Handwechsel

1. Mai 1988. Am Waffenweg 18 in Bern ist man beunruhigt. Seit zwei Wochen ist bekannt, dass die Besitzerin des Hauses, Simone Massa Dähler, verkaufen will. Jetzt diskutieren die Mieter und Mieterinnen, wie sie verhindern könnten, dass sie alle hinausgeworfen werden. Im Parterre O. P., Italiener, vollinvalid seit 1981, zuckerkrank, nahezu blind (die nächste Augenoperation steht bevor); zusammen mit seinem Nachbarn T. D., Physikstudent und Sohn der Hausbesitzerin, hat er vor zwei Jahren hinter dem Haus ein Gärtchen angelegt, dort zieht er Tomaten und Kräuter. Im ersten Stock wohnt der Schauspieler D. D., auch er Sohn der Hausbesitzerin, vis-à-vis von P. C., dem Buchhändler, der ein Antiquariat in der Altstadt führt. Die beiden Männer im zweiten Stock sind um die 80: F. K., dessen Frau vor einigen Jahren hier gestorben ist, wohnt seit zwanzig Jahren in dieser Wohnung, F. R., zuständig für alle kleinen Reparaturen im Haus, gar schon fünfzig Jahre. Für beide ist unvorstellbar, dass sie hier noch einmal ausziehen sollen. Im dritten Stock das junge Paar S. und T. H., sie Heimerzieherin, er Berufsberater, ihr erstes Kind soll im August zur Welt kommen. Ihre Nachbarin ist H. Z., 62, Köchin, kurz vor der Pensionierung, seit dreissig Jahren Bewohnerin dieses Hauses. Im obersten Stock wohnt links die Pharmaziestudentin M. P., rechts der Politologieassistent an der Uni, W. S. In seiner Wohnung hat am 20. April eine Haussitzung stattgefunden, an der man übereingekommen ist, der Berner Wohnbaugenossenschaft WOGENO einen Brief zu schreiben: «Wir befürchten, mit dem Verkauf des Hauses unsere günstigen Wohnungen zu verlieren. Eine Möglichkeit, das Haus der Spekulation zu entziehen, bestünde für uns allerdings darin, dass die WOGENO die Liegenschaft erwerben würde. Wir möchten Sie daher anfragen, ob sich die WOGENO für den Kauf des Waffenwegs 18 interessiert.»

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10. Februar 1989. Am Tisch sitzen sich gegenüber: Hans Burgener, zu fünfzig Prozent allgemeinpraktizierender Arzt in der Gemeinschaftspraxis Liebefeld, daneben, Hausmann, verheiratet, ein Kind, szenenbekannter Geiger der Werkstatt Improvisierte Musik, seit 1.1.1989 Mitbesitzer der Liegenschaft am Waffenweg 18. Neben ihm: Randolph Page, Sozialarbeiter, verheiratet, ein Kind, seit kurzem ebenfalls Mitbesitzer am Waffenweg 18, wo er seit einigen Wochen wohnt. Als dritter: Werner Seitz, seit fünf Jahren Mieter am Waffenweg 18, gekündigt auf 30. April, unter anderen von Burgener und Page.

Burgener begründet, warum er sich für den Kauf eines Hauses engagiert hat: «Ich wohne jetzt zu dritt in einer engen Dreizimmerwohnung, das ist die Hölle. Vorher hab ich immer mit Leuten in WGs zusammengewohnt, wir haben zusammen zu den Kindern geschaut, und die Kinder konnten zusammen aufwachsen. Seit dem Auseinanderfallen der letzten WG vor zwei Jahren sind wir nun in dieser kleinen Wohnung. Ich hab mir schnell überlegt: ich check das nicht lange, was gibt’s für eine Alternative? Entweder wir mieten uns eine grössere Wohnung – dann musst du von 2000 Franken an aufwärts denken in Bern und kommst in ein entsprechendes Haus, wo das Interesse an Gemeinsamkeit und daran, gemeinsam zu den Kindern zu schauen, gleich null ist – oder du ziehst hinaus aufs Land, wobei es auch dort immer schwieriger wird, etwas zu finden, wo du mit Leuten zusammenwohnen kannst. Dann bleibt dir noch, ein Haus zu kaufen. – Früher ist’s in Bern noch anders gewesen, der Birkenweg 40 ist da ein gutes Beispiel. Dort waren zuerst ältere Leute drin, die sind raus. Dann sind junge gekommen, es entstand eine Hausgemeinschaft, man schaute auch gemeinsam zu den Kindern. Dann ist das Haus verkauft worden, und zwar als Spekulationsobjekt, und die Leute sind in alle Winde zerstreut worden. Du kannst heute in Bern einfach nicht mehr mit Leuten zusammen in einem Haus leben und etwas entwickeln, ausser wenn du ein Haus kaufst.»

