Dort, wo die Bahnhofstrasse von Naters eine leicht ansteigende Rechtskurve macht, steht einige Schritte weiter rechterhand die Nummer 16, ein niedriger Betonbau aus den siebziger Jahren mit einer Pizzeria im Parterre, die «Simplon» heisst. Das bemerkenswerteste am gesichtslosen Bau ist seine Eigentümerin. Sie heisst Genossenschaft Palve. Palve ist eine Abkürzung und steht für «Proletarier aller Länder vereinigt euch!»
Nimmt man den Seiteneingang und steigt die Treppe zum ersten Stock hinauf, steht man vor den Türen des Umweltsekretariats Oberwallis, des Verkehrs-Clubs der Schweiz (Sektion Wallis) und der Alpeninitiative. Ein Stock höher öffnet sich die Tür zu einer in die Dachschrägen gebauten Wohnung. Ein Zimmer dient der SP Oberwallis als Büro, in den anderen wird die «Rote Anneliese» gemacht, die letzte überlebende Alternativzeitung der Bergregionen. Sie ist in den letzten 28 Jahren in 169 Ausgaben erschienen, und gestern Abend hat man hier die redaktionelle Arbeit an der 170sten abgeschlossen. Ursula Schild sagt zur Begrüssung lachend: «S’Lisi wird sicher driissg.»
Schild arbeitet seit 1994 hier, ist zu 50 Prozent angestellt, betreibt das Sekretariat der Zeitung und hält mit der Erledigung diverser Fremdaufträge die Einnahmen und die Ausgaben im Gleichgewicht. Neben ihr am Tisch, auf den durch ein Fenster das Vormittagslicht der makellosen Novembersonne fällt, sitzen die beiden Redaktoren Kurt Marti und Patrick Zehner. Marti ist freier Journalist, betreut unter anderem die Redaktion von «Energie&Umwelt», dem Magazin der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES); für die «Anneliese» arbeitet er seit bald zwei Jahren, zur Zeit zu 30 Prozent. Er hat Philosophie, Mathematik und Physik studiert und absolvierte danach die Ringier-Journalistenschule. Zwischen 1994 und 1996 war er Geschäftsleiter der SES und sitzt heute im SES-Stiftungsausschuss. Patrick Zehner seinerseits ist ein Aktivist der Juso Oberwallis, studiert in Bern Politikwissenschaften, Jus und Medienwissenschaften, er arbeitet seit Mai zu 20 Prozent in der Redaktion mit. Erste journalistische Erfahrungen hat er zuvor beim «Walliser Boten» gesammelt.
Eine Nummer und ihre Wirkung
Die Frage, die man als «Ausserschweizer» zuvorderst hat: Ob sich die «Rote Anneliese» nicht wie andere vergleichbare Projekte überlebt habe? Nicht ohne Stolz beginnen die drei die Septembernummer durchzublättern. Hier zum Beispiel die «Direktoren-Wahl am Kreisspital Brig», eine CVP-Filz-Geschichte: Ein junges spitalfremdes Parteimitglied wird einem ausgewiesenen Fachmann, dem freisinnigen Finanzchef des Spitals, als Spitaldirektor vorgezogen. Kurz nach der Veröffentlichung habe der «Walliser Bote» mit einem offensichtlichen Gefälligkeitsinterview nachziehen müssen, in dem der Gewählte die Argumente der «Roten Anneliese» habe bestreiten dürfen. Oder hier: Die Kantonsregierung verlangt von den Gemeinden in den nächsten Jahren 12 Millionen Franken, weil diese für die mangelhafte Kostentransparenz der Spitäler verantwortlich sind. Ein Primeur, der «Walliser Bote» habe nachziehen müssen und seit Wochen sei nun Feuer im Dach; Spitäler, Gemeinden und die «CVP-Mafia» liefen Sturm gegen den SP-Gesundheitsdirektor des Kantons, Thomas Burgener. Oder die Geschichte zur Linienführung der Autobahn bei Raron, in der man die Kantonsregierung mit öffentlichem Druck dazu gebracht habe, eine unabhängige Expertenkommission einzusetzen. Oder der Bericht des regelmässigen Mitarbeiters und Juso-Mitglieds Cyrill Pinto über die Briger Skinheads. Die Geschichte habe die Verantwortlichen gezwungen, endlich hinzuschauen und zu handeln. Oder dieser Bericht über Bauten ohne Baubewilligung: «Wenn ich die kantonale Baupolizei anrufe», erzählt Marti, «dann ist es gewöhnlich für einen Moment totenstill in der Leitung, weil sie dort wissen: Jetz miässä mr widr secklä.»
