Das fehlende Testament

Für Carl Spitteler und seinen Freund, Lektor, Sekretär und Archivar Jonas Fränkel ist der Spätherbst 1924 eine intensive Zeit. In diesen Tagen erscheint – nach jahrelanger Zusammenarbeit – im Diederichs Verlag in Jena das Epos «Prometheus der Dulder». Fränkels Exemplar trägt die Widmung: «Meinem besten Freunde / Jonas Fränkel / dem eifrigen unermüdlichen / Richter und Berather / zur Herstellung dieses Buches. / In größter Dankbarkeit / sein Carl Spitteler, / 6 Dec. 1924 Luzern».[1]

Zudem steht – am 24. April 1925 – der achtzigste Geburtstag des Dichters bevor. Spitteler plant deshalb neue autobiographische Schriften, Fränkel arbeitet an seiner Spitteler-Biographie. Längst vorbesprochen ist auch, dass Fränkel auf diesen Termin eine Spitteler-Gesamtausgabe herausgeben solle. Am 3. November schreibt Spitteler an Fränkel: «Und jetzt den Plan für Winter und Frühjahr. Ich meine: ich stelle meine Autobiographiepläne und Skizzen auf unbestimmte Zeit zurück. – 1) Sie geben den ersten Teil Ihrer Biographie heraus […]  / 2) Diederichs macht auf den 80.sten meine Gesamtausgabe. Das Publikum und meine Bücher verlangen sie […].»[2]

Fränkel antwortet am 5. November: «Den I. Band Ihrer Biographie hoffe ich, so wie ich Ihnen versprochen habe, auf Ende des Jahres fertig zu haben.»[3]

Es folgen intensive Arbeitswochen: Als Fränkels Freund C. A. Loosli am 14. Dezember in einem Brief nachfragt: «Was macht Deine Spittelerbiographie?»[4], antwortet Fränkel erst am 26. Dezember: «Nur mit ein paar Zeilen kann ich Dir für Deinen letzten Brief danken, denn ich stecke tief in Arbeit», um dann beizufügen: «Ich lebe seit 3 Wochen unter dem Drucke beunruhigender Nachrichten aus Luzern: Spitteler ist krank – zum ersten Mal seit 60 Jahren ernst krank. Herzgeschichte. Er liegt im dunklen Zimmer, abgeschlossen von der Welt.»[5] Ein Besuch sei ihm nicht möglich gewesen, wird er sich 1945 in einem unveröffentlichten «Exkurs über die Spitteler-Biographie» erinnern: «Meine telephonische Anfrage, ob ich ihn besuchen dürfte, beantwortete die jüngere Tochter von sich aus mit Nein – ‘Das würde Papa zu sehr anstrengen‘.»[6] Drei Tage später, am 29. Dezember 1924, ist Spitteler gestorben.

Spannungen zwischen Luzern und Fränkel

Nach Spittelers Tod ist Fränkel bewusst, dass er die Arbeit an seiner Spitteler-Biographie neu beginnen muss. Im erwähnten «Exkurs» von 1945 schreibt er: «Nun die Freunde Spittelers auf seine Autobiographie verzichten mussten, hatte ich die Pflicht, so weit es in meinem Vermögen lag, dafür zu sorgen, dass der Welt nicht ganz verloren gehe, was den Inhalt der Autobiographie bilden sollte. Das vorbereitete Manuskript des I. Bandes konnte nun nicht mehr gebraucht werden, die Biographie musste jetzt ein ganz anderes Aussehen bekommen und auf eine andere Grundlage gestellt werden.»[7]

In der folgenden Zeit reist Fränkel immer wieder nach Luzern, um sich in Absprache mit der Witwe Marie Spitteler-Op den Hooff und den beiden Töchtern Marie-Adèle und Anna Spitteler einen Überblick über Spittelers Papiere zu verschaffen: «Was jetzt aus Koffern und Schränken zum Vorschein kam, übertraf alle meine Erwartungen […]. Es dauerte mehrere Monate, bis ich, immer wieder ganze Tage in Spittelers verwaistem Arbeitszimmer verweilend, einen Teil des Nachlasses im Gröbsten geordnet und das für die Biographie Verwertbare ausgesondert hatte.»[8]

