Die Studentin von Aleppo

Zu den Online-Versionen:

Die Studentin aus Aleppo (I)

Die Studentin aus Aleppo (II)

Die Studentin aus Aleppo (III)

 

I.

Die Gymnasiastin Ghazal Sultan ist mit ihrer Mutter vor dem syrischen Bürgerkrieg geflüchtet. Gut zwei Jahre später studiert sie Medizininformatik in Biel und gibt als bloss vorläufig Aufgenommene ihr Interview auf Deutsch.

Dass Ghazal Sultan ihre Geschichte auf deutsch erzählt, ist nicht selbstverständlich: Vor zweieinhalb Jahren machte sie ihre Maturaprüfung in der nordsyrischen Grosstadt Aleppo auf arabisch und redete daneben ein bisschen englisch und ein bisschen französisch. Jetzt sitzt die unterdessen gut Zwanzigjährige im Treffpunkt Untermatt und sagt auf deutsch: «Im Herbst 2012 bin ich mit meiner Mutter aus Syrien in die Schweiz geflüchtet.»

Maturaprüfung im Geschützlärm

Die Stadt Aleppo ist vier- bis fünftausend Jahre alt; die Altstadt zählt seit 1986 zum Weltkulturerbe. «Die Stadt ist schön», sagt Ghazal Sultan, «oder besser: Sie war schön.» Sie erzählt von der riesigen Zitadelle und vom Souk, dem Marktplatz, der als einer der ältesten gedeckten Basare der Welt gilt.

Im Juni 2012 hatte sie ihre Maturaprüfung zu machen. Es waren jene Tage, in denen der Bürgerkrieg Aleppo erreichte. Weil das syrische Schulsystem vorsieht, dass man die Maturaprüfung in einem anderen Schulhaus ablegt und sie deshalb in ein weiter entferntes Quartier gehen musste, fuhr sie ihr Bruder im Auto hin. «Fast alle hundert Meter» habe man an einem Checkpoint anhalten müssen. Ob er von Regimetruppen oder von Rebellen kontrolliert worden sei, habe sie nicht in jedem Fall erkennen können.

Bei einem dieser Kontrollen beobachtete sie, wie der Fahrer eines vollbesetzten Autos mit einer Waffe bedroht und seine Frau aus dem Fahrzeug geholt und abgeführt wurde. Und sie hörte durchs offene Autofenster, wie sich Milizionäre über die Schönheit jener Frau unterhielten.

In der Nähe des Schulhauses, in dem die Prüfung stattfand, war eine militärische Stellung mit Raketenwerfern stationiert, aus der immer wieder gefeuert wurde. «Unter dem Stress, dass das Schulhaus getroffen werden könnte, diese Prüfung zu machen, das war schwer.» Sie löste die Aufgaben mit Erfolg, während vor den Fenstern mit jeder Detonation klarer wurde, dass die Welt, in die sie mit der Matura einen Schritt zu machen hoffte, eben unterging.

In den folgenden Wochen nahm die Intensität der Kämpfe in der Stadt immer mehr  zu. Die Zitadelle war umkämpft und wurde von Granaten getroffen. Auf dem Basar brach ein Grossfeuer aus, hunderte von Ständen und Läden verbrannten. Die Rebellen kämpften mit Kalaschnikows und Rohrbomben, die Armee des Assad-Regimes feuerte mit Panzern und aus Kampfjets.

Die Flucht in die Schweiz

Am 12. Oktober 2012 entschlossen sich Ghazal Sultan und ihre Mutter zur Flucht Richtung Schweiz. Bereits viermal waren sie zuvor zu Besuch in dieses Land gereist: In Gümligen lebt – verheiratet und unterdessen eingebürgert – seit mehr als zehn Jahren Ghazals älteste Schwester.

Weil die schweizerische Botschaft in Damaskus bereits Ende Februar 2012 geschlossen worden war, querten die beiden Frauen die Grenze zum Libanon und wurden auf der Botschaft in Beirut von einer libanesischen Angestellten damit konfrontiert, dass die Schweiz ihnen wegen der Chancenlosigkeit, bleiben zu können, die Einreise verweigere. Erst als Ghazals Schwester als Schweizerin intervenierte, wurden die Visa ausgestellt.

