«Le Patriarche» räumt auf

Seit Dienstag gibt es in Bern keine offene Drogenszene mehr. Die umstrittene Drogentherapie-Organisation «Le Patriarche» witterte sogleich Arbeit und Geld – mindestens zehn Junkies sind seit Montag «verschwunden» Gleichzeitig verknurrt die Stadt Bern Arbeitslose zur Drogenarbeit, ohne Sozialleistungen zu bezahlen.

Auf dem Flugblatt, das am Montag, Stunden vor der endgültigen Schliessung, vor dem Kocherpark verteilt wurde, stand: «Sofortige Aufnahme zur Drogenrehabilitation – im grossen grünen Bus angeschrieben ‘Addepos’ könnt ihr euch anmelden.» Dazu die Adresse der Kontaktstelle Gelterkinden von «Le patriarche international» (siehe WoZ 28-30/1991),

Tags darauf zieht die Sprecherin dieser Kontaktstelle, Esther De Boysson, Bilanz: «Zehn Junkies haben das Angebot angenommen und sind noch in der Nacht auf Dienstag in Entzugszentren nach Frankreich verbracht worden.» Diese zehn Leute seien freiwillig mitgegangen, weil sie Lust hätten, einen Entzug zu machen. Ihre Eltern seien informiert worden. Aus der Zürcher Drogenszene seien in den letzten zwei Monaten 25 bis 30 Personen zum Entzug nach Frankreich gebracht worden. Zur Zeit machen insgesamt ungefähr 250 SchweizerInnen bei «Le patriarche» eine Therapie.

Das Vorgehen der «Patriarche»-Leute hat mit Nötigung in einer extremen Notsituation mindestens so viel zu tun wie mit «Freiwilligkeit» (durch die Schliessung der offenen Szene stand ja massiv zunehmender Stress bei der Drogenbeschaffung und -konsumation unmittelbar bevor). Die Stadt – was kann sie dafür, wenn sich Junkies «freiwillig» in Luft auflösen wollen? – übt noble Zurückhaltung. Luc Mentha, zuständig für die sozialtechnologischen Aspekte der Kocherpark-Räumung: «Wir sagen weder ja noch nein zu ’Le patriarche".» Und: «Freiwilliger Entzug ist sowieso eine Fiktion. Es ist eine Binsenwahrheit, dass für einen Entzug immer gewisse Zwänge ausschlaggebend sind.»

Laut Angaben aus der Kantonalen Fürsorgedirektion wurden seit Oktober 1991 in 14 Fällen Kostengutsprachen für «Patriarche»-Therapien geleistet (120 bis 150 Franken pro Tag). Wenn man davon ausgeht, dass die zehn am Montag eingepackten Junkies im Kanton Bern Wohnsitz haben und – was laut De Boysson der Durchschnitt ist – ein Jahr in Therapie sind, wird die Flugi-Aktion den Kanton bis zu 500’000 Franken kosten. Diesen Betrag wird er auf die Eltern der Junkies abzuwälzen versuchen. Zum Glück sind die informiert und mit allem einverstanden.

Dabei fehlt zur Zeit – neben einer vernünftigen Drogenpolitik – nichts dringlicher als Geld. Am Dienstagabend hat der Verein «Krankenzimmer» – ein Faden im vielbemühten sozialen Auffangnetz für die Junkies – den Konkurs beschlossen, nachdem die Schulden auf über 400’000 Franken angestiegen sind und Stadt und Kanton tatenlos zugeschaut haben. Und in der «Hilfsstelle Messerligrube», die seit Dienstag geöffnet hat, um die von der Polizei eingesammelten Junkies zu betreuen (striktes Prinzip «Freiwilligkeit»), spart man, so gut es geht. Deshalb musste praktisch das ganze Team, vom Arzt über die Festangestellten bis zu den TeilzeitbetreuerInnen, vom Arbeitsamt vermittelt werden. Und zwar, mindestens zum Teil, mit der sanften Drohung, es handle sich gefälligst um «zumutbare Arbeit» und ein Aussteigen würde als Kündigung gewertet, mit der entsprechenden Karenzfrist, bis von neuem gestempelt werden könnte. Für eine geleistete Schicht à achteinviertel Stunden werden 170 Franken bezahlt; Sozialleistungen sind keine vorgesehen.

Der «seit Monaten landesweit» bekannten Drogenszene im Kocherpark widmet Walter Däpp im «Bund» am 1. April 1992 einen Leitkommentar. Was im Vergleich zu den Räumungen vor bald anderthalb Jahren, «als die Drogenabhängigen von der Kleinen Schanze via Bundesterrasse in den den Kocherpark gehetzt wurden», unterdessen anders sei, beschreibt er so: «Diesmal haben Polizei und Fürsorge sich zu einem koordinierten Vorgehen zusammengefunden. Die gestrige Schliessung erfolgte nicht abrupt. und die Bestrebungen, die offene Drogenszene zu redimensionieren und ‘möglichst zum Verschwinden zu bringen’, werden nun durch eine ganze Palette an fürsorgerischen Massnahmen begleitet». Für eine «realitätsbezogene und weniger verlogene Drogenpolitik» fordert auch er die kontrollierte Heroinabgabe.

Was die Organisation «Le Patriarche international» betrifft, finde ich die Kritik, die damals gegenüber dieser privaten Organisation geäussert wurde, bündig resümiert in einem Statement des Grünen Lukas Ott, der in der Landratssitzung vom 8. Mai 1995 in Liestal festhielt: «Man betrachtet ‘le Patriarche’ als eine Art Sekte, welche die Leute abhängig macht und sie auch später an sich bindet. Sie vertritt eine reaktionäre Drogenpolitik. Es werden Zwangseinweisungen gefordert sowie gar die Aufhebung der Anonymität der Eingewiesenen. Es war und ist darum stossend, dass Leute durch amtlich bewilligten Akt dieser Organisation zugeführt werden.»