Im Schein von Wiederverzauberung

An der Bar des Bahnhofbuffets Chur hängt eine lebensgrosse St. Nikolaus-Puppe mit einem leeren Glas vor sich und hinter sich einem Weihnachtsbäumchen voller elektrischer Kerzen. An den Tischen rauchende Männer beim Vorabendbier. Gisula Tscharner ist von Feldis heruntergekommen. Sie ist freiberufliche Theologin, 1999 war sie Nationalratskandidatin für die Grünen des Kantons Graubünden. Sie führt ein «Geistiges Unternehmen» mit den beiden Abteilungen «Seelsorgerin unterwegs» und «Gisulas WildeWeiberBar». Der Slogan auf ihrer Homepage lautet: «Die richtige Adresse für Geistliches und Geistiges!» Bei ihr kann man – ob Taufe, Hochzeit oder Beerdigung – ein Übergangsritual nach Mass bestellen, mit oder ohne Bar, in freier Natur, im selbstgewählten Raum oder als Zeremonie unterwegs: einem mit individuellem Sinn geformten Stationenweg. Der Stundenansatz für ihre Arbeit richtet sich nach den Empfehlungen für Selbständig-Erwerbende des Verbands für Erwachsenenbildung und beträgt 125 Franken.

«Es stimmt», sagt sie, «dass gerade Leute mit linkem Hintergrund Vorurteile gegen meine Arbeit haben.» Häufig seien das rationalistische Abwehrreflexe gegen «das Monopol der bürgerlich-etablierten Spiritualität». Sie komme mit ihnen gewöhnlich schnell ins Gespräch, weil diese Leute sie nicht als «Priesterin des Geheimnisvollen» aufsuchten, sondern als «eine, die sich auch gegen das Establishment wehrt»: «Es ist für alle Menschen schwierig zuzugeben, dass sie an Geheimnisse glauben, die sie nicht erklären können – deshalb ist es einfacher zu sagen: ‚Ich glaube nichts. Es gibt nichts. Im Zweifelsfall bin ich Rationalist.‘ Wenn ich aber mit ihnen den Weg gehe zu den Wurzeln und ihnen zeige, woher die Rituale kommen, dann geben sie mir sogar Recht, wenn ich ihnen sage, dass sie tief religiös seien.»

Ist die Moderne arituell?

Für Gisula Tscharner ist das Ritual in krisenhaften Übergangssituationen ein an das Geheimnisvolle zurückgebundenes «Geländer». Oder sind Rituale ein «archetypisches Verhalten» im Sinne des Psychologen und Psychiaters C. G. Jung? «Feierlicher religiöser Brauch; Zeremoniell» (Duden) oder eine «von bestimmten Regeln bestimmte Form einer kultischen Feier» (Brockhaus)? Ein «Versuch, übernatürliche Wesen zum Nutzen der Menschen zu beeinflussen, für die sie anberaumt werden» (Michael Oppitz, Ethnologe)? Oder «gefrorenes Denken» (Rudolf von Jhering, Rechtshistoriker), inszenierte «Reduktion von Komplexität» (Niklas Luhmann, Sozialwissenschafter) mit einer «Entlastungsfunktion» (Arnold Gehlen, Soziologe), deren zunehmende Abdrängung ins Private das Ritual als schiere «Zwangshandlung» erst kenntlich mache (Mario Erdheim, Psychoanalytiker)? Verwirrend zudem: Einerseits gibt es einen boomenden Markt für Rituale, andererseits einen Niedergang traditioneller Rituale in einem Mass, dass man füglich behaupten kann, die Moderne sei ein arituelles Zeitalter.

