Die Schützenmatte vor der Reitschule

Zur Vorgeschichte: Vor mehr als dreissig Jahren gab es in der Reitschule hinter der Schützenmatte ein Autonomes Kulturzentrum (AJZ). Ich arbeitete dort in der «Pressegruppe der Berner Jugendbewegung» mit. Im Oktober 1981, in den Tagen, in denen das AJZ eröffnet wurde, war ich voller Misstrauen, ob der basisdemokratische Vollversammlungstraum tatsächlich mehr und anderes sein könne als eine mafiöse Struktur in einem rechtsfreien Raum. Statt die Eröffnungsfreuden zu stören, schrieb ich für mich eine Dystopie:«Das AKZ auf der Schützenmatte». (Ich nehme an, für mich war «AKZ» das Kürzel für «Autonomes Konzentrationslager». Der Text erklärt die Abkürzung nicht.)

Zu den Online-Versionen:

Planung Schützenmatte. Die Reitschule schweigt. Gespräch mit David Böhner. 

Eigentum macht dümmer als man glaubt. Gespräch mit dem Kollektiv «Raumraub».

 

[4.9.2014]

Planung Schützenmatte: Die Reitschule schweigt

 

Planungslabor Schützenmatte, 4. bis zum 7. September: Ganz Bern ist eingeladen, bei der Neunutzung eines Unorts mitzuwirken. Bloss die benachbarte Reitschule ist dummerweise mit sich selber beschäftigt.

Meine Damen und Herren, wir treffen in Bern ein: Rechts sehen Sie Berns legendären Schandfleck der Bürgerlichen, die Reitschule. Und links, das ist der Unort der Rotgrünen dieser Stadt: die Schützenmatte!

Diese Schützenmatte dient als überdimensionierter Verkehrskreisel, sieht im vorderen Teil wie eine Baubrache aus, die provisorisch als Parkplatz genutzt wird, und ist im hinteren Teil – dem Reitschulareal – seit mehr als einem Vierteljahrhundert umstrittener Freiraum und beliebte Kultur- und Ausgangsmeile zugleich. In zwei Arbeitstreffen im Januar und im Mai hat ein «Begleitgremium» den Planungsprozess für eine Neunutzung dieses Areals aufgenommen. Nun ist die Berner Öffentlichkeit vom 4. bis zum 7. September eingeladen, im Planungslabor Schützenmatte mitzuwirken.

Welche Nutzung will die benachbarte Reitschule? Journal B fragte David Böhner, einen erfahrenen Reitschul-Aktivisten, der als Vertreter der Alternativen Linken Bern (AL) an den beiden Treffen des Begleitforums teilgenommen hat.

                                                                 * 

Journal B: David Böhner, wie lautet die aktuelle Position der Reitschule zur laufenden Neunutzungsplanung auf der Schützenmatte?

David Böhner: Es gibt keine. Bis jetzt hat es in der Reitschule zwar informelle Gespräche, aber noch keine formelle Diskussion zu diesem Thema gegeben. Zudem dreht sich die Reitschule zurzeit wieder stark um sich selber. 

Was öffentlich bekannt ist: Der Vorstand des Vereins Grosse Halle ist eben mit einem Offenen Brief an die Öffentlichkeit getreten, nachdem anonyme Leute aus dem Reitschulumfeld die Grosse Halle massiv versprayt haben. Im Bund war davon die Rede, in der Reitschule herrsche das «Gesetz der Omertà». Das würde heissen: Eine gewaltbereite Minderheit bringt die basisdemokratische Mehrheit zum Kuschen.

Im so genannten Umfeld der Reitschule bewegen sich ganz viele Gruppen und Personen mit unterschiedlichsten Anliegen und Interessen. Nicht alle fühlen sich der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule IKuR zugehörig und nicht alle agieren im Interesse der IKuR. Zum Teil wird auch mit Gewalt und Drohungen vorgegangen.

Es ist aber nicht so, dass das nicht thematisiert werden darf. Und es ist auch nicht so, dass das eine völlig neue Entwicklung ist. In der nun über fünfundzwanzigjährigen Geschichte des autonomen Kulturzentrums gab es immer wieder solche Auseinandersetzungen. Wir versuchen die Konflikte im Gespräch zu lösen. Schade ist, wenn über die Medien kommuniziert wird, bevor solche Gespräche stattgefunden haben.

Sie haben als Vertreter der Alternativen Linken Bern an den bisherigen beiden Arbeitstreffen des Begleitforums teilgenommen. Ihr Eindruck?

