Theater als Utopie über den Tod hinaus

Zum Journal-B-Originalbeitrag.

Guy Krnetas neuer Roman heisst «D Perügge». Erschienen ist das Buch allerdings unter dem Titel «Die Perücke». Wer es öffnet, findet eingelegt einen Zettel mit einem Link zum «Gratis-Download des berndeutschen Originaltextes». Zweisprachigkeit ist nicht immer, aber immer wieder ein Thema, wenn Krneta ein neues Buch herausgibt. Journal B hat im Interview mit ihm über diese zweisprachige Publikationsweise gesprochen (siehe Zweittext unten).

Ein Leben für das Theater

Der neue Roman besteht aus 26 kurzen Kapiteln, in denen Krneta einen Ich-Erzähler aus seinem Leben berichten lässt. Zu Beginn hat der 22jährige eben sein Studium abgebrochen, sich an der Pforte des Stadttheaters gemeldet und dem Chefdramaturgen erklärt, dass er zum Theater will. Der kecke Auftritt hat Erfolg: Der junge Mann erhält eine Hospitanz.

So lernt er die 38jährige Dramaturgin Rike kennen, eine Kettenraucherin, die ganz für das Theater lebt: «Ussert Theater, han i dr Ydruck gha, git’s nüt i ihrem Läbe. Oder richtiger: Aus i ihrem Läbe het mit Theater z tüe gha.» Mit ihr entsteht bald eine intensive Arbeitsbeziehung. Erzählt wird von den zusammen erarbeiteten Projekten, den beglückend kreativen Phasen, den gemeinsamen Reisen zu Theatervisionierungen weit über die Landesgrenze hinaus, aber auch von schwierigen Zeiten, von Spannungen und Entfremdung – bis zu Rikes Tod, den sie fast verpasst, weil sie im Spitalbett mit dem Ich-Erzähler intensiv an der Umsetzung des Spitalalltags arbeitet  für ein neues, gemeinsames Stück.

Es ist sicher nicht ganz falsch, diesen Hauptstrang des Romans als Krnetas Hommage an die 2014 in Bern verstorbene Regisseurin, Künstlerin und politische Aktivistin Beatrix Bühler zu lesen.

Vom Dichter im Heim bis zur Frau auf der Brücke

Zwischen die Kapitel des Hauptstrangs schiebt Krneta solche, die zwei weiteren Textebenen angehören.

• Zum einen gibt es Porträts von Figuren, die im Roman keine weitere Funktion haben. Da ist zum Beispiel Marie-Luise Pfändler, die Schauspielerin, «di euteri Damen im Ensemble», von der er lernt, was Theater auch ist: «Dass mir bereit sy, für so viu Vrgänglechkeit üses Läbe z opfere.» Oder Tuan, der vietnamesische Schauspielschüler, der in einer Probe seine kindlichen Boat people-Erfahrungen in einer Art auf die Bühne bringt, dass der Ich-Erzähler schliesslich feststellt: «U we dä itz würd säge, är heig Päch gha, es gäb angeri, di heige Glück, di heigen überläbt, aber är ghör nid zu dene, är syg i däm Meer vrsoffe, i würd ihm’s gloube.» Oder Werner Bürki, der betagte Schriftsteller, der seit Jahren im Heim lebt und mehr sei «aus e bekannte Schriftschteuer: eine, wo d Usenandersetzig nid gschüücht het, e Mönsch mit Hautig.» Hat man Werner Bürki, geht einem beim Lesen durch den Kopf, bis vor einigen Jahren nicht in der Stadt antreffen können?

• Zum anderen wird über mehrere eingeschobene Kapitel die berührende Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die Esther heisst und die Freundin des 22jährigen Theaterhospitanten ist. Die Beziehung ist schon zu Beginn am Ende, weil Esther nicht mehr leben will. Der Ich-Erzähler kämpft um sie, kann aber nicht verhindern, dass die Frau verschwindet. Später wird klar, dass sie – intensiv Tagebuch führend – nach Spanien trampt, das Tagebuch schliesslich in ein Couvert steckt, ihrem ehemaligen Freund in der Schweiz zuschickt und im südspanischen Ronda von einer fast hundert Meter hohe Brücke springt. Einer der letzten Tagebucheinträge lautet: «Vergebt mir. Ich habe es versucht. All die Wärme, das Gefühl, das Brauchbare in mir, nehmt es auf, lebt es weiter. Dann hat mein Leben einen Sinn gehabt.» Die Klammer zur Rike-Geschichte: Gerade der Verlust von Esther macht den Hospitanten zum Assistenten und Autor an die Seite von Rike: Auch in seinem Leben gibt es nun nichts mehr ausser Theater.

