Wortwechsel mit Constantin Seibt

Zurzeit ist der «Tages-Anzeiger»-Reporter Constantin Seibt zu Recht im Gespräch mit seinem Buch «Deadline», seiner Sammlung von Einträgen auf dem gleichnamigen Blog der «Tages-Anzeiger»-Website.

Der Blog-Eintrag vom 1. November 2013 – wohl später ein Stück für sein nächstes Buch – trägt den Titel «Nachrichten sind nichts mehr wert. Eröffnen wir einen Salon!» Darin konstatiert er in der journalistischen Branche Orientierungslosigkeit als intellektuelle Krise und fordert: « Es wird Zeit, dass die Zeitung etwas wieder eröffnet, was an ihrer Wiege stand: den Salon des 18. Jahrhunderts.» Als heutige Salons, schreibt er, eigneten sich die Zeitungen, weil sie «sowohl genug wie auch genug wenig Prestige» hätten, als Gastgeber einen Salon zu führen; die «Gastgeber der bedeutendsten Salons» seien ja «nie die Mächtigen» gewesen. Da ich der Meinung bin, Zeitungen – und implizit gar das Flagschiff der Tamedia AG – seien vieles, aber sicher nicht die Salons für eine Aufklärung des 21. Jahrhunderts, habe ich einen Kommentar zu Seibts Eintrag verfasst. Daraus hat sich folgender Wortwechsel ergeben:

Fredi Lerch (1. November 2013 um 17.59)

Zwei Gegenargumente gegen die Idee, Zeitungen zu «Salons» zu machen. 1) Salons im 18. Jahrhundert waren subkulturell. Sie bildeten (bürgerlich)-aufklärerische Nischen in einer feudalen Welt. Zeitungen unter dem heutigen ökonomischen Druck können es sich nicht leisten, solche Nischen zu sein. 2) In den Salons trafen sich Gleiche unter Gleichen, die ihre ökonomische Situation privat geregelt hatten. Auch der Zeitungssalon mit bezahlter Moderation müsste gratis kommunizierende «Gleiche» suchen. Faktisch läuft das auf eine Refeudalisierung der gedruckten Öffentlichkeit hinaus.

Constantin Seibt (2. November 2013 um 3.04) 


Wer sich refeudalisiert, ist ja die ganze Gesellschaft. Die Frage ist, wer die Nischen organisiert. Sicher, Zeitungen haben den Nachteil, kommerzielle Nebeninteressen zu haben. Aber wer sonst sollte es tun?


Fredi Lerch (2. November 2013 um 11.00)

Ja, wer? Wir haben ja beide seinerzeit als genossenschaftliche Miteigentümer für die WochenZeitung gearbeitet in der Überzeugung, die Voraussetzung für eine Nische («Salon») sei die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel als Voraussetzung für redaktionelle Freiheit, womit wir meinten: Redefreiheit im öffentlichen Raum. Und jetzt nennst Du mir die «kommerziellen Nebeninteressen» der Zeitungen (Du meinst jene, die wir früher noch als «bürgerliche» bezeichnet hätten) als quantité négligeable einer emanzipativen Publizistik. Ich finde es schade, dass Du recht hast.


Constantin Seibt (3. November 2013 um 19.16)

Hauptunterschied zwischen einem Kollektiv wie der WoZ und einer traditionellen Zeitung wie dem Tages-Anzeiger ist weniger das, was man in einem Artikel schreiben kann. Da ist viel möglich. Es ist vor allem der interne Einfluss: in der WoZ ist jeder zu einem 50stel Verleger und zu einem 30stel Chefredakteur. Das heisst, man ist für allen Unfug in der Zeitung schuldig. Entweder, weil man ihn nicht verhinderte. Oder noch schlimmer, weil man ihn durchdrückte. Im Tages-Anzeiger ist man an nichts als an den eigenen Artikeln schuld. Erstaunlicherweise ist das Erstere das weit bessere Gefühl.