Ich bin positiv überrascht. Die Veranstaltungen stiessen auf grosses Interesse – es kamen jeweils an die achtzig Leute. Bloss die Gewerbe- und Wirtschaftslobby fehlte weitgehend. Tonangebend waren Leute der Kulturlobby, die die Verbindung von Progr, Kunstmuseum und Reitschule in den Vordergrund stellen wollen. Dass eine kommerzielle Nutzung der Schützenmatte nicht gewünscht ist, weil sie das Projekt Reitschule gefährden würde, war bei den Treffen nicht gerade Konsens, aber doch die überwiegende Meinung. Mag sein, der Prozess steckt zurzeit noch in der Friede-Freude-Eierkuchen-Phase.

Insbesondere fragt sich ja, was Berns Bürgerliche wollen.

Das ist so. Ein Mitwirkungsprozess ist halt kein Mitentscheidungsprozess. Der einzige Bürgerliche, der bisher mitdiskutiert hat, ist der BDP-Stadtrat Martin Mäder. Er schlug den Bau eines Verwaltungsgebäudes auf der Schützenmatte vor, blieb aber mit diesem Vorschlag allein. Die anderen bürgerlichen Parteien haben bisher keine Vorschläge gemacht.

Für die Bürgerlichen gilt wohl, spät zu lobbyieren sei effizienter als früh mitzuwirken. Und für die Reitschule offenbar: Die Schützenmatte brennt, die Reitschule pennt. 

Man muss allerdings sagen: Wenn die Diskussion im Begleitgremium in eine andere Richtung laufen würde, würde die Reitschule sicher schnell reagieren… Trotzdem denke ich, dass sie in nächster Zeit eine offizielle Stellungnahme erarbeiten muss. Ich hoffe, dass dank des dreitägigen Schützenmattlabors in der Reitschule die Information ankommt, dass es bei dieser Planung auch um die eigene Zukunft geht.

Schaute man bisher weg, weil eine Neunutzung bedrohlich sein könnte? 

Klar könnte eine neue Nutzung auch eine Gefahr sein, weil man je nachdem nicht mehr in gleichen Mass machen könnte, was man will. Aber umgekehrt ist diese Planung auch eine Chance. Wohl auch dank des unattraktiven Parkplatzes konnte sich das Zentrum zu dem entwickeln, was es heute ist: Es störte nicht. Aber wenn man diesen Parkplatz heute wegkriegt, wenn auf der Schützenmatte eine öffentlichere Nutzung möglich wird, könnte das für die heutige Reitschule spannend werden.

Was ist Ihre Vision?

Die Schützenmatte soll nicht weiter überbaut werden. Sie ist es ja schon durch die dominierende und nicht veränderbare Eisenbahnbrücke, die die SBB sogar noch verbreitern möchte. Das Areal soll als multifunktionaler Raum genutzt werden für Zirkusse, Flohmärkte, Feste, Kundgebungen.

Gelöst werden muss das Problem mit dem Strassenverkehr: Heute ist das Areal eine Insel und von der Stadt abgeschnitten. Eine Möglichkeit wäre, entlang des Aarehangs die Schützenmattstrasse aufzuheben und den Verkehr von der Lorrainebrücke her über einen Kreisel am Bollwerk durch die Neubrückstrasse stadtauswärts zu führen. Die stillgelegte Schützenmattstrasse könnte dann mit Räumen für das Gewerbe, für Ausgehlokale oder für eine «Maison des Association» – ein Haus der Vereine, wie es in Genf existiert – überbaut werden.

Aus meiner Sicht wäre das ein gutes Ergebnis, das auch der Reitschule entgegenkommen würde.

Und was wäre ein schlechtes Ergebnis? 

Eine Überbauung mit teurem Wohnraum zum Beispiel. So hat man 2007 in Luzern das Kulturzentrum Boa kaputt gemacht. Mit den neuen Nachbarn entstanden schnell so viele Konflikte, dass das Zentrum geschlossen wurde.

Aber wie gesagt: Ein solches Projekt steht bis jetzt nicht zur Diskussion. 

 

[16.10.2014]

Eigentum macht dümmer als man glaubt

 

«Raumraub» ist ein offenes Kollektiv im Umfeld der Reitschule. Es erfindet eine alte Idee neu: Ungenutztes Eigentum soll besetzt und belebt werden. Eine Container-Aktion auf der Schützenmatte war sein erster Denkanstoss.

Sechs junge Leute auf einer Veranda im Spitalacker-Quartier, drei Frauen und drei Männer. Namen spielen keine Rolle, auf einzeln ausgewiesene Zitate wird kein Wert gelegt.

