«Männer sind die einfachere Kundschaft»

Das Arbeitsmaterial im Päcklistand ist bunt: Stapel mit Geschenkpapieren, zwei Dutzend Rollen mit Glitzerschnüren, Stoffbändern aus Tüll und verschiedenfarbigen Geschenkbändern. Auf der Arbeitsfläche ein Bostitch, ein Leimstift, einfache und doppelte Klebstreifen, Scheren und der «Bändelireisser», ein kleines Instrument, das Geschenkbänder längswärts in schmale Streifen schneidet und zu Kringeln rollt. 

«Männer sind die einfachere Kundschaft», sagt Rahel Sommer. «Sie sind dankbar, dass wir aus ihrem Einkauf ein Päckli machen. Frauen haben manchmal sehr genaue Vorstellungen, wie das Geschenk aussehen soll. Aber generell wird unsere Arbeit geschätzt.»

Managerin des Päcklistands

Schon vor Jahren hat Sommer zur Adventszeit jeweils in einer grossen Buchhandlung Geschenke eingepackt. Unterdessen steht sie zum vierten Mal im Päcklistand des Weihnachtsmarkts auf dem Berner Waisenhausplatz – allerdings zum ersten Mal nicht als Hilfskraft. Im Auftrag der Berner Marktkommission hat sie die Dekoration des Standes und das Arbeitsmaterial organisiert, mit sechs Freundinnen und Bekannten ein Arbeitsteam zusammengestellt und für die Zeit vom 29. November bis zum 24. Dezember einen Dienstplan geschrieben. «Der Stand ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet, am Sonntag bis abends um 6 Uhr.»

Weil die Arbeit in den letzten Tagen vor Weihnachten zunimmt, hat sie den Stand mit einer bis in den Spitzenzeiten drei Personen besetzt. Eine Schicht dauert höchstens acht Stunden, gewöhnlich weniger. «Ein Heizstrahler hilft zwar gegen die Kälte, aber nicht gegen die müden Beine.» Und was die Löhne angeht, füllen alle einen Arbeitsrapport aus und rechnen am Schluss einzeln mit der Marktkommission ab.

Für das Publikum ist die Dienstleistung am Päcklistand gratis. «Wer an einem Marktstand einkauft, bekommt einen Bon. Geld fliesst hier nur, wenn jemand auf dem Tresen das Kafikässeli füttert.» Zeit für Kundengespräche bleibt kaum. Die Arbeit erfordert Konzentration und der Anspruch der Kundschaft sei, dass sie flink aufgeführt werde.

«Klar, sind die dreieinhalb Wochen streng», sagt Rahel Sommer. «Aber mir gefällt’s. Die Stimmung ist speziell: Die Suche nach den richtigen Weihnachtsgeschenken hat auch etwas mit Hektik und Stress zu tun. Wir sind mittendrin, aber haben im Holzhäuschen unsere Ruhe und beobachten nur.»

Fährifrau und Landschaftspflegerin

Ausserhalb der Adventszeit hat Rahel Sommer verschiedene Berufe: Sie ist zwar gelernte Zierpflanzengärtnerin, aber ab März wird sie in Reichenbach nördlich von Bern wieder als Fährifrau auf der Aare arbeiten. Als Mutter teilt sie sich in die Betreuung ihrer beiden Kinder mit dem Partner. Er ist spezialisiert auf Wollisolationen, ist auf den Baustellen selbständig unterwegs und kann sich die Arbeit im Winter einteilen. «Jetzt, wo ich hier bin, schaut er zu den Kindern.» Auch darum geniesse sie diese Wochen: Der Rollentausch mit ihrem Mann erlaube ihr «einen Tapetenwechsel».

