Elektroschock fürs Vaterland

Der salvadorianische Schriftsteller Roque Dalton (1935-1975), der «auf dem Weg der Poesie zur Revolution gelangt» ist, hat das Geschichtsbuch, das er über sein feindliches Vaterland El Salvador geschrieben hat, «Däumlings verbotene Geschichten» genannt. «Däumling» spielt auf die Formulierung der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral an, El Salvador sei der «Däumling Amerikas»; mit den «verbotenen Geschichten» meint Dalton seinen Versuch, Episode um Episode die offizielle Geschichtsschreibung zu demontieren: «Es gibt keine ‘Geheimnisse der Geschichte’. / Es gibt Geschichtsfälschungen, es gibt / die Lügen derer, die Geschichte schreiben.» (S. 202)

Auch wenn Dalton Geschichten zur Geschichte seines Landes erzählt, versteht er sich nicht als Historiker, sondern als Poet. Er präsentiert nicht eine historische Wahrheit, sondern montiert aus Büchern, Zeitungsartikel und Agenturmeldungen Informationen, Meinungen und Lügen so, dass das von der menschenverachtenden Herrschaft behauptete Geschichtsbild fortlaufend widerlegt wird von der Wirklichkeit ihrer Opfer. Den Abschnitt «Du sollst dein Brot im Schweisse deines Angesichts verdienen» (S. 151 ff.) zum Beispiel gliedert er in zwei Teile. Der erste Teil heisst «Das Brot». Darin wird von einer Gräfin de Escalante ein mondänes dreitägiges Hochzeitsfest beschrieben: von den «fünfzehntausend gut investierte(n) Dollars» für das «himmlische Hochzeitskleid» über «die Speisen, die exklusiv vom Küchen-Chief des Hotels El Salvador Intercontinental zubereitet» worden seien bis zur bevorstehenden Hochzeitsreise nach San Francisco, Hawaii, Tokio, Paris, Rio de Janeiro «usw.». Der zweite Teil heisst «Im Schweisse deines Angesichts» und berichtet – vom Roden bis zum Entkörnen – über den sechsmonatigen Arbeitszyklus der Maisproduktion, der dem Bauer nichts einbringt: «Er hat es einzig und allein geschafft, während dieser Zeit zu überleben und das Geld in Umlauf zu halten.»

Daltons von kompromisslosem polemischem Witz geprägte Montagetechnik macht gleichermassen die literarische und die politische Qualität seines Buches aus: Ob er über den «Guerillakrieg» der Pipil-Indianer gegen die spanischen Eroberer spricht, ob über die Massaker von 1932 oder den «Fussballkrieg» zwischen El Salvador und Honduras 1969, immer klärt er auf, indem er die Herrschaft entlarvt. Das Buch schliesst mit dem Gedicht «Ich warne dich...», in dem der damals exilierte Dalton seiner Heimat, der «blutrünstigen Braut / Mutter, die du meine Haare zu Berge stehen lässt», «Elektroschocks» und «Psychoanalyse» und «alle fünfzehn Minuten eine Spülung mit Molotowcocktails» verordnet. Im informativen Nachwort interpretiert Willi Ebert: «Roque wollte also zurück, um den ideologischen Kampf (Psychoanalyse) und den bewaffneten Kampf (Molotowcocktails) mit seiner geliebt-gehassten Heimat aufzunehmen.» Dalton ist zurückgegangen und am 10. Mai 1975 von Mitkämpfern erschossen worden, nachdem er fälschlicherweise beschuldigt worden war, ein CIA-Agent zu sein.

Das poetische Geschichtsbuch «Däumlings verbotene Geschichten» ist die zweite Arbeit Daltons, die der «rotpunktverlag» auf deutsch herausbringt. Bereits 1986 erschienen ist der grosse Roman «Armer kleiner Dichter, der ich war» (WoZ Nr. 15/1986). Als nächste Arbeit soll Daltons Testimonio über den Mitbegründer der salvadorianischen KP, Miguel Mármol, erscheinen. Damit nimmt  auch für deutschsprachige LeserInnen das literarische Werk Daltons Kontur an, von dem Ebert im Nachwort sagt, es habe die Texte von Pablo Neruda «aufs zweite Regal» verdrängt.

Roque Dalton: Däumlings verbotene Geschichten». Zürich (Rotpunktverlag) 1989.