Bluttrunk

In den frühen sechziger Jahren kommt Ambrosio, der Spanier, als Knecht nach Innerwald auf den Knuchelhof. Heimisch wird er oben am Langen Berg nicht, doch arbeitet er zur Zufriedenheit des Bauers Knuchel. Trotzdem muss ihn der Bauer «weggeben» weil die Anfeindungen der Dorfbewohner gegen den Ausländer zu stark werden. Ambrosio kommt in die «schöne Stadt». Sieben Jahre später, als die ehemalige Leitkuh des Knuchelhofs, Blösch, zur Schlachtung gebracht wird, treffen wir Ambrosio wieder als Schlachthofarbeiter. An diesem Tag spielt der Roman.

Freitagabend: Bern, Münstergasse, «Falken», am Tisch gleich rechts hinter dem Eingang. Am Nachmittag waren wir im Zug bereits zusammen von Zürich nach Bern gefahren und hatten die Diskussion über das Buch aufgenommen. Weil die Zeit nicht für alles reichte, treffen wir uns noch am gleichen Abend ein zweites Mal – jetzt bestellen wir Bier.

Als ich das Tonband einstelle, beginne ich gleich selber Sterchis Biografie in Stichworten zusammenzutragen. Er ergänzt, soweit es ihm nötig erscheint. Er hört aufmerksam zu, beobachtet, gross, ruhig, schlank. Falle ich ihm ins Wort, verstummt er sofort, nicht aus Höflichkeit, eher aus Bescheidenheit, vielleicht aus Neugierde. Spricht er, beugt er sich manchmal über den Tisch, stützt sich auf die beiden Ellbogen, seine Ausführungen werden lebhaft, meistens abwägend, um Präzision bemüht, seltener auf eine witzige Art polemisch. Geboren ist er 1949 in Bern / Die Eltern haben eine Metzgerei in der Berner Altstadt («Ich war schon als Bub im Berner Schlachthof. Als kleine Giele sind wir etwa mitgegangen und wie es geht, dort wo man nicht hinschauen sollte, dort schaut man hin».)  / Ein Grossvater war Bauer auf einem kleinen Hof im Solothurnischen, dort weilt er als Bub oft zu Besuch./ Matur in Bern. / 1970 geht er nach Kanada, Vancouver, studiert bis 1975 Anglistik. / Erste literarische Versuche: Schlachthausballaden auf Englisch (1973), verschiedene Kurzgeschichten, die später dass grobe Gerüst für den «Blösch»-Roman abgeben. / Ab 1975 in Honduras, verdient den Lebensunterhalt als Englischlehrer, beginnt am «Blösch» zu arbeiten, ab jetzt versteht er sich zunehmend als Schriftsteller. / 1977: Rückkehr nach Kanada, Montreal, Englisch- und Deutschlehrer, daneben schreibt er; nähert sich der endgültigen Form des «Blösch» über mehrere Fassungen. / 1982: Rückkehr nach Europa, Suche nach einem Verlag für «Blösch», lebt in Hamburg und, bei Besuchen in der Schweiz, in Bern.

Die zwölf Kapitel des «Blösch»-Romans verlaufen auf zwei Ebenen. in den ungeraden Kapiteln 1, 3, 5, 7 und 9 beschreibt Sterchi in ruhigem, fliessendem Erzählton, mit «ländlicher» stark berndeutsch gefärbter Sprache, die nur ab und zu durch sanfte Ironie leicht verfremdet wird, Ambrosios Ankunft in der Schweiz und seinen Sommer als Knecht auf dem Knuchelhof. Die geraden Kapitel spielen sieben Jahre später an einem einzigen Tag «draussen im Schlachthof hinter dem hohen Zaun am Rande der schönen Stadt». Diese Ebene ist komplizierter montiert und unterteilt sich ihrerseits wieder auf mehrere ineinanderverflochtene Erzählstränge, deren erster der innere Monolog ist, den der Schlachthofstift während der Arbeit führt. Der zweite berichtet aus der Perspektive eines aussenstehenden Erzählers und wird durchgehend mit dazwischen montierten Zitaten aus Fachliteratur, Lexika und Zeitungsartikeln verfremdet. Ein dritter, ergänzender Erzählstrang bringt Kurzbiografien von Schlachthausarbeitern, brillant montierte Gesprächsfetzen in der Umkleidekabine, der Neun-Uhr- und der Mittagspause, Auszüge aus dem Sanitätsreglement usw.

Auf kunstvolle Weise werden die beiden Ebenen schliesslich im elften Kapitel verknüpft, indem ein fiktiver Leser mit dem Erzähler ein Interview führt und ihn über die sieben Jahre Ambrosios ausfragt, die zwischen den beiden Erzählebenen liegen. Das abschliessende zwölfte Kapitel – die frühen Nachmittagsstunden im Schlachthof – bringt viele Geschichten der Blösch-Geschichte zur Entscheidung. Andere bleiben offen.

