Konzil der Bettelmönche

Sonntag, 23. Februar 2014, Kino Kunstmuseum Bern: Im Rahmenprogramm zur Ausstellung «Warum Meienberg?», die zur Zeit in der Basisbibliothek Unitobler gezeigt wird, diskutiert Elio Pellin mit der früheren WoZ-Redaktorin Lotta Suter und dem Herausgeber und Publizisten Martin Zingg über den Realismusstreit, der im Winter 1983/84 insbesondere zwischen Niklaus Meienberg und Otto F. Walter aufgebrochen und in der WochenZeitung dokumentiert worden ist. Für mich als Autodidakt war in dieser Sache damals die redaktionelle Zusammenarbeit mit Lotta Suter ein bis heute wichtig gebliebenes Semester in Germanistik. (Überhaupt habe ich auf jener Redaktion von niemandem mehr gelernt als von ihr.)

Diesmal höre ich ihr allerdings nicht genau zu. Meine Gedanken schweifen bald einmal ab, und ich frage mich, warum ich mich damals mit Leib und Seele für die Frage interessiert habe, wann Texte «realistisch» und wann «subrealistisch» seien und wie präzis ein Text dokumentarisch unterfuttert werden müsse, damit die darauf gepfropfte eigene Sicht der Dinge – ob in Form von Fiction oder Faction – nicht dem Meienberg’schen Verdikt des «Subrealismus» verfalle. Kein Zweifel: Ich hielt diese Diskussion aus literaturpolitischen Gründen für zentral, denn für mich war damals wichtig, Kriterien zu haben, um qualitativ gute, weil relevante Texte von gymnasialen Schönschreibübungen und artistischem Geschwätz unterscheiden zu können.

Nun sitze ich in diesem Kinosessel und sehe – statt zuzuhören – die Fragen sich türmen, die eigentlich alle als beantwortet vorausgesetzt oder aufgrund eines unerschütterlichen Glaubens ignoriert werden müssen, bevor man überhaupt darüber reden kann, was ein «realistischer» Text sein könnte.

• Das erste Fragenuniversum betrifft die Erkennbarkeit der Welt mit meinen Sinnesorganen (und in meiner gesellschaftlichen Position). Die Philosophie handelt solche Fragen seit je unter dem Begriff der «Erkenntnistheorie» ab. Wer realistische von subrealistischen Texten zu scheiden weiss, muss hier die Antwort kennen und ungefähr sagen: Ich als Mensch bin fähig, die Welt objektiv zu erkennen. Der Rest ist eine Frage jener Darstellungsmethode, die ich für realistisch halte.

• Das zweite Fragenuniversum betrifft die Umsetzung des einmal erkannten Stücks Welt in das Medium der Sprache. Auch auf die sprachphilosophischen Fragen, die sich daraus ergeben, muss eine Antwort haben, wer realistische von subrealistischen Texten zu scheiden weiss. Sagen wird er etwa: Wenn es darum geht, die eigene Erkenntnis der objektiven Welt zu reproduzieren, ist die Sprache, die mir hier und heute zur Verfügung steht, ein verlässlicher Spiegel.

• Und dann gäbe es noch die Frage, woher jemand die Gewissheit nehmen kann, dass das, was er – ob hart recherchiert oder wild fiktioniert – niederschreibt, von öffentlicher Relevanz sei. Woher nahm der Journalist Meienberg die Antwort? Und woher der Schriftsteller Walter?

Als ich wieder nach aussen höre, erzählt Lotta Suter eben, wie die beiden Kontrahenten im April 1984 auf die WoZ-Redaktion gekommen sind, um ihre Debatte mit einem Disput zu beschliessen, der danach transkribiert und veröffentlicht werden sollte. Damals seien auf dem Tisch neben Bier und Knabberzeug auch zwei Flaschen Rotwein gestanden, die mit «Patriarche» angeschrieben gewesen seien. So war das tatsächlich, ich erinnere mich. Ist es am Ende so, dass ich damals einem kleinen Konzil Bettelmönche beigewohnte, die sich bei einem Becher ziemlich billigen Rotweins sehr integer, sehr idealistisch und sehr leidenschaftlich mit den je eigenen Erfahrungen ihres tätigen Glaubens gegenseitig zu überzeugen versuchten?

Wie stark mir doch der Glaube jenes Bettelordens in den letzten dreissig Jahren abhanden gekommen ist! Wenn mir jemand sagen würde, ihm sei es möglich, «objektiv» zu erkennen, würde ich ihn auslachen; dass die Sprache für «realistische» Texte ein verlässlicher Spiegel sei, glaube ich längst nicht mehr; und wie soll ich wissen, ob das, was ich sage, von öffentlicher Relevanz ist?

«Realistische» Texte? Texte sind, was sie sind: eine mit einer bestimmten Absicht angefertigte Reihung von Wörtern. Diese implizite Absicht hinter dem Text ist, behaupte ich, das einzig Realistische an ihm.

Ich wüsste eine Frage, die ich Walter und Meienberg heute gerne stellen würde. Vorausgesetzt, man hat tatsächlich den Anspruch, hart recherchierte oder meinetwegen wild fiktionierte Texte von öffentlicher Relevanz zu schreiben: Müsste man sich dann nicht als erstes aus dem Glaubenssumpf herausarbeiten, um den Blick frei zu bekommen für die Welt, wie sie (möglicherweise) ist? (1.3.2014)