Wochen der Dünnhäutigkeit

Im Büro, beim Basteln an Artikeln, die mir plötzlich belanglos erscheinen, ist auf dem Bildschirm stets auch der News-Ticker des «Tages-Anzeigers» geöffnet; unterwegs in der Stadt habe ich häufig das Taschenradio am Ohr; gleiche Agenturmeldungen lese ich in verschiedenen Zeitungen, als ob dadurch etwas klarer würde. Eine Vermutung, die mich in diesen Tagen des US-amerikanischen Feldzugs gegen den Irak verfolgt: Ein kurzer Krieg wäre gut für die irakische Zivilbevölkerung, ein langer und für die Angreifenden verlustreicher gut für die Welt.

Es ist – so scheint es jetzt – ein kurzer Krieg geworden. Die USA haben sich durchgesetzt. Sie brauchten kein Uno-Mandat: Wer zur «Achse des Bösen» gehört, wissen sie selbst am Unfehlbarsten. Sie brauchten – anders als noch in Ex-Jugoslawien – auch keine Absprachen mit der Nato: Eine schlagkräftige «Koalition der Willigen»  genügt vollkommen. Was das Völkerrecht und die Menschenrechte anbelangt: Auch wenn man allenfalls nicht existierende Massenvernichtungswaffen sucht, sind Splitterbomben wirksam; und dass man auf dem kubanischen Stützpunkt Guantanamo auch Kinder interniert, muss sein – immerhin hat man für solche wie die extra den völkerrechtlichen Status der «unrechtmässigen Kombattanten» erfunden. Das Recht des international Stärkeren ist bedeutend durchschlagender als die Stärke des internationalen Rechts.

Das Imperium, das am 11. September 2001 gedemütigt worden ist, schlägt zurück. Alle anderen Verbindlichkeiten werden nur noch von Fall zu Fall anerkannt.

Tage der Dünnhäutigkeit: verspannter Rücken, rumpelnde Därme, nachts Träume mit viel Ocker und Gelb: Wüstensturm? Kampfanzüge? Schweissnass erwachend, durch die dunkle Wohnung in die Küche tappen und Wasser trinken. Durchs Fenster das schlafende Quartier. Ist nicht alles in Ordnung?

Es gibt eine Verunsicherung, die ich mir nur langsam eingestehe. Die existentielle Sicherheit, über die hierzulande auch Linke ganz selbstverständlich verfügen, ist tangiert. Alle wissen es und niemand betont es über Gebühr: Wenn unsereins die hoch-industrialisierten Länder dafür kritisiert, dass sie den Rest der Welt nach ihren menschenverachtenden Notwendigkeiten ausbeuten und zurichten, so riskieren wir nichts und fördern unser kulturelles Kapital als Gutmenschen. Wir kennen auch das Zauberwort, das garantiert, dass weiterhin alles bleibt, wie es ist: Es heisst «westliche Kultur». Wir stehen Nein sagend auf der Seite der Sieger.

«Vom ‘Westen’ zu reden» werde allerdings «zunehmend zur Illusion», schreibt Gret Haller in ihrem neuen Buch über die «Grenzen der Solidarität»: «Bis zum Fall der Berliner Mauer war es unabdingbar und für Europa wohl auch eine Frage des Überlebens», dies zu ignorieren: «Möglicherweise wird nun aber das Umgekehrte genauso unabdingbar.»

Die «westliche Kultur» war eine ideologische Konstruktion des Kalten Kriegs, die dazu beitrug, dass diesseits und jenseits des Atlantiks identische Begriffe fast unbemerkt unterschiedlich konnotiert worden sind. Haller weist Bedeutungsunterschiede insbesondere an den Begriffen Staat, Nation, Religion, Moral, Recht und Demokratie nach. In ihrer Schlussfolgerung plädiert sie für eine eigenständige europäische Kultur: Solange «Amerika eine Frage des Glaubens» sei, gehe es darum, «jenseits von Glaubensbekenntnissen, besonnen, umsichtig, geschichtsbewusst und mit Verstand»  fremd zu bleiben, statt sich anzugleichen.