Page: «Wir sind ja vorher alle, auch jene, die erst später noch ins Projekt eingestiegen sind, Mieter gewesen. Meine Motivation, dass ich in dieses Haus eingezogen bin: Wir haben in der Schweiz einen äusserst schlechten Mieterschutz. Ich weiss nicht, ob wir dort, wo wir bisher gewohnt haben, nächstes und übernächstes Jahr noch hätten wohnen können, und wenn, zu welchem Preis. Der Hauskauf ist eine individuelle Reaktion darauf, dass wir auf dieser Ebene politisch erfolglos sind, eine individuelle Strategie, mit all ihren Widersprüchen.»

Burgener: «Leute, die in Bern versuchen, etwas anderes zu machen, anders zu wohnen, begeben sich notgedrungen in ein System hinein, das sie auch nicht gut dünkt. Aber dafür, dass sie sich verwirklichen können, dass sie etwas anderes machen können, machen sie halt zum Teil mit. Andererseits finde ich zum Beispiel die Genossenschaft KuKuz mit der Brasserie Lorraine heute etwas Gutes. Dort hat aber zuerst auch irgendeinmal irgendwer Leute hinauswerfen müssen.»

Seitz: «Natürlich. Jedes grosse Werk hat seinen  Preis: eine Blutwurst kannst du erst essen, wenn die Sau geschlachtet ist. Das hat auch Marx beim Kapitalismus, diesem grandiosen System, festgestellt: Bis die freien Marktkräfte funktioniert haben, mussten unter anderem zuerst 100000 ‘Vaganten’ aufgeknüpft werden, weil sie nicht in die Fabriken gehen wollten. Das ist ein riesiger Bach von Blut. Und daraus wächst dann etwas Neues. Ihr macht jetzt am Waffenweg 18 quasi eine ursprüngliche Akkumulation. Darum müsst ihr jetzt mal zehn Mieterinnen und Mieter schlachten – oder sie sterben von selbst oder sie müssen gehen. Dann habt ihr die leeren Wohnungen für eurer Projekt. Ich glaube durchaus, dass das ein gutes Haus wird, euer Waffenweg 18.»

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Die Besitzerin Simone Massa Dähler, die im gleichen Quartier ein anderes eigenes Haus bewohnt, hat das Haus am Waffenweg 1981 geerbt, hat daraufhin ihre beiden mittlerweile über 30jährigen Buben Dominik und Thomas dort einquartiert und sie gratis wohnen lassen. Davon, dass sie kurz nach der Übernahme den Mietern das Haus für 800000 Franken offeriert hat, das Angebot aber wieder zurückzog, weil Sohn Thomas Interesse zeigte, das Haus im Sinne seiner verstorbenen Grosseltern zu verwalten (was ihm in der Folge nicht gelang) –, davon will sie heute nichts mehr wissen. Sie habe mit dem Waffenweg 18 nichts zu tun gehabt, sagt sie, für Auskünfte solle man sich an den Verwalter, Immob.-Treuhänder Urs Notter, wenden. Wahr sei, dass das Haus für «knapp zwei Millionen» verkauft worden sei, aber sie habe über ihren Notar Fritz Heller von Spekulantenseite noch bedeutend höhere Angebote gehabt. Sie habe das Haus jedoch Spekulanten nicht geben wollen. Und im übrigen: «Es sind in dieser Geschichte viele Lügen verbreitet worden. Die Leute haben ja keine Ahnung, wozu ich das Geld brauche.»

