«Ich stehe nicht hier als Vertreter der Alternativkultur»

Seit 1978 leitet Peter J. Betts – vorher Lehrer, Journalist und Schriftsteller – als Kultursekretär die Abteilung Kulturelles in der Präsidialdirektion der Stadt Bern. Unter seiner bürokratischen und defensiven Ägide ist die Kulturszene ausserhalb der bürgerlichen Repräsentationskultur in zwei Teile zerbrochen: in einen von Amtes wegen zu fördernden kunsthandwerklich kleingewerblichen Teil und einen von Amtes wegen zu ignorierenden alternativen. Für die Alternativkultur-Szene in Bern ist Betts nichts als ein Gerücht.

Mit Peter J. Betts sprachen Samuel Geiser, Peter Eichenberger und Fredi Lerch*

WoZ: Herr Betts, was machen Sie eigentlich beruflich hier in Bern? Wenn wir in der Alternativkultur-Szene herumhören, herrscht eine diffuse Vorstellung von Ihrer Tätigkeit. Am häufigsten ist der Vorwurf, man sehe Sie nie, man höre nie etwas von Ihnen.

Peter J. Betts: Meine Funktion als Chef der Abteilung für Kulturelles der Präsidialdirektion der Stadt Bern besteht darin, dass ich dem Gemeinderat [Exekutive, Red.] gegenüber verantwortlich bin für die direkte Förderung des zeitgenössischen Kulturschaffens. Zudem versuche ich, den Gemeinderat in kulturpolitischer Richtung zu beraten. Primär geht es darum, für diejenigen Bereiche bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, die im weiteren Sinn mit den Künsten etwas zu tun haben. Es geht einerseits darum, die Erhaltung des kulturellen Erbes zu garantieren und andererseits zu ermöglichen, dass Neues entstehen kann und Massnahmen getroffen werden für die Verbesserung der Produktionsbedingungen, der Absatzbedingungen und der Kulturvermittlung.

Die Stichworte Produktion und Absatz begreifen Kultur als Teil des Marktes. Dazu steht der Begriff der «Alternativkultur» quer. Ist die Alternativkultur für Sie überhaupt Kultur?

Meine Antwort muss fast tönen wie die eines Politikers: Kultur und Kulturschaffen sind in jedem Fall eine Alternative. Ob wir Alternativkultur sagen oder Avantgarde ist für mich verhältnismässig irrelevant. Ich würde sagen, Alternativkultur ist jene Kultur, sind jene Kulturäusserungen, die vom Establishment nicht oder noch nicht akzeptiert werden. Was Ihr mit Alternativkultur angetönt habt, hilft zweifellos wesentlich mit, die Notwendigkeit aufzuzeigen, dass die kulturelle Dimension im Alltag zu realisieren ist. Durch solche Bewegungen wird es nötig einzusehen, dass es nicht angeht, dass wir beispielsweise nur ein Stadttheater haben, und dort Kultur nur als Feierabendvergnügen zelebrieren.

Wo stehe ich? Ich stehe sicher hier nicht als Vertreter der Alternativkultur, und ich stehe nicht als Vertreter der tradierten Kultur und nicht als Vertreter der Frauenkultur oder der Greisenkultur oder der Jugendkultur. Eigentlich verstünde ich mich als Vertreter der Kultur – wenn das möglich ist.

Welches sind für Sie in letzter Zeit die kulturellen Höhepunkte in dieser Stadt?

Wenn ich ausländischen Gästen einen kulturellen Höhepunkt zeigen muss, zeige ich ihnen den Meret-Oppenheim-Brunnen. Dieser Brunnen konnte entstehen, weil der Waisenhausplatz zu einem Pausenplatz umgestaltet werden musste. Ursprünglich wollte man einen Pausenplatz machen, der ausgesehen hätte wie ein Barockgarten. Da haben wir gesagt: Aufhören mit lügen, wir sind in einem urbanen Raum, voll dominiert vom Verkehr, wir wollen nicht mit Blumenkistchen operieren. Der jetzige Brunnen ist ein Mahnmal, der in lebensfeindlicher Umgebung versucht, gegen schlechte Voraussetzungen etwas wachsen zu lassen. Die Bevölkerung hat zwar durchaus Verständnis dafür, dass etwas wächst, aber es soll gefälligst über Nacht sofort da sein. Dass «wachsen» vielleicht mehrere Jahre dauern könnte, überfordert viele. Auch deshalb gibt es eine riesige Opposition gegen den Brunnen. Für mich geht es bei dieser Diskussion nicht um ein Kunstwerk, sondern um die Frage: Was hat ein geistiges Produkt in unserer Zeit für eine Chance in unserer Umgebung? Von da her betrachte ich den Brunnen als Höhepunkt.