Als Ombudsfrau für Menschenrechte des Staates Bosnien und Herzegowina ist Gret Haller zwischen 1996 und 2000 in ihrer täglichen Arbeit in Sarajewo mit den «transatlantischen Unterschieden» in den Bereichen der «Rechts- und Staatskultur» konfrontiert worden. Dabei hat sie begriffen, wie zentral die Frage ist, «inwieweit in Mittelosteuropa europäische beziehungsweise US-amerikanische Wertvorstellungen […] übernommen werden». In ihrer Untersuchung warnt sie vor einem moralisierenden Anti-Amerikanismus. Vielmehr gehe es um eine historisch gewachsene Differenz, die auf die ideengeschichtliche Weggabelung des Westfälischen Friedens von 1648 zurückgehe.

In Europa sei seither ein Staatsverständnis entstanden mit individuellem «Souveränitätsverzicht zugunsten einer übergeordneten Rechtsordnung», die das Individuum dafür von der Enge der Gemeinschaftlichkeit freisetze: «Zugehörigkeit zum Fremden […] ist eine sehr grosse Freiheit.» Die USA dagegen sei aus der Weltsicht der Gründerväter gewachsen, die ab 1607 Nordamerika zu besiedeln begonnen haben und wegen der staatlichen Verfolgung ihrer religiösen Ideen aus Europa ausgewandert sind. So habe eine «sozialdarwinistische Auslese zugunsten eines sektenorientierten religiösen Denkens» stattgefunden, die zu einer «mehr oder weniger ausgeprägten Staatsfeindlichkeit»  und in der Konsequenz dazu führte, dass sich in den USA bis heute «kein eigentlicher ‘Staatsbegriff’ entwickelt» habe: «Europa brauchte die Freiheit zum Staat, um die Freiheit von der Religion durchsetzen zu können, die Vereinigten Staaten brauchten umgekehrt die Freiheit vom Staat, um die Freiheit zur Religion durchsetzen zu können.»

Ein Zufall ist es demnach nicht, dass in diesen Tagen meiner Dünnhäutigkeit so häufig vom «Fundamentalismus» der USA die Rede ist. Bloss: Was soll das besagen? Ist damit das religiöse Erweckungserlebnis des US-Präsidenten George W. Bush gemeint, das ihn zum Rächer der «westlichen Kultur» hat werden lassen, zum Racheengel, der nun, die Welt mit seinem Schwert verheerend, die Guten von den Bösen scheidet, unter Berufung auf das Jesus-Wort: «Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich»? Oder geht es eher um einen  «imperialistischen – aber von christlichem Fundamentalismus genährten – Imperialfundamentalismus» (Kurt Marti, «Reformatio» 1/03)? Geht es, anders gefragt, um einen transzendenten oder einen immanenten Fundamentalismus? Nachdem Bush verschiedene Gründe für die Notwendigkeit seines Kriegs genannt hat, doch nie, er wolle dem Irak das Christentum bringen, muss es sich eher um einen immanenten, quasi säkularisierten Fundamentalismus handeln. Bloss: Was heisst das?

So wie ein transzendenter Fundamentalismus einen Glaubensinhalt als unabänderlich dogmatisiert, dogmatisiert ein immanenter Fundamentalismus einen Wissensinhalt als unabänderlich. Er postuliert eine alleinseligmachende Sicht auf die Welt und eine alleinseligmachende Deutung dessen, was zu sehen ist. Er lässt, kurzum, nur noch eine legitime Kultur zu: die «westliche». Sind Bush und Konsorten deshalb derart ratlos, wenn sich nicht alle Leute, die sie «vom Bösen» befreien, auf der Stelle als Tellerwäscher jubelnd an den american way of life stellen?