Vom Verliechtensteinern

Irlands neue 65-Cents-Briefmarke ist dunkelblau und trägt den gälischen Schriftzug «Fáilte» für «Willkommen». Die Grafik zeigt als erhöhte hellblaue Scheibe die bisherigen Länder der EU und gelb jene Länder, die mit der EU-Ost-Erweiterung am 1. Mai neu dazugekommen sind. Ungefähr in der Mitte des Gebildes die ausgestanzte Schweiz – vertieft und dunkelblau wie die umliegenden Meere: La suisse n’existe plus.

Als ich am 8. Mai beim Morgenkaffee die Abbildung dieser Briefmarke im «Bund» betrachte, fällt mir wieder ein, dass der Schluss meiner Kolumne «Nach der Schweizer Literatur» («neue wege» 10/03) nichts getaugt hat und dass ich deshalb in dieser Frage werde nachsitzen müssen.

Im letzten Herbst habe ich im Anschluss an die Literaturkritikerin Pia Reinacher behauptet: «Dienten dem kritischen Patriotismus der ‘Schweizer Literatur’ ‘ewige Themen’ dazu, konkrete gesellschaftliche Realität zu fokussieren, fokussiert die neue Literatur vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Realität ‘ewige Themen’» – womit zum Beispiel Selbstwerdung, Liebe, Angst, Identität oder Tod gemeint waren. Statt nach dieser Behauptung der Frage nachzugehen, wie denn eine Synthese aus diesen beiden Literaturen aussehen könnte, schloss ich mit einer Verbeugung vor Peter Bichsels Satz «Ich bin ein schriftdeutscher Autor» – einer sympathischen Sentenz, die dem Diktat des Buchmarkts die Widerborstigkeit des ewigen Nonkonformisten entgegenstellt. Aber als Schluss meiner Kolumne taugte die Formulierung eben nichts. Ich blieb nicht nur die Skizzierung der Synthese schuldig, sondern auch die wirklichen Gründe, warum es hier und heute nötig ist, nach ihr zu fragen.

Aus folgenden Überlegungen bin ich in der Tat zunehmend der Meinung, dass es dringlich ist, nach einer Literatur nach der «Schweizer Literatur» zu fragen: Las ich in den letzten Jahren ab und zu einen Artikel über das Fürstentum Liechtenstein, über seinen Verfassungsstreit oder über seinen religiösen Führer, fragte ich mich regelmässig, wie man solcherlei überhaupt ernst nehmen könne: Ein Fürst, der sein Volk damit erpresst, nach Wien ins politische Exil zu gehen, falls dieses seinen 18.-Jahrhundert-Absolutismus nicht an der Urne gutheisse. Ein Erzbischof, für den sogar die metaphysische Verklärung solchen Schwachsinns noch eine fortschrittliche Tat wäre. Nein wirklich, man stelle sich Intellektuelle vor, die im Ernst behaupten würden, «Liechtensteiner Literatur» zu machen mit der Begründung, auch in diesem konkreten Hier und Heute sei es wichtig, dass der Widerspruch nicht verstumme. Gebietet nicht die Selbstachtung, Leute, die der Konsolidierung der eigenen Pfründen noch das kleine Einmaleins der Aufklärung opfern, schweigend zu verachten?

Aber bin ich gegenüber der Schweiz nicht auf dem gleichen Auge blind? Eine Presse, die unisono «Juhui» ruft, wenn das eigene Land bei den Bilateralen Verhandlungen sein Bankgeheimnis erfolgreich verteidigt und so als Hehler weiterhin ungestört Gelder jeden Geruchs horten und vermehren kann. Banken, die in den gleichen Tagen – man möchte sagen: logischerweise – die besten Quartalsabschlüsse ihrer Geschichte bekannt geben. Ein Parlament, das ein Steuerpaket vorlegt, das schliesslich landesweit ausschliesslich in den drei Bezirken der Reichsten und Reaktionärsten des Landes eine Mehrheit findet. Und ein Volk, das ein solches Parlament gewählt hat, nachdem es seit Menschengedenken von der «Schweizer Literatur» aufgeklärt worden ist. Nein wirklich, man stelle sich Intellektuelle vor, die im Ernst behaupteten, «Schweizer Literatur» zu machen, weil es auch in diesem konkreten Hier und Heute wichtig sei, den Widerspruch auszusprechen. Gebietet nicht auch hier die Selbstachtung zu schweigen – in diesem Land, in dem noch die sozialsten Errungenschaften nach dem Geld riechen, das eigentlich den Armen rund um den Erdball gehören würde, und mit denen man dafür in den Sonntagspredigten unverbrüchlich solidarisch ist, solangs nichts kostet?

