Nach der Schweizer Literatur

 

 

BÄRNER SCHRIFTSTEUERVEREIN

wo der sime gfeuer no
wo der sime gfeuer no
wo der bauzli no
wo der bauzli no
wo der gotthäuf no
wo der gotthäuf no
wo der liebgott no
wo der liebgott no
aber hütt
aber hütt

(Ernst Eggimann, 1968)

Um sich und den 125. Geburtstag des «helvetischen Nationaldichters» Robert Walser zu feiern, haben Mitte April im Zürcher Schauspielhaus neun literarisierende Männer, deren «Durchschnittsalter weit ins  Pensionistische reicht», eine Matinee gegeben, berichtet die Literaturkritikerin Pia Reinacher. Es seien zur Hauptsache Vertreter der «68er Generation» gewesen, die nach wie vor «die öffentlichen Posten» besetzten und als Szene ein «(männliches) Rentner-Selbstergänzungssystem» bildeten. Der Anlass sei «symptomatisch» gewesen «für den Zustand der Schweizer Literatur» («Tages-Anzeiger», 23.8.2003).

Ach ja, diese

SCHWIZZER LITERATUR

wo dr otti wauter no
wo dr hilty no
wo frisch u dürematt no
gseit hei wo dr liebgott hocket
aber hüt

Schon sagt die Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff: «Hält man radikal am genuinen Zusammenhang von literarischem Text und ästhetischem Verfahren fest, so liegt es auf der Hand zu sagen, dass es eine ‘Schweizer Literatur’ nicht geben kann.» («CH-Lit», 10/03)

Hat sie nicht recht? War «Schweizer Literatur» nicht schon immer vor allem ein protektionistisches Label für eine jammernde Branche, wie «Schweizer Käse» auch? Und ist sie darüber hinaus nicht am ehesten jener «kritische Patriotismus» der Deutschschweizer Literatur, der – so der Literaturwissenschaftler Peter von Matt – bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts darin bestanden habe zu meinen, «Schriftsteller sein heisse, die Denkschablonen der vaterländischen Festredner [zu] attackieren und der ‘guten Schweiz’ den Spiegel der ‘bösen’ vorzuhalten»?

Dieser kritische Patriotismus in der «Schweizer Literatur» bestand aus Ideologiekritik und dem Leiden an der eigenen Identität. Nicht nur Max Frischs Protagonist hat gesagt «Ich bin nicht Stiller.» Der schweizerischste aller «Schweizer Schriftsteller» hat in seinen öffentlichen Statements ein Leben lang den Satz «Ich bin nicht Bichsel» mitgemeint. Er half, die «Gruppe Olten» zu gründen, und bezeichnete sie letzthin trotzdem als «lächerlichen Lotterhaufen». Er war als Ghostwriter von Bundesrat Willy Ritschard einer der SP-Chefideologen, redet aber im Bezug auf diese Partei trotzdem am liebsten über den Parteiaustritt. Und als Verfasser von «Des Schweizers Schweiz» behauptet er nun, «ein schriftdeutscher Autor» und im übrigen beleidigt zu sein, wenn man ihn «im Zusammenhang mit meinem Lesen und Schreiben als Schweizer bezeichnet» (NZZ, 16./17.8.2003). Bichsels Leiden besteht darin, grundsätzlich nicht mit dem identifiziert werden zu wollen, was er ist. Das eben ist das Leiden der «Schweizer Literatur».

Heute gibt es eine Literatur nach der «Schweizer Literatur». Ihre ProtagnistInnen leiden umgekehrt, indem sie sich grundsätzlich mit dem identifizieren, was sie nicht sind – wenn es sein muss als literarische Schiessbudenfiguren von Frank- bis Klagenfurt. Statt als Partner der Öffentlichkeit national zur Kenntnis genommen zu werden, wollen sie international anerkannt und im eigenen Land als Privatpersonen in Ruhe gelassen werden. Der Lyriker Raphael Urweider sagt, der gesellschaftspolitisch intervenierende Auftritt, den führende Schriftsteller und Schriftstellerinnen bis weit in die achtziger Jahre hinein als ihre Pflicht betrachteten, beruhe auf «Selbstüberschätzung»: «Das einzige, worüber ein Autor Aussagen machen kann, ist die Welt, die er entwirft, nicht die sogenannt richtige oder reale Welt. In dieser Welt ist er genau so ein Mitspieler wie alle anderen. (…) Er kann keine Wahrheiten darüber sagen, wie die Welt ist oder wie sie sein sollte.» (WoZ 22/00) Sind die Säulenheiligen der «Schweizer Literatur» also nichts als AHV-Rowdies, die sich selber überschätzen? Und die Klage über Enge, Randständigkeit und Aussenseitertum nichts als ein gehätscheltes Ressentiment von erfolglosen Kleingewerblern? Heute jedenfalls produzieren toughe Berufsleute clevere Texte und wollen dabei nicht gestört werden.

Diese neuen Texte haben selbstverständlich neue Anliegen. «Nicht mehr die Schweiz und der kritische Vaterlandsdiskurs» treibe die jungen AutorInnen um, sagt Pia Reinacher, «sondern sie wenden sich den ewigen Themen zu: Selbstwerdung, Liebe, Angst, Identität, Tod.» Ein Paradigmenwechsel also: Dienten der «Schweizer Literatur» «ewige Themen» dazu, konkrete gesellschaftliche Realität zu fokussieren, fokussiert die neue Literatur vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Realität «ewige Themen».

Nicht dass solche Literatur nicht handwerklich gediegen, formal kunstvoll und inhaltlich anregend sein könnte. Aber sie verabschiedet sich tendenziell vom konkreten Hier und Jetzt. Sind aber AutorInnen als Intellektuelle nicht Berufsleute, die es als ihre Aufgabe betrachten müssten, im Hier und Jetzt handelnd einzugreifen, indem sie genau das auf den Begriff bringen, was aus ihrer Sicht Not tut? Eine neue, literarisch aktive Generation von Intellektuellen scheint der Meinung zu sein, nicht mehr das Reden über die konkrete gesellschaftliche Realität, sondern jenes über «ewige Werte» tue hier und jetzt Not.

Der Literaturwissenschaftler Reto Sorg sieht das positiv: «Literatur wird nicht unpolitisch, wenn die nationale Kategorie verschwindet. Man kann Literatur als nationales oder gesellschaftliches Gedächtnis lesen, auch wenn die Themen nicht in diese Richtung abgehandelt sind.» (WoZ 40/03) Setzt am Ende erst die Literatur nach der «Schweizer Literatur» das Postulat der 68er Generation wirklich um, das Private sei politisch?

Aber andererseits: Was bedeutet es, wenn Leute, die den Anspruch haben, öffentlich mitzureden, ihre staatsbürgerliche Identität zur Privatsache erklären? Was heisst das, wenn die Öffentlichkeit nicht mehr als Partner gesehen, sondern ignoriert wird, solange man sie nicht als Markt für die eigene Ware braucht? Macht eine solche Literatur wirklich das Private politisch, oder macht sie das Politische privat? Und wozu braucht es heute gegenüber dem Markt deutschsprachiger Bücher mehr Mut: zum Versuch, sich als quasi-virtuellen Star zu inszenieren, der unfassbar floatet zwischen dem Hier und dem Irgendwo, dem Jetzt und dem Ewigen – oder zur trotzigen mittelländischen Behauptung: «Ich bin ein schriftdeutscher Autor»? 

Zur Antithese dieser Behauptung vgl. «Vom Verliechtensteinern».