Ihr gemeinsames Projekt: «Raumraub», halb Gruppe, halb Bewegung, keine formelle Struktur. Die Anwesenden wehren sich dagegen, als «harter Kern» oder gar als Sprecher und Sprecherinnen des Kollektivs bezeichnet zu werden. Man vertrete vor allem eine Idee: «Raum rauben kann man überall, als Gruppe oder allein.» Das Verhältnis zur Reitschule? Man versteht sich als eines der Kollektive in ihrem Umfeld. Die Frage sei nicht: Ist die Reitschule cool oder nicht?, sondern: Was wollen wir machen?

Vor Gesprächsbeginn die Gegenfrage: «Was machst du genau mit der Tonaufnahme?» – Die diene ausschliesslich als Gedankenstütze. –  Na dann.

Ein Schiffscontainer wird zum sozialen Ort

In der Reitschule herrscht Raumknappheit. Nach 27 Jahren Betrieb ist die Funktion der einzelnen Räume seit Menschengedenken festgelegt. Die Interessen der Alteingesessenen und die Tatsache, dass heute nicht wenige Leute hier ihren Lebensunterhalt verdienen, verfestigten allmählich die Strukturen. Wer heute neu aktiv wird, ist gebeten, den Raum für das eigene Projekt ausserhalb der Reitschule zu suchen. Ein loser Zusammenhang von Jugendlichen, der «einen wirklich offenen Bezug» wünschte, entschied deshalb im letzten Winter, aus der Bittstellerposition auszubrechen und sich den benötigten Raum zu nehmen. So wurde «Raumraub» geboren.

Im Frühling tat das Kollektiv, was auf der Hand lag. Sie plante den Raub jenes Bodens, der direkt an den Vorplatz der Reitschule angrenzt: die leere Fläche unter der Eisenbahnbrücke, die selten zum Parkieren verwendet wird, und wenn, dann meist ohne Parkkarte, also illegal. Die SBB wurde informiert, man raube ihr jenen Raum, den sie ja sowieso nicht brauche. Ein über Nacht am Boden festgeschraubter Schiffscontainer markierte am 12. Juni die Dimensionierung des geraubten Raums, und das Kollektiv twitterte: «Der neue Raum wird gestaltet!»

Ein offenes Projekt: Alle diskutieren in einer Art permanenter Vollversammlung mit allen. Wer eine gute Idee hat, realisiert sie: Die Containerwände werden bemalt, das Containerdach wird zur Dachterrasse. Zwei Tage später grenzt an den Container ein kleines Fussballfeld mit Kunstrasen: «Selber spielen, statt Nationen zelebrieren!» Am gleichen Abend finden sich sechzig Leute zu einer Filmvorführung ein. Tags darauf ist abends ein «Jazz-Hiphop Jam» angesagt.

Am Morgen des 16. Juni wird geräumt. Die Polizei eskortiert Mitarbeiter des städtischen Tiefbauamts aufs Areal, die das Eigentumsrecht der SBB auf leeren Raum unter der Eisenbahnbrücke durchsetzen.

Rationierte Apero-Häppchen gegen vegane Crèpes

Vom 4. bis zum 7. September führt die Stadt auf dem Areal ein «Labor Schützenmatte» durch. Eröffnet wird es am Abend des 3. Septembers in der Grossen Halle mit Reden und Cüpli-Prominenz. «Raumraub» kündigt die Teilnahme per Tweet wie folgt an: «Ihr verschlingt Freiräume, wir euren Apero!» Wen wundert’s, dass die Veranstalter die Häppchen schnell für die graumelierten Anzug-Eigentümer inkl. Anhang rationieren?

Tags darauf ist «Raumraub» mit einem Infostand präsent: Gegen Kollekte gibt’s selbst gemachten Sirup, vegane Crèpes und Infobroschüren. Gezeigt wird, dass es hier bereits Leute gibt, die diesen Raum nutzen und wiederbeleben wollen. Und dass das Forum eine Farce sei, weil ja niemand im Ernst Interesse habe, mit jenen zusammenzuarbeiten, die jetzt hier etwas tun wollten.

Das städtische «Labor» wird ein sehr mässiger Erfolg. Der siebzig Meter lange Tisch, an dem die herzuströmende stadtplanerisch interessierte Bürgerschaft gemeinsam das Selbstmitgebrachte verzehren soll, bleibt trotz gutem Wetter halbleer. Auch am «Raumraub»-Stand läuft nicht viel. Man wird den Verdacht nicht los, das sei den Zuständigen egal, weil alle sowieso wüssten, dass hier eine Partizipations-Alibiübung stattfinde. Und dass allen längst klar sei, dass die Planung in Richtung Kommerzialisierung der Schützenmatte gehen werde, in Richtung Hochhaus oder Containerdorf mit profitorientiertem Gastro-Gewerbe. Schon wieder Container? «Wenn wir’s machen, wird geräumt – wenn sie’s machen, ist’s ok.»

