Kleinkrieg im feindbesetzten Vaterland

In der Nacht auf Mittwoch flog ein Molotow-Cocktail gegen das Durchgangsheim für Asylsuchende in Münchenstein (BL) und ein weiterer gegen die Bundesempfangsstelle für Asylsuchende in Basel. Keine Verletzten, Sachschaden. Täterschaft unbekannt.

Schon in der Nacht auf den letzten Samstag war das Thuner «Asylantenheim» mit drei Molotow-Cocktails angegriffen worden und vollständig ausgebrannt. Bis zum Redaktionsschluss hatte die Berner Kantonspolizei auch da «keine neuen Erkenntnisse», die Ermittlungen seien im Gang, man hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung.

Wenn die Polizei in Thun, Münchenstein und Basel nichts herausfinden wird, ist das normal. Die allermeisten rassistischen Übergriffe bleiben unaufgeklärt, allein in der Kategorie der Sprengstoff- und Brandanschläge der letzten Zeit, zum Beispiel die Brandanschlagsserie in Chur (2. Juli, 2. und 7. August 1989), die Brandanschläge in Oberiberg (9. Mai und 3. Juni 1990) und Genf (1. August 1991) oder die Sprengstoffanschläge in Beckenried (29. September 1989), Wölflinswil (24. April 1991), Wildberg (14. Juni 1991) oder Fribourg (vier Anschläge, Juni/Juli 1991).

Wie forsch dagegen ging die Polizei doch zum Beispiel 1984 nach der Attacke auf den Rollladen des Wohnzimmerfensters von Bundesrat Rudolf Friedrich in Winterthur vor: Flächenverhaftungen, jahrelange Isolationshaft, Terrorismusvorwürfe, drakonische Urteile. Sicher: Weder Delikte noch die Reaktion der Polizei von damals sind mit dem rassistischen Terror von heute vergleichbar. Heute sind die Anschläge bedeutend massiver, die Polizei jedoch tut Dienst nach Vorschrift, als warte sie auf einen nie eintreffenden, weiterführenden Einsatzbefehl. Damals fühlte sich die offizielle Schweiz von symbolischen Taten und hölzernem Verbalradikalismus frontal angegriffen. Heute, da nicht mehr lautstark gefackelt, sondern lautlos abgefackelt wird, fühlt sie sich bloss noch dunkel an den 1. August erinnert: Zwar ist die Methode des rassistischen Terrors nicht die feinste, aber solche Schulbubenstreiche zeugen doch immerhin von Vaterlandsliebe.

Es ist halt schon ein Unterschied, ob politische Gewalt auf die Herrschaftsverhältnisse zielt oder auf einen Teil ihrer Opfer. Zu verurteilen sind zwar offiziell beide, der Staat beansprucht ja das Gewaltmonopol. Aber während die erstere mit allen Mitteln zu bekämpfen ist,  sollte die Nützlichkeit der letzteren nicht unterschätzt werden: Jedes brennende AsylbewerberInnenhaus ist ein wohlfeiles Argument für die «Boot-ist-voll»-Rhetorik.

Also hat die Schweiz eine kryptofaschistische Polizei? Zuviel der Ehre. Zwar stehen auch Rechtsextreme in ihren Reihen, aber eigentlich ist es bloss inopportun, in dieser Sache zuviel herauszufinden. Flächenverhaftungen, jahrelange Isolationshaften, Terrorismusanklagen, drakonische Urteile: Das würde das Volk einfach nicht verstehen. Wenn Rassismus mehrheitsfähig ist, hat in der Demokratie halt auch die Polizei rassistisch zu sein. Und überhaupt: Diesen Negern tut es doch nur gut, wenn man sie ab und zu ein wenig ausräuchert, oder?

Das wissen nicht nur die Trikont-RevolutionärInnen, das weiss jeder Infanterist der Schweizer Armee: Kommt es zum Kleinkrieg im feindbesetzten Vaterland, müssen die Kämpfenden im Volk schwimmen wie Fische im Wasser und aus dieser schützenden Anonymität heraus operieren. So handelt sie in der Gewissheit, dass der praktizierte Terror eine notwendige Gewalt ist für die gerechte Sache. Motiviert werden kann sie zum Beispiel durch Aufmunterungen von höchster Stelle bei vaterländischen Gelegenheiten: «Trotz allen Druckes letztlich gelassen und zuversichtlich war Tell vor dem Apfelschuss auf sein Kind. Gelassen und zuversichtlich die Krieger in Murten, wie oft unsere Vorfahren in Zeiten höchster Bedrohung.» (Bundespräsident Flavio Cotti in seiner diesjährigen 1.August-Rede)

Wer wehrt sich gegen jene, die gegen die recht- und wehrlosen Flüchtlinge in der Schweiz den Kleinkrieg im feindbesetzten Vaterland aufgenommen haben? Und wer nimmt ihnen ihre Gelassenheit und Zuversicht?

Zum gleichen Thema habe ich in jenen ersten Augusttagen 1991 das Gedicht «bundesfeier» geschrieben (vgl. «Echsenland», S. 25). Ein Jahr später versuchte ich dann im Gedicht «abend auf dem land», ein denkbares Milieu rechtsextremer Gewalttäter zu skizzieren (vgl. «Echsenland», S. 70).