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Seitz: «Hans, bei der Schlichtungsverhandlung hast du gesagt, wir würden euch 3500 Franken im Monat kosten, das könnt ihr euch nicht leisten. Das hiess für uns dann peng raus, ohne Mieterstreckung.»

Burgener: «Wir können uns das nicht leisten, das ist eine Tatsache.»

Seitz: «Ein Autofahrer kauft doch auch nicht ein Auto und vermag dann den Most nicht. Damit müsst ihr gerade als alternative Hausbesitzet doch rechnen, dass die Mieter bleiben wollen – vielleicht weil sie an ihren Wohnungen hängen oder weil sie nicht so schnell eine Wohnung finden.»

Burgener: «Ja, aber ihr habt jetzt seit unserer Kündigung acht Monate Zeit gehabt, das ist immerhin das. Mehr liegt nicht drin. Sonst kannst du einfach kein Haus kaufen.»

Seitz: «Wir müssen jetzt einfach bluten, weil ihr mit zwei Millionen eingestiegen seid und euch nun das Wasser am Hals steht. Der Preis, den ihr bezahlt habt, ist verdammt hoch – zudem ist das Haus in einem miserablen Zustand: Das Dach rinnt, die sanitären Anlagen sind durchgerostet, das Elektrische müsst ihr neu machen.»

Burgener: «Für uns ist es eben so: Der Marco arbeitet beim Manus-Baukollektiv, der Röbu hat auch schon Häuser umgebaut, wir werden sehr viel selber machen. Die Situation ist die, dass eine Dreizimmerwohnung auf 1200 Franken kommt, und wenn wir die Zuschüsse vom Amt für Wohnungswesen kriegen, kommt sie noch auf 1060 Franken. Das ist hier im Breitenrainquartier heute schon günstig, geschweige in fünf oder zehn Jahren. Natürlich, wenn man’s in Relation setzt zu den 300 oder 400 Franken, die ihr bis jetzt bezahlt habt, ist’s natürlich hirnrissig. Aber ihr wart auch weit unter dem Durchschnitt.»

Seitz: «Klar. Wir kritisieren auch nicht den zu hohen Preis. Das ist im Grund euer Problem. Zu unserem Problem aber wird es, wenn ihr soviel bezahlt, dass es für euch nicht mehr drinliegt, uns – oder wenigstens einigen von uns – eine Erstreckung zu geben. In einem alternativen Projekt sollte es einfach möglich sein zu sagen: Diese alten Leute – bei uns wären dies drei Personen gewesen –, lassen wir in ihren Wohnungen, solange sie wollen. Frau Z. hat heute ihren Estrich geräumt. Danach ist sie heruntergekommen und hat gesagt, sie sei zwar froh, dass sie eine Wohnung gefunden habe, aber es tue halt trotzdem weh. Und dann kamen ihr die Tränen. Das sind eben dreissig Jahre, die sie da nicht freiwillig zurücklässt. Zudem, auch wenn sie seit einiger Zeit ausziehen wollte, weil’s ihr in diesem Haus mit Selberheizen und dem vielen Treppensteigen zu streng wurde, die Art und Weise, wie sie nun hinausgedrängt wird, ist kränkend; das wäre nicht nötig gewesen.»

Burgener: «Was heisst nicht nötig: Es liegt einfach vom Finanziellen her nicht mehr drin.»

Seitz: «Ihr setzt das Geld absolut. Daneben aber gibt es doch noch andere Werte; ihr redet ja selber häufig von menschlicher Wärme und solchen Sachen. Es gibt aber zwischen euch und uns einen Unterschied: Ihr seid alle ungefähr 68er, vom Alter und von der Denkweise her. Die 68er kommen langsam in die Jahre, wo das Geld zu fliessen beginnt und wo das Mieterproblem durchaus individuell mit einem Hauskauf gelöst werden kann. Wir alten Mieter bewegen uns altermässig zwischen 25 und 80 Jahren; einige von uns haben schlicht das Geld nicht – und auch nicht mehr die Energie –, als Einzelperson in ein solches Projekt wie einen Hauskauf einzusteigen. Wir waren uns aber einig, dass wir alle zusammen etwas für den Waffenweg 18 tun wollten. Als einzige Lösung sahen wir die WOGENO, welche sich mit knapp 1,5 Millionen bewarb – aber das war eben zu wenig. Mehr konnten wir insgesamt nicht aufbringen.»