Eine Form, die noch keinen Namen hat

Aber Krnetas Buch ist kein Schlüsselroman: Zwar kann es einem immer wieder so vorkommen, als kennte man einzelne Ereignisse oder Figuren. Aber sie sind nicht so geschildert, als gehe es um ihre absichtsvolle Verschlüsselung in der Fiktion. Und Krnetas Buch ist auch keine Autofiktion, obschon man immer wieder Hinweise auf die öffentlich bekannten biografischen Stationen des Autors zu erkennen vermeint. Aber diesem Autor geht es nicht darum, sich selbst hinter Fiktion versteckt zu beschreiben als eine ganze Welt.

Schliesslich könnte man sich fragen: Ist «D Perügge» überhaupt ein Roman? Oder ist das Buch eine Mischform zwischen Roman und Kurzgeschichtenband? Sind die Rike- und die Esther-Episoden gar zwei verschachtelte Kurzromane – zusätzlich versetzt mit anschlusslosen Porträtkapiteln?

Beim Lesen des Buchs werden die Erwägungen zur Form des Textes allerdings schnell verdrängt durch die vielfältige Realitätshaltigkeit des Erzählten und durch die unverwechselbar authentisch klingende Oralität – durch den für Guy Krnetas Prosatexte so typischen Parlandoton – als würde er einem erzählend gegenübersitzen und man würde beim Zuhören im Stillen denken: Würde er als nächstes sagen, «är syg i däm Meer vrsoffe, i würd ihm’s gloube».

Guy Krneta: Die Perücke. Luzern (Der gesunde Menschenversand) 2020.

 

[Zweittext: Zum Journal-B-Originalbeitrag]

«Online führt zu einer geschriebenen Oralität»

Das gedruckte Buch von Guy Krnetas neuem Roman «D Perügge / Die Perücke» beinhaltet die deutsche Übersetzung, den berndeutschen Originaltext kann man sich als PDF aus dem Netz herunterladen. Der Autor präsentiert seine Bücher immer wieder zweisprachig.

Journal B: Guy Krneta, du gibst deine Bücher seit bald zwanzig Jahren nicht immer, aber immer wieder zweisprachig heraus, das Original in berndeutsch, dazu eine hochdeutsche Übersetzung. Geht es dabei eigentlich um Ästhetisches? Oder Sprachpolitisches? Oder um den deutschen Buchmarkt?

Guy Krneta: Der deutsche Buchmarkt spielt keine Rolle. Man fragt mich oft, ob ich nicht mein Publikum von vornherein einschränke durch die Mundart. Aber wie die meisten Schweizer Autoreninnen und Autoren verkaufen sich meine Bücher zumeist in der Schweiz.

Bei der Zweisprachigkeit geht es um anderes: Ich schreibe Mundart, weil ich mich in dieser Sprache anders erinnere und die Fragen konkreter stellen kann: Wer ist es, der da spricht? Zu welcher Zeit? Ausgehend wovon? Deutsch ist für mich nach wie vor eine Fremdsprache, obschon «D Perügge» ja im Theatermilieu spielt, in dem ich lange gearbeitet und immer Hochdeutsch geredet habe.

Prägend war für mich, den Regisseur Peter Borchardt, der Deutscher war, zu beobachten, wie er 1988 in Bern Beat Sterchis «Dr Sudu» inszenierte, welche Assoziationen er hatte zu üblichen Dialekt-Redewendungen – was damit aus der Perspektive eines Deutschen mittransportiert wird und auf der Bühne gestaltet werden kann.

Der erste Impuls, Bücher in beiden Sprachen zu präsentieren, kommt demnach vom Theater?

Nein, das glaube ich nicht. Mein erster Impuls ist die Überzeugung, dass es nicht darum geht, meine Umgangssprache abzufeiern, sondern darum, mit ihr als Erinnerungssprache zu arbeiten. Deutsch dagegen bleibt für mich eine Literatursprache, eine gute Sprache, um Distanz zu schaffen, um Alltägliches von aussen anzuschauen. Aber wenn ich wissen will: Wie spricht jemand authentisch? Wie würde das jemand in einer intimen Situation sagen?, dann braucht’s für mich die Mundart.