Sein Buch stehe von der Montagetechnik her sicher mehr in der amerikanischen als zum Beispiel in der österreichischen Tradition; Sterchi nennt Handke und Rosei. «Meine eingestreuten Kurzbiografien – das ist ein Collagestil, der im amerikanischen Realismus ziemlich verbreitet ist.» Dass sich Sterchi bei seinem Erstling an literarischen Vorbildern orientiert hat, ist klar und legitim. Dass er einige von ihnen (Döblin, Brecht, Sinclair, Traven) im Roman diskret erwähnt oder doch auf sie anspielt, ist für mich ein Zeichen für seine Redlichkeit. «Es gibt da natürlich noch ein paar Bücher, die wichtig waren. Einen Autor möchte ich nicht unterschlagen, schon nur, weil er viel zu wenig gelesen wird. Das ist Dos Passos.» Und später, als wir über Sterchis Verhältnis zum Dialekt reden, meint er: «Punkto literarische Potenz und Mut zur direkten, verbindlichen Äusserung ist der Gotthelf ungeschlagen. Ich bin nicht von seiner Theologie angehaucht oder so, aber die sprachliche und gestalterische Kraft, da ist nichts Ebenbürtiges herum sonst.»

Das manchmal bis an den Ekel realistische Buch wird zum Schluss durch eine Art Blutritual überhöht. Vier Schlachthofarbeiter – unter ihnen Ambrosio –, die für sich an jenem Tag beschliessen, aus dieser Tiere und Menschen gleichermassen verschlingenden Schlachtmaschinerie auszusteigen, veranstalten mit einer einzelnen Kuh eine Demonstration im Schlachthaus. Danach wird das Tier auf eine rituelle Art geschlachtet und die vier «Aussteiger» bieten das dampfende Blut des Tiers ihren – so verstehe ich es – auch weiterhin dumpf vor sich hin metzgenden Kollegen an. An diesem Bluttrunk, der für mich Versöhnung und Kampf gegen Unbewusstheit und Entfremdung ausdrückt, nehmen bis auf Chef Bössiger, der von den «Aussteigern» an einem Fleischerhaken unter die Decke des Schlachthofs gehievt wird, alle Arbeiter teil. «in dieser Hierarchie», erklärt mir Sterchi im «Falken» dieses Ritual, «mit dem fehlenden Klassenbewusstsein, mit den fehlenden ideellen Voraussetzungen, gibt es keine andere Möglichkeit für die Schlachthausarbeiter als das Blutritual. Aber ich finde es für die Beteiligten ein grosser politischer Akt, erfolgreicher, besser, wichtiger als – wie ich es in der ersten Fassung geplant hatte – ein Streik, der von Studenten suggeriert und durchgeführt worden wäre. Damals, als ich an der ersten Fassung arbeitete, habe ich noch viel mehr in Klassen gedacht, und, das hab ich dann vor allem in Honduras gelernt: Die unterste Klasse in einem derart rigiden System, wie auch die Schweiz eines ist, hat nur eine Möglichkeit, sich zu emanzipieren: gegen unten. Das heisst: Die Metzger unterwerfen sich bewusst die tierische Klasse. In jeder Gesellschaft gibt es diese tierische Klasse. Wir wissen das nur nicht mehr. In der Kultur der Griechen zum Beispiel war der Unterschied zwischen dem Ausbeutungsgrad und der Behandlung einer Geiss und des Dorftrottels minim. Mittelamerikanische indianische Gesellschaften sind in jeder Beziehung auf das Lama aufgebaut: Wolle, Fleisch, Milch, Transport, alles. In anderen Gesellschaften hat das Schaf diese Funktion, in Afrika das Kamel. In Berberstämmen, da muss man das Tier einfach einbeziehen in die Struktur der Gesellschaft. Wir machen das nicht mehr, und das hat unser Bewusstsein, unsere Kultur geprägt.»

Wie diese kulturelle Entfremdung vom Bewusstsein einer untersten tierischen Klasse hierzulande konkret aussehe.

