Rondo ticinese

Hier wird Dir, geneigter Leser. eine Geschichte erzählt. Zur Warnung und als Erbauung will ich Dir berichten, wie schwierig es ist, als Mensch mit seinem Widerspruch gleichzeitig um die Wahrheit, um die Gunst des Volkes und um einen anständigen Zahltag zu ringen. Bedenke, oh Leser, dass diese Geschichte nur einen Zweck hat: der Wahrheit zu Ihrem Recht zu verhelfen.

Es war einmal ein Transportunternehmer namens Ghisla, der wohnte im Bleniotal und wunderte sich, dass alle staatlichen Transportaufträge an seine Konkurrenten in der benachbarten Leventina gingen und er das Nachsehen hatte. Da begann er nachzuforschen und fand heraus, dass die Leventiner unter der Hand den richtigen Leuten das Einkommen aufbesserten und auch den Regierungsparteien ab und zu mit Sympathie-Batzen unter die Arme griffen. Das dergestalt investierte Geld verdienten die bösen Leventiner handkehrum, indem sie das Gewicht ihrer Frachten ein wenig erhöhten und die gefahrenen Kilometer grosszügig berechneten. Ghisla war empört, reiste nach Bellinzona und erstattete beim Staatsanwalt Dick Marty Anzeige. Talauf, talab wurde nun vom «scandalo degli inerti» gesprochen, und ungeduldig erwartete man allenthalben das Ende der Strafuntersuchung. Und siehe da: Bald konnte der wahrheitssuchende Staatsanwalt Marty erleichtert vermelden, «dass keine Indizien, die auf illegale Handlungen hinweisen würden, gefunden werden konnten». Lediglich am Rande der Untersuchung, so lautete der Nachtrag zur nunmehr an den Tag gebrachten Wahrheit, nur ganz am Rande sei der Verdacht auf die Verantwortlichkeit von anderen Personen aufgetreten, doch diese Indizien bedürften einer weiteren Untersuchung. Vorderhand musste nun der vorlaute Transportunternehmer Ghisla aus dem Bleniotal verklagt und wegen Verleumdung der unschuldigen Leventiner verurteilt werden: So kommt die Wahrheit zu ihrem Recht.

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Wie gesagt: Trotz Ghislas Verurteilung harrten noch einige Indizien der Abklärung, und der Staatsanwalt Marty oblag weiterhin der schwierigen Kunst der Wahrheitsfindung. Die aufgenommene Fährte führte ihn zum Bauunternehmen Losinger, wo er alsobald derart Schröckliches entdeckte, dass ihm sein freisinniger Anstand gebot, nichts zu übereilen. Da traten 1979 die Rächer des Transportunternehmers Ghisla, die unerschrockenen Streiter der PSA (was da heisst: Autonome Sozialistische Partei) in die Arena des Tessiner Grossen Rates und taten kund und zu wissen, das Bauunternehmen Losinger habe 1973 den staatlichen Auftrag zum Bau des Gymnasiums von Canobbio erhalten, obwohl seine Offerte nur die drittgünstigste gewesen sei. Den Auftrag hätten sie sich gesichert, indem sie dem SP-Regierungsrat Benito Bernasconi – für parteiinterne Bedürfnisse – 20'000 Franken sowie dem Ständerat und kantonalen Präsidenten der CVP, Alberto Stefani, 10'000 Franken überwiesen hätten. So direkt auf die Finanzierung der Tessiner SP angesprochen, verhalf Bernasconi vor dem Grossen Rat der Wahrheit zum Recht: «Es ist weiss Gott kein Geheimnis und allen bekannt, dass die Parteien, man könnte sagen seit der Unabhängigkeit des Tessins, von Regalien leben.» Einen PdA-Abgeordneten, der 1803 nicht dabei gewesen war und dies bezweifelte, klärte er schonend auf: «Wenn Sie das nicht wissen, dann müssen Sie als Kind einen Unfall gehabt haben, und das tut mir leid.» Während sich nach diesem mutigen Votum, das den kantonalen Wahlkampf 1979 ungemein belebte, fast sämtliche Parteien zu ihren bislang ohne Publizität dahindarbenden Geldgebern zu stehen begannen, forschte im Hintergrund der Staatsanwalt im «scandalo Losinger» weiter: auf dass die Wahrheit zu ihrem Recht komme.

