Zwei Jahrestage

Am 21. September letzthin waren es fünfundzwanzig Jahre, dass der Schriftsteller Walter Vogt 61jährig gestorben ist. An diesem Tag fand im Kulturzentrum Progr in Bern eine Gedenkveranstaltung unter dem Titel «Begegnungen mit Walter Vogt» statt. Neben Beatrice Eichmann-Leutenegger, Doris Halter, Markus Hediger, Guy Krneta und Charles Linsmayer habe auch ich einen Beitrag vorgelesen und an meine Begegnung mit Vogt erinnert, die eine zwischen einem Patienten mit seinem Psychiater gewesen ist. Ich las die Reportage «Auch ich bin verrückt» vor, die Ende Juli 2002 anlässlich von Vogts 75. Geburtstag in der WoZ veröffentlicht worden ist.

Aus Anlass dieser Veranstaltung habe ich mich entschlossen, die Reportage auf dieser Homepage mit einem Kommentar zu versehen und diesen zum einen mit der autobiografischen Skizze zu verlinken, die Vogt mich damals zu schreiben hiess und zum anderen mit Vogts psychiatrischem Gutachten. Grund für diese Verlinkung ist aus meiner Sicht nicht der «extreme Narzissmus», den mir Vogt damals attestiert hat, sondern die Tatsache, dass laut seiner Witwe Lisbeth ihr Mann verschiedentlich gesagt habe, seine Gutachten seien wohl das Beste, was er schreibe. Diese Militärgutachten – es sind mehrere hundert – liegen heute in seinem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv und sind dort aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen gesperrt noch auf Jahrzehnte hinaus. Mein hier präsentiertes Gutachten ist deshalb vorderhand das einzige, das Vogts eigene Einschätzung seiner Gutachtertätigkeit illustriert.

Ein Tag später, am 22. September, waren es zwanzig Jahre, dass sich Niklaus Meienberg umgebracht hat. Meine vor zehn Jahren veröffentlichten Erinnerungen an ihn sind bei dieser Gelegenheit in der «Medienwoche» wiederveröffentlicht worden.

Erinnern möchte ich heute an eine Episode, die bald dreissig Jahre zurück liegt. Im Winter 1983/84 war die WoZ Plattform einer Auseinandersetzung um literarische Abbildung, die unter dem Titel «Vorschlag zur Unversöhnlichkeit. Realismusdebatte 1983/84» auch als Broschüre veröffentlicht worden ist. Ausgangspunkt der Auseinandersetzung war Meienbergs «Subrealismus»-Vorwurf an die Adresse von Otto F. Walter am Beispiel seines damals eben erschienenen Romans «Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht».

Den Abschluss und Höhepunkt dieser Debatte bildete ein Gespräch der beiden Kontrahenten auf der WoZ-Redaktion, das Lotta Suter und ich gemeinsam leiteten. In diesem Gespräch kam die Rede auch auf die Figur des Blumer in Walters Roman «Die Verwilderung». (1977). Das reale Vorbild dieser Figur war Meienberg. Dass Blumer in diesem Roman Selbstmord begeht, hat Meienberg damals im Gespräch so kommentiert: «Ich bin nicht einmal mehr frei, Selbstmord zu machen. Sonst würde es heissen, jetzt ist doch noch eingetroffen, was der Otti einmal vorausgesagt hat. Diesen Gefallen werde ich Dir nicht machen.» Meienberg hat Walter diesen Gefallen dann doch gemacht: Walter starb ein Jahr nach Meienberg (am 24. September 1994) und hat den «Subrealismus»-Vorwurf an der Blumer-Figur noch zur Prophezeiung werden sehen. (Für den Hinweis auf Meienbergs Zitat danke ich Liliane Rihs, 1.10.2013)