Burgener: «Das ist wohl eine Tatsache, die nicht wir bestimmt haben. Dass wir in dieser Beziehung privilegiert sind, stimmt – aber nicht nur, weil wir 68er sind, bei denen das Geld zu fliessen beginnt. Unter den zukünftigen Bewohnern und Bewohnerinnen, hat es auch sehr junge Leute ohne viel Geld, aber jeder und jede hat sich bemüht, von irgendwoher Geld aufzutreiben – und alle haben ihren Power in das Projekt reingesteckt, mit dem bekannten Resultat.»

Seitz: «Aber bei der Realisierung eurer Ideen sind wir die Leidtragenden. Sicher, wir wären so oder so rausgeflogen: Aber ihr baggert mit beim Verdrängen der Mieter aus günstigen Wohnungen.»

Burgener: «Du, ich kann dir sagen: Euch rauszuwerfen ist uns nicht leicht gefallen, und es fällt uns immer noch nicht leicht, und ich fühle mich dort ein Stück weit moralisch schuldig.»

Page: «Es ist einfach eine Realität, dass wir auf der finanziellen Ebene nicht sozial sein können. Wenn wir zum Beispiel pro Monat 3500 mehr aufwerfen müssen, wer bezahlt das? Jeden Bankkredit bezahlst du wieder. Es ist einfach sehr knapp, und wir können uns dies nicht leisten, sozial zu sein.»

Seitz: «Das tönt ja wahnsinnig, wenn du sagst: Wir können uns nicht leisten, sozial zu sein! Wir verlangen ja nicht, dass wir alle zwei Jahre lang zum alten Mietzins hier wohnen können und einige von uns gar lebenslänglich. Aber es müsste doch drinliegen, zu sagen, in diesem Haus gibt es Leute, die leben hier schon fünfzig Jahre oder die sind aufgrund ihrer Krankheit auf eine solche Wohnung in dieser Lage angewiesen. Wenn die wollen, lassen wir sie in ihren Wohnungen.»

Burgener: «Dort gehst du einfach nicht von der Realität aus, Werner. Das ist ein Wunschdenken, das schön ist und gut ist, und wenn’s realisierbar wäre, dann wär’s gut. Aber der Wohnungsmarkt ist nun einmal nicht so. Wenn der Mieterschutz in der Schweiz besser wäre und es zum Beispiel klar wäre, wenn du ein Haus kaufst, bleiben die Leute noch ein oder zwei Jahr drin, dann würde sich das ganz klar im Preis ausdrücken. Das müsstest du im Kaufpreis berücksichtigen, weil du in dieser Zeit so und soviel Geld verlierst. Wenn du sozial sein und das im Preis mitberechnen willst, dann kannst du zu wenig bieten. Dann bekommst du kein Haus. Und dann hättet ihr von einem Spekulanten den Tritt in den Arsch bekommen. Und danach hätte das Haus schnell anders ausgesehen als jetzt. Dann wäre es total saniert worden, und es wäre – wie beim Birkenweg – am Schluss ein Stock für 5- oder 600000 Franken verkauft worden.»

Seitz: «Ich find’s ja auch heimeliger, wenn ihr jetzt dort drin wohnt. Aber das ist mir als Mieter doch egal, ob nach meinem Rauswurf totalsaniert wird oder Leute reinkommen, die Lebkuchen vor die Haustür hängen.»