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Nach dreieinhalb Jahren unermüdlichen Suchens hat der Staatsanwalt Marty im September 1982 die Wahrheit gefunden: den Streitern der PSA, die die schröckliche Geschichte anno 1979 herausposaunt und damit prompt Wahlerfolge errungen hatten, musste Recht gegeben werden. Trotzdem durfte Marty festhalten, dass das Verfahren eingestellt werden könne, weil keine Korruption vorliege. Zwar entspreche es den Tatsachen, dass Losinger-Direktor Scazziga auf Bernasconis Sozialdpartement marschiert sei, um Herrn Regierungsrat einen Freundschaftsbesuch abzustatten und sich bei dieser Gelegenheit mit 20'000 Franken in bar und ohne Empfangsbestätigung für den 10 Millionen-Auftrag von Canobbio zu bedanken. Viel zur Wahrheitsfindung hatte in selbstloser Weise der Ingenieur Roberto Losinger beigetragen, als er zu Handen der Strafuntersuchung ausführte: «So viel ich weiss, sind solche Vergütungen für den Kanton Tessin und unter Baufirmen üblich. Da die Firma Losinger bekanntlich der freisinnigen Partei nahesteht, haben wir in letzter Zeit, um diese Tatsache zu lindern, unserem Verwaltungsrat auch Personen aus der CVP und der SP hinzugefügt. Die Zahlungen an diese Parteien müssen folglich auch in dieser Optik gesehen werden.» Überhaupt stand die Ehrenhaftigkeit aller Beteiligten ausser Zweifel, und da ein Freundschaftsgeschenk keine Korruption ist, war die Wahrheit wieder zu ihrem Recht gekommen.

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Aber trotz dem besten Willen aller Beteiligten will auch jetzt das Dunkel der offenen Frage von dem lichten Glanz der zweifellosen Wahrheit nicht weichen. Denn nun fragen sich die sozialdemokratischen Kampfgefährten des Regierungsrats Bernasconi,  wie es denn möglich sei, dass die geheimzuhaltenden Details der Untersuchung im «scandalo Losinger» am 2. Oktober 1982 in extenso im «Corriere del Ticino» veröffentlicht wurden. Weiter fragen sich die Genossen, was denn am Gerücht wahr sei, dass der Staatsanwalt Marty bei seinem rastlosen Ringen um die Wahrheit im «scandalo Losinger»  seine freisinnigen Parteikollegen um Rat gebeten habe, was er herausfinden solle. Das fanden hinwiederum die Sozialdemokraten nicht nett, und ahnungsvoll mutmasste Nationalrat und SP-Präsident Dario Robbiani: «Wir haben gehärt, dass die Untersuchungsergebnisse bestimmten FDP-Politikern vorgelegt worden sind. Es ist mir nicht möglich zu sagen, ob sie auch der Partei im gesamten vorgelegt wurden. Sollte sich das Gerücht als wahr erweisen, würde das zumindest ein unkorrektes Verhalten bezeichnen.» So versuchten nun die Sozialdemokraten gegen die Freisinnigen der Wahrheit zum Recht zu verhelfen.

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Pünktlich vor den nächsten Wahlen fragen aber auch die unerschrockenen Streiter der PSA wieder unüberhörbar nach der Wahrheit. An den Regierungsrat interpellierend wollen sie wissen, ob dem Regierungsrat auch schon zu Ohren gekommen sei, dass im Anschluss an den «scandalo Losinger» ein geheimes Strafverfahren gegen einen der ihren eingeleitet worden sei. Man munkle von Bestechung und Steuerhinterziehung, und man spreche von 80'000 Franken. Mit Spannung erwartet zurzeit auch die SP die Antwort auf diese Interpellation, die «vermutlich bis Dezember» eintreffen werde, wie Robbiani der WoZ erklärte. «Danach werden wir ein gerichtliches Verfahren einleiten, um Licht in die Sache zu bringen.» Verfrüht wäre es, zum jetzigen Zeitpunkt zu fragen, wogegen und weshalb den bei diesem neuen, vorangezeigten «scandalo» geklagt werden soll. Aber wir vermuten zweifellos zu recht: Es wird darum gehen, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen.

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Wir sind ja alle nur Menschen, und so ist auch bei der PSA bei den wahrhaftesten Wahrheitssuchern die Selbstlosigkeit nicht grenzenlos. Die PSA zum Beispiel erhofft sich durch ihre Interpellation bei den nächsten Wahlen im April 1983 weitere Stimmengewinne auf Kosten der SP, und dass einer der ihren den SP-Kandidaten für den Regierungsrat überflügeln könnte, scheint nicht ausgeschlossen, obschon Robbiani versichert: «Unsere Liste wird aus neuen Männern zusammengestellt, Benito Bernasconi wird nicht mehr dabei sein.» Ob nun ein neuer Mann der SP oder Pietro Martinelli, der jungdynamische Streiter der revolutionären PSA das Rennen machen wird: Der weise Volksentscheid wird jenen zu erküren wissen, der am unermüdlichsten der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen wird.

Unter anderem diese Geschichte hat Beat Allenbach fast zwanzig Jahre später im NZZ Folio 3/2001 wieder aufgegriffen, als er unter dem Titel «Im Lande der Clans» darlegte, wer in der Tessiner Politik das Sagen hat. Allenbach berichtete auch, dass Pietro Martinelli tatsächlich Staatsrat (wie man dem Regierungsrat im Kanton Tessin eigentlich sagen würde) geworden ist – allerdings erst 1987.