Immerhin hat der folkloristische Teil des Labors geklappt: Die Polizei hat fleissig junge Leute kontrolliert und aus einem Kastenwagen heraus gefilmt. Dafür sind die Zettel, auf die Interessierte ihre Visionen für die Schützenmatte notieren konnten, bloss rationiert an reifere StaatsbürgerInnen abgegeben worden.

Eigentum ist keine Lösung, sondern ein Problem

Auf der Veranda redet man unterdessen über den Begriff «Eigentum»: Eigentum ist nicht das gleiche wie Besitz. Wer auf einem Stuhl sitzt, be-sitzt ihn. Wer sich von seinem Stuhl erhebt, sich auf einen anderen Stuhl setzt, aber den Anspruch hat, der erste Stuhl gehöre weiterhin ihm, macht ihn vom Besitz zum Eigentum.

Persönlicher Besitz ist in Ordnung, weil lebensnotwendig. Eigentum jedoch an Dingen, an Wissen und an Status ist dazu da, Nichteigentümer auszuschliessen. Es geht um Machtausübung über andere. Eigentum muss vom nicht hinterfragbaren Rechtstitel zum Problem werden, über das man nachdenkt: Wieso soll Eigentum gut sein, wenn es eine Mehrheit der Menschen unterdrückt?

Bei ungenutztem Raum – ob Häuser und leere Brachen – geht es heute darum, ihn zum Freiraum zu machen, der gemeinschaftlich sinnvoll genutzt werden kann. Raumraub heisst: Geschützt werden soll nicht das tote Eigentum, sondern das gemeinschaftliche Engagement für seine sinnvolle Nutzung.

Wie es läuft, wenn Eigentümer geraubten Raum zurückholen, hat die Generation der 20- bis 25-jährigen am 21. Juni 2011 bei der Räumung des Anti-AKW-Camps am Viktoriaplatz gelernt. Gegen das festgeschriebene Recht der Eigentümer steht die schiere Vernunft: Wenn Raum, der immer jemandes Eigentum ist, leer steht, muss es doch möglich sein, ihn für «etwas Schlaues» zu nutzen.

Falls die Burgergemeinde eine Hektare übrig hat

Klar müssen nach einer Anzeige «die Bullen» das Recht auf Eigentum durchsetzen. Darum ist es wichtig, mit der Eigeninitiative zu überzeugen; auf Eigentümerseite so viel Verständnis zu wecken, dass eine Duldung diskutabel wird. Denn immerhin ist es so: Wohnen, essen, die ganze menschliche Reproduktion erzeugt Interessen, die jeder Mensch gleichermassen hat und die er deshalb am besten gemeinsam wahrnimmt. Fünf Stunden pro Woche gemeinsamer Anstrengung sind genug, um die Reproduktion bei heutigem Lebensstandard (ohne übertriebenen Luxus) zu sichern. Weshalb sollte man – so gesehen – jede Woche 40 Stunden Lebenszeit aufwenden, um die Mittel für den eigenen Lebensstandard zusammenzukratzen und im übrigen Mehrwert für andere zu produzieren?

Angenommen, die Burgergemeinde Bern würde «Raumraub» eine Hektare Boden zur Verfügung stellen: Was dann? Grundsätzlich beantworte sich eine solche Frage in der konkreten Situation, wenn man auf dem Areal stehe und darüber rede, was hier und jetzt sinnvoll sei. Allerdings, Ideen hätte man schon: eine offene Werkstatt, ein grosser Gemüsegarten, eine Küche als Zentrum eines sozialen Treffpunkts, wie er im Juni unter der Eisenbahnbrücke von einem Tag auf den anderen entstanden ist. Und klar, nur ohne Hierarchien und Herrschaft sei ein solidarisches, bedürfnisorientiertes Zusammenleben ohne Unterdrückung möglich. Und nötig sei, sich immer selber zu hinterfragen. Denn niemand sei davor gefeit, andere zu unterdrücken.

*

Was man sich viel zu selten fragt: Wieso eigentlich sollen junge Leute die Ordnung akzeptieren, die sich die Mächtigen früherer Generationen zur bequemen Eigentumswahrung und -mehrung gegeben haben? Und warum staunt man, wenn Jugendliche, die mit Vernunft geschlagen sind, das jahrelange Bemühen der herrschenden Pädagogik, das Unabänderliche als das Wahre darzustellen, als das durchschauen, was es halt einfach auch ist: die Einübung in ein Zwangssystem und ideologische Gehirnwäsche?

Höflich reichen die sechs jungen Leute an der Türe die Hand. Namen fallen auch jetzt keine. «Tschau» genügt. Journal B bedankt sich für das Gespräch.