Abschied von Res Strehle

Am 25. März 2016 wird der Chefredaktor des Tages-Anzeigers, Res Strehle, 65 und geht in Pension. Dafür wird er auf 2016 Präsident des Medienausbildungszentrums «MAZ. Die Schweizer Journalistenschule» (Journalistinnen sind vermutlich mitgemeint). Und zwar, weil er, so das MAZ in einer Medienmitteilung, «auf eine über 30jährige erfolgreiche Karriere im Journalismus» zurückblickt. Einige der frühen Sprossen dieser Karriereleiter überblicke auch ich.

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Im Oktober 1981 wird in Bern die Reitschule als Autonomes Jugendzentrum eröffnet und in Zürich die WochenZeitung (WoZ) lanciert. Im November kommt der WoZ-Auslandredaktor Georg Hodel (1952-2010) ins Berner AJZ, um mit Interessierten darüber zu sprechen, wie eine kontinuierliche WoZ-Berichterstattung aus der Provinz organisiert werden könnte. Als Mitglied der «Pressegruppe der Berner Jugendbewegung» nehme auch ich an diesem Treffen teil und gehöre am Ende des Abends unter anderem zusammen mit Urs Frieden zu jenen vier jungen Männern, die sich für diese Berichterstattung zum «Berner Schreiberkollektiv» zusammenschliessen und zu arbeiten beginnen.

Weil ich einer von denen bin, die gerne mit Japanmesser, Letraset-Abreibebuchstaben und Fotopapierstreifen Zeitungsseiten zusammenbasteln, arbeite ich bald einmal wochenweise in Zürich bei den Zeitungsproduktionen mit. Bei einer solchen Gelegenheit fragt mich im Frühsommer 1982 das WoZ-Gründungsmitglied Res Strehle im Namen des Zeitungskollektivs: «Fredu, willst du nicht ins Kollektiv eintreten und ganz hier auf der Redaktion arbeiten?» Obschon mich damals geradesogut Georg oder Lotta, Erich, Uido, Marianne oder Jan hätten fragen können – es war Res, der fragte und mir damit die Türe zum kontinuierlichen, finanziell minimal abgesicherten Schreiben aufgestossen hat.

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Die WoZ war damals ein «basisdemokratisch» strukturiertes «Kollektiv» mit Lohngleichheit, das sich als selbstverwaltete sozialistische Insel im Meer des Kapitalismus und als linke publizistische Avantgarde verstand. In meiner Erinnerung gab es auf der Redaktion keine formellen Hierarchien, aber doch einen publizistisch-ideologischen Chef: Strehle. Seine Forderung, WoZ-würdige Texte müssten eine ernstzunehmend linke Position vertreten, gut geschrieben sein und unter mindestens einem Aspekt Neues bieten, war mir ein Ansporn; und Offenbarung war mir seine unnachahmliche Art, mit ironischem Grinsen in einem Stuhl hängend entlang der Tagesaktualitäten den real existierenden Kapitalismus auf seine marxistischen Füsse zu stellen. Wenige Wochen, bevor ich meine Arbeit auf der Zürcher Redaktion abbrechen musste und überlastungsdepressiv nach Bern zurückkehrte, um dort mit reduziertem Pensum auf der WoZ-Aussenstelle weiterzuarbeiten, schrieb ich am 18. September 1984 in mein Tagebuch: «strehle hat mir schon sehr früh – ca. nov. ’82 – als ich hier in zürich gerade angefangen hatte, gesagt, meine schwäche sei, dass ich inhaltlich auf keinem gebiet kompetent sei.»

Erst Jahre später und nach der Lektüre von Pierre Bourdieus «Die feinen Unterschiede» begann ich zu ahnen, worum es damals auch gegangen ist: Als theoriedefizitärer, moralisch empörter Fabrigglersohn aus der Provinz, der es allen recht machen wollte, versuchte ich, vom Sohn eines Divisionsrichters mit Anwaltskanzlei an der Bahnhofstrasse, einem, der an der HSG in St. Gallen als Ökonom doktoriert hatte, ernst genommen zu werden, wenn es um jene marxistische Gesellschaftsanalyse ging, deren neuste endgültige Wahrheit damals von einer zürcherisch linksextremen Schickeria festgelegt wurde, zu der ich keinen Zugang hatte. (Ich lebte in jener Zeit einmal kurz in einer Wohngemeinschaft, in der ich jeweils in mein Zimmer geschickt wurde, bevor im Aufenthaltsraum eine der Splittergruppen dieser Schickeria zu tagen begann.)