Um an Informationen zu kommen, habe die Redaktion in vielen Dörfern «Brandmelder und Brandmelderinnen». Zu diesem Netz, das kontinuierlich ausgebaut werde, gehörten sehr wohl auch CVP-Leute. Denn auch innerhalb des herrschenden Filzes werde gerne mit der «Anneliese» gedroht – deren Veröffentlichungen nicht selten den Staat zum Handeln zwängen. «Das nützen wir knallhart aus», sagt Marti – allerdings nur im Rahmen der publizistischen Leitlinien, die sich die Redaktion gegeben hat: «Es geht um soziale, ökologische und demokratiepolitische Kritik und um Freiheit und Gerechtigkeit als oberste Ziele.»
Kurzvisite beim Hotelier
Im Herbst 1973 war er 21-jährig und Mitbegründer der «Roten Anneliese», mit 24 Jahren als Student Regierungsmitghli8ed der Stadt Brig. Später war Peter Bodenmann Walliser Grossrat, Nationalrat in Bern, Parteipräsident der SP Schweiz, und Walliser Staatsrat. Heute lebt er als Hotelier in Brig. Sein Büro liegt im ersten Stock des Hotels «Riverside» in Glis. Aus dem Fenster blickt man hinüber nach Brig und hinunter auf das massiv verbaute Flussbett der Saltina, das seit der katastrophalen Überschwemmung am 24. September 1993 beidseitig mit Betonmauern zusätzlich gesichert worden ist. Auf dem Bildschirm des PC ein Artikel zum Swissair-Debakel, den Bodenmann dem «Tages-Anzeiger» noch heute abliefern muss; aus dem Radio leise die DRS-14-Uhr-Nachrichten; alle fünf Minuten läutet das Telefon, er vertröstet abwechselnd auf deutsch und auf französisch.
«Das ‚Kritische Oberwallis‘», beginnt Bodenmann zu erzählen, sei in den frühen siebziger Jahren der Versuch gewesen, eine politische Plattform zu schaffen für Lehrlinge, SchülerInnen und Leute, die mit neuen Ideen ins Tal zurückgekehrt seien: Wer in Bern eine Lehre gemacht habe, sei bei der Lehrlingsorganisation «Schinagu» gewesen, wer in Basel studiert habe, in der POCH, jene aus Zürich hatten Sympathien für den Revolutionären Aufbau und wer aus dem Welschen zurückgekommen sei, habe bei der Ligue marxiste révolutionaire mitgemacht. Darum sei die Gründung der «Roten Anneliese» mehr gewesen als ein Zeitungsphänomen: «Das ‚Kritische Oberwallis‘ war eine Bewegung, die neben der ‚Roten Anneliese’ zur Theoriebildung auch ein ‚Info intern‘ herausgab, Schulungsweekends organisierte und hochideologische Grundsatzdebatten führte. Wir waren wenige, in klarem Widerspruch zur Gesellschaft und auch klar exponiert.»
Die erste rote Analyse war dem Zusammenschluss der Alusuisse und der Lonza ist Visp gewidmet, und die Lonza – mit 2800 Arbeitsplätzen dominierende Arbeitgeberin im Oberwallis – blieb eines der Hauptthemen des Heftes. Bodenmann: «Die ‚Rote Anneliese‘ war eine Arbeiterzeitung.» Die Standardfrage beim Texteschreiben habe gelautet: Versteht das ein Lonza-Arbeiter? Immer habe man sich bemüht, von den realen Bedürfnissen der Leute auszugehen: Was beschäftigt sie? Was ist für sie wichtig? Habe man eine Nummer fertig gehabt, sei man zum «militanten Verkauf» geschritten, morgens um fünf vor den Fabriktoren der Lonza, abends mit dem Auto in jedes Dorf und dort in jede Beiz: «So lernst Du politisieren und zu reden, dass man dich versteht.» Diese Art der Auseinandersetzung sei leidenschaftlicher, direkter und härter gewesen als anderswo: «Hier sagt keiner: Könnte es vielleicht sein, dass du dich unter Umständen geirrt haben könntest? Sondern er sagt: Du bisch en Tubel!»
Die Zeitung als politische Intervention
Nach den ersten fulminanten Jahren kam Ende der siebziger Jahren die Ernüchterung: Zwar gelang es dem «Kritischen Oberwallis» (KO), die SP elektoral zu überholen, aber zunehmend mehr MitstreiterInnen verliessen den Kanton – nicht zuletzt deshalb, weil seine ExponentInnen vorab bei staatlichen Anstellungen ein faktisches Berufsverbot in Kauf nehmen mussten. Die einen wurden so zum Verlassen des Tals gezwungen, andere zogen sich zum Beispiel wegen familiärer Verpflichtungen zurück.
