Gestern Donnerstag [29.10.1987, fl.] kam die letzte Ausgabe der POCH-Zeitung (PZ) heraus. Die PZ erschien seit 1971, zuerst vierzehntäglich, dann als Wochenzeitung in einer gedruckten Auflage von 1500 Exemplaren und ging an etwa 1400 AbonnentInnen. Die WoZ sprach mit Stephan Schmidlin, dem Redaktor der eingegangenen Parteizeitung.
WoZ: Die PZ erschien seit 1971. Warum war sie damals nötig? Warum heute nicht mehr?
Stephan Schmidlin: Damals haben sich die Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH) stark an der Funktion der kommunistischen Presse orientiert. Der Zeitung kam deshalb ein hoher Stellenwert zu als Organisatorin des Kollektivs. Dann war es damals so, dass die POCH als Newcomer wenig Echo fand in der bürgerlichen Presse. lange wurde versucht, Aktionen, Meinungen und Vorstösse der Partei zu unterschlagen. Deshalb war ein eigenes Publikationsorgan sehr wichtig. Diese Zensurstrategie der bürgerlichen Medien nahm später zusehends ab; die Partei wurde mit zunehmender Verankerung mehr und mehr berücksichtigt in den grossen Medien, was später dazu führte, dass gewisse Sektionen sich immer mehr von der PZ als ihrem Organ abkoppelten und auf ihre lokalen Medien vertrauten.
Ein weiterer Grund für die Einstellung der PZ ist natürlich das Erstarken der WoZ. Wir versuchten von der PZ aus zum Teil dieselben Leute anzusprechen, die die WoZ mit einem grösseren Stab und mehr Möglichkeiten besser bedienen konnte.
Warum stellt ihr die PZ jetzt ein? Habt ihr Euch noch bis zu den Nationalratswahlen[1] durchgeseucht?
Wir haben die PZ jetzt eingestellt, weil wir sie nicht vor den Wahlen haben einstellen wollen. Das ist, glaub ich, verständlich. Wir mussten sie aber zwei Monate vor Ende Jahr einstellen, weil wir schlicht kein Geld mehr hatten. Wir haben im Gegenteil jetzt 20000 Franken Schulden. Die Einstellung wurde Ende Juni vom Vorstand der POCH verfügt.
Verliert die POCH jetzt lediglich ihre publizistische Stimme oder signalisiert das Einstellen der PZ das Ende der POCH?
Die POCH hat von Anfang an ein publizistisches Konzept gehabt, in dem die PZ lediglich die nationale Klammer bildete, die einerseits eine Art Vereinsblatt für die Partei darstellte, andererseits ein Organ für den Sympathisantenkreis und für interessierte andere politische Kreise im In- und Ausland war. Da aber die POCH keine national starke Partei, sondern vor allem in gewissen Kantonen verankert ist, sollte auf lokaler Ebene jede Sektion eigene Organe schaffen, die teilweise als abonnierte Zeitungen vertrieben werden – z. B. der «Aareboge» in Bern – zum Teil gratis gesteckt werden – z. B. der «POCH-Anzeiger» in Zürich oder die «POB-Zeitung» in Basel. Solche Zeitungen sind meistens Propagandaorgane im Hinblick auf bevorstehende Wahlen oder Abstimmungen. Daneben haben wir natürlich auch Infoblätter für den internen Gebrauch in den Sektionen. Es ist also nicht so, dass mit der PZ jede Stimme der POCH verlorengeht, sondern lediglich die publizistische Klammer über der Gesamtpartei.
Wieso beschliesst ein nationaler Parteivorstand, die nationale publizistische Klammer der Partei aufzulösen?
Dieser Entscheid geht parallel mit der Umstrukturierung der Partei überhaupt. Es ist ja so, dass im Hinblick auf die letzten Wahlen ein Grossteil der Sektionen ihren Parteinamen abgelegt haben und mit anderen zusammen in einem Bündnis aufgegangen sind, wie in Luzern, dort gibt es keine POCH mehr, oder wie in Bern, wo ein grünes Bündnis aus verschiedenen Organisationen geschaffen worden ist. Die Auflösung des Parteiorgans wiederspiegelt eigentlich diese organisatorischen Bewegungen an der Basis.
Diese Entwicklung hat sich bereits vorher in der Zeitung niedergeschlagen. Wir spürten, dass sie immer weniger getragen wurde, immer weniger gelesen wurde. Die Auflösung der PZ ist also eine Folge eines gewissen Desintegrationsprozesses von der POCH als nationaler Institution.
