Mit vielen Wassern gewaschene Texte

Zum Journal B-Originalbeitrag.

«Sage und Schreibe»: So heisst der Verlag, der vor genau fünf Jahren im Breitenrainquartier gegründet worden ist. Eines der Projekte, dem sich der Verlag widmet, ist die Pflege des Geschichtenerzählens. 

Dafür sucht die Programmleiterin Tina Uhlmann (siehe Kasten) Autorinnen und Autoren, die nach bestimmten Spielregeln an thematischen Sammelbändchen mitarbeiten. Diese Regeln lauten: Textlänge höchstens 10'000 Zeichen, Textform frei und: Der Beitrag bezieht sich in irgendeiner Weise auf das vorgegebene, inhaltliche Thema. 2017 lautete es «Winter», und daraus geworden ist «Snežanas Lied. Neue Wintergeschichten aus der Schweiz». Eben erschienen ist nun «Wellen kämmen. Neue Wassergeschichten von nah und fern». Die Buchvernissage von Anfang April ist wegen des Corona-Versammlungsverbots ins Wasser gefallen.

In «Wellen kämmen» gibt es Kurzgeschichten aller Art, eine gar in E-Mail-Form; es gibt Gedichte, auch solche von bemerkenswerter orthografischer Eigenwilligkeit; und es gibt Wasserwortschöpfungen in Scrabble-Form mit Leerstellen, die zum Mitspielen anregen. Wasser gibt’s selbstverständlich in jedem der über vierzig Beiträge – aber welche Vielfalt von Zugängen! 

Themen sind Meer, Weiher, Fluss, See oder der «Mürrnbachfall»; Themen sind Zweierkistenprobleme an der Badewanne; die Weltsicht eines Wassertropfens oder eine Heiratsfeier mit einem gestrandeten Wal vor dem Hotelfenster. Thema ist ein schweigender Mann auf einem Touristenschiff im Mekongdelta: Auf zwei Seiten wird sein erschütterndes Schicksal als Indochinaflüchtling skizziert, der schliesslich in den USA gestrandet ist. Thema ist ein Ich-Erzähler, der sich an seinen Lieblingsweiher setzt, um über das Auswandern nachzudenken: Erst als der junge Mann, der sich neben ihn setzt und ihn plaudernd auf andere Gedanken bringt, wieder verschwindet, merkt er, dass er sich mit dem zweiten Goldfisch unterhalten hat, den er zuvor im Weiher vermisste. Oder: Die Kairofahrt einer jungen Frau, die eine Freundin auf Zeit findet und nilaufwärts eine Welt, in der Beschneidung und Männer, die ihre Frauen schlagen, zum Alltag gehört. 

«Wellen kämmen» ist eine abwechslungsreiche Lektüre. Die einzelnen Beiträge sind geschickt zur Anthologie montiert, so dass jederzeit sowohl ihre Eigenständigkeit als auch motivische und erzähltechnische Querbezüge zu benachbarten Texten im Blick sind.

Sicher: Einiges ist weniger geglückt, ab und zu bleibt Sprachspielerisches im Etüdenhaften stecken, es gibt Originalitätlichkeiten, die mehr tätlich als originell sind. Aber: Die neue Wasser-Anthologie des Verlags Sage und schreibe zeigt, dass man nicht vom Literaturbetrieb kanonisiert sein muss, um schreiben zu können (in diesem Land mit hunderttausenden von Bildungsprivilegierten könnten tausende aus dem Stand einen passablen literarischen Text schreiben – und viel mehr können die meisten der tausend Mitglieder des AutorInnen-Berufsverbands auch nicht). Die Wasser-Anthologie zeigt auch: Schreiben könnte ein kollektives Projekt sein im Wissen, dass zwar der eigene Text gelingen kann, die Summe verschiedener Zugänge zu Sprache und Stoff aber immer mehr und anderes ergibt als der kleingewerblerisch motivierte Anspruch aufs eigene Buch.

Für alle, die beim Lesen ab und zu ins Schmunzeln und ab und zu ins Nachdenken kommen möchten, ist «Wellen kämmen» eine Lesereise wert.

Tina Uhlmann [Hrsg.]: Wellen kämmen. Neue Wassergeschichten von nah und fern. Bern (Verlag Sage und Schreibe) 2020, 144 Seiten, 24 Franken.

 

[Kasten]

Förderung der Vielfalt literarischer Stimmen

Journal B: Tina Uhlmann, Sie sind Programmleiterin des Sage und Schreibe-Verlags. Wie sieht das Verlagsteam aus?

Tina Uhlmann: Das Kernteam besteht aus drei Leuten, dazu kommen eine fest mitarbeitende Grafikerin sowie ein Vertreter im Buchhandel. Wir arbeiten gleichberechtigt und legen Wert darauf, unsere Autorinnen und Autoren in den verlegerischen Prozess miteinzubeziehen.

Unterdessen habt ihr zehn Bücher und ein Hörbuch produziert. Wo liegt der Schwerpunkt?

Der Verlag hat sich insbesondere der erzählenden Literatur verschrieben. Geschichten, Romane und Biografien für Erwachsene sowie Kinder- und Jugendbücher sind dabei Schwerpunkte. Darüber hinaus sind wir offen für Projekte rund um Schrift und Sprache und veranstalten «Literatur zum Erleben». Wichtig ist uns der lokale Bezug, aber auch die Verbundenheit mit der weiten Welt, wie es auch unsere Postkartenserien – z.B. das «Berner Graffiti-ABC» – zeigen.  

Bei «Wellen kämmen» haben 17 Autorinnen und Autoren mitgemacht. Wie findet der Verlag so viele Mitarbeitende?

Viele Autoren und Autorinnen kommen zu uns, sie reichen Manuskripte ein. Manche, deren Buchprojekt wir nicht realisieren können oder wollen, merken wir uns, weil uns ihre Sprache oder die Originalität ihrer Ideen gefällt. Für die Geschichten-Anthologien gehen wir gezielt auf sie und andere Schreibende zu. Ich selber kenne viele persönlich, da ich mich seit dreissig Jahren u.a. journalistisch mit Literatur beschäftige. 

Die Reihe «Neue Geschichten» ist aber auch ein Stück weit als Förder-Projekt gedacht: Manche der Autorinnen und Autoren, noch sehr jung oder auch spätberufen, veröffentlichen darin zum ersten Mal. Die Vielfalt der literarischen Stimmen ausserhalb des etwas öden Literaturbetriebs ist gross. 

Ist das nächste Anthologieprojekt bereits angedacht?

Ja. Geplant ist, alle zwei Jahre einen weiteren Band «Neue Geschichten» zu veröffentlichen. Der nächste wird also 2022 erscheinen. Thema wird das Hotel sein. Es ist Schreibort und literarischer Ort zugleich – schier unerschöpflich, was man dazu findet! Für mich als Herausgeberin der Geschichten-Reihe ist es wichtig, nun Texte mit neuen, zeitgemässen Ansätzen zum Thema zu finden. Gut möglich, dass auch die aktuelle Krise in unseren «Hotelgeschichten» eine Rolle spielen wird.