Lilly Keller. Künstlerin.

Auf dem Papier wird sie zwar 85, aber sie bewegt sich wie eine 50-Jährige und wenn sie denkt und spricht, wird sie noch jünger. Sie ist Künstlerin, sogar eine bedeutende. Kennengelernt haben wir uns im Mai 2011 in Grenchen. Sie richtete im dortigen Kunsthaus ihre Ausstellung «entre ciel et terre» ein; ich ging als Journalist vorbei, um für die WOZ rechtzeitig auf die Vernissage einen Bericht zu schreiben.

Im Gespräch erzählte sie mir damals von ihren beiden Wohnsitzen und davon, dass sie jenen in Montet (VD) verkaufen und in den geerbten und seither ausgebauten Pferdestall im Zentrum von Thusis (GR) ziehen wolle. Nach der Veröffentlichung des WOZ-Berichts habe ich sie angerufen und gefragt, ob sie daran interessiert sei, dass ich die Phase ihres Umzugs als Journalist begleite im Hinblick auf eine Publikation.

Seither haben wir uns gut drei Dutzend mal zu stundenlangen Gesprächen getroffen, meistens in Montet, ein paar Mal in Bern, zweimal jeweils für mehrere Tage in Thusis, einmal besuchten wir in Langenthal zusammen eine Ausstellung. Aus den vielen aufgezeichneten und transkribierten Gesprächen ist seither ein Text in fünf Kapiteln geworden, der den Titel trägt: «Ich, die grosse Neophytin». Das erste Kapitel beginnt so:

«Unter der Eingangstür steht Lilly Keller, die Hausherrin. Seit 1962 wohnt sie hier im    Weiler Montet ob Cudrefin in diesem alten Waadtländer Bauernhaus mit dem Namen ‘La Fenettaz’. Ein Wohnhaus mit Stall und Heustock aus dem frühen 19. Jahrhundert. Jetzt will sie Haus und Umschwung verkaufen und nach Thusis ziehen.

Das also ist Lilly Keller, die Künstlerin, deren Schicksal es geworden ist, zur blossen Weggefährtin jener verkleinert zu werden, die den internationalen Durchbruch nachhaltiger geschafft haben als sie: Meret Oppenheim, Daniel Spoerri, Jean Tinguely. Im Türrahmen aus massivem Sandstein begrüsst sie mit spontaner Herzlichkeit. Man ist gleich per du, als kennte man sich seit je. Irritierend ist allenfalls ihr Blick: fadengerade. Mit der Zeit lernt man diesen Blick lesen. Er sagt: Solange du mir mit deinem Panzer nicht in den Garten fährst, haben wir’s gut zusammen. Und im übrigen wirst du mich nie ganz durchschauen – nicht einmal dann, wenn du mich tatsächlich seit je gekannt hättest.»

Am 19. Februar wird Lilly Keller nun 85 Jahre alt. Der Text, den ich geschrieben habe, ist zwar bis auf Retouchen fertig, aber das geplante Buch wird zum Geburtstag nicht, wie ursprünglich gehofft, vorliegen. Im Moment ist die Verlagssuche im Gang.

Dafür erscheint rechtzeitig zum Geburtstag die erste Ausgabe der neuen Zeitschrift «klaviar» von Urs Hänsenberger und Carlo Laeri. Zu diesem Heft habe ich einen Aufsatz über Lilly Keller beigesteuert, um ihr auf diesem Weg für die letzten zweieinhalb Jahre zu danken: für die grossartige Einführung in ihr Werk und für alles, was ich in den Gesprächen von ihr gelernt habe. – Zum Beispiel, dass eine der wichtigsten Figuren der Weltliteratur ein Kind ist: jenes in Hans Christian Andersens Märchen «Des Kaisers neue Kleider». Tatsächlich: Was gibt es Wichtigeres als immer wieder laut und deutlich zu sagen: «Aber der Kaiser hat ja gar nichts an», wenn schon wieder so ein kaiserlicher Gockel nichts anhat? (Die Vernissage von «klaviar» № 1 findet am Samstag, 15. Februar, ab 15 Uhr in der Galerie «Komische Kunst.ch – Pfuschi cartoon» an der Spitalackerstrasse 74 in Bern statt.) (1.2.2014)