Fulminanter Föhnsturm

Mehr als 2000 StatistInnen lassen sich vom Staatstheater für ein politisches Lehrstück brauchen, das «Föhnsturm» heisst, den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD) zum Thema hat, am 13. Mai im Gebiet Interlaken / Oberhasli zur Aufführung kommt und dem Publikum die totalitäre Ideologie der Gesamtverteidigung näherbringen soll.

Der Unterschied zwischen theatralischem Schein und wirklichem Sein muss immer erkennbar bleiben, lehrt Brecht. Nur wo die Illusion gebrochen, wo verfremdet wird, ist die für jegliche Emanzipation notwendige Distanz des kritischen Urteils möglich. Wenn nächste Woche im Berner Oberland «Föhnsturm», das bisher grösste Manöver des koordinierten Sanitätsdienstes der Schweiz, über die Bühne geht, werden seine Regisseure, Hans Heller, Vorsteher der Zentralstelle für Gesamtverteidigung des Kantons Bern, und Brigadier Bruno Deslarzes, Kommandant der Territorialzone 10, genau das Gegenteil versuchen: Schein und sein vertuschen, Illusion und Wirklichkeit vermengen, Öffentlichkeit schaffen und kritische Distanz verhindern.

Aus dem Programmheft

Bereits am 23. März haben die beiden Berner Regierungsräte Peter Schmid (Militär) und Kurt Meyer (Gesundheit) an einer Pressekonferenz die Propaganda für das «Föhnsturm»-Stück eröffnet, von dem sie hoffen, dass es «die Idee und den Sinn des KSD weiter verbreitet». Bei dieser Gelegenheit lancierten die beiden – mit Bild im «Bund» – den «Föhnsturm»-Wein mit dem «Föhnsturm»-Signet als Vignette. Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt unter die Leute gebracht wurde die wertlose «Föhnsturm»-Briefmarke, die «die vier im KSD engstens miteinander verknüpften Partner» zeigt.[1]

Was dem Fussvolk Wein und Märkli zum Lecken, ist den Kadervorkurs-Offizieren des Spitalregiments 11 unter Oberst Hans Lutziger, das den militärischen Part im «Föhnsturm» zu spielen hat, ein deftiger Gutsch Ideologie. Geladen zum Referieren waren unter anderen Ostinstitutschef Peter Sager («Gesamtverteidigung aus politischer Sicht») und die Soziologin Ruth Meyer («Frau und Gesamtverteidigung»).

Vorprogramm für Schulkinder & Angehörige

Als Einstimmung auf die Hauptproduktion finden am 8./9. Mai – dem «Besuchstag» – Vorübungen der einzelnen Regimentsteile statt. Sie heissen «Säuselwind», «Westwind», «Ostwind» und «Bise». Die Spitalabteilung 55 zum Beispiel führt das Stück «Säuselwind» auf, das «in einem etwas ungewöhnlichen – aber nicht minder attraktiven – Rahmen stattfinden» soll: «Die Besucher können unser Spital als Patient erleben. Soweit möglich und gewünscht übernachten sie im Militärspital. Nach bewährter 55er Manier werden wir auch für die nötige Unterhaltung besorgt sein.»

Aber nicht nur die Erwachsenen, auch die Kinder machen mit. Bereits Mitte Februar hat Oberst Lutziger an seine Soldaten ein Dispensgesuch zuhanden der LehrerInnen von deren Kindern geschickt: «Jedes schulpflichtige Kind eines Angehörigen des Spit Rgt 11 wird ab Freitagnachmittag, den 8. Mai, als ‘Patient’ erwartet und am Samstagmittag wieder entlassen. Für diese Zeitspanne bitte ich um Schuldispens.»

Hauptprogramm für Spitalpersonal & Presse

Richtig los geht’s dann am 13. Mai: 1500 Mann vom Spitalregiment 11, 800 ZivilschützerInnen, 300 zivile Freiwillige tun so, als ob im «beübten Gebiet» mit 43000 EinwohnerInnen plötzlich drei Prozent der Bevölkerung krank werden würden (warum und wie steht nicht im Programmheft). Regierungsrat Meyer schwärmt: «Der Patientenstrom wird damit an den Rand des Verkraftbaren anschwellen.» Lutziger seinerseits findet für diesen «Föhnsturm» genau ein Wort: «fulminant».

Die Gewalt dieser monströsen Simulationsmaschine wird auch Unbeteiligte im ganzen Kanton Bern nicht nur zum Zuschauen, sondern auch zum Mitmachen zwingen. Während der Übung am 13. Mai muss das gesamte Spitalpersonal in den bernischen Spitälern auf Ferien und Freitage verzichten, weil ein Teil ihrer KollegInnen in die «geschützten Operationsstellen» der zu beübenden Regionalspitäler Interlaken und Meiringen abdetachiert wird. Dieser sanfte eintägige Zwang kündigt bereits Institutionalisierung an: «Als KSD-Personal sind im Kanton Bern insgesamt rund 20000 Personen erforderlich. Rund die Hälfte davon stellt der Zivilschutz, die Rekrutierung der anderen Hälfte ist Sache der zivilen Stellen.» (Schmid)

Bleibt, auch noch gleich die Berichterstattung über das Theater ins Theater einzubinden: «Als Patienten ‘getarnt’ treten die Medienfachleute im Verlaufe des 13. Mai in eine der sanitätsdienstlichen Anlagen ein und erleben den ‘Leidens’-Weg eines Patienten im Massstab 1:1.» (Meyer)

«So wie die Einfühlung das besondere Ereignis alltäglich macht, so macht die Verfremdung das alltägliche besonders», sagt Brecht. Darum müssen möglichst viele – Soldaten, Angehörige, Kinder, Spitalpersonal, Medienleute – sich einfühlen lernen in die totalitäre Ideologie der Gesamtverteidigung. So wird sie alltäglich.

[1] Aufgrund der in der WoZ faksimilierten Marke waren mit den vier Partnern die militärischen Kampftruppen, die militärischen Sanitätstruppen, die MitarbeiterInnen des Roten Kreuzes und das zivile Spitalpersonal gemeint.