Ruderregatta ohne Idiot im Boot

Vom 8. bis zum 16. März 2014 fand an der Buchmesse in Leipzig mit siebzig Verlagen und achtzig AutorInnen der «Auftritt Schweiz» statt. Die mittelländische Presse war begeistert: «Porträt eines offenen Landes» (NZZ am Sonntag, 16.3.); «Die Charme-Offensive in Leipzig ist geglückt» (Berner Zeitung, 17.3.) und – mit feinem Hintersinn: «Mit viel Schwung das Publikum aufs Kreuz gelegt» (Bund/Tages-Anzeiger, 17.3.). Einen Monat nachdem am 9. Februar die SVP-«Masseneinwanderungsinitiative» mit 50,3 Prozent angenommen worden war, inszenierte sich die belletristische Elite als jene Schweiz, die es zwar nicht gibt, aber, wie man hofft, vom Publikum gewünscht wird.

Der Präsident der Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS), Raphael Urweider, zum Beispiel propagierte eine Ansteckplakette mit der Aufschrift: «Wir reissen das Ruder wieder rum, Ihre 49,7 %». Dass er mit dieser Parole im Boot der neoliberalen Globalisierungsgewinner mitrudert, konnte er als Meister der kurzen Form verständlicherweise nicht auch noch auf die Plakette schreiben.

Der Autor Peter Stamm plauderte im SRF-«Echo der Zeit» (14.3.), er komme eben von einem Podiumsgespräch, bei dem er mit Adolf Muschg aufgetreten sei (Namedropping ist ganz allgemein eine nicht zu unterschätzende Form der Kurzprosa). Muschg habe sich, so Stamm, ob der Leipziger Schweiz-Begeisterung darüber beklagt, dass die Deutschen einfach ein «positives Vorurteil» gegenüber der Schweiz hätten, das «nicht wegzubringen» sei. Tatsächlich, was ist von einem Publikum zu halten, bei dem das Fremdschämen unseres Goldküstenkassandro statt Heulen und Zähneklappern bloss ein höfliches Lächeln hervorruft?

Peter von Matt, der akademisch gefederte Grossinquisitor der Eingeborenenpublizistik, verlautbarte seinerseits gegenüber Iljoma Mangold, dem Literaturchef der Hamburger Wochenzeitung «Zeit», es gebe in der Schweiz wie in jeder Gesellschaft «dreissig Prozent Idioten», und die seien für die «aktuellen Animositäten» verantwortlich – insbesondere, heisst das ja wohl, für die 50,3 Prozent (Bund/TA 17.3.2014).

Höhepunkt des «Auftritts Schweiz», da ist sich die Berichterstattung einig, war die Ansprache des schweizerischen Kulturministers Bundesrat Alain Berset im Gewandhaus. Nach allem, was man liest, hat er das gekonnt formulierte Statement seines Ghoastwriters publikumswirksam vorgetragen. Insbesondere sprach er zum Schluss folgendes grosses Wort gelassen aus: «Literatur ist der natürliche Feind der Schlagworte, Literatur ist Anti-PR.» Klar: Vielleicht wäre es vorsichtiger gewesen zu sagen, Literatur versuche immer wieder, «Feind der Schlagworte» zu sein – nicht selten sind die LiteratInnen ja jene, die besser schreiben als denken. Und das Wort «natürlich» hätte Berset streichen können: Ideologieproduktion und -kritik finden seit einigen Jahrtausenden nicht mehr im Dschungel statt. Aber zweifellos hat der Sozialdemokrat mit dieser Sentenz einen hehren utopischen Anspruch jeder literarischen Anstrengung in Erinnerung gerufen.

Allerdings: Wem und wozu? Nach der SVP-Initiative ist Berset selbstverständlich nach Leipzig gereist, um PR zu machen. Die Botschaft war: Bilaterale Nibelungentreue trotz rechtsnationalen Idioten. Standortmarketing für den Sonderfall Schweiz demnach. Und ebenso selbstverständlich war in dieser Situation der Subtext seines Statements eine autoritative Ermunterung an die anwesenden Schweizer AutorInnen, alles, was man sie in Leipzig öffentlich sagen lasse, bitteschön in den Dienst dieser PR zu stellen – treu nach der altlinken Devise (war’s Greulich, Grimm oder Hubacher?): Der Schein bestimmt das Bewusstsein.

Dergestalt an den Ernstfall erinnert, beförderten die Autoren und Autorinnen den «Auftritt Schweiz» tatsächlich zum vollen Erfolg. Europa nahm zur Kenntnis: Die richtige Schweiz ist zwar nicht mehrheitsfähig, aber immerhin europakompatibel. «Einen Schweizer», attestierte der deutsche Journalist Olaf Schmidt denn auch bewundernd, «der für die Zuzugsbeschränkung gestimmt hätte, suchte man auf der Messe vergebens.» (BZ, 17.3.) Kunststück: Der Walliser Prosaist Oskar Freysinger hatte anderes zu tun als nach Leipzig zu fahren.

Als treuer Konsument der hiesigen Literaturproduktion habe ich in diesen Tagen aufrichtig mitgefiebert. Immerhin ging es für die LiteratInnen um den Zugang zum deutschen Buchmarkt, ohne den die Schreibarbeit eine Feierabendbeschäftigung bleibt. Der freundliche Herr in der Präambel der schweizerischen Bundesverfassung geb’s, dass es all den KleingewerblerInnen gelungen sei, mit ihrem vorgeturnten Ruder-Rumreissen die deutschen Verlage soweit zu überzeugen, dass sie mit den Verträgen heimreisten, wegen denen sie ja eigentlich nach Leipzig gefahren sind. (1.4.2014)