Geschichte des Elektroschocks in der Heil- und Pflegeanstalt Münsingen (1939-1988)

Am 31. Oktober 2018 hatte ich ein Treffen mit der Kommunikationsverantwortlichen des Psychiatriezentrums Münsingen (PZM). Sie fragte mich, ob ich im Hinblick auf einen internationalen Elektrokonvulsionstherapie-Workshop, der in Münsingen am 4. und 5. Oktober 2019 stattfinde, die Geschichte der Elektroschockbehandlung in der Institution aufarbeiten würde. Gewünscht sei keine medizinhistorische Monografie, sondern eine journalistisch vermittelnde Publikation, die auch von einem Laienpublikum gelesen werden könne. Zur Quellenlage sei es so, dass mich die Sammlungsverantwortliche des PZM bei den Recherchen unterstütze und ich freien Zugang zur Bibliothek und zum Archiv der alten Krankengeschichten hätte. Für Medizinisch-Fachliches könne ich mich jederzeit an einen Chefarzt und eine Oberärztin wenden, die seit zwei Jahren mit der Wiedereinführung der Therapieform in den Klinikalltag befasst seien.

Ein verlockender Auftrag: Psychiatriegeschichte interessiert mich. Und Einblick zu bekommen in einen riesigen Bestand von alten Krankengeschichten (grob geschätzt 25’000 Dossiers aus den Jahren 1895 bis 1970/80) – das war ein Angebot, von dem ich als Journalist bisher nur hatte träumen können. Andererseits war klar: Wenn ich die Arbeit in Angriff nahm, war ich als bezahlter Auftragnehmer «embedded» in die Interessenlage einer Aktiengesellschaft, die das PZM ist. Ich konnte nicht ausschliessen, dass ich im Lauf der Recherche unter Druck geraten würde, das Thema im Sinn von Firmen-PR schönzuschreiben.

Ich erbat eine kurze Bedenkzeit und traf mit mir folgende Abmachung: Ich nehme den Auftrag an und versuche mit meiner Darstellung, der Ärzteschaft, der Therapieform und den Anstaltsinsassen gleichermassen gerecht zu werden. Falls ich unter Druck komme, erstatte ich als AHV-Rentner (der ich ab April 2019 sein würde)  das bis dahin erhaltene Honorar zurück und sage: Wenn ihr Firmen-PR wollt, dann schreibt sie selber. 

Mit Datum vom 12. Dezember 2018 verfasste ich daraufhin ein Konzept, worin es unter anderem heisst: «Der Auftrag lautet, in gut lesbarer Form die Geschichte des Elektroschocks in der psychiatrischen Klinik Münsingen nachzuzeichnen. Der Fokus der Darstellung soll auf dem Zeitraum zwischen 1937 (internationaler Insulinschock-Kongress in Münsingen) und 1988 (Absetzung der Elektroschocktherapie) liegen. Die folgende Zeit ohne Elektroschock und seine Wiedereinführung als Elektrokonvulsionstherapie (EKT) 2017 sollen in einem letzten Abschnitt nur kurz und summarisch angesprochen werden.»

Auf dieser Basis wurde mir der Auftrag erteilt. Um den Jahreswechsel 2018/19 begann eine Zeit der intensiven Lektüre im Nachlass des Anstaltsdirektors und Psychiaters Max Müller in der Burgerbibliothek Bern, in aktueller und zeitgenössischer Fachliteratur sowie später im PZM in sehr vielen Krankengeschichten. Eine Zeitlang wurde ich dort von Peter Schmocker unterstützt, der eine Sammlung von mehr als 1600 Elektroschockkrankenkarten aus den Jahren 1959 bis 1988 auswertete und für die Publikation statistische Grafiken erstellte. Bis Anfang August schloss ich den Text ab. Jedes Kapitel wurde vom Chefarzt und von der Oberärztin gegengelesen, ausser einigen fachlich oder sprachlich nötigen Korrekturen und Tippfehlern hatte ich aus ihrer Sicht keine Änderungen zu machen – Direktion und Kommunikationsabteilung des PZM nahmen keinen Einfluss auf meinen Text.

Pünktlich auf den EKT-Workshop Anfang Oktober 2019 kam das sehr schön gestaltete und illustrierte Buch aus der Druckerei (beziehen kann man es beim PZM). Die Berner Tageszeitung «Der Bund» gab mir Gelegenheit, die Ergebnisse der Recherche auf zwei Zeitungsseiten vorzustellen. Und Journal B dokumentierte unter dem Titel «Die Elektroschock-Renaissance» Ausschnitte aus dem letzten Abschnitt der Publikation, in dem ich im Gespräch mit Chefarzt und Oberärztin die Frage zu beantworten versuchte, warum der jederzeit umstrittene Elektroschock heute wieder zunehmend zur Anwendung kommt.

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Wenn ich nach der lehrreichen Erfahrung dieser Arbeit mein journalistisches Engagement der späten 1980er Jahre im Dienst der Antipsychiatrie betrachte, so fällt mir zuerst auf: Ich war damals befangen in einer Dauerempörung über das, was ich zu berichten hatte. Die Elektroschock-Arbeit hat mir geholfen zu lernen, dass es nicht um Empörung geht, sondern um das Erkennen einer Normalität. Es geht darum, dass bestimmte gesellschaftliche Bedingungen bestimmte Menschen in die soziale Auffälligkeit treiben. Aus Sicht der jeweiligen Normalität muss diese manchmal selbst- oder fremdgefährdende Art zu stören eine «Krankheit» sein. Darum werden die Auffälligen zum Zweck der Normalisierung interniert und normalisiert. Wie das im Einzelnen geschieht, will man lieber nicht so genau wissen. Insbesondere die institutionelle Psychiatrie ist eine Dienstleistungsindustrie zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlich geforderten Normalität, die hierzulande immerhin direktdemokratisch hergestellt wird. Von den psychiatrischen Kliniken gefordert wird die Wiederherstellung der sozialen Unauffälligkeit und die «Arbeitsremission» der Internierten. Genau diesen Auftrag versuchen sie zu erfüllen, Tag für Tag. Wer die therapeutischen Methoden kritisiert, mit denen die Internierten in den schmalen Kanal der Normalität zurückgenötigt werden, soll sich fragen, warum dieser Kanal so schmal ist. Psychiatriekritik, die diesen Namen verdient, muss Gesellschaftskritik sein – sonst ist sie nichts als ein Wort zum Sonntag in der zu oft nur selbstgerechten Kirche der Political Correctness. 

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Ich danke den Zuständigen des Psychiatriezentrums Münsingen, die entstandene Publikation an dieser Stelle zweitveröffentlichen zu dürfen:

«Therapeutischer Wille unter Strom. Die Geschichte des Elektroschocks in der Heil- und Pflegeanstalt Münsingen»