Die Sache mit dem Fortschritt

Über Weihnachten habe ich ein Taschenbuch vom Büchergestell genommen, das mich seinerzeit begeistert hat. Und offenbar nicht nur mich. Im Impressum steht: «1. Auflage Oktober 1979; 3. Auflage Februar 1980: 101. bis 130. Tausend». Ein Bestseller von ehedem also. Dabei kein seichter Roman, kein knalliger Titel, und als Autor weder ein netter Phantasiename noch das Föteli von einem 23jährigen Model. Stattdessen ein sperriger Titel: «Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft». Was muss das für eine Welt gewesen sein, in der sich so etwas innert vier Monaten hunderttausend Mal verkauft hat.

Verfasst hat das Buch Erich Fromm (1900-1980), Psychoanalytiker und ein Theoretiker des «Freudomarxismus», zeitweise Mitarbeiter bei jenem «Thinktank» – wie man heute sagen würde –, der als «Frankfurter Schule» in die Geistesgeschichte eingegangen ist. Ein Linker also, und zwar einer, der unabhängig gedacht und gut geschrieben hat.

Ich habe die «Einführung» des Textes aufgeschlagen und bin schon über den ersten Satz gestolpert, die Verabschiedung «der grossen Verheissung unbegrenzten Fortschritts». Genau so könnte man auch heute ein aktuelles Sachbuch beginnen, dachte ich. Einige Zeilen weiter wird dann die damals noch mächtige kommunistische Welt verabschiedet. «Sozialismus und Kommunismus», heisst es da, «wandelten sich rasch von einer Bewegung, die eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen anstrebte, zu einer Kraft, die das Ideal eines bürgerlichen Lebens für alle aufrichtete: der universale Bourgeois als Mann und Frau der Zukunft.»

Ich kam ins Sinnieren. 1988 hatte ich als Journalist eine Reportage zu schreiben über die damals aktuelle Schliessung der Schoeller Textil AG in Derendingen. Ein Sekretär der Gewerkschaft Textil, Chemie, Papier (GTCP) führte mich durchs Dorf, unter anderem in die Bibliothek der örtlichen GTCP-Sektion. Sie war im Keller eines kleinen Blocks untergebracht. In langen Reihen standen da theoretische Werke von Marx, Bebel und Kautsky neben Belletristischem von Dumas und Stendhal, von Upton Sinclair über Selma Lagerlöf zu B. Traven. Ehrwürdige Bücher aus den Jahren 1880 bis 1950. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist dann, auch das sah ich, nur noch weniges dazugekommen. Vor allem bunt bebilderte Reisebücher über kleinbürgerliche Ferienziele.

Wenn ich seither an den Untergang der schweizerischen «Arbeiterkultur» denke, denke ich zuerst an jene Bibliothek. Mit dieser Kultur ist aber auch anderes untergegangen: von der sozialdemokratischen AZ-Presse, zur Schweizerischen Arbeiterbildungszentrale bis zum Verband der Schweizerischen Produktivgenossenschaften. Den Schweizerischen Arbeiter-, Turn- und Sportverband SATUS oder die Jugendorganisation «Rote Falken» gibt es zwar noch, aber wie.

Den linken Träumern, die gegen das hereinbrechende Konsumparadies ein selbstbestimmtes Zusammenleben von solidarischen Lohnabhängigen beschworen, liefen nach 1945 die Leute davon. Statt einer eigenen Kultur wollten alle möglichst schnell den propagierten Wohlstand. Und unterdessen haben tatsächlich alle einen Fernseher. So können sie zuschauen, wie das selbst gewählte Parlament aus dem Sozialstaat (den die untergegangene Arbeiterbewegung erkämpft hat), sachzwangbegründet Gurkensalat macht.

Aber eigentlich soll man über den «universalen Bourgeois» nicht spotten. Denn immerhin träumt er bis heute einen respektablen Traum: «Leben erst alle in Reichtum und Komfort, dann [wird] jedermann schrankenlos glücklich sein.» So hat Fromm diesen Traum vor dreissig Jahre charakterisiert. Und seither war der Fortschritt ja gewaltig.