Kommen wir auf den Begriff «Alternativkultur» zurück. Die Leute aus dieser Szene nennen sich ja nicht unbedingt Künstler oder Künstlerinnen. Sie haben einen anderen Begriff von Kultur. Sie wollen zwar kommunizieren, aber nicht innerhalb des Marktes. Diese Art von Kultur wird in dieser Gesellschaft kaum gefördert, im Gegensatz zur traditionellen Kunst, wo die Förderung relativ automatisiert ist.

Diese Förderung läuft natürlich auch nicht automatisch. Ihr habt am Anfang gefragt, was der Betts mache; habt vermutet, er mache nichts. Ich finde im Gegenteil, er macht relativ viel, aber auf einem anderen Gebiet. Das Missverständnis liegt darin, dass Ihr meint, die Sachen, die ich vertreten muss, seien gesichert. Bei einer Budgetdiskussion ist es zwar kein Glaubensbekenntnis, ob man das Stadttheater unterstützen soll oder nicht, aber es ist bereits ein Glaubensbekenntnis, ob wir die Schriftsteller unterstützen sollen oder nicht. Das, was ich machen muss, ist Gegenstand einer ständigen Auseinandersetzung. Es geht darum, das, was einst als notwendig erkannt worden ist, überhaupt zu ermöglichen. Die Problematik liegt darin, dass auch die nicht alternative Kultur keine Lobby hat.

Aber es gibt immerhin die Kommission zur Förderung von Kunst, es gibt Kontakte, Beziehungen. Die Leute aus der Alternativkultur aber sagen: Wir haben keinen Gesprächspartner in der Stadt, wir müssen immer mit Polizeidirektor Albisetti verhandeln, wenn wir etwas machen wollen. Wenn zum Beispiel der Zirkus Federlos nach Bern kommen will, müsste doch der Kultursekretär eingreifen.

Das wäre vielleicht schön. Es ist aber leider so, dass ich da nicht eingreifen kann. Ich kann nicht etwas bewilligen, das nicht in meiner Macht steht.

Für die relativ tradierten Künste, wo es Gremien und Kontakte gibt, können Sie etwas machen. Wenn aber eine neue Kulturform auftaucht, die nicht genau in ein Gefäss passt oder nicht passen will, haben Sie keine Kompetenzen mehr. Kommen Sie sich da nicht blöd vor?

Natürlich komme ich mir blöd vor, das ist von vornherein klar. Mein Posten ist sehr einfach zu beschreiben als Platz zwischen Stuhl und Bank.

…wer ist der Stuhl und wer die Bank?…

…wer auch immer, das spielt keine Rolle: Meine Partner sind Kulturschaffende, kulturfördernde Kommissionen, Gemeinderäte, Stadtrat [Legislative, Red.], Bevölkerung. Wenn ich etwas mache, das irgend jemanden aus einer Ecke befriedigt, sind alle andern bös. Mich beliebt zu machen, ist nicht meine Aufgabe und wäre auch nicht möglich.

Ein zweiter Kultursekretär?

Herr Betts, braucht es in Bern einen zweiten Kultursekretär? Einen für Alternativkultur?

Ich versuche schon lange, für unser Sekretariat mehr Leute zu erhalten. Wir sind hier ein 2,6-Personen-Betrieb. Einen Stellvertreter habe ich keinen, im Prinzip bin ich rund um die Uhr da.

Kennen Sie das Gerücht auch, dass der Ex-Kulturredakteur der «Berner Zeitung», Christoph Reichenau, der neu in der Schuldirektion von Gret Haller arbeitet, in Richtung Alternativkultur aktiv werden soll?