Zusammen mit freiwilligen Helfern und Helferinnen ist sie zudem seit anderthalb Jahren Pflegerin einer kleinen ökologischen Oase. Das kam so: Ihre Eltern waren das, was man seinerzeit als «Aussteiger» bezeichnet hat. Sie erschufen sich hinter Guggisberg (BE) auf einem Bauerngut mit drei Hektaren Land eine eigene Welt. Ihr Vater Markus «Sumi» Sommer wurde weiterherum bekannt, weil er ein europaweit einzigartiges, schilfgedecktes keltisches Rundhaus baute und jährlich ein «Keltenfest» veranstaltete, von dem man auch respektvoll als «Little Woodstock» sprach.

Als Markus Sommer im März 2013 mit erst 55 Jahren unerwartet starb, entschied sich seine Tochter, mit ihrer Familie in das Bauernhaus neben dem Keltenhaus zu ziehen. Seither bewirtschaftet Rahel Sommer dort den grossen Garten und pflegt das Areal: Auf dem ehemaligen Ackerland pflante ihr Vater mehr als tausend Bäume und schuf so eine Parkanlage mit riesiger Pflanzenvielfalt. «Mir liegt es am Herzen, dass diese Landschaft, in der ich aufgewachsen bin, erhalten bleibt und sich weiterentwickeln kann», sagt sie.

Kunsthandwerkerin und Philosophin

Und wenn Rahel Sommers verschiedene Berufe aufgezählt werden, gehört auch das dazu: «Ich bin ein kreativer Mensch, der mit den Händen arbeiten muss. Ich male, nähe, werke und gestalte; Farben und Formen faszinieren mich.»

Karrierepläne hat sie keine. «Pläne mache ich nicht gerne. Es kommt sowieso immer alles anders.» Wenn der Päcklistand an Heiligabend geschlossen wird, wird es für sie sowieso genug anderes zu tun geben. Sie wolle sich einfach treu bleiben und Dinge tun, die ihr Freude machten: «Ich versuche, für mich so zu leben, dass ich dahinterstehen kann.»

 

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Hobbies? Wozu?

Aufgewachsen ist Rahel Sommer (* 1984) bei Guggisberg (BE). Als Aussteiger hat ihr Vater – ein ehemaliger Lehrer – dort für seine drei Töchter und die Nachbarskinder auch eine kleine Privatschule aufgebaut und betrieben. So ging sie acht Jahre lang beim Vater zur Schule und ein Jahr im Dorf, «damit ich ein Abschlusszeugnis hatte».

Danach: zehntes Schuljahr mit Schwerpunkt Zeichnen und Gestalten; Vorkurs an der Kunstgewerbeschule in Olten; dreijährige Ausbildung zur Zierpflanzengärtnerin an der Gartenbauschule in Hünibach bei Thun. Ab 2004 jobbt sie und reist mit ihrem Freund ein halbes Jahr lang durch Kanada und die USA. Mit 24 und mit 26 wird sie zweimal Mutter.

Der Stundenlohn, den sie als Päcklifrau auf dem Weihnachtsmarkt verdient, findet sie «angemessen für die Arbeit». Sie ist in keiner Gewerkschaft und für Politik interessiert sie sich dann, wenn für sie das Thema wichtig genug ist. Hobbies hat sie keine: «Ich versuche, das zu tun, was ich tun will. Im Moment ist das Päckli einpacken.»

Aktuell

Zum Projekt

 

Die Website «Textwerkstatt Fredi Lerch» versammelt journalistische, publizistische und literarische Arbeiten aus der Zeit zwischen 1972 und 2022, ist abgeschlossen und wurde deshalb am 15. 1. 2024 zum zeitgeschichtlichen Dokument eingefroren.

Vorderhand soll die Werkstatt in diesem Zustand zugänglich sein, längerfristig wird sie im e-helvetica-Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek einsehbar bleiben. Teile des Papierarchivs, das für die vorliegende Website die Grundlage bildet, sind hier archiviert und können im Lesesaal der Schweizerischen Literaturarchivs eingesehen werden.

 


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