Dossier Psychiatrie (1988-2014)

 

«Ich bin persönlich überzeugt», hat Klaus Dörner im «Beobachter» 3/2014 gesagt, «die Psychiatrie ist zu 50 Prozent eine medizinische und zu 50 Prozent eine philosophische Fakultät.» Dörner (* 1933) ist als «nimmermüder Vorkämpfer für die Sozialpsychiatrie und die Abschaffung aller Anstalten und Heime», wie ihn die taz einmal charkterisiert hat, einer der prominenten Psychiatriereformer des 20. Jahrhunderts. Trotzdem hätte ich ihm in diesem Punkt während der Zeit, in der ich mich als Laie kontinuierlich zu Fragen der Psychiatrie geäussert habe, widersprochen: Die real existierende Psychiatrie sei, hätte ich erwidert, zu einem Drittel Ordnungspolitik, zu einem Drittel Ideologieproduktion im Dienst der herrschenden Verhältnisse (zum Beispiel der Pharmaindustrie) und  zu einem Drittel Medizin. Aber höchstens!, hätte ich trotzig beigefügt.

Als ich als Journalist mit der Psychiatrie in Kontakt gekommen bin, hat mich ihre medizinische Seite zuletzt interessiert: Psychiatrie war für mich institutionelle Psychiatrie, die mit zwangsweiser Internierung und Kasernierung, mit Zwangssterilisationen, Elektroschocks und seit Mitte des 20. Jahrhunderts insbesondere mit Psychopharmaka mithalf, die fahrende Lebensweise der Jenischen zu zerstören. Und als sich mein Blick auf das Phänomen allmählich erweiterte, wurde mir Psychiatrie nicht zum Spital für «Kranke», sondern vor allem anderen zu einer jener fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, mit denen man in der Schweiz bis um 1980 alle bedroht und bekämpft hat, die mit «Arbeitsscheu», «Liederlichkeit», «Alkoholsucht» oder «Verwahrlosung» in Zusammenhang gebracht werden konnten.

Unter dem Einfluss sozialpsychiatrischer Theorie und Praxis gelangte ich zur Überzeugung, die Idee von «psychischen Krankheiten» habe mehr mit ordnungspolitischer Ideologie und pharmaindustriellem Marketing zu tun als mit Wissenschaft. Was es allerdings gebe seien Menschen, die in existentiellen Krisen manchmal so sehr litten, dass man mit Alltagsvernünftigkeit nicht mehr an sie herankomme. Und immer vermutete ich, dass es besser wäre, solchen Menschen Zeit, Raum und begleitende Unterstützung zu geben, damit sie selber aus ihrer Krise herausfinden können, statt ihre Krise mit chemischen Substanzen zwar sozial unauffällig zu machen, aber gleichzeitig zu chronifizieren. Kurzum: Psychiatrische Kliniken waren für mich das Scharnier zwischen einem Spital und einem Gefängnis; heilten dort, wo keine «Krankheiten» vorlagen und sperrten dort ein, wo nicht kriminalisiert werden konnte. Im Zentrum meiner Auseinandersetzung stand deshalb nicht irgendwelche «Seelenheilkunde», sondern die Medikamentenkritik, die Institutionenkritik und die Denunzierung des Zwangs.

Zwischen 1995 und 2000 habe ich in der psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern als Externer mitgeholfen, die Psychiatrie-Erfahrenen-Zeitschrift «Kuckucksnest» aufzubauen und in einer ersten Phase redaktionell zu stärken. Dass die Zeitschrift bis heute regelmässig erscheint, ist nicht mein Verdienst, aber es freut mich.

Irrsinn Psychiatrie. Rezension (WoZ, Nr. 41 / 1988).

Sollen Neuroleptika verboten werden? Kommentar (WoZ, Nr. 41 / 1988).

Doktortitel für fortgesetzten Rufmord. Reportage über den Psychiater Benedikt Fontana als Forscher (WoZ, Nr. 43 / 1988).

Der Schatten der Rasmieh Hussein. Reportage über eine Fahrende, die im Frauengefängnis Hindelbank zu Tode kommt (WoZ, Nr. 49 / 1988).

Die Schweiz braucht eine Irren-Offensive. Reportage (WoZ, Nr. 3 / 1989).

Reise durch die Psychiatrie. Rezension (WoZ, Nr. 34 / 1989).

Das gerettete Konzept. Reportage über eine gescheiterte Drogenentzugsstation in der psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern (WoZ, Nr. 9 / 1990).

Zwang in der Psychiatrie. Notizen (Erstveröffentlichung, Februar 1991).