Am 9. November 2012 sind die beiden Frauen mit dem Flugzeug in Genf Cointrin gelandet. Seither verfolgt Ghazal Sultan den Bürgerkrieg aus der Ferne. Die Lage sei noch immer unübersichtlicher geworden, sagt sie. Sowohl auf Seiten des Regimes wie auf Seiten der Rebellen kämpften unterdessen verschiedene Gruppierungen; dazu hätten die Soldaten des Islamischen Staats eine dritte Front eröffnet. «Am Anfang kämpften die Rebellen gegen das Regime für die Freiheit. Heute kämpfen alle gegen alle um die Macht, und niemand weiss, wie man diesen Krieg beenden kann.»

Mit der Mutter zusammen lebt sie heute in der Nachbarschaft ihrer Schwester. Vor einem Jahr ist auch einer ihrer Brüder mit seiner Familie in der Schweiz eingetroffen. Ihr zweiter Bruder lebt in Ägypten, ihre zweite Schwester in Saudi-Arabien. Ihr Vater ist vor zehn Jahren gestorben. Sie weiss, dass der Friedhof, auf dem er damals begraben wurde, unter Beschuss geraten und das Grab vermutlich zerstört worden ist.

Wenn es keinen Krieg gegeben hätte…

Hätte Ghazal Sultan in Aleppo weiter leben können, hätte sie sich, wie sie sagt, im Herbst 2012 an der Universität der Stadt für das Studium als Bauingenieurin eingeschrieben. Anzunehmen ist, dass sie am 15. Januar 2013, einem Dienstag, an die Uni gegangen wäre. An jenem Tag kam es dort zu einer gewaltigen Explosion. 82 Personen starben, 160 wurden verletzt. Regierungstruppen und Rebellen beschuldigten sich gegenseitig, den Terrorakt verübt zu haben. «Alle Zeugen sagen das Gleiche: ein Flugzeug habe eine Bombe abgeworfen. Die Rebellen haben keine Flugzeuge», sagt sie.

Unterdessen gibt es in Aleppo bestenfalls noch zwei Stunden pro Tag elektrischen Strom. Mit dem Internettelefon den Kontakt zu ihren Freundinnen zu halten, ist sehr schwierig geworden. «Und wenn einmal ein Anruf klappt, endet er immer im gleichen Sinn: Vielleicht ist das unser letztes Gespräch. Wir wissen nicht, was hier im nächsten Moment passiert.» Eine von Ghazals Freundinnen ist letztes Jahr durch eine Rakete getötet worden.

 

II.

Ghazal Sultan scheitert mit ihrem Asylgesuch und erkämpft sich einen Studienplatz. Jetzt hofft sie, dass der Wahnsinn in ihrer Heimat aufhört und muss gleichzeitig hoffen, dass der Krieg dort noch lange dauert.

«Wir haben nicht geplant, länger in der Schweiz zu bleiben. Wir dachten, die Kämpfe in Aleppo seien in wenigen Wochen zu Ende. Und eigentlich konnte ich nicht glauben, dass in meiner friedlichen Heimat ein Krieg ausgebrochen ist», sagt Ghazal Sultan. Das Visum, mit dem sie am 9. November 2012 in die Schweiz einreiste, war bloss drei Monate gültig. Am 13. Dezember reichte sie ihr Asylgesuch ein.

Der Kampf um einen Studienplatz

Das Asylgesuch war für sie der Entscheid, ihren weiteren Weg in der Schweiz zu suchen. Sie belegte Deutschkurse und klärte die Bedingungen für ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Bern ab. Zwar wäre ihre syrische Matura anerkannt worden, aber sie hätte eine Aufnahmeprüfung machen müssen in Mathematik, Deutsch, Geschichte, Englisch und einem naturwissenschaftlichen Fach (Physik, Chemie oder Anatomie). «Dafür hätte ich zwei Jahre Vorbereitungszeit gebraucht. Das wäre sehr teuer geworden.» Gleichzeitig wurde klar, dass sie ihren Traum, Bauingenieurin zu werden, begraben musste: «In diesem Bereich ist die Konkurrenz in der Schweiz so gross, dass ich kaum Chancen gehabt hätte.»

So absolvierte sie an der Berner Fachhochschule (BFH) einen «Passerelle»-Vorkurs und erhielt danach – nach vielen Absagen und dank des Schulleiters, der sich, beeindruckt von ihrer Geschichte, für sie einsetzte – von der BFH in Biel die Möglichkeit zu einem neunmonatigen Praktikum.