Nein, das habe ich noch nie gehört. Aber es würde mich nicht erstaunen. Christoph Reichenau hat schon früher in dieser Richtung gearbeitet, als er noch beim Bundesamt für Kulturpflege war. Es würde mich nicht wundern, wenn Gret Haller innerhalb der Schuldirektion eine Möglichkeit in diese Richtung schaffen würde. Wir versuchen seit Jahren, auch im Bereich Schuldirektion Räume zu erschliessen. Wir konzentrieren uns nicht auf die Reithalle oder das Tramdepot oder das Gaswerkareal.

Wer macht in der Stadt Bern eigentlich Kulturpolitik? Nahezu sämtliche Gemeinderäte tauchen abwechslungsweise in der Presse auf, wenn es um kulturelle Fragen geht.

Die Entscheidungsstrukturen laufen über den Gesamt-Gemeinderat. Ich finde es gut, dass nicht ein einzelner Gemeinderat für die Kultur zuständig ist. Für mich ist da auch ein Hoffnungsschimmer drin, wenn sich praktisch alle Gemeinderäte mit Kultur – beschäftigen. Wenn mehrere mindestens mit dem Wort «Kultur» umgehen, kann das dazu führen, dass sich vielleicht mehrere darum kümmern.

Ist  es nicht so, dass der Gemeinderat jeden Kulturfünfer selber beschliesst, alles überwacht und kontrolliert? Wenn wir daran denken, dass jede Kulturkommission von einem Gemeinderat präsidiert wird und nur Antrags- nicht aber Entscheidungskompetenz hat – ist diese Kleinlichkeit nicht typisch für die bernische Kulturpolitik?

Ich selber habe auch schon vorgeschlagen, dass die Kommissionen endgültig entscheiden können sollten. Aber es ist halt jetzt nicht so. Ich selber habe die Kompetenz, über 25'000 Franken in Tranchen von bis zu 2'000 Franken frei zu verfügen.

Nochmals zum Gemeinderat: Sind die Kompetenzen gleichmässig verteilt, oder ist es vor allem Stadtpräsident Bircher, der Kulturpolitik betreibt?

Es ist schon der Stadtpräsident. Er ist eigentlich der oberste Kulturherr. Andererseits gibt es eine Gemeinderätliche Kulturdelegation, die die allgemeinen kulturellen Fragen bearbeitet und dem Gemeinderat Antrag stellt.

Zum Freisinn klönen gehen?

Was können wir machen, damit das kulturpolitische Klima in dieser Stadt besser wird?

Ich glaube, dass das, was Ihr jetzt gerade macht, durchaus ein Beitrag dazu ist.

Muss der Druck von der Strasse her grösser werden? Wieso hat Zürich eine Rote Fabrik und Bern nicht? Müssen wir auf das Stadttheater los und den Betrieb behindern, um Räume zu erhalten?

Ich glaube nicht an ein Szenario in dieser Richtung. Man kann auf wachsenden Druck auch mit wachsender Verhärtung reagieren.

Wir stellen aber diese Verhärtung schon jetzt fest. Zugeständnisse werden keine gemacht. Das ist auch eine Art, ein Klima in dieser Stadt zu fördern. Nämlich ein intolerantes.

Ich sehe mehr Toleranz, als ich vor fünf Jahren gesehen habe.

Wo denn zum Beispiel?

Die Dampfzentrale zum Beispiel. Es wäre vor fünf Jahren nicht möglich gewesen, einem Trägerverein die Dampfzentrale zu geben und zu sagen: Voilà, da habt ihr sie, schaut selber, wie was zustande kommt.

Wem sagt die Stadt denn das?

Gut, dem Komitee «Gaswerk für alle» gehören schon prominente Vereinigungen an. Aber die haben klar deklariert, dass dort keine Elitekultur entstehen soll. Ein möglicher Weg ist, dass man Vertreter dieser Gremien interessiert für die Bedürfnisse des Ganzen. Beispielsweise hat mir an der Kultur-Diskussion im alten Schlachthaus (vgl.WoZ Nr. 19/1987, Red.) Christoph von Tavel, der Direktor des Kunstmuseums, Eindruck gemacht, der ganz klar für die Reithalle plädiert hat.

Sagen Sie das auch: Die Reithalle, die brauchen wir?

Aber natürlich.