Der Zerfall der kirchlichen Rituale ist in der Tat eklatant. In einer Studie hat der Historiker Roland Kuonen den Wandel der religiösen Mentalität in Leuk (VS) im 20. Jahrhundert anhand der Übergangsrituale untersucht. Die NZZ (12. November 2001) resümiert das Ergebnis kurz und bündig so: «Es ergibt sich eindeutig, dass die Bevölkerung (…) die Übergangsriten durch Nichtteilnahme oder durch bedingte Teilnahme in schnellstem Tempo, innert dreissig bis vierzig Jahren, modifiziert, privatisiert, individualisiert und auch banalisiert und kommerzialisiert hat.» Die Germanistin Corina Caduff hat 1999 für den Katalog der «Last minute»-Ausstellung des Stapferhauses in Lenzburg einen Beitrag über «Bestattungsrituale im Übergang» verfasst. Darin kommt sie zum Schluss, dass die heute praktizierten Mischformen von delegierter und nicht delegierter Bestattung ein «unübersehbares Symptom» seien «eines sinnentleerten und institutionell nicht mehr funktionierenden Christentums».

Parallel dazu sind aber auch viele staatliche Rituale ausser Kurs geraten – man denke an die Militärdefilees, an die ehemals quasi-religiös begangenen 1.-August-Feiern oder an die Landesausstellung, die bis 1964 alle 25 Jahre stattfand und nächstes Jahr als «expo.02» mit Ach und Krach nach 38 Jahren noch einmal durchgeführt werden soll.

Der boomende Ritualmarkt

Der Niedergang all dieser institutionellen Ideologiemaschinen ist nicht das Problem von Gisula Tscharner. Sie habe, schildert die 54-jährige ihren Lebenslauf, in den siebziger Jahren nach dem Theologiestudium «etliche Praktika im Zoologischen Garten Zürich» gemacht, und zwar «zur Schulung des seelsorgerischen Instinktes». Denn der Mensch sei «ein Säugetier», und Säugetiere drückten «die wesentlichen Dinge anders als mit Wörtern aus». Für sie ist das Bedürfnis nach Ritualen in existentiellen Krisen und Übergangssituationen deshalb eine anthropologische Konstante. Aus ihrer Sicht wird es immer Rituale geben – unbesehen von der rationalistischen Annahme, dass nach der Entzauberung der Welt durch die Moderne nun die Postmoderne die reaktionäre Bereitschaft zur Wiederverzauberung der Welt zeige und deshalb ein Boom an neuen Ritualen hingenommen werden müsse.

Diesen Boom gibt es in der Tat und die Tatsache, dass der Markt dort am grössten sein mag, wo die Esoterik am seichtesten ist, wiederlegt die andere nicht, dass Rituale gefragt sind. In Turgi (AG) gibt es zum Beispiel eine Schule für Rituale, die eine dreijährige berufsbegleitende Ausbildung für «Ritualgestaltung» und «Ritualleitung» anbietet. Die Mitglieder des Schweizer Verbands freischaffender Theologen und Theologinnen bieten «individuell gestaltete Feiern bei Lebensabschnitten wie Geburt, Hochzeit und Tod im Sinne einer seelsorgerischen Begleitung» an. Im «Netzwerk Rituale» sind zur Zeit 25 Aktivmitglieder zusammengeschlossen, die Ritualberatung und Ritualgestaltung anbieten (Kosten für eine «Hochzeitszeremonie»: 800-1600 Franken; für eine «Abschieds- und Trauerfeier»: 500-1200 Franken). Und auch Nicolas Lindt, ein WoZ-Redaktor der Gründergeneration, arbeitet heute – wie er sich auf seiner Homepage anpreist – als «Hochzeitspriester», der als begabter Erzähler «die Liebesgeschichte des Paares» in den Mittelpunkt des «Trauungsrituals» stellt.