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In der WoZ Nr. 6/1986 teilte das Kollektiv seinem Publikum in einer «Hausmitteilung» mit, dass es wegen des Rückzugs der Fotosatz Salinger AG, die bisher die Satzproduktion der Zeitung besorgt hatte, eigene Satzmaschinen anschaffe und die Zeitung von nun an selber setze. In den folgenden Wochen wurde auf der Redaktion und in der Zeitung der sogenannte «Computerstreit» ausgetragen, in dem die Mehrheit des WoZ-Kollektivs einer Minderheit gegenüberstand, die sich «Aktionsgruppe gegen Computerherrschaft» nannte und durch linientreue Nicht-KollektivistInnen verstärkt wurde. In diesem Streit gehörte ich zur Mehrheit, Strehle zur Minderheit. (Sein Name findet sich unter einer kollektiv gezeichneten Stellungnahme der Aktionsgruppe in WoZ Nr. 11/1986).

Diese Aktionsgruppe forderte von der Mehrheitsfraktion den Verkauf der eben angeschafften Satzcomputer aus Gründen, die sie in einer Grundsatzerklärung in WoZ Nr. 10/1986 unter ein Zitat aus «Leben als Sabotage» von Detlev Hartmann stellte: «Die Auflösung des menschlichen Eigenwillens in der Arbeit, die Zerstörung autonomer lebendiger Eigensteuerung betreibt das Kapital durch immer intensivere Zerlegung zusammenhängender lebendiger Arbeitsabläufe in isolierte Elemente, die es nach seiner eigenen Logik abstrakter toter Schemata reorganisiert: die kapitalistische Methode des technologischen Klassenkampfes.» Damit war gesagt: Die basisdemokratische WoZ-Mehrheit machte sich – weil sie in gut marxistischer Manier die weitergehende Kontrolle über die Produktionsmittel erlangen wollte – schuldig, «Kapital» zu sein und den technologischen Klassenkampf gegen Leute wie Strehle aufgenommen zu haben.

Die Mehrheit des Kollektivs setzte sich in diesem Streit durch (sonst wüssten heute nur noch die wenigsten, dass es einmal eine WoZ gab). Die Kollektivmitglieder der Aktionsgruppe – darunter Strehle – kündigten und verliessen die Infolink-Genossenschaft aus politischen Gründen.

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Von August bis Dezember 1990 und 1991 erteilte Strehle als Volksuniversitäts-Dozent im Länggasstreff in Bern Interessierten in wöchentlichen Kursen eine zweiteilige Einführung in die politische Ökonomie. Auch ich nutzte die Gelegenheit zur Weiterbildung. Auf den zweiten Kurs hin erschien diese Einführung als Buch unter dem Titel «Kapital und Krise» (Schwarze Risse Verlag, Berlin).

Am 26. Juni 1991 schickte mir Strehle den vervielfältigen Hinweis auf die bevorstehende Publikation und schrieb von Hand auf den Rand: «Lieber Fredu / Würdest Du allenfalls eine Buchbesprechung in der WoZ machen – als Auseinandersetzung von Dir mit der Politischen Ökonomie, speziell z. B. mit Kategorien wie Wert und Nicht-Wert? / herzliche Grüsse / Res». Der Hinweis auf den Nicht-Wert bezog sich auf das «geleit»-Wort meiner Lyriksammlung «konvolut», die im November 1990 im Selbstverlag erschienen war und ich Strehle – vermutlich zum Ende des ersten Kursteils im Dezember 1990 – gegeben hatte. In meinem vulgärmarxistisch-dadistischen «geleit»-Wort hatte ich behauptet, das «konvolut» sei kein «Buch», weil ein Ding ohne Gebrauchswert keine Ware sein könne. Deshalb habe ich sämtliche Exemplare verschenkt resp. für 0 Franken verkauft. Strehle scheint an meiner «Konvolut»-Aktion seinen Spass gehabt zu haben, auf jeden Fall lautet seine Widmung in meinem Exemplar von «Kapital und Krise»: «Für Fredu und seine angewandte Dialektik des Nicht-Wertes!» (28. August 1991)