Teilen Sie die Einschätzung, dass die Raumverknappung ein kulturpolitisches Konzept des Gemeinderates ist?

Ich glaube nicht, dass es ein Konzept des Gemeinderates ist, genehme Kultur von nicht genehmer zu trennen. Ich bin sogar überzeugt, dass dies nicht der Fall ist. Dass all das, was neu ist, auch möglich sein sollte, ist, glaube ich, auch dem Gemeinderat klar. Er sieht dieses Neue aber vorwiegend in einem Konzept seiner eigenen Möglichkeiten, sei es finanziell, sei es räumlich. Wir haben tatsächlich zu wenig Platz. Das könnt ihr nicht dem Gemeinderat alleine in die Schuhe schieben.

Was müsste man im aktuellen kulturpolitischen Klima machen, um Räume zu bekommen?

Man müsste versuchen, jene Gefässe, die es gibt, zu aktivieren, wenn es irgendwie geht. Es gibt, glaube ich, so etwas wie Parteien. Wenn man in den Parteien das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Kulturräumen mobilisieren könnte, könnte es denkbar werden, etwas zu erreichen.

Aber die alternativen Kulturschaffenden, jene, die Power haben und etwas machen wollen, gehen doch nicht zum Freisinn und sagen: Wir möchten gern mit euch über unser Problem reden!

Ich kann dieses Problem nicht lösen. Ihr bringt mich auch nicht dazu zu sagen, ob ich Vertrauen habe ich die Parteien oder nicht. Politik wird aber nach wie vor im Stadtrat gemacht, die Vox populi ist eben der Stadtrat. Ich glaube, dass man dort sensibilisieren müsste, ob es einem passt oder nicht.

Im Herbst wird nun die Eröffnung der Dampfzentrale aktuell. Der «Verein Dampfzentrale» ist mittlerweile gegründet worden. Wird jetzt mit ihm über die Eröffnung diskutiert?

Über die Eröffnung muss man nicht mit uns sprechen. Ich sehe das Konzept so, dass wir überhaupt nicht dreinreden – entweder ist die Dampfzentrale ein Pilotversuch oder nicht. Ich wäre absolut bereit, irgendwelche Projekte mit dem Verein zu koordinieren, aber ich will ihm nicht ins Programmkonzept dreinreden.

Immerhin haben Sie bereits im März öffentlich gesagt, es dürfe in der Dampfzentrale kein kulturelles Jekami geben. Professionalität müsse gewährleistet sein. Das hat in der Alternativkultur-Szene natürlich böses Blut gegeben.

Das ist mir klar. Aber mir ist auch klar, dass man nicht alles an einem Ort ermöglichen kann. Die Argumente, die dazu führten, dass die Dampfzentrale überhaupt zur Verfügung gestellt wurde, waren die Bedürfnisse der freien Theaterschaffenden, der Musiker, der bildenden Künstler, die nirgends arbeiten und auftreten können. Das sind nicht die gleichen Anliegen wie diejenigen der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule (IKuR) . Wenn das Konzept der IKuR für die Reithalle sinnvoll ist, wäre es meiner Meinung nach für die Dampfzentrale wenig sinnvoll.

Ein mutiges Wort an die Szene

Jene Leute, die Kultur eher als Prozess und weniger als Produkt verstehen, die Leute der Strafbar, organisierten am 8. Mai in der Dampfzentrale eine Fuer, und es kamen gegen tausend Leute. Am 16. Juli kamen, durch Mundpropaganda mobilisiert, zwischen 500 und 1000 Leute auf die Kleine Schanze (vgl. WoZ Nrn20/1987 + 31/1987[1], Red.). Diese Kulturszene ist heute faktisch obdachlos. was sagen Sie als Kultursekretär diesen Leuten?

Was soll ich ihnen sagen?

Unterstützen Sie die Strafbar?

Selbstverständlich unterstütze ich die Strafbar nicht. Was soll ich auf diesem Stuhl anderes sagen? Ihr müsst nicht Fragen stellen, wo ihr genau wisst, wie die Antwort herauskommen muss.

Das wäre jetzt aber mutig gewesen.

Wenigstens habe ich den Mut, zu meiner Feigheit zu stehen.