Fränkels Bemühungen stehen unter einem schlechten Stern. Einerseits hat er, auch aus finanziellen Gründen, 1918 vom Wiener Schroll Verlag den Auftrag übernommen, eine Gottfried Keller-Ausgabe zu edieren, was, neben seiner Professur an der Universität Bern, sehr viel Arbeit bedeutet. Andererseits kommt es zwischen ihm und den Spitteler-Erbinnen zunehmend zu Spannungen. Nach dem Tod der Witwe am 22. Januar 1929 schreibt er den beiden Töchtern am 22. März schliesslich entnervt: «Wie wir zueinander stehen, ist für die Welt vollkommen gleichgültig, nicht ganz gleichgültig aber ist, ob es mir verunmöglicht wird, für Ihres Vaters Nachleben in seinem Sinne zu wirken. Sie haben es mir durch Ihr Verhalten in diesen letzten Jahren unmöglich gemacht, das Haus Carl Spittelers zu betreten, um an seinem Nachlass zu arbeiten.»[9]

Ohne Testament gilt der Wille nichts

Im Zentrum des Konflikts um den Spitteler-Nachlass, der sich zwischen den zerstrittenen Parteien nun zunehmend entwickelt, steht die Frage: Was sagt Spittelers Testament? Die formaljuristische Antwort ist einfach: Nichts, denn es gibt kein Testament. Demnach sind für den Nachlass nun die beiden Töchter zuständig, Fränkel hat nichts mehr zu sagen.

Neben dieser Antwort gibt es die andere, die Spittelers immer wieder ausgesprochenen Willen über das Formaljuristische stellt. Im «Professorenstreit», den die Tageszeitung «Der Bund» im Winter 1932/33 über mehrere Monate mit immer neuen Beiträgen befeuert, geht es unter anderem um diese Nachlass-Frage. Die Spitteler-Töchter schreiben, es gebe einen Brief Fränkels an Spitteler, in dem es heisse, «selbstverständlich betrachte ich mich nicht als Besitzer, sondern nur als vorläufiger Hüter der mir anvertrauten Papiere». Auf diesen Brief habe Spitteler «eine unmissverständliche Willensäusserung» notiert: «Wichtiger Brief Fränkels. Sämtliche Papiere des Spittelerarchivs gehören mir und meinen Erben und nicht ihm und seinen Erben.»[10] Fränkel entgegnet im «Bund», Spittelers «Willensäusserung» beziehe sich «auf ein von Eugen Diederichs heraufbeschworenes, rasch beseitigtes Missverständnis» und sei im November 1910 entstanden, «also im zweiten Jahre, nachdem Spitteler mich kennen gelernt hatte, volle vierzehn Jahre vor seinem Tode».[11] Zudem habe er, Fränkel, nie «Eigentumsansprüche auf den Nachlass» erhoben. Als Beleg für Spittelers Willen zitiert er aus einem Brief von 1923, als Spitteler ihm einen eben entstandenen literarischen Text zugeschickt habe mit den Worten, er verspüre das Bedürfnis, «das Fertige soll vor allem bei Ihnen liegen, nicht einzig bei mir».[12]

In diesem Winter 1932/33 verhandeln die Töchter Spittelers bereits mit Bundesrat Albert Meyer, dem Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI), über die Schenkung des Spitteler-Nachlasses an die Eidgenossenschaft. Im September 1933 wird der Schenkungsvertrag, der den «gesamten literarischen Nachlass Carl Spittelers» betrifft, unterzeichnet. Der Nachlass, heisst es darin, befinde sich «teils im Besitz der Donatorinnen, teils im Besitz von Prof. Dr. Jonas Fränkel». Zudem heisst es in den «Vereinbarungen» zum Schenkungsvertrag unter Punkt 2: «Die im Besitze des Herrn Professor Fränkel befindlichen Nachlasspapiere wird der Bund, soweit er sie für die Veröffentlichung als geeignet und für die Sammlung als wertvoll erachtet, wenn nötig auf dem Wege des Rechts, herausverlangen.» Zudem wird unter Punkt 6 festgehalten, dass Fränkel der damals ins Leben gerufenen, beratenden Spittelerkommission «nie angehören» werde.[13]