«Schweizer Literatur» spiegelt eine korrumpierte Gesellschaft und ist selbst korrumpiert dadurch, dass sie die Voraussetzungen tabuisiert, die ihr ermöglichen, eine Weltsicht ironisch verbrochener Beliebigkeit zu zelebrieren, die in ihrer Abgehobenheit von mehr als 95 Prozent der Menschheit schlicht nicht nachvollzogen werden könnte.

Obschon behaftbare Verbindlichkeit in einem nicht-innerlichen Sinn also Not täte, gibt es keinen Weg zurück zum «kritischen Patriotismus», der nicht einmal eurozentrisch war, sondern häufig genug auf die Deutschschweiz beschränkt blieb. Insofern ist der Versuch, statt der Schweiz «ewige Themen» in den Fokus zu bekommen, ein verständlicher Akt der Notwehr: Notwehr gegen die Zumutung, in der Schweiz jene literarische Opposition weiter spielen zu sollen, die spätestens Anfang der neunziger Jahre untergegangen ist. Unterdessen ist in diesem Land nicht nur die Opposition des kritischen Patriotismus, sondern überhaupt jede obsolet geworden.

Zwar nehmen die sozialpolitischen Verteilkämpfe vermutlich tatsächlich zu. Aber die Zuspitzung von politischer Dramaturgie und Rhetorik hat vor allem mit dem Kampf um die Hegemonie innerhalb des Bürgertums und mit der krisengeschüttelten Medienbranche zu tun, die mit grellgekämmten Widersprüchen Kundschaft wirbt. Denn wahr ist auch und vor allem, dass in diesem Land eine fundamentale Einigkeit herrscht darüber, dass das Privilegium, hier zu leben, dann am besten geschützt ist, wenn sich weiterhin möglichst wenig ändert. Das Tabu, dass noch arm zu sein in der Schweiz angenehmer ist als anderswo, ist stärker als jede denkbare Opposition. Die Schweiz ist deshalb nicht nur versteinert, sondern verliechtensteinert. 

Genau dies macht eine Literatur nach der «Schweizer Literatur» notwendig. Vielleicht hat im August 1998 der Schriftsteller Jörg Steiner auch das gemeint, als er sich mir gegenüber im Gespräch in Biel dagegen wehrte, ein «Schweizer Autor» zu sein: «Ich bin ein deutschsprachiger Autor aus der Schweiz», sagte er. In dieser Antwort liegt zweifellos eine grosse Befreiung von Ansprüchen, die man aus guten Gründen verweigern muss. Aber: Was bedeutet seine Formulierung für die literarische Arbeit? Steckt darin implizit, dass als Bezugsrahmen, den das Nationale nicht mehr bietet, die deutsche Sprache treten soll – die Befehlssprache von Auschwitz, an der Paul Celan verzweifelt ist? die Befehlssprache des Milliardärs, den die offizielle Schweiz zum obersten Gesetzeshüter gemacht hat?

Literatur nach der «Schweizer Literatur» müsste eine der doppelten Unbehaustheit sein – ohne nationalen Bezugsrahmen und ohne eigene Sprache. Was aber könnte das heissen? Ich werde wieder nachsitzen müssen. Für weiteres vorderhand ein Motto: «So komm! (…) dass ein Eigenes wir suchen, soweit es auch ist» (Hölderlin).