In dieser Situation suchten das KO und die SP das Gespräch. Am 1. Mai 1982 schloss man sich zur «Sozialistischen Partei Oberwallis» zusammen. Gleichzeitig löste sich die «Rote Anneliese» vom KO, konstituierte sich als Verein und wurde zum «parteiunabhängigen, linken Alternativ- und Oppositionsblatt», dessen Inhalt «links, offen, unabhängig, kritisch, alternativ, konstruktiv und regional» sein sollte («Rote Anneliese», 56+57/1982). Ein rein journalistisches Projekt sei die «Anneliese» deshalb nicht geworden, sagt Bodenmann: «Die Zeitung war immer das Instrument einer politischen Position. Immer wurde in der Redaktion diskutiert: Was wollen wir bewegen? Was ist demnach das Thema?» Auf der anderen Seite sei es allerdings so, dass man immer wieder grosse Dossiers zusammengetragen habe. Zentrale Themen, etwa die Aluminiumproduktion, habe man für die politische Arbeit im Detail aufgearbeitet und dann in der «Roten Anneliese» auch dargestellt. Da sei viel «konzeptionelle Arbeit» geleistet worden.
Diese politisch intervenierende Art des Zeitungsmachens machte die «Rote Anneliese» zur publizistischen und politischen Kaderschmiede: Der Publizist Frank Garbely oder die Journalisten Hubert Mooser («SonntagsZeitung») und Beat Jost («Blick») arbeiteten ebenso für das aufmüpfige Blatt wie die Politiker Bodenmann, Thomas Burgener (Bodenmanns Nachfolger im Walliser Staatsrat), German Eyer (Josts Nachfolger als GBI-Sekretär im Oberwallis) oder Andreas Weissen (Alpeninitiative).
Und die Frauen? Käthy Theler, der heutigen Lebenspartnerin von Peter Bodenmann, kommt – über die 28 Jahre gesehen – als Redaktorin, Layouterin und Administratorin das grösste Verdienst zu, dass immer wieder eine Nummer herausgekommen ist. Als verantwortliche Redaktorinnen zeichneten Christa Mutter und Hildegard Loretan und als regelmässige Mitarbeiterin die Historikerin Elisabeth Joris. Aber gegen die traditionell linke, gewerkschaftlich geprägte Linie der Kollegen konnte sich eine kontinuierliche feministische Optik nicht durchsetzen. Es gab zwar intensive Debatten zur legendären Frage, ob der Hauptwiderspruch jener zwischen Kapital und Arbeit oder jener zwischen Mann und Frau sei. «Schliesslich standen wir als Machos da» resümiert Bodenmann, «aber durchgesetzt hat sich damals, wer die nächste Nummer gemacht hat. Zugeben muss man allerdings: Es ist nicht gelungen, entlang der Frauenfrage etwas vergleichbar Produktives zu entwickeln wie entlang der sozialen und ökologischen Fragen oder der Skandale.»
Zu Beginn der neunziger Jahre geriet die «Rote Anneliese» in die Krise, da der Generationenwechsel misslang. Die Zeitung hing nur noch an Bodenmann, Jost und Theler, zeitweise produzierten sie nur noch drei Ausgaben pro Jahr, und man ging im Oberwallis davon aus, dass das Heft am Ende sei, wenn die drei aufhören würden.
Linker Boulevard?
Das Oberwallis ist ein enges Tal, das man – von Bodenmanns Büro zurück an die Bahnhofstrasse 16 in Naters – in zehn Minuten zum grossen Teil durchschritten hat. Unterdessen hat Patrick Zehner die ersten Fahnen der November-«Anneliese» aus der Druckerei geholt. Zusammen mit Kurt Marti diskutiert er die Gestaltung der knalligen Titelseite: «Halbzeit in Bern! Die Noten!» Neun kleine Männerporträts, unter jedem eine Note, errechnet aus ihrem Abstimmungsverhalten im Parlament. Zwei kriegen die Note 6, das sind die beiden Sozialdemokraten. Darunter: «Wahnsinn am Monte Moro: Wilhelm Schnyder will 180 Millionen verjubeln! Exklusiv: Der Mega-Plan!» Und: «Mausarmer Otto G.: Zwei neue Luxuskarossen! Den Anwalt bezahlen wir!»
