Vom Leibblatt

Aus Toulouse kommt mein Neffe zu Besuch. Er bändigt seine Mähne indianermässig mit einem Stirnband und steht vor dem Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaft. Beim Abendessen sagt er en passant, irgendwie fühle er sich «wie nicht ganz», wenn er sein Handy nicht dabei habe. Wie ausgesetzt, abgehängt. Auch innerhalb des Instituts, das er besucht, brauche man es dauernd, manchmal nur, um schnell zu fragen: Wo bist du gerade? – Ob es wirklich in seiner Szene niemanden mehr gebe ohne Handy. – Nein, das könne man sich einfach nicht leisten, man würde dann einfach nicht mehr dazu gehören.

Ohne Handy, denke ich, sind Jugendliche heute vom «kommunikativen Tod» bedroht. Eine Alterserscheinung: Ab und zu tauchen im Kopf Begriffe auf, die einer Weltanschauung angehören, die nach wie vor zu haben man sich plötzlich erinnern muss. Der «sprachliche oder kommunikative Tod» bedrohe jeden, las ich seinerzeit beim marxistischen Sprachwissenschafter Ferruccio Rossi-Landi, «der radikal neue sprachliche Wege zu begehen versucht».

Meinen Neffe bedroht dieser Tod heute von einer anderen Seite: Das Tödliche zeigt sich nicht im bedeutungslosen Rauschen, das jede Privatsprache für andere ist, sondern in der gekappten Verbindung zur Welt. Ohne die Krücke des Handys geht nichts mehr, man erfährt sich als «nicht ganz», als verstummt und taub.

Was mir erst allmählich dämmert, begreifen heutige Jugendliche vermutlich blitzartig: Soziale Verhältnisse sind nicht mehr an reale Räume gekoppelt. Ob die Kollegen meines Neffen im Nebenraum des Instituts in Toulouse sitzen oder am anderen Ende der Welt, ist für ihn egal: Für den Aufbau einer Gruppenidentität braucht es heute keine Stammtische mehr.

Beunruhigend wird dieser Gedankengang, wenn ich ihn auf meinen Beruf zu beziehen versuche. Sind Zeitungen nicht in doppelter Hinsicht auf den realen Raum angewiesen? Einerseits muss die Zeitung ja als handgreifliche Ware verkauft werden können und andererseits thematisiert sie Ereignisse, die eigentlich nur insofern interessieren, als sie eine gemeinsame Welt zu verändern oder doch zumindest neu zu interpretieren vermögen. Über das, was in keiner gemeinsamen Welt stattfindet, braucht man eigentlich nicht informiert zu sein. Je mehr der soziale Raum zur virtuellen Erfahrung wird, desto mehr reduziert sich deshalb «Welt» auf das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt überall auf der Welt verstanden wird. Der Rest gehört nicht mehr zur «Welt».

Wenn heute auch die «Qualitätsblätter» unter den Zeitungen ihre Titelseiten immer häufiger mit dem spektakulärsten Katastrophenbild aus der Tagesschau des Vorabends aufmachen, manifestiert sich darin auch die verzweifelte Suche nach einer gemeinsamen Welt. Mit der Beschwörung von elementaren Zerstörungen durch Bomben, Unwetter und Erdbeben appellieren die Zeitungen an das vorsozial Allgemeinmenschliche – wir alle sind sterblich! – als kleinstem gemeinsamem Nenner von «Welt». Es geht hier um mehr und anderes als um Boulevardisierung, es geht um das Insistieren auf einer Weltsicht, die die Zeitungslektüre überhaupt noch als nötig erscheinen lässt.

«Die bisherige Komplettzeitung liegt hier ein Stück weit quer in einer sich nach individuellen Interessen segmentierenden Gesellschaft», hat NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler letzthin geschrieben. Tatsächlich war das gute, alte Leibblatt zwar das
adäquate Medium, um seinem Publikum einen gesellschaftspolitischen Raum zu spiegeln, der grundsätzlich als gemeinsamer – und umkämpfter – verstanden wurde. Aber in dem Mass, in dem sich soziale Identität in virtuellen Netzwerken herstellt, werden interaktive Medien wie das Handy wichtiger als die Zeitungen, die mit der nicht-virtuellen Welt penetrant das subjektiv Aussersoziale zum Thema machen. Und in dem Mass, in dem Zeitungen den Schein einer gemeinsamen Welt nicht mehr hervorzurufen vermögen und deshalb ein nicht nachvollziehbares Irgendetwas abbilden, werden sie selber vom «kommunikativen Tod» bedroht.