Im Herbst 2014 hat sie nun das dreijährige Medizininformatik-Studium aufgenommen – ein neu geschaffener Ausbildungsgang mit den Schwerpunkten Medizin, Informatik und Management: «Wir lernen, medizinische Kenntnisse mit Programmiersprachen zusammenzuführen und unsere Projekte verkaufen zu können.» Grundsätzlich gehe es um die Lösung des Problems, die Gesundheitsinformationen einer Person mit Hilfe der Elektronik zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar zu machen. «Man weiss zum Beispiel, dass in den schweizerischen Spitälern mehr Menschen wegen falscher Medikation sterben als es Tote bei Verkehrsunfällen gibt.»

Der Kampf um den Flüchtlingsstatus

In ihrem Asylgesuch hat Ghazal Sultan am 13. Dezember 2012 geltend gemacht, sie habe mit ihrer Mutter Mitte Oktober die Flucht ergriffen, nachdem es in ihrem Quartier in Aleppo zu Gefechten gekommen sei und sie Drohanrufe von Unbekannten erhalten hätten, weil sie Flüchtlinge unterstützten. Zudem habe sie sich in der Schweiz sofort exilpolitisch zu betätigen begonnen. Ein gutes Jahr später, am 15. Januar 2014 wurde sie zu einem Gespräch ins Bundesamt für Migration eingeladen.

Im Asylentscheid vom 23. Januar 2014 werden ihre Argumente als nicht asylrelevant bezeichnet. Bei den Gefechten im eigenen Quartier handle es sich um eine «Benachteiligung», die «jede Person in vergleichbarer Lage gleichermassen treffen» könne; den anonymen Drohungen hätte sie sich durch Flucht innerhalb von Syrien entziehen können; und bei ihrem Engagement in der Schweiz handle es sich um «allgemeine friedensstiftende Aktionen und Benefizveranstaltungen ohne nennenswerte regimekritische Inhalte». Allerdings: «Da die Rückkehr in Ihren Herkunftsstaat im gegenwärtigen Zeitpunkt […] nicht zumutbar ist, werden sie in der Schweiz vorläufig aufgenommen. […] Falls die vorläufige Aufnahme aufgehoben wird, müssen Sie die Schweiz wieder verlassen.»

Gegen diesen Entscheid reichte Ghazal Sultan eine Beschwerde ein, die ebenfalls abgelehnt wurde. Damit war der Entscheid definitiv. Seither lebt sie als «vorläufig Aufgenommene» mit einem Ausländerausweis F.

Als sie am 19. Juni 2014 auf avaaz.org in ihrer Sache eine Petition an das Bundesamt für Migration postet, macht sie eine merkwürdige Erfahrung: Zwar kommen schnell über 400 Unterschriften zusammen, aber ihre schweizerischen Bekannten raten davon ab, die Petition einzureichen. Sie erreiche damit nichts, verärgere bloss die Behörde und riskiere später negative Folgen, sagen sie. Ghazal Sultan bricht ihre Aktion ab, ist aber befremdet: «Die Schweiz ist doch ein demokratisches Land, in dem man – im Gegensatz zu Syrien – seine Meinung offen sagen darf. Und für mich konnte es eben nichts Schlimmeres geben als die Ablehnung des Asylgesuchs und der F-Ausweis.» Sie weiss allerdings, dass sie kein Einzelfall ist: «Von den syrischen Asylsuchenden, die ich kenne, haben gut neunzig Prozent einen F-Ausweis und weniger als zehn Prozent einen besseren.»

Das Gegenteil der Hoffnung hoffen müssen

Für Ghazal Sultan ist klar: «Meine einzige Chance habe ich hier in der Schweiz. In Syrien habe ich keine mehr.» Darum will sie jetzt möglichst schnell ihre Ausbildung abschliessen, eine Stelle antreten, um danach ein unabhängiges Leben führen zu können.

Allerdings sagt sie: «Ich wünsche jeden Tag, dass der Krieg in Syrien möglichst bald fertig ist, auch wenn das schlecht ist für meine Situation hier.» Denn nur wenn der Krieg in Syrien noch lange dauern würde, könnte sich ihr Wunsch nach einem Beruf und einem unabhängigen Leben in der Schweiz erfüllen.

