Rollender Mops wird Zugvogel

Die hallenhohe Garage vis-à-vis vom Friedhof Worb (BE) ist eine ehemalige Sägerei. Darin steht das Prunkstück der «Busreisegenossenschaft Zugvogel», ein 49-plätziger Saurer, Baujahr 1983, dunkelblau mit hellblauem Vogel-Signet. Geschäftsführerin Marjolein Schärer sagt: «Nein, Lohn bezahle ich mir zurzeit keinen.» Aber wie lebt eine Mutter von zwei Kindern ohne Lohn? Indem sie Geld verdienen geht, damit sich ihre Arbeit leisten kann. – Wie bitte?

Mehr tun und weniger diskutieren

Im Herbst 1995 entsteht aus dem Einzelunternehmen eines alternativen Reiseanbieters die Genossenschaft «Zugvogel». Marjolein Schärer ist sofort dabei. Sie hat in den letzten Jahren als Lehrerin in einem Berner Quartierschulhaus gearbeitet, nebenbei das Lastwagenfahren gelernt, dann die Schule aufgegeben, in einer Frauendruckerei mitgearbeitet, einen Wohnwagen zur Wohnung gemacht und mit der Gruppe «Rollende Möpse» ab 1992 verschiedene brachliegende Gelände in der Stadt Bern besetzt. Und natürlich gehörte sie zum Netzwerk der radikalen Linken. Allerdings sei in jenen Gruppen «zu viel diskutiert und zu wenig gemacht» worden. Nach Zürich zu pilgern, um an den Cheminées einschlägiger Edelsozialisten die Weltrevolution zu planen, das habe sie als ehemalige Nicaragua-Brigadistin nicht haben müssen.

So steigt sie mit ihrem Lebenspartner Christof Liechti in die Genossenschaft «Zugvogel» ein. «Stöffu», der als Chauffeur schon in den achtziger Jahren Busreisen bis nach Indien gemacht hat, übernimmt die Geschäftsführung. 1998 macht auch sie den Carausweis und übernimmt seither ab und zu selber Fahrten, allerdings bleibt sie als Mutter der zwei kleinen Kinder vorerst «klassisch im Hintergrund».

Die Genossenschaft funktioniert. Im Vorstand sitzen Vertreter mehrerer Partnerunternehmen: Bei grossem Arbeitsanfall gibt man Aufträge gegen eine Bearbeitungsgebühr weiter. Und für die eigenen Aufträge steht ein Netz von Aushilfs-Chauffeurinnen und -Chauffeuren auf Abruf bereit.

Seit 1995 hat «Zugvogel» viele gefahren: «Alle, wenn sie politisch nicht völlig neben den Schuhen standen», sagt Schärer: Kinder auf Schulreisen oder in Ferienlager, Frauenvereine, Firmenpersonal auf Ausflüge, Sportfans in die Stadien, GBI-Aktivisten zur Besetzung des Baregg-Tunnels, Anti-WEF-Demonstrantinnen und -Demonstranten ins Bündnerland und im letzten November streikende Unia-Bauarbeiter. Zudem bietet «Zugvogel» in der Nähe von Oristano auf Sardinien regelmässig familienfreundliche Campingferien an.

Krise und neuer Schwung

«Zugvogel» wuchs. «Stöffu» disponierte als Geschäftsführer bald einmal vier eigene Cars. Dann, 2004, erkrankt er schwer. Der Betrieb muss mit Aushilfen aufrechterhalten werden. Es happert bei der Kommunikation, es gibt vermehrt Schäden an den Fahrzeugen. Ein Car muss verkauft werden, ein zweiter wird in Zürich von Hooligans vollständig zerdeppert. Zwar steigt «Stöffu» wieder ein, aber er schafft die Arbeit nicht mehr allein. Schliesslich lässt sich Marjolein Schärer, die seit 2001 erneut unterrichtet, zusätzlich zur Geschäftsführerin des «Zugvogels» wählen. Seither hütet sie das Genossenschaftshandy, prüft die Anfragen, disponiert Cars, Fahrerinnen und Fahrer und hält mit «Stöffu» zusammen die Fahrzeuge in Schwung. Für das Kaufmännische bezahlt sie einen Buchhalter.

«Wir mussten uns entscheiden: Macht ‘Zugvogel’ weiter oder nicht?», sagt sie. Sie habe sich entschieden, die Aufgabe zu packen. «Ich habe gemerkt, dass ich nicht bis 65 ‘He-Mann’-Jugendliche erziehen will. Ich will zusammen mit guten Leuten unterwegs sein.»

Und was den Lohn der Geschäftsführerin betrifft, habe sie sich entschieden, «dass wir den Setra, unser zweites Fahrzeug, flicken. Darum bezahle ich mir zurzeit nichts.» Sie schreibe die Stunden auf und hoffe, dass die «Durststrecke» nicht zu lang werde. Dass sie als Lehrerin die Geschäftsführerin quersubventioniert, stört sie nicht. Denn, auch das sagt sie, politisch zählt sie sich zu den «Autonomen». Und wer autonom ist, lässt sich sein Leben nicht vom Kapitalismus in Krampfen und in Konsumieren halbieren. Autonome lassen sich von niemandem sagen, was sie zu tun haben, um leben zu können. Sie leben, um das zu tun, was aus ihrer Sicht nötig ist.

Übrigens: Im Juli gibt’s die nächsten «Zugvogel»-Campingferien in Sardinien. Weil das Angebot überbucht worden ist, wir neben dem blauen Saurer auch der reparierte Setra-Bus die Fahrt unter die Räder nehmen.

 

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Die Autonome

Marjolein Schärer (* 1961) ist – mit einem Schweizer Vater und einer Mutter aus Holland – in Kehrsatz aufgewachsen. Bauernlehrjahr im Welschland. Ab 1979 Hauswirtschaftsseminar in Bern. Ab 1980 Mitglied der Berner Jugendbewegung. 1983 Stellvertretungen als Lehrerin und politische Aktivistin insbesondere in der Hausbesetzerszene. Im September 1984 geht sie für drei Jahre als Internationale Brigadistin nach Nicaragua. Mitarbeit an Projekten im Bereich Häuser- und Gartenbau sowie Präventionsmedizin (unter anderen vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk mitfinanziert). Nach der Rückkehr in die Schweiz wird sie jahrelang nur auf Rädern sesshaft.

Heute arbeitet sie neben ihrem Engagement als «Zugvogel»-Geschäftsführerin zu 80 Prozent als Hauswirtschaftslehrerin und Leiterin der Tageschule Schwabgut in Bern-Bethlehem, ihr Monatslohn beträgt brutto 6000 Franken. Sie ist Mitglied des VPOD und des Berufsverbands LEBE (Lehrer und Lehrerinnen des Kantons Bern). Sie lebt mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern in Zollikofen.

1993 hat Marjolein Schärer als Mitglied des BesetzerInnenkollektivs «Aktion Wohnraum» am Gespräch«Der lange Weg zum Duldungsrecht» teilgenommen, das in der WoZ erschienen ist.