Die deutsche PDS hat den Durchblick.» («Zürcher Oberländer», 22.4.2005) In letzter Zeit beschleicht ihn allerdings ab und zu so etwas wie Resignation. Sein bisher letzter Ordner ist nach nun bald drei Jahren immer noch nicht ganz gefüllt. Winkler zweifelt immer mehr daran, ob die Welt von ihrem «Untergangskurs» abkommen wird, auf dem sie sich aus seiner Sicht politisch, ökonomisch, militärisch und ökologisch befindet.
Das Mittagessen – ein delikates Pilzgericht mit Reis – hat heute die 88jährige Hedi gekocht. Zwar leidet sie seit 43 Jahren an Multipler Sklerose und das Stehen und Gehen fällt ihr nicht leicht. Aber heute hat der Hausmann zwar die Salate vorbereitet, danach aber wegen des Besuchs keine Zeit zum Kochen gehabt. Beim Abschied nach dem Essen sagt Hedi: «Uf Widerluege.» Kurz darauf kurvt ihr Mann mit seinem alten Renault schwungvoll aus der Tiefgarage, um die Fotografin und den Journalisten auf den Bahnhof hinunter zu fahren.
Der Text erschien in der WOZ unter dem Titel: «Gegen die Unvernunft».
[Work Nr. 13 / 2009, 28.8.2009]
In 50 Jahren schrieb er 50 Bundesordner voll
Ralph Winkler (1915-2009) ist tot. Er war Maschinenschlosser, Leserbriefschreiber und Pazifist. Damit brachte er auch immer wieder seine Kollegen von der Gewerkschaft in Rage.
Am 31. Juli 2009 ist er, gut 94jährig, gestorben. Als «Ralf Winkler, Bassersdorf» hat er sich Ende der fünfziger Jahre als Leserbriefschreiber in den Zeitungen einzumischen begonnen. Als «Ralf Winkler, Lindau» wurde er später auf den Leserbriefseiten zur Institution.
Winkler war Maschinenschlosser und früh Smuv-Mitglied, aber nie Gewerkschaftsaktivist. Denn er hat sich eine gewerkschaftlich kaum mehrheitsfähige Arbeitshaltung geleistet: Er war zeitlebens überzeugt, dass man für Geld nur das tun solle, was man vor sich selbst verantworten könne.
Keine Arbeit für die Nazis
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs arbeitet er bei der Sulzer AG. Weil er keine Motoren für deutsche U-Boote und Kriegsschiffe bauen will, kündigt er. Weil er keine riesigen Kühlschränke für den Afrika-Feldzug der Wehrmacht bauen will, verlässt er später die Escher Wyss AG. Bei einer dritten Firma schliesslich geht er, weil er keine Munitionsdrehbänke für Nazideutschland bauen will.
Später hat er geschrieben: «Hitler und die Nazis müssten Vollidioten gewesen sein, wenn sie eine Waffenschmiede angegriffen und zerstört hätten, die derart gut und fleissig für die braunen Verbrecherhorden arbeitete. Aber es tönt halt besser zu sagen, wir helvetischen Sibesieche seien dank unserer Armee nicht in den Krieg verwickelt worden.»
Winkler hat markig formuliert. Und er hat konsequent gehandelt: 1941 verweigerte er als Soldat den Fahneneid, später ein Aktivdienstaufgebot und nach dem Krieg mehrmals die Zahlung des Militärpflichtersatzes. Dafür ging er insgesamt sieben Mal ins Gefängnis. Dazwischen leistete er Zivildienst in Deutschland, Frankreich, Polen und in Griechenland.
In der «Werkstatt schreibender Arbeiter» begann zu schreiben. Seine Frau, Hedi Gege, verdiente als kaufmännische Angestellte das Geld. Er machte den Haushalt, verkaufte – als Nebenverdienst – selbstgebaute Spinnräder und schrieb. Quer durch seine Schreibstube in Lindau hat er eine Ablage gebaut und darauf seine Arbeiten abgelegt. Vor allem Leserbriefe, in rund fünfzig Bundesordnern füllen. Etwa fünf Prozent davon seien abgedruckt worden, hat er geschätzt.
Winklers Vernunft bleibt aktuell
Über den Leserbriefschreiber Ralf Winkler haben viele die Nase gerümpft. Bereits im Vorwort zu seinem einzigen Buch («Heute: Gehirn-Schuttabfuhr», 1960) hat er aufgezählt, als was ihn damals seine «lieben Mitmenschen» wahrgenommen haben: als «halbschlauen Sonderling», «Spinner», «Faulenzer» oder «Schmarotzer».
Dabei hat Winkler als Friedensaktivist nur immer wieder darauf hingewiesen, dass es nicht vernünftig sei, in Kriegen Menschen umzubringen. Nicht vernünftig ist es demnach, von Staates wegen Armeen zu unterhalten und Waffenindustrien zu betreiben. Deshalb plädierte Winkler für die «Rüstungskonversion», also für das Umstellen der industriellen Rüstungsproduktion auf zivile Güter. An diesem Punkt galt Winkler auch vielen seiner alten Kollegen von der Unia-Vorgängerin Smuv als «Spinner».
Dabei ist diese Forderung aktueller denn je: Am 29. November 2009 stimmt die Schweiz über die GSoA-Initiative für ein Verbot von Kriegsmaterial-Exporten ab.[1] Zu ihrer Unterstützung hätte Winkler zweifellos auch die Gewerkschaftspresse mit einem Leserbrief bedient. «Kollegen und Kolleginnen», hätte er vielleicht geschrieben, «habt ihr gelesen? Die Schweizer Waffenexporte haben 2008 ein Allzeithoch erreicht und im ersten Halbjahr 2009 liegen die Zahlen nur knapp darunter. Das Geschäft mit dem Tod floriert in der ach so humanitären Schweiz. Aber lest auch den Text der GSoA-Initiative: Der Bund soll ‘während zehn Jahren nach der Annahme […] Regionen und Beschäftigte, die von den Verboten […] betroffen sind’ unterstützen. Kolleginnen und Kollegen: Das ist der Moment. Ersetzen wir das Geschäft mit dem Tod durch Geschäfte für das Leben. Stimmen wir ja!»
Darunter wäre «Ralf Winkler, Lindau» gestanden. Und vielleicht hätte work diesen Leserbrief abgedruckt. Damit Winklers alte Smuv-Kollegen im Bild sind.
[1] Diese Volksinitiative ist dann mit 62,8 Prozent der Stimmen abgelehnt worden.