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Am 4. Mai 1988 treffen sich am Waffenweg 18 die Mieterinnen und Mieter mit Vertretern der WOGENO Bern. Man kommt überein – die Zeit drängt, der Eingabeschluss für potentielle Interessenten ist auf den 6. Mai festgesetzt –, dass die WOGENO eine Kaufofferte von 1,1 Millionen abschicken und gleichzeitig bei allen Parteien im Haus eine Mietzinsbereitschaft erfragt und diese kapitalisiert werden solle. Diese Berechnungen ergeben, dass die WOGENO ihr Angebot bis 1,3 Millionen erhöhen könnte. Am 24. Mai schicken die Leute vom Waffenweg 18 zudem einen Brief an die Besitzerin Massa Dähler, in dem sie diese bitten, auf die Offerte der WOGENO einzutreten: «Wir glauben, dass wir uns damit irgendwie ‘in der Mitte treffen’: Mit der WOGENO erhalten Sie eine Käuferin, welche Ihnen einen  guten – wenn auch nicht überrissenen – Preis anbietet, wir Mieterinnen und Mieter können in unseren Wohnungen bleiben, und es gibt für uns keine Notsituation.»

Die Besitzerin reagiert jedoch am 28. Mai abweisend: «Wie Ihnen hinlänglich bekannt sein dürfte, habe ich die Handlungsvollmacht für den Verkauf des Hauses dem Hauseigentümer-Verband Bern übertragen, wohlwissend, dass ich als alleinstehende Betagte der nervlichen Belastung, die diese Angelegenheit zwangsläufig mit sich bringt, nicht gewachsen sein würde.» Immerhin erfährt man am Waffenweg inoffiziell, dass die Besitzerin die WOGENO-Offerte berücksichtigen würde, falls die Differenz zum Höchstbietenden nicht mehr als 200000 Franken betrage. Um sie an diese Zusage zu erinnern, meldet sich in der zweiten Juniwoche eine Delegation des Waffenwegs bei der Besitzerin zu einem Besuch an. Seitz: «Wir sind dann wirklich hingegangen, und die Frau hat eine Stunde lange geheult und gejammert, und dann waren wir wieder draussen. Wir haben nicht einmal gross sagen können, was wir eigentlich wollten.» Nun geht alles sehr schnell. Am 13. Juni trifft ein Brief des Notars Heller am Waffenweg ein: «Wir bitten Sie, jede Intervention und Anfragen bei Frau Massa Dähler zu unterlassen.» Bereits zwei Tage später ein weiterer Brief von Heller: «Ich möchte Ihnen mitteilen, dass die WOGENO die Liegenschaft am Waffenweg 18 nicht erwerben kann. Frau Massa Dähler ersucht Sie und die WOGENO, von weiteren Interventionen zu unterlassen.» (sic!) Das ist das Ende. Am 19. August erhalten sämtliche Mieter und Mieterinnen die Kündigung auf den 30. April 1989. (Bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags, so erinnert sich Burgener, seien ihm andere Offerten für die Liegenschaft vorgelegt worden. Es seien mehrere Angebote von über 2 Millionen Franken darunter gewesen; das höchste habe auf 2,5 Millionen gelautet.)

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Seitz: «Es hätte die Möglichkeit gegeben, dass ihr gesagt hättet: O. K., wir haben euch zwar überboten, und das Haus gehört jetzt uns; wir wollen schauen, ob wir uns mit euch arrangieren können. Ihr habt das Haus ja nicht als Gruppe von zehn Personen gekauft, die die zehn Wohnungen besetzen wollten, sondern ihr wart damals drei Parteien. Bei uns am Waffenweg wären – unabhängig vom Hausverkauf – in nächster Zeit etwa fünf Wohnungen frei geworden. Also hättet ihr problemlos bei uns Platz gehabt. Höhere Mieten hätten wir auch beim Kauf durch die WOGENO bezahlen müssen, und für die Schwächeren hätten wir sicher eine Lösung gefunden.»

Burgener: «Ich habe erst Mitte Juli erfahren, dass ihr das Haus auch kaufen wolltet; als die WOGENO also längst ausgestiegen war. Mitte Juli ist es aber bereits gelaufen gewesen: Ein paar Tage danach haben wir den Kaufvertrag unterschrieben. – Deshalb ist dieses Gespräch zwischen uns nicht gelaufen.»