Ist die «Rote Anneliese» eigentlich ein Boulevardblatt? Marti wehrt ab: «Inhaltlich grenzen wir uns klar ab zum Boulevard, Boulevard in der Deutschschweiz heisst ‚Blick‘. Für uns ist die Grenze zum Privaten tabu. Zudem hat sich der Holzhammer-Boulevard überlebt, bei dem man über jede zweite Geschichte ‚Unglaublich, aber wahr!‘ klotzte. Aber in vielem führen wir die Tradition der ‚Anneliese‘ weiter: der Einsatz der roten Farbe, die grossen Titel, die Härte der politischen Attacken, die Tendenz der Texte, die sprachlich einfache Darstellung. Daneben gibt es aber auch Geschichten, die über zwei Seiten laufen, es gibt die Rückkehr von sechs auf fünf Spalten, was den Rhythmus langsamer gemacht hat.»
Auf der anderen Seite des Tals hatte Bodenmann vorhin gesagt: «Unser Ziel war eigentlich immer ein linker ‚Blick‘. Die Fakten und die Stossrichtung müssen stimmen, und wenns der Lonza-Arbeiter nicht mit Vergnügen liest, dann ists eine schlechte Zeitung. Es braucht eine klare Sprache, kurze Sätze, keine Fremdwörter.» Boulevard sei eben nicht «konstitutiv rechts»: «Boulevard kannst du rechts oder links fahren.»
Jetzt sagt Marti: «Was wir nicht wollen, ist ein aggressiver Fertigmacherstil ohne Achtung vor dem politischen Gegner. Wir sind nicht bessere Menschen als die Bürgerlichen. Nur ist die CVP an der Macht und verteilt die Gelder. Dementsprechend gravierender sind ihre Fehler.» Ursula Schild, die die Abofluktuation der «Roten Anneliese» überblickt, fügt bei, früher habe es wegen des harten Stils Abbestellungen gegeben – «und heute gibt es Leute, die abbestellen, weil sie sagen, die ‚Anneliese‘ sei zu brav geworden».
Generationenwechsel geglückt
Die bisher letzte Zäsur in der Geschichte der «Roten Anneliese» ist der Beginn des Jahres 2000: Peter Bodenmann, Käthy Theler Bodenmann – und etwas später, im Frühling 2001, auch Beat Jost – ziehen sich vom Projekt zurück, Kurt Marti übernimmt die Redaktion. Die Zäsur bedeutet eine dreifache Neuorientierung: Erstens gelingt nun der Generationenwechsel in der Redaktion (und ist seither durch die Mitarbeit Patrick Zehners konsolidiert worden), zweitens emanzipiert sich die «Rote Anneliese» (wieder einmal) von der SP, und drittens hat Martis redaktionelle Leitung inhaltlich und layouterisch zu einem Professionalisierungsschub geführt.
Einen Krach zwischen den Alten und den Neuen hat es nicht gegeben. Aber eine klare Abgrenzung von beiden Seiten. Bodenmann hat auf die neue Redaktion noch nie Einfluss zu nehmen versucht und man rätselt dort darüber, ob er die «Anneliese» überhaupt noch lese. – Er liest sie: «Heute hat sie sich weitgehend verselbständigt vom direkten politischen Konnex. Dafür greift sie Dinge auf, die mit dem Ansatz, den wir gehabt haben, weniger wichtig gewesen sind. Mit den Skins an den Schulen haben sie nun zum Beispiel ein Superthema gebracht, das die Diskussion in anderen Zeitungen provoziert und die Politik zum Eingreifen gezwungen hat.»
Geht man Mitte November am späteren Nachmittag die Bahnhofstrasse von Naters hinunter, die nach einer Linkskurve zum Bahnhof von Brig zurückführt, liegt sie längst vollständig im Schatten. Die überzuckerten Gipfel im letzten Sonnenlicht glänzen jetzt sehr weit oben, und das Tal erscheint noch enger. Respekt vor den Leuten, die es wagen, hier kontinuierlich und klar gegen diese Enge anzuschreiben.
Der Text ist im Auftrag des Medienmagazins «Klartext» verfasst worden und dort unter dem Titel: «‘D’s Lisi wird sicher driissg’» erschienen. Die WoZ hat ihn in Nr. 50 /2001 nachgedruckt unter meinem Titel «Die wilde Frau von Brig».
Die «Rote Anneliese» erscheint weiterhin. Unter dem Titel «Tal des Schweigens» hat Kurt Marti 2012 seine Erfahrungen als Redaktor der Zeitung als Buch veröffentlicht. In der Ankündigung resümiert der Verlag, Marti habe «zahlreiche Fälle von Parteifilz, Vetternwirtschaft, illegalen Machenschaften, Intrigen, Willkür, Medienzensur, Bigotterie und Heuchelei aufgedeckt. Er wurde vor Gericht gezerrt und von der Walliser Justiz verurteilt und diffamiert. Schliesslich sprach ihn das Bundesgericht in allen Punkten frei.»