[1] Die WoZ Nr. 31/1987 brachte unter dem Titel «Strafbar – Donnerstag 16.7. 20.30. Das plötzliche ungefragte Auftauchen von Berns anderer Kultur» eine ganzseitige Collage von Fotos mit redaktionellen Bildlegenden und Zitaten aus Flugblättern der Strafbar-Leute. Die Fotoserie dokumentierte eine illegale Strafbar-Aktion auf der Kleinen Schanze vom Aufbau von Theke und Bühne bis zum Live-Konzert. In einem der Flugblatt-Zitate hiess es: «Ihr sollt wissen, dass Ungehorsam und Verweigerung ungerechter Gesetze die einzigen Chancen sind, hier in dieser beschissenen, auf Geld und Kommerz ausgerichteten, lebensfeindlichen, stieren Stadt unsere eigene Kultur zu leben. Herzlich willkommen! STRAFBAR». 

 

[Kommentar]

Raum für alle!

Eröffnung der Dampfzentrale in Bern spaltet Kulturszene

Nicht jeder Kultursekretär hat den gleichen Auftrag zu erfüllen. Jean-Pierre Hoby in Zürich zum Beispiel muss als Krisenmanager möglichst grosse Teile der «andern» Kultur zu integrieren und zu pazifizieren versuchen (vgl. Streitgespräch mit Hoby, WoZ Nr. 51/1986). Die Aufgabe von Peter J. Betts in Bern ist es, als Apparatschik möglichst grosse Teile der «andern» Kultur zu ignorieren und ihre Zerschlagung der Polizei zu überlassen. In Zürich ist Kulturpolitik Krisenmanagement in einer zerstörten Stadt; in Bern ist Kulturpolitik Ordnungspolitik in einer Geranienwelt. In Zürich wehrt sich die Kulturszene gegen einen Ansprechpartner, der «diese neue Kultur einer breiten Bevölkerung schmackhaft machen», also entpolitisieren will. In Bern kämpft die Kulturszene darum, überhaupt einen Ansprechpartner ausserhalb der Polizeidirektion zu erhalten, also gegen die endgültige Marginalisierung.

Bisher war in Bern alles, was ausserhalb der bürgerlichen Repräsentationskultur Kultur schuf, geeint in der Not, die aus Raumverknappung als Kulturpolitik (WoZ Nr. 48/1986) entstand. Alle ahnten nur, was man inzwischen mit Sicherheit weiss: dass in Bern geeignete Räume zur kulturellen Nutzung vorhanden wären. Dies würde der «Kulturraum»-Bericht belegen, den die Liegenschaftsverwaltung der Stadt Bern seit Jahren zurückhält. Im Sommer 1981, als der Gemeinderat auf Druck von der Strasse das AJZ Reithalle öffnen musste, erhielt Betts’ Vorgänger als Kultursekretär, Sam Jaun, den Auftrag, die geeigneten Objekte für kulturelle Nutzung abzuschreiten und – ohne Rücksicht auf realpolitische Notwendigkeiten – zusammenzustellen, in welcher Weise diese Nutzung möglich wäre. Brisant sei der Bericht nicht gewesen, brisant sei eher, dass Bern seither nichts gemacht habe, sagt Jaun heute. Sein achtzigseitiger Bericht traf im September 1982 – zu einem Zeitpunkt, da die AJZ-Bewegung weitgehend zerschlagen war – bei der Stadt ein; er ist sofort auf Nimmerwiedersehen schubladisiert worden.

Die Kulturraumnot ist bis heute geblieben und hat das kulturpolitische Interesse von den KunsthandwerkerInnen bis zu den KulturrevolutionärInnen homogenisiert. Nun wird sich das ändern. Mit der Dampfzentrale stellt die Stadt noch in diesem Herbst ein «interdisziplinäres Kulturzentrum» zur Verfügung. Bereits am 22. Juni 1987 ist der (Träger-)«Verein Dampfzentrale» gegründet worden. Die Vereinsstatuten sind unterzeichnet von der renommierten Berner Kunstgesellschaft, der Gesellschaft Schweizerischer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen, der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten, der Interessengemeinschaft Improvisierte Musik und dem Schweizerischen Werkbund. Für den kommenden Montag, 7. September, ist die konstituierende Versammlung des Vereins angesagt (vgl. Titelseite[2]). Danach wird der Verein mit der Stadt einen Mietvertrag für einen zweijährigen Versuchsbetrieb in der Dampfzentrale abschliessen.