«Die Leute, die, soweit sie Schweizer sind, als Metzger und Schlächter arbeiten, kommen aus dem Bauerngewerbe. Diese Leute sind in der Landwirtschaft verwurzelt und haben – ich will nicht einmal sagen protestantische Arbeitsethik – eine ‘landwirtschaftliche Arbeitsethik’, die grossenteils durch den Rhythmus der Tiere bestimmt wird, die alle zwölf Stunden gemelkt werden müssen. Diese Einstellung zur Arbeit nehmen die Leute mit ins Schlachthaus: Sie krampfen, aber sie wissen nicht mehr warum. Die äusseren Zwänge, die natürlichen Widerstände, gibt es nicht mehr. Oder schau zum Beispiel beim Hasler[1]: Die Leute stehen an die Maschine wie der Bauer an die Kuh. Das ist total verrückt, wenn Du weisst, dass sie in der Werkhalle nebenan Roboter installieren. Repression von korrupten Arbeitgebern und so weiter, das wissen wir ja, das kennen wir ja, diese Sachen sind alle theoretisch und geschichtlich erfassbar, aber die seelischen, die psychischen Sachen, was da vorgeht, was der Arbeiter für ein Verhältnis hat zu seiner Arbeit und wie er arbeitet, da wissen wir eben viel zu wenig. Und das hat mich im ‘Blösch’ interessiert. Mehr als die faktische oder theoretische, marxistische Sicht.»

Auf meine Frage bestätigt er, ja, er habe im Schlachthof gearbeitet, als Jugendlicher, und selber Tiere in der Art abgestochen, wie es der Stift im Roman machen muss.

«Das war mir damals vielleicht weniger bewusst, aber es wurde später sehr wichtig: Das Delegationsprinzip. In der hochentwickelten Industriegesellschaft können wir alles delegieren. Wir können über alles reden, sogar über Gerechtigkeit. Aber uns werden die Schuhe geputzt, uns wird der Ghüder weggetragen, und Nahrungsmittel werden uns von den Bauern im Schweisse ihres Angesichts – zum Teil unter schlechten Bedingungen, in der Bergwelt, in der Dritten Welt – produziert. Wir haben alles delegiert. Wir haben das Schlachten delegiert, wir haben den Krieg delegiert. Und wir wissen es nicht mehr. Der Waffenfabrikangestellte weiss nicht, was er produziert, und er hat kein Verhältnis zu seiner Arbeit. Genauso hat der Schlächter kein Verhältnis zu dem, was er macht, und genauso hat der Durchschnittskonsument erst recht kein Verhältnis zum Fleisch, das er isst oder seinen Katzen verfüttert. Und diese Delegierung, die ja auch eine Entfremdung ist, schreitet in der industriellen Produktion noch weiter fort und beginnt sich jetzt zu überschneiden mit der Gegenbewegung der Computerisierung und Roboterisierung. Schon heute das Gschtürm um die Arbeitsplätze! Es ist eben nicht damit gemacht, dass Lifte in die Apfelbäume hinauf gebaut werden, damit sie in Schlieren noch arbeiten können. Da müssen ganz andere Sachen passieren in den nächsten Jahren.»

Wir sind an jenem Abend im «Falken» von der Diskussion über den «Blösch»-Roman immer wieder abgeschweift und haben über Fragen und Probleme gesprochen, die sich aus dem im Roman Dargestellten ergeben. Dass es in der neuesten Schweizer Literatur unter jenen Arbeiten, die sich gegen die überschwappende Innerlichkeit stellen, wenig ebenbürtige Roman-Versuche gibt, schien mir nach der Lektüre so klar, dass ich es Sterchi zu sagen vergass. Bereits arbeitet er nun an einem neuen Buch, doch wollte er im «Falken» zum Inhalt nichts sagen. «Eine Sache kann ich Dir sagen, das habe ich gelernt, ob ich jetzt noch einmal ein Buch zustande bringe oder nicht: man fängt nicht mit dem an, was man weiss. Man fängt mit dem an, was man wissen möchte und schreibt sich den Fragen entlang.»

Nachtrag: Und jetzt fragst Du noch, wie das Buch sei zum Lesen? Wenn das Schwein, vom Bolzen getroffen, schwer zur Seite kippte und niederklatschte auf den Steinboden, auf dem der Kot in grossen Blutlachen schwamm, wenn der Stift hinzutrat, sein linkes Knie auf den Schweinenacken setzte und mit dem rechten Stiefel die Schnauze blockierte, wenn er dann mit der linken Hand das obere Vorderbein nach hinten zog, zustach, dass Messer zuerst flach führend, mit der Spitze Richtung Schwanz zielend dann der Klinge eine kurze Drehbewegung gab, so dass das Blut in hohem Bogen hervorspritzte, dann kam es vor, dass ich nicht mehr ausweichen konnte, dass ich auf meinen Lippen Schweineblut schmeckte: Bluttrunk.

Beat Sterchi: Blösch, Roman. Zürich (Diogenes 1983.

[1] Die Hasler AG war seit dem späten 19. Jahrhundert führend beim Aufbau des Telefonnetzes – zuerst in Bern, später schweizweit. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Hasler AG Berns grösster industrieller Arbeitgeber. 1987 hat sie mit der Autophon AG und der Zellweger AG zur Telekommunikationsgrossfirma Ascom fusioniert. Nach ihrem Niedergang ist die Ascom 2012 von der Sitasys AG übernommen worden («Berner Zeitung, 4.7.2012).