Vom Anspruch her vermeiden all diese individuell gestalteten «Rituale von unten» jenen nötigenden Zwang, der weltlichen und geistlichen «Ritualen von oben» zur Festigung von Abhängigkeiten und Ungleichheiten dient. Die RitualleiterInnen des «Netzwerks Rituale» verpflichten sich in einer «Ethischen Vereinbarung» unter anderem auf folgende Richtlinien: «Ich anerkenne die Autonomie und Würde meiner Mitmenschen und das Recht auf Selbstbestimmung. Ich arbeite unabhängig, selbständig und auch ungebunden von politischen und kirchlichen Institutionen und bin den Menschen verpflichtet, für die / mit denen ich arbeite. Ich stehe zu meinem eigenen politischen, religiösen und spirituellen Hintergrund, gehöre jedoch keiner Sekte oder Geheimgesellschaft an.»

Neue Rituale in der Heiliggeistkirche

Eine einzelne Kerze brennt im trüben Vormittagslicht auf dem Tisch im grossen Empfangsraum. Hier arbeitet Renate von Ballmoos, Pfarrerin der Heiliggeist-Kirchgemeinde in Bern. Sie kann nachvollziehen, warum Gisula Tscharner, die bis 1995 im Auftrag der protestantischen Kirche als «ambulante Seelsorgerin» in Graubünden gearbeitet hat, aus der Kirche ausgetreten ist. Denn Tscharners Argumente sind stichhaltig: Einerseits, erzählte sie in Chur, werde sie sich als Dissidente in der Kirche immer rechtfertigen müssen, andererseits werde sie all jenen, die ausserhalb der Kirche stehen, immer als deren «Agentin» gelten, solange sie dort ihren Lohn beziehe. Renate von Ballmoos: «Es stimmt, man befindet sich in der Institution in einem grossen Widerspruch und die Frage: Was soll ich da noch, stellt sich auch mir ab und zu. Aber: Einerseits hält mich die Hoffnung, innerhalb der Kirche doch eine gewisse Öffnung zu erreichen. Und andererseits: Gerade weil ich meinen Lohn beziehe, habe ich die Möglichkeit, die Durchführung der Rituale gratis anzubieten. Ich habe innerhalb der Kirche eine Plattform, auf der ich Leute erreiche, die nicht vierzig oder fünfzig Franken für ein Abendritual bezahlen könnten.»

Seit Renate von Ballmoos vor zwölf Jahren hier ihr Pfarramt angetreten hat, ist sie durch ihre Arbeit in Widerspruch zur logozentrischen protestantischen Lehre geraten. Sie hat erkannt, dass das zentrale Ritual, das Abendmahl, für viele Menschen jede Bedeutung verloren hat und dass andere Rituale – Taufen, Hochzeiten – zwar zahlenmässig rückläufig sind, aber das Interesse der Leute dann wecken können, wenn diese den Ablauf des Rituals mitbestimmen können: «In diesem Punkt reagiert die Kirche sehr langsam.» Sie hat weiter erkannt, dass gerade jene, die sich am Ritual wirklich engagieren wollen, häufig Symbolhandlungen wünschen, die nicht der kirchlichen Tradition entstammen: «Hier führt es nicht weiter zu sagen: ‚Das geht nicht‘ oder: ‚Das darf man nicht‘.»

Sie begann mit interessierten Frauen zuerst im Rahmen des Kirchenjahrs mit Jahreszeitritualen zu experimentieren. Später kamen mit den acht Sonnen- und Mondfesten Feiern aus keltischer und griechischer Tradition dazu: die beiden Tag- und Nachtgleichen, der längste und der kürzeste Tag, dazu die vier Mondfeste: die Walpurgisnacht vom 30. April, die Kräuterweihe bei Vollmond im August, das Totenfest Halloween im November und das Reinigungsfest der Fastnacht im Februar. Seit vier Jahren finden diese Feiern in der Heiliggeistkirche mit einem einleitenden individuellen Meditationsteil und dem eigentlichen Ritual statt. Dass sie ausschliesslich Frauen vorbehalten sind, hat nicht nur mit dem geschlechtsspezifisch grösseren Interesse zu tun. «Solche Rituale können mit einer reinen Frauengruppe sehr viel freier gefeiert werden», sagt von Ballmoos.