 

III.

Im Herbst 2012 flüchtete Ghazal Sultan mit ihrer Mutter vor dem Krieg in Syrien in die Schweiz. Vor dreieinhalb Jahren hat sie auf Journal B über Herkunft, Flucht und Ankunft berichtet. Wo steht sie heute?

Anfang Oktober 2018, Restaurant Tibits im Berner Hauptbahnhof. Das ist unser zweites Gespräch, gut dreieinhalb Jahre nach dem ersten, wieder vermittelt von Stephanie Schär, der Leiterin des Treffpunkts Untermatt in Bern-Bethlehem. Damals hatte Ghazal Sultan einen F-Ausweis und in Biel eben ein Medizininformatik-Studium begonnen. Und wie ging es weiter?

Die Gründe für den Unterbruch des Studiums

 «Für zwei Jahre im gleichen Rhythmus», sagt sie. «Dann habe ich mich entschlossen, für zwei Semester zu unterbrechen.» Es habe sich gezeigt, dass das Vollzeitstudium in deutscher Sprache für sie sehr, sehr anstrengend sei. Im Rückblick sagt sie: «Es wäre wohl besser gewesen, wenn ich langsamer angefangen hätte. Es war viel zu viel auf einmal.» 

Ab Februar 2017 sucht sie eine Arbeitsstelle, Mitte April findet sie eine. Seit Anfang Mai 2017 arbeitet sie als Betreuerin, Wochenend-Aushilfe und Übersetzerin im Übergangszentrum Worb des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), das in der alten Filzfabrik von Enggisteinuntergebracht ist. «In diesem Zentrum leben besonders schutzbedürftige syrische Flüchtlinge, die im Rahmen des UNHCR-Resettlement-Programms aus Drittstaaten in die Schweiz gekommen und als Flüchtlinge anerkannt worden sind», erzählt sie. Die Flüchtlinge kämen zum Beispiel aus dem Libanon oder aus Jordanien, lebten für sechs bis acht Monate im Übergangsheim und würden dann in eine eigene Wohnung ziehen, wobei sie von Mitarbeitenden des SRK insgesamt fünf Jahre lang betreut würden. «Ich mache diese Arbeit sehr gerne», sagt sie und erzählt, dass sie über ihre 30 Prozent-Anstellung hinaus im Stundenlohn mitarbeite, häufig noch einmal soviel. 

Im Februar 2018 erhält sie zudem beim Kompetenzzentrum für Integration in der Stadt Bern die Chance mitzuarbeiten. Seither hat sie für neu ankommende Leute mehrere FitInBern-Alltagskompetenzkurse durchgeführt. Und: Die Volkshochschule Bern hat einen Arabischkurs mit ihr als Lehrerin ausgeschrieben. «Leider fand der Kurs nicht statt, weil es zu wenig Anmeldungen gab», sagt sie. 

Neben der starken Belastung habe der Unterbruch des Studiums aber noch einen anderen Grund gehabt. Wer mindestens fünf Jahren in der Schweiz ist und für mindestens ein Jahr Selbständigkeit, also eine feste Anstellung, nachweisen kann, habe das Recht, ein Härtefallgesuch für einen B-Ausweis zu stellen. Nach einem Jahr Arbeit im Übergangsheim, im Mai 2018, seien für sie beide Bedingungen erfüllt gewesen, und so habe sie das Gesuch für den B-Ausweis beim Staatssekretariat für Migration eingereicht. Im August sei ihr bestätigt worden, dass ihr Dossier wieder geöffnet werde, dass man aber weitere Papiere brauche, etwa Lohnabrechnungen oder den Strafregisterauszug. Diese Papiere hat sie Mitte September nachgereicht. Im Moment wartet sie nun auf Antwort. 

Der Untergang von Ghazal Sultans Aleppo

Dann kommt das Gespräch auf Aleppo, ihre Stadt, die seit dem 22. Dezember 2016 nach Bombardementen und Kämpfen wieder unter der Kontrolle der von Russland unterstützten syrischen Regierungstruppen ist. Wie sie die Lage heute einschätze? «Wenn ich syrische Fernsehsendungen anschaue, bekomme ich den Eindruck, dass die Leute in Aleppo wieder tipptopp leben.» Aber sie habe dort auch Freunde und Verwandte. Und diese sagten, das Leben sei zwar tatsächlich besser als im Krieg, vor allem gebe es wieder Wasser und Strom, und der Wiederaufbau habe begonnen. Allerdings würden in den letzten Tagen wieder vermehrt Bombenanschläge am Stadtrand und Stromausfälle gemeldet. Die zurzeit umkämpfte Stadt Afrin liege eben nur vierzig Kilometer nordwestlich von Aleppo.

