Die Drogenpolitik des nächsten Winters

Polizeilicher Druck auf die offene Drogenszene, eine Notschlafstelle für einheimische und Abschiebung der auswärtigen Junkies: So sieht die Strategie der bernischen Drogenpolitik für den kommenden Winter aus.

Im letzten Winter hat in Bern zeitweise nur noch die Polizei Drogenpolitik gemacht: Sie hetzte die Junkies ohne jedes drogenpolitische Konzept einen Winter lang durch die Altstadt (Kleine Schanze, Bundesterrasse) und drängte sie im Frühling in den etwas ausserhalb gelegenen Kocherpark ab, um den jubilierenden EidgenossInnen den Blick auf Cotti und Geranien frei zu halten. Gassennahe Drogenarbeit war während des Winters teils verboten, teils behindert worden; Mitte Januar endlich wurde für die Obdachlosen unter den Junkies eine provisorische Notschlafstelle eröffnet. Im nächsten Winter soll nun Polizeidirektor Marco Albisetti etwas weniger, Fürsorgedirektor Klaus Baumgartner etwas mehr zu sagen haben.

Die provisorische Notschlafstelle des letzten Winters an der Stauffacherstrasse 126 P soll auf 1. November wieder eröffnet werden, diesmal definitiv. nachdem Regierung und Parlament deren Notwendigkeit eingesehen und Ende August einen Kredit von 220’000 Franken gesprochen haben, ist jetzt der Ganzjahresbetrieb für bis zu vierzig Junkies pro Nacht vorgesehen.

Sobald der «Sleeper» funktioniert, wird die Polizei in Aktion treten: Der Kocherpark wird im kommenden Winter jede Nacht zwischen 23 und 10 Uhr geschlossen; im anstossenden Mattenhofquartier, in dem sich der Drogenstrich etabliert hat, wird der Verkehr nachts beschränkt werden (ein Zückerchen für die vor drei Wochen gegründete «IG drogenfreier Kocherpark»). Die Notschlafstelle, in der im letzten Winter manchmal bis zu siebzig Personen übernachtet haben, würde wegen dieser Massnahme überrannt. Deshalb soll dort nur Zutritt haben, wer aus Bern oder jenen 23 Gemeinden aus der Region stammt, die dem Stiftungsrat der Drogenberatungsstelle «Contact» angehören. Ausweiskontrollen am Eingang des Sleepers werden unvermeidlich sein. Wer aus der falschen Wohngemeinde kommt, hat Pech: Bern will den welschen Kantonen ihr mittels rein repressiver Drogenpolitik exportiertes Drogenproblem freundeidgenössisch zurückgeben: «Die Drogenabhängigen müssen in ihren Wohnkanton zurückgeführt werden, auch wenn dafür die Fürsorgerische Freiheitsentziehung notwendig ist», hat Kripo-Chef Jürg Noth bereits im Juni gefordert. Eine Fachgruppe der städtischen Fachkommission für Drogenfragen fand daraufhin heraus, dass «die Rückschaffung von auswärtigen Drogensüchtigen in ihre Wohngemeinden rechtlich möglich» sei. Der Chef des städtischen Jugendamts, Viktor Riedi, liess diese Woche verlauten, «zumindest in der Anfangsphase» würden auswärtige Junkies «nicht einfach in Busse verladen»: «Wir müssen da sensibel und human vorgehen.» («Bund», 9.10.1991).

Die verbliebene geschlossene «Contact»-Gemeinden-Drogenszene kann in diesem Winter auf etwas mehr Unterstützung zählen:

• Im Kocherpark selber gewährleistet «Contact» den Spritzenumtausch, und die «Aktionsgruppe Nydegg» der SchülerInnenkoordination wird weiterhin jeden Sonntagabend Essen verteilen (und ersetzt damit mindestens zum Teil die Gassenküche der Jugendkonferenz, der seit einem Jahr von der Stadt verboten ist, für die Junkies zu kochen).

• Die Drogen-Anlaufstelle Nägeligasse – im letzten Winter überlaufen, dann nach der Abdrängung der Szene aus der Altstadt zu weit vom Schuss – versucht ihre Attraktivität zu erhöhen durch das Angebot einer Tagesstruktur. Seit dem 1. Oktober wird dort von Dienstag bis Donnerstag von 12 bis 16 Uhr medizinische Betreuung angeboten. (Der Fixerraum bleibt jedoch tagsüber geschlossen.)

• Der Verein «Krankenzimmer» betreut weiterhin bis zu sechs AIDS-kranke, obdachlose Junkies sowie bis zu vier TagesaufenthalterInnen. Daneben sucht er zur Zeit grössere Räumlichkeiten: Nachfrage (und Kapazität bei den MitarbeiterInnen) besteht.

Folgende Projekte könnten den Junkies mittelfristig etwas bringen:

• Die zweite Drogen-Anlaufstelle an der Murtenstrasse 26. Sie kann jedoch frühestens im Januar/Februar 1992 eröffnet werden, nachdem die Hess AG gegen die städtische Baubewilligung zum Umbau der Liegenschaft eine Beschwerde eingereicht hat. (Die Hess AG will weiterhin ungestört die Beiz «Forsthaus» betreiben können.)

• Der Verein «Mobile ambulante Medizin» – im letzten Mai gegründet, um mit einem Kleinbus, zwei Krankenschwestern oder -pflegern und einer Ärztin medizinische Versorgung, Prävention und Anleitung zur Selbsthilfe für obdachlose Junkies zu garantieren – kämpft nach wie vor bei Stadt und Kanton um Akzeptanz seiner Idee.

• Die Stadt plant versuchsweise die kontrollierte Drogen-Abgabe an einheimische Junkies.

Berns Drogenfachleute werden ihre bereinigte Strategie für den nächsten Winter Ende Oktober der Öffentlichkeit vorstellen.

In der WoZ erschien der Beitrag unter dem Titel «Junkies im Winter».