Der Spitteler-Handel

Das ist die Ausgangssituation für den «Spitteler-Handel», den Fränkel ab 1934 mit Meyers Nachfolger, Bundesrat Philipp Etter, führt. In seinem Buch «Spittelers Recht» schildert er 1946, wie er diesen Kampf 1945 letztinstanzlich vor dem Bundesgericht verloren hat. Im gleichen Jahr geben – unter Ausschluss von Fränkel – die drei Literaturprofessoren Wilhelm Altwegg, Robert Faesi und Gottfried Bohnenblust die ersten Bände von Spittelers «Gesammelten Werken» heraus. Im Geleitwort zum ersten Band erwähnt Bundesrat Etter Fränkels Namen zwar nicht, jedoch moniert er: «Leider war es bisher noch nicht möglich, den gesamten literarischen Nachlass Carl Spittelers in der Hand des Bundes zu vereinigen […].» (GW 1, S. [7]). Um diese Vereinigung durchzusetzen, kommt es, vom EDI angeordnet, schliesslich am 9. Oktober 1948 auf der Riedegg bei Thun in Fränkels Haus zu einer Haussuchung, bei der Fränkel kein einziges Spitteler-Dokument herausgibt. Umgekehrt hat Fränkel bis zu Etters Rücktritt 1959 keinen Zugang zu Spittelers Nachlass in der Landesbibliothek (auch nicht zu seinen eigenen Briefen an Spitteler). Etters Nachfolger Hans-Peter Tschudi sucht zwar mit Fränkel das Gespräch, aber dieser ist unterdessen achtzigjährig. Seine Spitteler-Biographie bleibt ungeschrieben.

Fränkel stirbt am 4. Juni 1965 und nimmt viel von seinem Spitteler-Wissen mit ins Grab. Die bisher einzige Spitteler-Biographie ist 1973 erschienen, verfasst vom Lausanner Literaturprofessor Werner Stauffacher. Fränkels Nachfahren haben Stauffacher allerdings keinen Zugang zum Spitteler-Material auf der Riedegg gewährt – immerhin war Stauffacher als Delegierter der Landesbibliothek bei der Haussuchung 1948 auf Seiten der Polizei dabei.

Seit Anfang 2021 liegt nun Fränkels Nachlass – und als Teil davon der «Kryptonachlass Carl Spitteler» – im SLA. Er ist ähnlich umfangreich wie die Schenkung von 1933. Der Ende 1924 fast fertige erste Band von Fränkels Spitteler-Biographie ist darin nicht gefunden worden.[14]

Muss vor diesem Hintergrund Spittelers Biografie nun neu geschrieben werden?


[1] Faksimile der Widmung in: «Schweizer Illustrierte», Nr. 27, 30.6.1943.

[2] Spitteler an Fränkel, 3.11.1924.

[3] Fränkel an Spitteler, 5.11.1924.

[4] Loosli an Fränkel, 14.12.1924.

[5] Fränkel an Loosli, 26.12.1924.

[6] Jonas Fränkel: «Exkurs über die Spitteler-Biographie». Thun, 23. Februar 1945. Zentralbibliothek Zürich, Nachlass Humm, Briefwechsel mit Jonas Fränkel, Signatur 70.2.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Jonas Fränkel: «Um Spittelers Nachlass». In: «Der Bund», Nrn. 33 + 35 + 37, 20., 22., 23. 1. 1933.

[10] Anna Spitteler / Marie-Adèle Spitteler: «Um Spittelers Nachlass. Der Standpunkt der Erbinnen» In: «Der Bund», Nr. 19, 12.1.1933. – Sowohl das Fragment von Fränkels Brief, auf dem sich das erwähnte Zitat befindet, als auch das Couvert mit Spitteler Notiz finden sich im Nachlass Carl Spittelers (SLA-CS-B-2-Frae).

[11] Wie Anm. 9.

[12] Ebenda. – Der erwähnte Brief Spittelers stammt vom 18.12.1923 und findet sich im Nachlass Jonas Fränkels (SLA-FRAENKEL-S-1-B-1-Frae).

[13] Schenkungsvertrag und Vereinbarungen, 5.9.1933. Original: Nachlass Carl Spitteler (SLA-CS-E-2-d-6); Kopie des EDI: Schweizerisches Bundesarchiv (E3001B #1980/53#1310*).

[14] Vgl. hierzu auch den Beitrag «Die Suche nach der Spitteler-Biographie» von Joanna Novotny im vorliegenden Band.

Aktuell

Zum Projekt

 

Die Website «Textwerkstatt Fredi Lerch» versammelt journalistische, publizistische und literarische Arbeiten aus der Zeit zwischen 1972 und 2022, ist abgeschlossen und wurde deshalb am 15. 1. 2024 zum zeitgeschichtlichen Dokument eingefroren.

Vorderhand soll die Werkstatt in diesem Zustand zugänglich sein, längerfristig wird sie im e-helvetica-Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek einsehbar bleiben. Teile des Papierarchivs, das für die vorliegende Website die Grundlage bildet, sind hier archiviert und können im Lesesaal der Schweizerischen Literaturarchivs eingesehen werden.

 


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