Spitzel der Menschlichkeit

Öffentlicher Raum hat der effizienten Zirkulation der Arbeits- und Kaufkräfte zu dienen. Die einen produzieren Werte, die anderen vernichten sie; reibungslose Verkehrsabläufe steigern daher die Umsätze. Dass es vorab junge Leute gibt, die diesen öffentlichen Raum zur «Gasse» zweckentfremden, ist ein permanenter Skandal. Wer sich auf der Gasse aufhält, ist krank oder subversiv, funktioniert auf jeden Fall nicht richtig und will sich – welche Frechheit! – nicht restlos verwerten und administrieren lassen. Wer sich in der Szene herumtreibt, ist für alle genormten öffentlich Zirkulierenden bei Tag eine Provokation und nachts eine verlorene Sehnsucht; Gasse ist Freiraum und Wüste, «Füürland» und Absturz; ist Sand im Getriebe der totalen Verwaltung des Lebendigen. Gassenleben ist Sabotage. Die Rechtschaffenen schaudert’s (vor Ekel und Lust).

Die Gasse ist aber auch der Schmelztiegel der aktuellen gesellschaftlichen Widersprüche, und wer die Gasse zum Arbeitsfeld macht, wir unweigerlich ein Teil von ihnen. Gassenarbeit ist deshalb ein schillernder Beruf:

• Einerseits sind GassenarbeiterInnen lohnabhängig und bilden eine Fachgruppe des Vereins Schweizerischer Drogenfachleute VSD, andererseits postulieren sie als «ideale Trägerschaft» ihrer Arbeit eine Struktur, die nach dem paradoxen Motto funktionieren soll: Wer zahlt, befiehlt nicht.

• Einerseits lassen GassenarbeiterInnen als einzigen Berufsausweis gelten, was auch für jeden Staatsschutz-Spitzel gilt: «Affinität zur Szene» und «die Bereitschaft und Motivation, sich mit andern für die Gasse relevanten Instanzen auseinanderzusetzen»; andererseits ist das Vertrauen der Klientel so ziemlich ihr einziges Kapital, und ein ausgeprägtes Arbeitsethos zugunsten der Gasse ist in der folgenden Dokumentation auf jeder Seite ablesbar.

•Einerseits warnen die GassenarbeiterInnen vor der Gefahr der Instrumentalisierung (z.B. durch Behörden oder Eltern), andererseits reklamieren sie für sich «anwaltsmässige Lobby-Arbeit», eine «klare parteiliche» respektive eine «solidarische Haltung mit (kriminalisierten) Betroffenen».

• Einerseits fordern die GassenarbeiterInnen für sich als elementarstes Anliegen «eine verbindliche Schweigepflicht», andererseits verstehen sie sich als «personifizierte Auskunftsstelle» und zählen Information und Öffentlichkeitsarbeit zu ihren Arbeitsmethoden.

Diese Widersprüche sprechen weder für noch gegen Gassenarbeit, sondern sie verweisen einfach darauf, dass Gassenarbeit politische Arbeit ist. Wer unpolitische Gassenarbeit will, will deren Abschaffung. Es gibt im öffentlichen Raum kein neutrales Handeln. Gassenarbeit, wie sie hier diskutiert wird, ist politisch, weil sie im Zeitalter des Verwertungswahnsinns die Gasse parteilich[1] als Nische einer wert-freien[2] und deshalb widerständigen, lebendigen und um Leben kämpfenden Kultur verteidigen will; einer Kultur, die an den gesellschaftlichen Rändern die Hoffnung weiterträgt, dass Leben mehr und anderes sein könnte, als seine restlose Auflösung in Arbeits- und Kaufkraft.

Trotz dieser hehren Programmatik ist Gassenarbeit immer auch – alles anderes wäre naive Sozialromantik – ein Eingriff von aussen in soziale Strukturen, die zuvor als Absetzbewegung von der herrschenden «Normalität» entstanden sind. Gassenarbeit ist demnach immer auch ein sozialtechnologisches Instrument dieser «Normalität» und baut in jedem Fall (beidseitig begehbare) Brücken zwischen die sich Absetzenden und die in die «Normalität» Eingebundenen. Deshalb müssen sich GassenarbeiterInnen jederzeit fragen lassen und Rechenschaft darüber abgeben, mit welchen Interessen sie diese prekäre Scharnierfunktion an den Rändern der Gesellschaft wahrnehmen. Nur wenn sie in der sich rasch verändern Welt immer wieder plausible – politische – Antworten für ihre Arbeit finden, können sie verhindern, dass ihnen das hier dokumentierte Arbeitsethos zur arroganten Allüre gerinnt, hinter der sich dann vieles verstecken kann: Sektenterror und Schnüffelei so gut wir Engagement und Solidarität.

Die vorliegenden Texte dokumentieren einen Diskussionstand, der sich genau so lange weiterentwickeln wird, wie es Gassenarbeit gibt, die diesen Namen verdient.

Ende Januar 1992

[1] Damals schrieb ich «parteiisch».

[2] Damals schrieb ich «wert-losen».

Der Text steht als «Vorwort» in: Fachgruppe Gassenarbeit des Vereins Schweizerischer Drogenfachleute VSD [Hrsg.]: Alles wird gut. Gassenarbeit in der Schweiz 1981-91. Bern (Gruppo Verlauto) 1992. – Die in der Druckversion eingefügten Seitenverweise auf Beiträge und Zitate in der Dokumentation sind hier weggelassen.