Nach diesem 7. September wird die nicht-arrivierte Berner Kulturszene in zwei Teile mit unterschiedlichen Interessenlagen zerbrochen sein: in jene «drinnen» und jene «draussen». Wer ein «Kulturschaffender mit angemessener Erfahrung auf dem Tätigkeitsgebiet» ist, der Gewähr bietet, dass «kein hobbymässiges Kultur-Jekami» entsteht (nach Betts, «Berner Zeitung», 26.3.1987), wer darüberhinaus einen Verein mit Delegiertenversammlung, Vorstand, Ausschuss, Programmrat, mit Präsident, Sekretär, Kassier und Betriebsleiter über sich akzeptiert, der darf rein – wenn er will. Wer überhaupt die Wahl hat, wählt am 7. September zwischen einem Dach über dem Kopf, unter dem sich bereits ein reglementierender Vereinsapparat breitgemacht hat, und der sauberen autonomen Obdachlosigkeit zwischen den Stiefeln von Albisettis Grenadieren.

In einer heiklen Situation befindet sich die IKuR (Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule). Sie ist zum Beitritt in den Verein Dampfzentrale eingeladen worden. Tritt sie nicht bei, so ist sie «draussen», und ihr wird vorgeworfen werden, sie sei unkooperativ, sektiererisch, und es gehe ihr gar nicht um Kulturraum. Tritt sie aber bei, so wird der letzte kulturpolitische Druck vom ehemaligen AJZ Reithalle abgelenkt sein: Dann wird der Weg frei werden für den (Teil-)Abriss der Reithalle.

 

[2] Auf der Titelseite dieser WoZ Nr. 36/1987 wurde aktivistisch vermeldet: «Kulturzentrum für Bern! / Dampfzentrale vor Eröffnung / Der Trägerverein der Dampfzentrale als ‘interdisziplinäres Kulturzentrum’ ist unter dem Namen ‘Verein Dampfzentrale’ bereits am 22. Juni gegründet worden (Sekretariat: Peter Egli, Halen 48 A, 3037 Herrenschwanden). Nun hat er zur ‘konstituierenden Versammlung»’, an der ‘nebst dem Vorstand auch alle übrigen Organe des Vereins gewählt werden’, eingeladen. Diese konstituierende Versammlung findet statt am Montag, 7. September, 20.00 Uhr, im Café ‘B’, 1. Stock, Münstergasse 60. Es bewegt sich etwas in der Berner Kulturszene. Der einzige, der von nichts weiss, ist der städtische Kultursekretär. Seiten 17/18».

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Das vorliegende Gespräch ist Teil einer Co-Produktion zwischen «Kultur-Magazin», «Aareboge» und WoZ zur kulturpolitischen Situation in Bern. Das «Kultur-Magazin» wurde von den Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH) herausgegeben, das «Aareboge-Magazin» war die «Zeitschrift für Politik und Kultur» der POCH Bern. Der vorliegende Kommentar wurde nur in der WoZ abgedruckt.

Im gleichzeitig mit dieser WoZ-Ausgabe erschienen «Aareboge» Nr. 4, September 1987, findet sich neben einer etwas anders redigierten Version des Betts-Interviews ein zweites grosses Gespräch zur Kulturraumsituation mit Margareta Peters (Jazz Now Bern) und Hans Dampf (aus dem Umfeld der «Strafbar»-Aktionen). Zudem bot der «Aareboge»-Schwerpunkt einen Leitkommentar unter dem Titel «Alternativkultur in Bern: Obdachlos am Rand» sowie eine «Chronologie: Raumschrumpfung in Bern», in der zwischen dem 7. Oktober 1986 und dem 3. August 1987 in gut dreissig datierten Episoden der «Kampf um die Verreglementierung, Verknappung und Verhinderung von Kulturraum» dokumentiert wurde (es ging insbesondere um die umkämpften Freiräume Toblerfabrik, Reitschule, Dampfzentrale, Meerhaus und Zaffaraya).

Peter Eichenberger und Samuel Geiser danke ich für die Erlaubnis, unsere Arbeit an dieser Stelle zweitzuveröffentlichen.