Tatsache ist: Ich habe Strehles Anfrage ernst genommen und mich für die WoZ mit seinem Buch journalistisch auseinandergesetzt. Ich verfasste einen Zeitungsseite-füllenden Beitrag, der neben meiner Auseinandersetzung mit dem Buch auch den Verfasser ein bisschen charakterisieren wollte. Er hiess «Eigentlich wollen die Menschen sich nicht zurichten lassen» und wurde vom zuständigen Redaktor der Gesellschafts-Seite – in meiner Erinnerung wegen theoretischer Mängel – abgelehnt. So verfasste ich eine halb so lange Buchrezension unter dem nun erst letzthin gesetzten Titel «[Warum Res Strehle die WoZ verliess]». Auch dieser Beitrag wurde als unbrauchbar taxiert. Mein basisdemokratischer Stolz verbot mir damals einen dritten Versuch.[1]

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Schon vor Strehles Ermunterung, mich mit politischer Ökonomie, «speziell z. B. mit Kategorien wie Wert und Nicht-Wert» auseinanderzusetzen, hatte ich im September 1990 unter dem Titel «Die Qualität des Nicht-Werts» eine Notiz verfasst, deren nachfolgend vorgelegte Erstveröffentlichung ich nicht ohne eine gewisse Wehmut ausdrücklich dem abtretenden Chefredaktor des Tages-Anzeigers zueigne:

«In der Vorlesungsreihe über ‘Kapital und Krise’, die Res Strehle zur Zeit im Rahmen der Volksuniversität hier in Bern hält, hat er das letzte Mal über die Theorie der Werte von Karl Marx gesprochen. Nach zweistündigem Vortrag schloss er mit dem Hinweis, marxistische Theoretiker würden kritisiert, weil sie sich der ‘Logik des Kapitals vollständig unterwerfen’ würden. Gegen diese Logik, fuhr er fort, wäre eigentlich eine ‘Logik des Widerstands’ zu stellen, die den ‘Nicht-Wert’, die ‘Nicht-Ware’ problematisieren würde. Hier holte er sein Exemplar des ‘konvoluts’ aus der Mappe und las die erste Seite des ‘geleits’ vor. Nach zwei Stunden konzentrierter Denkarbeit in den Kategorien von Marx hatte das eine ausserordentlich poetische Wirkung.

Natürlich ist die Kapitalismuskritik, die das ‘geleit’-Wort formuliert und die ich bei der Verteilung des ‘konvoluts’ praktiziere, nichts als schöner Schein – insofern ist auch die Distribution integraler Bestandteil des ‘Kunstwerks konvolut’. Die Inszenierung dieses schönen Scheins gelingt nur insofern, als es gelingt, die warenmässige Logik in der ‘Konvolut’-Produktion zu verschleiern. Der Trick ist folgender: Ich bin gleichzeitig einerseits Produzent und andererseits kostendeckender Käufer, der das Gekaufte verschenkt. So simuliere ich ein der Kapital-Logik entzogenes Produkt. (ÖkonomInnen überzeuge ich mit einer solchen Argumentation freilich nicht.)

Übrigens argumentiere ich im ‘geleit’-Wort, das ‘konvolut’ sei nicht Ware, weil kein Gebrauchswert und demnach auch kein Tauschwert vorliege. Aber eigentlich hoffe ich natürlich auf das Unmögliche: Dass die poetische Logik den Tauschwert banne und sich ein Gebrauchswert gerade aus der von der Warenform nicht korrumpierten Distribution ergebe. Dieser Gebrauchswert aber – so die zweite Hoffnung – wäre die poetische Zelebrierung von Unbrauchbarkeit und Nutzlosigkeit als Wert auf den beiden Ebenen der Textpräsentation und des Textinhalts.