Heisst das auch, dass es in deinem Kopf berndeutsch denkt?

Nein, auch das nicht. Ich meine sogar, dass ich eher hochdeutsch denke, wenn es um Gedanken geht. Meine Notizen, meine ersten Entwürfe schreibe ich ja alle auf deutsch. Das geit viu eifacher und ist viel naheliegender. Erst wenn ich Gedanken literarisch umsetze, wenn ich herauszufinden versuche, wie der bestimmte Ton, der Sound klingen soll, dann brauche ich die Mundart. Sie ist das Werkzeug, um eine Behauptung, eine abstrakte Konstellation zu authentisieren. Ich kann damit das, was ich sagen will, näher an mich heranholen. Wenn ich literarisch schreibe, will ich kein Intellektueller sein, der distanzhaltend auf das Thema hinunterschaut, ich will mit der Sprache in den Raum der Auseinandersetzung hineingehen.

Beim Lesen des neuen Romans ist mir aufgefallen: Während das Original sehr authentisch klingt, wirkt das Hochdeutsche im Bemühen um genaue Übersetzung eher bieder, manchmal gar hölzern. 

Ich lese das Hochdeutsche unterdessen sehr gern. Uwe Dethier, der Übersetzer, und ich haben ja bereits 1995 beim Stück «Ursle / Ursel» erstmals zusammengearbeitet, seither immer wieder. Spannend ist, dass er selber das Berndeutsche nicht spricht. Das führt dazu, dass er manchmal zu wörtlich am Text bleibt. Dass der Dialekt die Zeitform des Imperfekts nicht hat, ist gegeben und hat Einfluss auf den Rhythmus des Originaltextes. Aber im Hochdeutschen kann das konsequent gesetzte Perfekt der Verben stereotyp wirken. Als Lektor hat Daniel Rothenbühler deshalb einiges in Dethiers Übersetzung zurückgenommen. Umgekehrt gab es Wendungen, die für unser Ohr zu deutsch klangen. Oder wenn ich schrieb: «D Rike seit…», soll da die Übersetzung heissen «Die Rike sagt…» oder deutscher: «Rike sagt…»? Wie helvetisch deutsch die Übersetzung klingen soll, war deshalb immer wieder ein Diskussionspunkt.

Spielt eigentlich bei der zweisprachigen Präsentation der Texte auch Literaturgeschichtliches mit, die Tatsache, dass die Mundart Jahrzehnte lang fast ausschliesslich für das weltanschaulich gefärbte Plaudern vor dem bluemete Trögli stand?

Das ist bis heute ein Thema. Heute liest man zwar Übersetzungen aus allen Sprachen, und ganz selbstverständlich sind die Originalsprachen eben Sprachen. Nur bei der eigenen Mundart muss man bis heute darauf beharren, dass sie keine Gattung, sondern eine Sprache ist. Nach wie vor wird dem Schreiben in Mundart etwas Beschränktes, gelegentlich sogar Chauvinistisches zugeschrieben. Zwar gibt es heute Jüngere, die mehrsprachig experimentieren. Es gibt aber auch bereits die Gegenbewegung, welche die Mundart zu einer neuen Konvention macht. Das finde ich schade, mir geht es um Oralität, um Vielfalt in einer nicht-standardisierten Sprache. In der Literatur gibt es kein Oben und kein Unten: Literatur ist Literatur.

Das neue Buch beinhaltet die deutsche Übersetzung, deinen berndeutschen Originaltext kann man sich als PDF aus dem Netz herunterladen. Ein spezielles Angebot: Die käufliche Ware ist nur Kopie, das Original gibt’s als Gratis-Supplement.

Für mich ist das die Frage nach Print und Online in der Literatur: Print steht für mich für deutsch, darum gehört die Übersetzung ins Buch. Dagegen scheint Online zu einer neuen geschriebenen Oralität zu führen, das passt zu dem, was ich machen möchte. Dass es heute diese Möglichkeiten gibt, finde ich gut.

Und wie machst du’s bei den Lesungen mit der Zweisprachigkeit?

Lesungen werde ich weiterhin in der Mundart machen – ausser der Veranstalter wünscht die deutsche Fassung. Oder zweisprachig: Bei anderen Büchern haben Uwe und ich in Deutschland öfter Passagen parallel gelesen, er die Übersetzung und ich das Original.