Zeit zu lernen

 

Im Schatten der Dachuntersicht die Nester der Mauersegler.

«Unsere Luftwaffe!», lachst du und zeigst in die Höhe,

wo pfeilschnelle Vögel in haarscharfen Volten von Mücke

zu Mücke den Abendhimmel durchpfeilen. «In der ersten Zeit,

sicher drei Jahren», sagst du, «leben die Vögel irgendwo

zwischen hier und der Sahara Tag und Nacht in der Luft.»

Und ziehe von Westen her über den Jura herunter

Gewitter mit Regen und Wind, so wichen sie über die Alpen

nach Mailand aus oder nordwärts ins Elsass und seien

am andern Morgen, die Schnäbel gefüllt mit Mücken,

wieder zurück, um unter dem Dach ihre Jungen zu füttern.

In wenigen Tagen bereits beginne nun das, was du

vor deiner Schulklasse jeweils «die Flugschule» nenntest.

Nun kämen aus ihren Nestern die Jungen und bald schon

flögen sie hinter den Alten über die Firste und Giebel, als

täten sie das seit je, denn Zeit, denn Zeit zu lernen

sei keine. Schon Ende Juli seien sie weg Richtung

Süden und komme der Herbst und die Kälte ins Land,

lebten sie längst jenseits der Wüste in einem anderen

Sommer. – Nun ist es doch kühler geworden, du hüstelst,

wir gehen ins Haus. Bevor mein Zug fährt, reicht die Zeit

noch für einen Kaffee bei zerstreutem Geplauder, schon

schieb ich den Stuhl zurück und trinke den letzten Schluck

stehend als du, mit kaum belegter Stimme, erzählst,

der Arzt, von dem du vorhin nach Hause gekommen,

habe schweigend die Schultern gezuckt, als du fragtest:

Wie lange noch? – Als ich zögere, reichst du mir schnell

die Hand, dankst mir und wünschst alles Gute. Erst jetzt

wird mir klar, dass du nicht rauchst, wie früher doch stets.

 

[24.6., 13.7.2014]