So gesehen wäre der ‘Nicht-Wert’ als Gebrauchswert zu definieren, der sich daraus ergibt, dass er den Tauschwert ausschliesst (so wie sich umgekehrt der kapitalistische Wert gerade dadurch definiert, dass der Tauschwert einen Gebrauchswert voraussetzt). Statt dass der Gebrauchswert einen Tauschwert impliziert, schliesst der ‘Nicht-Wert’ ihn aus, das ist der Unterschied zwischen Wert und ‘Nicht-Wert’. Letzterer verhielte sich, im Gegensatz zu den beiden Wertkonzeptionen von Marx, dem Kapital gegenüber subversiv, weil er eine Werteform denkbar machen würde ausserhalb des kapitalistischen Universums. Die Grundfrage einer Politik des ‘Nicht-Werts’ würde dann lauten: Wie kann das Wertlose – oder besser: das Tauschwertfreie – aus seiner Machtlosigkeit befreit werden?» (9./10.9.1990; 8.11.1997)

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Nach seinem Abgang aus dem WoZ-Kollektiv arbeitete Strehle noch einige Jahre als freier Journalist auch für die WoZ. Selbstverständlich liess er schon bald einmal – wie alle anderen Freien – der Redaktion seine Texte auf einer Diskette zukommen, die die Textdatei aus seinem Compi transportierte.

In den neunziger Jahren verschwand die Karriereleiter von Strehle dann aus meiner Sicht ziemlich schnell im Dunst der «bürgerlichen» Medienindustrie, wie wir damals sagten. Der Res wurde Wirtschaftschef auf der «Weltwoche» (1998), stv. Chefredaktor, danach Chefredaktor des Tages-Anzeiger-Magazins (ab 2001), schliesslich stv. Chefredaktor resp. Chefredaktor des Tages-Anzeigers (ab 2007). Als ich auf Anfang 2002 aus dem WoZ-Kollektiv austrat, um als freier Journalist auch für die WoZ, aber eben auch für andere weiterzuarbeiten, hatte ich als einen der ersten Aufträge für das Medienmagazin «m» eine Podiumsveranstaltung zu besprechen (vgl. «Schmierentheater oder Machtzentrum?»), an der Strehle nach meiner damaligen Charakterisierung mit «verhalten ironisch grundierter Sachlichkeit» aufgetreten sei. Seither ist ihm – wie ich aus seinen Leitkommentaren meine schliessen zu dürfen –, nach der Anwaltschaftlichkeit auch die Ironie abhanden gekommen. Ach ja, so ist das Leben.

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Am 21. Dezember 2015 hat das «Echo der Zeit» einen Beitrag zum Thema «Chefredaktor oder Chefredaktorin – ein Auslaufmodell» ausgestrahlt. Als Beispiele für den neuen Trend dienten «Blick» und «Tages-Anzeiger». Der Medienökonom Bjørn von Rimscha hielt zur aktuellen Situation der Zeitungen fest: «Der ‘Chefredaktor’, der dem Ganzen eine Linie gibt, ist der Kommerzialisierung und der Konzentration zum Opfer gefallen.» Fast hätte ich in die Pfanne, in der eben mein Abendessen köchelte, gerufen: Das nun hat Strehle denn doch nicht verdient!  Denn eben hatte das Staatsradio konstatiert: Die Lücke, die Strehle beim Tagi hinterlässt, ersetzt ihn vollkommen.

Meine Suppe schlürfend (verschiedene fein geschnittene Gemüse, gewürzt mit Salz, Pfeffer und Ingwer) sinnierte ich danach: Was wäre wohl aus Strehle geworden, wenn er der Intellektuelle gewesen wäre, als der er mir damals erschienen ist? Und was würde wohl der Strehle von damals – mit ironischem Grinsen in einem Stuhl hängend – über einen wie den sagen, der nun in Anerkennung seiner «erfolgreichen Karriere» noch ein bisschen zum Rechten sehen darf an der «bürgerlichen» Schurni-Zuchtanstalt des Landes?

[1] Erst im Nachhinein stelle ich fest, dass diese Darstellung ungenau ist: Die Rezension wurde neun Monate später in WoZ 33/1992 doch noch abgedruckt, wenn auch in verstümmelter Form. Genaueres vergleiche dort im Kommentar am Ende des Beitrags. (fl., 9.1.2016)