Fredi Lerch (5. November 2013 um 10.44)

Du hast mit Deiner Analyse sicher recht. Arbeitsteiligkeit bewirkt Komplexitätsreduktion. Keine unternehmerische Verantwortung zu haben, lockert das Mundwerk (solang’s dem Unternehmen dient). Oder, mit Blick auf Deine Arbeit: die Dialektik der kapitalistischen Widersprüche kann gute Texte generieren (richtig schlecht hast Du allerdings auch in der WOZ nicht geschrieben). Was ich nächstens wieder einmal nachlesen werde: Was ist der Unterschied zwischen einem «clerc» (Julien Benda) und einem «organischen Intellektuellen» (Antonio Gramsci)? In der Schweiz sicher: die Höhe des Lohns. Aber sonst?


Constantin Seibt (5. November 2013, 18.34)

Oh, dann hab ichs missverständlich geschrieben: Ich glaub nicht, dass man in der WoZ wegen der Selbstverwaltung schlechter schreibt als im Tages-Anzeiger. Der einzige Unterschied ist: In einem oppositionellen Nischenmedium muss man einiges drastischer als im Mainstream-Blatt schreiben, um gehört zu werden. In der WoZ braucht es einen Fluch, im Tages-Anzeiger muss man für dieselbe Wirkung die Augenbraue heben.
Was ich meinte war: Im Tages-Anzeiger kann man nur einen Arm bewegen: den, um seine Artikel zu schreiben. In der WoZ zwei: um zu schreiben und um den Laden selbst durch gelungene oder weniger gelungene Projekte zu verändern. Und in diesem abgetrennten Arm spüre ich Phantomschmerz.

Fredi Lerch (7. November 9.10)

Phantomschmerz nach dem verlorenen Paradies? Die WOZ war für mich stets mehr als eine Zeitung, nämlich ein kulturpolitisches Projekt. Aber ein Paradies war sie nie. – Um auf Deinen Vorschlag der Zeitung als «Salon» zurückzukommen: Ich bin überzeugt, dass Du für die Gründung eines Salons, der im besten Fall emanzipativ wirken würde, beide Arme brauchst. Eigentlich ist es ja nicht so, dass Dir ein Arm amputiert worden ist, sondern: Du hast Dich überzeugen lassen, Deinen zweiten Arm nicht mehr zu brauchen. Muskeln können auch weh tun, wenn man sie zu wenig braucht.

Constantin Seibt (7. November 10.02)

Richtig, ich erinnere mich: Für mich war die WoZ nie ein kulturpolitisches Projekt. Sie war eine Zeitung.

Fredi Lerch (7. November 11.00)

Ich bin irritiert: Wozu hast du denn auf der WOZ den Arm gebraucht, in dem du jetzt die Phantomschmerzen spürst?

In seiner unergründlichen Weisheit hat Constantin Seibt an dieser Stelle zu schweigen beliebt. Sein Buch lese ich im Moment übrigens mit Vergnügen und schmunzle pro Seite sicher einmal. Laut herausgelacht habe ich allerdings bisher bloss auf Seite 67: «Das Schreiben eines Textes ist ein Massaker an all seinen Varianten. Kein Wunder, dass viele Journalisten den Redaktionsschluss brauchen. Und die Drohungen des Schlussredakteurs. Denn mit der Pistole im Nacken…» Warum ich gelacht habe? Ich war auf der WoZ häufig der «Schlussredakteur» jener Seite, auf der seit 1997 auch Seibts Kolumne («Monster») gedruckt wurde. Wir sind bei dieser Zusammenarbeit definitiv keine Freunde geworden, und ich könnte fast wetten, bei der Formulierung «mit der Pistole im Nacken» hat er auch ein bisschen an mich gedacht.

Selbstverständlich ehrt mich das. Denn ich bin – nicht erst seit dem neuen Buch – der Meinung, Seibt sei heute einer der wirklich bedeutenden Literaten der Deutschschweiz. Zwar ist mir bekannt, dass man ihn zurzeit für einen der originellsten Journalisten hierzulande hält. Aber das beweist nur, dass der Erfolg auch in diesem Fall auf einem Missverständnis beruht. (1.12.2013)

Nachtrag

Am 6. Dezember 2013 hat Seibt auf seinem Blog unter dem Titel «Grosse Operationen» ein Kapitel aus der Geschichte der WOZ aus seiner Sicht veröffentlicht. Ein lesenswerter Beitrag, der auch die Frage beantwortet, wozu er dort seinen zweiten Arm gebraucht hat. (9.12.2013)