Aber in ihrer Stadt gebe es noch ein anderes Problem, sagt Ghazal Sultan: «Gebäude kann man wieder aufbauen, aber psychische Zerstörungen in den Menschen zerstören ganze Generationen. In Aleppo sind die moralischen Werte der Menschen und das ethische Fundament der Gesellschaft verlorengegangen. Das Einzige, was noch Wert hat, ist Geld und Macht. Die Leute der Kultur, der Religion und der Wissenschaften müssen heute bildungslosen Menschen, den Leuten von Regime und Armee, die Klinken putzen.» Vor dem Krieg habe es Menschen gegeben, die hätten zwanzig Prozent Macht gehabt und versucht, diese nach Kräften auszunutzen, und das sei schon schlimm genug gewesen: «Heute haben diese Leute achtzig Prozent Macht. Sie sind für das Regime und dürfen deshalb tun, was sie wollen. Manchmal scheint mir, in Aleppo sei die Gesellschaft verloren.» 

Allerdings, präzisiert sie: Wenn sie das Assadregime kritisiere, heisse das nicht, dass sie für die andere Seite sei. Die andere Seite sei ebenso schlimm. Die Forderungen des Arabischen Frühlings von 2011, Freiheit und Demokratie für eine bessere Zukunft, seien schnell weg gewesen. «Nach ein paar Monaten war alles anders gesteuert, und auch die Leute der Opposition wollten meistens einfach Geld und Macht.» Und dann sagt sie: «Ich liebe mein Land. Ich vermisse es. Ich habe in Aleppo zwar acht Monate Krieg erlebt. Aber zuvor achtzehn gute Jahre. Ich befürchte, wenn ich heute nach Syrien gehen würde, würde ich mein Aleppo nicht mehr finden.» 

Eine ganz normale Entlassung

Am 20. Juni 2018 hat die Lokalzeitung «Worber Post» gemeldet, die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern habe entschieden, wegen des Rückgangs der Flüchtlingszahlen das Übergangsheim in Enggistein vorderhand zu schliessen. Die dort lebenden Flüchtlinge würden ins zweite SRK-Heim im Kanton Bern, jenes in der Länggasse, verlegt – und: «Alle 15 Mitarbeitenden in Enggistein werden entlassen.» Auch Ghazal Sultan hat per Ende Dezember 2018 die Kündigung bekommen.

Wie soll es jetzt weitergehen? 

Ghazal Sultan sagt: «In diesem Herbst habe ich mein Studium wieder aufgenommen – allerdings habe ich den Bereich geändert. Statt Medizininformatik in Biel studiere ich jetzt Wirtschaftsinformatik in Bern, und zwar Teilzeit, zwei Tage pro Woche, damit ich weiterhin auch Zeit habe zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln. Sorgen macht mir, dass die Anträge von meiner Mutter und mir für einen B-Ausweis abgelehnt werden könnten, weil ich nach meiner Entlassung ab Anfang nächstem Jahr finanziell nicht mehr selbständig bin. Darum suche ich dringend eine neue feste Teilzeitanstellung. Das Resettlement-Programm der UNHCR für syrische Flüchtlinge geht ja weiter. Ich würde gerne weiterhin für diese Flüchtlinge arbeiten.»

Der dritte Teil dieser Reportage entstand aus Anlass der Ausstellung «Kein Kinderspiel» im Käfigturm in Bern. Eingeladen, an der Vernissage am 18. Oktober 2018 die ersten beiden Teile zu lesen, entschloss ich mich, den Kontakt zu Ghazal Sultan erneut zu suchen und mit ihr zusammen einen dritten Journal B-Beitrag zu machen (der am Morgen nach der Vernissage freigeschaltet wurde). Für die Vernissage montierte ich die drei Texte zu einem Lesetext, was kleinere redaktionelle Eingriffe und Kürzungen nötig machte, weil die Redezeit auf 15 Minuten beschränkt war. Die Lesefassung findet sich hier