Am grössten ist der innerkirchliche Widerstand gegen die Feier der Walpurgisnacht, die sich wegen der alten besenreitenden Hexen und der Neuen Frauenbewegung zum Streit am besten eignet. Dass dieser Streit vorab von Kirchenmännern geführt wird, entbehrt nicht der Ironie: Als Ende der achtziger Jahre in der weiteren Nachbarschaft der Heiliggeistkirche die autonome Frauenbewegung in der Reitschule den exklusiven Anspruch auf Raum formulierte und durchsetzte, überbauten auch dort die Männer ihre Angst vor dem Kontrollverlust mit weltbewegend dogmatischen Gegenargumenten.

Ritualfragment im Kulturraum

Wenn es um die Heiliggeistkirche als Raum geht, dann ist Marco Pedroli als «City-Kirchen-Beauftragter» zuständig. Er sitzt im vierten Stock des Kirchlichen Zentrums Bürenpark zwischen Papierstössen und einem laufenden Computer. Am Anfang sei die Idee gewesen, erzählt er, den Raum der Kirche direkt neben dem Bahnhof Bern anders zu nutzen als nur für einen wöchentlichen Gottesdienst und ab und zu ein Konzert oder eine Beerdigung. Seit 1999 wird nun die Kirche von Dienstag bis Freitag tagsüber mit einem Präsenzdienst offengehalten. Es gibt eine Kaffee-Ecke, einen Mittwochsgottesdienst, eine «Kirchensuppe», musikalisch umrahmte interreligiöse Anlässe mit dem Rabbiner Michael Leipziger oder dem Imam Hischam Abd-El-Hafez, Ausstellungen und Veranstaltungen zu Friedensarbeit oder zur Ethikdebatte rund um die Gentechnik. «Die Idee ist», sagt Pedroli, «den Ort als eine Art Forum zu nutzen, nicht nur interkonfessionell, sondern interreligiös. Hier sollen ideologische und dialogische Brücken gebaut werden zwischen verschiedenen Tendenzen und Religionen. Gleichzeitig soll der Raum weiterhin auch von der Heiliggeistkirchgemeinde genutzt werden. So gibt diese Kirche freiwillig etwas von ihrer Macht ab.»

In diesem neu entstandenen leeren Raum, der für Gläubige ein spiritueller Raum ist, können sich neuerdings unvorhergesehene Dinge ereignen – am 14. September 2001 zum Beispiel, tagsüber, als Marco Pedroli zufälligerweise in der Kirche anwesend ist. Plötzlich sei eine junge Frau hereingekommen, fassungslos weinend: «Ich habe sie angesprochen und sie hat gesagt, ein Freund von ihr sei in einem dieser eingestürzten Manhattan-Türme gewesen. Ich habe ihr vorgeschlagen, mit mir zum Kerzenständer zu gehen, eine Kerze anzuzünden und schweigend an diesen Mann zu denken. Das haben wir dann so gemacht.»

In der WoZ erschien der Text unter dem Titel «Der plötzliche Boom im Niedergang». Weil er mir zu dunkel ist, habe ich ihn hier ersetzt.

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Die Website «Textwerkstatt Fredi Lerch» versammelt journalistische, publizistische und literarische Arbeiten aus der Zeit zwischen 1972 und 2022 und ist abgeschlossen (Korrekturen werde ich, wo nötig, weiterhin einfügen).

Vorderhand soll die Website in diesem Zustand frei zugänglich sein. Zudem ist sie im Webarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek gespeichert und wird längerfristig dort einsehbar bleiben. Das Papierarchiv, das für die vorliegende Website die Grundlage bildet, liegt im Schweizerischen Literaturarchiv und kann, soweit bereits katalogisiert, im Lesesaal des Archivs eingesehen werden. (30.1.2026)


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