Die PZ hat 20000 Franken Defizit. Ist sie denn nicht von der Partei getragen worden?
Die Parteikasse hat einzig die Redaktionsstellen bezahlt. Die PZ war ökonomisch so konstruiert, dass sie nicht voll von der Partei getragen werden sollte, nicht jedes Mitglied hat sie automatisch erhalten. Wir versuchten, sie ökonomisch vom Umkreis tragen zu lassen, damit die Parteimitglieder davon entlastet würden. Daraus ergab sich diese inhaltliche Zweigleisigkeit von Vereinsorgan und Forumsblatt. Die Abstützung der PZ ausserhalb der POCH ist nicht gelungen. Dies war eigentlich die Hauptursache für das Einstellen der Zeitung. Sie hat ökonomisch nie rentiert, und es hat sich nicht abgezeichnet, dass sie je rentieren würde.
Obschon die POCH die Geschlechterquotierung in der Partei beschlossen hat, bestand bis zum Schluss die Redaktionsgruppe der PZ ausschliesslich aus Männern. Auch dies ein Scheitern?
Als die Frauen damals die 60 Prozent-Quotierung in den nationalen Gremien gefordert haben, war es für mich unverständlich, dass sie just die PZ-Redaktion von dieser Forderung ausgenommen haben. Uns ist es nie gelungen, die POCH-Frauen an der PZ angemessen mitzubeteiligen. Als freie Mitarbeiterinnen haben sie geschrieben, aber nie in dem von uns gewünschten Mass.
Wie geht es jetzt weiter? Was ist geplant?
Ich kann noch nicht viel sagen. Man muss jetzt abwarten, wie sich das Grüne Bündnis, das sich vor den Wahlen schweizweit gefunden hat, nach den Wahlen weiterentwickelt, ob sich dort das Bedürfnis nach einem neuen Organ zeigt. Ich persönlich würde allerdings sagen, dass das Zeitalter der Parteiorgane endgültig vorbei ist. Ich gebe einem solchen Zeitungsprojekt keine Chance mehr.[2]
[1] Das Interview wurde am 30. Oktober 1987 veröffentlicht, die nationalen Parlamentswahlen hatten am 18. Oktober stattgefunden.
[2] Im Rückblick markiert die Einstellung der PZ den Beginn des Zerfalls der POCH. Das «Historische Lexikon der Schweiz» vermerkt zum Stichwort: «Als erste löste sich 1987 die Sektion Luzern, als letzte 1993 die Sektion Basel auf. Aktivisten wechselten v.a. zu den Grünen, aber auch zur SP.» Der Luzerner POCH-Grossrat Peter Mattmann hatte die POCHbereits im Frühling 1983 als «grüne Partei» bezeichnet.
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«Bresche» + «Vorwärts»
Zum verstummen der PZ nehmen die Redaktionen der Parteizeitungen «Bresche» der «Sozialistischen Arbeiterpartei» (SAP) und des «Vorwärts» der Partei der Arbeit (PdA) wie folgt Stellung:
• Jo Lang, verantwortlicher Redaktor der «Bresche»: «Die alternative Linke braucht Presseorgane, um ihre Ideen und Vorschläge zu verbreiten, um die Diskussion zu führen. In einer Situation der ideellen Verunsicherung und des organisatorischen Umbruchs ist dies umso wichtiger. Für uns ist deshalb klar, dass wir die ‘Bresche’ weiterführen, wenn auch mit Veränderungen. So wollen wir der grundsätzlichen Debatte und der Aufarbeitung neuer und alter Fragen mehr Platz einräumen. Auch ein Grünes Bündnis Schweiz wird ein eigenes Organ brauchen – für die Ausstrahlung nach aussen und den Zusammenhalt nach innen.»
• Redaktion «Vorwärts»: «Mit der PZ verliert die Schweiz eine Stimme, in der sozialistische Positionen prononciert zum Ausdruck gebracht werden konnten. Die Stimmen mehren sich, die darin gerne das Ende der Parteizeitungen sehen möchten. Die Zeit, in der die Spalten mit Communiqués und abgeschlossenen Diskussionen gefüllt werden konnten, ist sicher vorbei: Zeitungen, die unverblümt Partei ergreifen, sind jedoch noch lange nicht überholt. Eine Zeitung, die wie der sozialistische ‘Vorwärts’ eindeutig parteilich sein will, braucht auch in Zukunft den Rückhalt einer Partei.»