Seitz: «Ein weiterer Punkt, den ich euch vorwerfe, ist, dass ihr mit uns nicht ein einziges Mal Kontakt aufgenommen habt, weder vor dem Kauf noch nach dem Kauf. Wir haben eine Kündigung bekommen mit einer einzigen Adresse drauf, deiner. Ihr habt euch versteckt. Das nächste Mal tauchtet ihr bei der Schlichtungsverhandlung auf, die wir provozieren mussten. Danach wieder Funkstille.»

Page: «Ich kann mir vorstellen, dass ein professioneller Immobilienhändler das besser gemacht hätte. Vielleicht hätte er sogar jemanden vorbeigeschickt. Vielleicht war unser Vorgehen nicht so sauber. Vermutlich hängt’s damit zusammen, dass wir alle zusammen ein leicht schlechtes Gewissen haben; oder zumindest haben wir eine für uns fremde Rolle übernommen, in der wir noch nicht so genau wissen, wie uns bewegen.»

Seitz: «Gerade wenn ihr vorher alle Mieter gewesen seid, wisst ihr doch, was es heisst, wenn ein Haus verkauft wird und sämtliche Leute auf die Strasse gestellt werden.»

Burgener: «Wir haben auch Schiss gehabt vor einem Gespräch: Erstens ist es für uns auch nicht einfach, euch rauszuschmeissen, und zweitens ist die Atmosphäre auch von eurer Seite her derart scheissig gewesen, dass ein Gespräch sehr schwierig gewesen wäre. Es war von Anfang an eine verkachelte Situation.»

Seitz: «Aber ihr habt nicht eine Initiative unternommen, um mit uns Mietern zu reden. Danach kann man schon sagen: schlechtes Gewissen.»

Burgener: «Du musst sehen: Wenn du ein Haus kaufst, dann bist du den Mietern gegenüber unsozial; zum vornherein bist du unsozial. Ob sie noch ein halbes oder ein ganzes Jahr drin bleiben; Sie müssen einmal gehen. Und das ist halt unsozial. Da sind zwei Positionen, die nicht überbrückbar sind. Wir sind die, die das Haus kaufen und hineingehen können, und ihr seid die, die rausmüssen. Wie willst du das unter einen Hut bringen? Es ist einfach eine Tatsache, dass wir euch auf die Strasse stellen mussten. Es gibt zwar Verkaufsverträge, wo das noch der macht, der verkauft. Wohlwissentlich hat die Frau Massa Dähler sich aber vom Heller einen Vertrag machen lassen, dass wir euch kündigen mussten.»

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1. Mai 1989. Von den ehemaligen Mietern und Mieterinnen des Waffenwegs 18 wohnt nur noch O. P. hier, er hat bei der Schlichtungsverhandlung vor dem Mietamt als einziger ein halbes Jahr Erstreckung bekommen. Nach seiner Augenoperation sieht er jetzt mindestens mit einem Auge wieder 10 Prozent. Er ist dauernd auf Wohnungssuche, Parterre müsste es sein und hier im Quartier, wo er sich auskennt. Die beiden Söhne der Besitzerin sind nach dem Verkauf des Hauses schnell ausgezogen. Sie haben sich am Waffenweg unmöglich gemacht: Dadurch, dass sie dem WOGENO-Kaufprojekt schnell ihre anfängliche Unterstützung entzogen haben, sind sie für die Kündigungen mitverantwortlich geworden – dafür hat ihre Mutter ungefähr 700000 Franken zusätzlich verdient. P. C. ist in die Altstadt gezogen, wohnt zwar jetzt in der Nähe seines Antiquariats, muss aber am neuen Wohnort den Hauswart machen. F. K. im zweiten Stock hat sich erfolgreich gegen das Altersheim gewehrt. Im Februar hat er eine kleine Wohnung in der Länggasse gefunden. Sein Nachbar, F. R., ist tot. Im letzten Sommer ist die schlimme Krankheit ausgebrochen. Drei Wochen vor der Schlichtungsverhandlung, am 2. November, ist er begraben worden. S. und T. H. sind, mittlerweile zu dritt, nach Basel gezogen. H. Z., frisch pensioniert, und M. P. haben als einzige Wohnungen hier im Breitenrainquartier gefunden. Werner Seitz ist nach wie vor auf Wohnungssuche.