Altlasten, Panzerglas und Kastrationen. Reportage über geistig Behinderte in der psychiatrischen Universitätsklinik Basel (WoZ, Nr. 13 / 1991).

8 Thesen zur institutionellen Psychiatrie (Erstveröffentlichung, Oktober 1991).

Schnitte in gesundes Fleisch. Reportage über kastrierende und sterilisierende Psychiater (WoZ, Nr. 42 / 1991).

Antipsychiatrie, und dann? Zu Kerstin Kempker/Peter Lehmann [Hrsg.]: Statt Psychiatrie (WoZ, Nr. 45 / 1993). 

Der Staat gibt einen Fehler zu. Bericht über die wundersame Gesundung eines «chronischen Schizophrenen» (WoZ, Nr. 6 / 1994).

Abächerlis Kampf gegen Schnäbel und Klauen. Als Privatsekretär eines antipsychiatrischen Anwalts in der psychiatrischen Klinik Oberwil (ZG) (WoZ, Nr. 10 / 1994).

Die Sprachpyramide der Psychiatrie. Aufsatz über das Mundwerk von Psychiatriesoldaten, -offizieren und -pfarrherren (WoZ, Nr. 10 / 1994).

Wunder des Zorns. Rezension über Mariella Mehrs grössten Roman (WoZ, Nr. 12 / 1994).

Wer am Kuchen schleckt, singt falsch. Interview mit Edmund Schönenberger (WoZ, Nr. 15 / 1994).

Meiers Weg durch die Psychiatrie. Reportage über einen, dessen Schizophrenie eigentlich eine Zöliakie war (WoZ, Nrn 30+31 / 1994).

Ich schreibe weiter. Und du? Kommentar (Kuckucksnest, Nr. 1 / 1995).

Hilf dir selbst. Kommentar (Kuckucksnest, Nr. 3 / 1995).

Mit 50 flügge. Rezension (Kuckucksnest, Nr. 3 / 1995).

Aufbrüche mit dünnem Fell. Rezension (Kuckucksnest, Nr.  7 / 1996).

Der lange Weg hinaus. Kommentar über die Drehtürenpsychiatrie (Kuckucksnest, Nr. 8 / 1996).

Psychose-Seminare? Ja, aber. Kommentar (Kuckucksnest, Nr. 10 / 1997).

Neu: Selbstbewusstsein. Bericht über den Versuch von Psychiatrie-Erfahrenen, sich zu organisieren (WoZ, Nr. 39 / 1998).

Giftfrei leben nach der Krise. Rezension (WoZ, Nr. 15 / 1999).

Der Skandal, der keiner ist. Reportage über psychiatrische Forschung, bei der die eine Hand die andere wäscht (WoZ, Nr. 18 / 1999).

Prozess um nicht genehme Wörter. Reportage über den Anwalt Edmund Schönenberger als Angeklagten (WoZ, Nr. 45 / 1999).

Gesetz gegen das Folterverbot. Bericht über die nachholende Legalisierung von Zwangsmassnahmen im Aargau (WoZ, Nr. 11 / 2000).

Auch ich bin verrückt. Mein Selbstporträt als Patient des Schriftstellers und Psychiaters Walter Vogt (WoZ, Nr. 29 / 2002).

Niemand will Klingler helfen. Fürsorgerische Freiheitsentziehung (FFE) im Emmental (WoZ, Nr. 50 / 2002).

Verwahren gegen Verwahrlosung. Warum in der Schweiz die Fürsorgerische Freiheitsentziehungen zunehmen (WoZ, Nr. 12 / 2003).

Gesellschaft – bitte melden! Vierteilige Reportage aus dem psychiatrischen Zentrum Münsingen (BE) (WOZ, Nrn 36-39 / 2003).

Der Wahn vom Wahn. Reportage über Rita. K., die ihren Mann umgebracht hat und dafür kriminalisiert und pathologisiert worden ist (WOZ, Nr. 3 / 2004).

O du fröhlicher Trigger-Reiz. Reportage über den Versuch, trotz Weihnachten an der Klinik vorbeizukommen (WOZ, Nrn 51+52 / 2005).

Don Quijote der Psychiatrie. Reportage über den bedeutendsten und scharfsinnigsten Psychiatriekritiker, dem ich begegnet bin: Peter Lehmann (WOZ, Nr. 45 / 2007).

Das Klavier auf der Station 43-2. Bericht darüber, dass dem Grossen Rat des Kantons Bern sogar Antipsychiatrie recht ist, wenn sie Sozialausgaben spart (Journal B, 4. 7. 2014).