«Versöhnen» und Verhöhnen

 

Am 24. November 1993 hat die «Basler Zeitung» berichtet, die Radgenossenschaft (RG) habe sich mit der Pro Juventute (PJ) «versöhnt». Eine erstaunliche Meldung: Niemand trägt in diesem Jahrhundert grössere Verantwortung für die Zerstörung von jenischer Identität und Kultur in der Schweiz als die PJ (vgl. Chronologie). Auf Seiten der Jenischen ist RG-Präsident Robert Huber für die «Versöhnung» verantwortlich. An ihn ist der nachfolgende offene Brief gerichtet. Geschrieben hat ihn die Schriftstellerin Mariella Mehr, Jenische und 1975 RG-Sekretärin der ersten Stunde.

«Da wird sich die Stiftung Pro Juventute (PJ) aber gefreut haben, dass sie so ganz ohne tätige Reue zur Entsorgung ihrer unsäglichen Vergangenheit gekommen ist. Und sie hat sich wohl nicht vorstellen können, wer diese Gratisentsorgung schliesslich besorgen wird: die ehemaligen Opfer ihrer verbrecherischen Tätigkeiten, die Jenischen. Dass der PJ-Zentralsekretär Heinz Bruni für diesen Coup auch gleich noch die Illustrierten-Rose für gutes Verhalten bekommen hat, könnte ich zur Not als einen schlechtgeratenen Witz einstecken, wäre da nicht die Tatsache, dass ebendiese Schweizerische Illustrierte mir vor ein paar Jahren dieselbe Rose verliehen hat für meinen «Mut und meinen Einsatz im Kampf um Gerechtigkeit für die ehemaligen Opfer des PJ-Hilfswerks ‘Kinder der Landstrasse’».

Um es vorwegzunehmen, hier soll nicht der Wille zur Versöhnung als solcher zur Diskussion stehen, wohl aber die Naivität und der Opportunismus des Vorstands der Radgenossenschaft, der der PJ dieses einträgliche Weihnachtsgeschenk bescherte. Dem Vorstand der Radgenossenschaft dürfte nicht entgangen sein, dass die PJ bis auf den heutigen Tag keiner, aber auch gar keiner unserer Forderungen nach tätiger Reue nachgekommen ist. Sie hat sich auch nie vom mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gelangten Satz des Stiftungsratspräsidenten und alt Bundesrats Rudolf Friedrich distanziert, wonach eine Stiftung eine Fiktion sei und ergo kein Unrechtsbewusstsein habe. Friedrich ist noch heute Präsident der Stiftung PJ. Bis auf eine einmalige Zahlung an die jenischen Opfer (372 Franken pro offiziell registriertes Opfer) hat es die PJ andern Behörden und Institutionen überlassen, Reparationszahlungen zu leisten. Wenn sie heute fränkliweise einzelne bedürftige Jenische unterstützt, statt mit namhaften Beiträgen zur Erhaltung der Kultur und Tradition des jenischen Volkes beizutragen, ist das kein Ausdruck sozialen Bewusstseins, sondern ein Zynismus, der seinesgleichen sucht. So erhält man sich Abhängige weiterhin abhängig und unterläuft autonome Versuche zur Selbsthilfe. Dass die Stiftung «Naschet Jenische» (Steht auf, Jenische!), einst Verfechterin radikaler und ehrlicher politischer Vergangenheitsbewältigung, heute diese Almosenverteilung mitträgt, ist eine Beleidigung für jene unter uns, die sich weder als BettlerInnen an der Pforte der PJ noch als HelfershelferInnen einer unsere Gefühle beleidigenden Geschichtsentsorgung anstellen lassen wollen. Der PJ aber bringt die «Versöhnung» viel. Sie kann damit in aller Öffentlichkeit protzen und von den Tatsachen ablenken, die ihr in jedem anderen Staat die Existenz gekostet hätten.

Von der Tatsache beispielsweise, dass sie den ehemaligen Opfern trotz verbindlicher Zusage des Zentralsekretariats bis heute die Einsicht in die Geschäftsakten des ehemaligen «Hilfswerks» verweigert. Sie tut das mit gutem Grund, denn sie weiss nur allzugut, dass diese Geschäftsakten das ganze politische Ausmass ihrer Vernichtungsaktion offenlegen. In diesen Geschäftsakten befinden sich unter anderem so brisante Dokumente wie die Korrespondenz zwischen dem Gründer und Leiter des unseligen «Hilfswerks», Alfred Siegfried, und rassenhygienischen Amtsstellen in Nazideutschland. Oder die «Gönnerkartei» jener Einzelpersonen und Institutionen, die diese Vernichtungsaktion mit namhaften Beiträgen unterstützt haben. In den Geschäftsakten befinden sich aber auch jene Unterlagen, die beweisen könnten, wie Hunderte von Jenischen während Jahrzehnten um ihre Arbeitslöhne betrogen wurden. Wäre die PJ gezwungen worden, die veruntreuten Gelder an die Betroffenen mit Zins und Zinseszins zurückzuzahlen, so wären für viele unter uns höhere Beiträge zusammengekommen als die bestenfalls 20 000 Franken, die nicht etwa aus der PJ-Kasse, sondern aus Steuergeldern als sogenannte «Wiedergutmachung» bezahlt worden sind.

In den Geschäftsakten befinden sich aber auch Gutachten, Beratungsunterlangen und eugenische Pamphlete von Rassenhygienikern schweizerischer Herkunft wie zum Beispiel Dr. Benedikt Fontana, ehemaliger Leiter der Psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur, und seinen Vorgängern Pflugfelder und Jörger. Fontana und Pflugfelder dürfte es nur recht sein, dass uns die Einsicht in diese Dokumente verwehrt wird. Wir könnten ja sonst auf die unanständige Idee kommen, weiterhin für die Rehabilitation der von ihnen diffamierten jenischen Sippen zu kämpfen.

Mit der Einsicht in die persönlichen Mündelakten verstorbener Sippenmitglieder sieht es ähnlich aus. Kaum ein Opfer unter uns, dem die Einsicht in sämtliche von ihm angeforderten Akten erlaubt worden wäre. Durch gezielte Intervention bei Bund und Kantonen ist es der PJ gelungen, dass die sie besonders belastenden Akten den Jenischen weiterhin vorenthalten werden. Dazu gehören unter anderem die psychiatrischen Akten, insbesondere jene, die die Zwangssterilisation, bzw. Kastration Dutzender jenischer Opfer beweisen könnten. Diese Sterilisationen und Kastrationen aus rassenhygienischen Gründen wurden mit Einverständnis, wenn nicht gar auf Betreiben der PJ durchgeführt.

Dass die PJ in den letzten Jahren bei ihrer Vertuschungsaktion von verschiedenen Behördenstellen und Gremien aktiv unterstützt wurde, unter anderem von der von den ehemaligen Opfern einst hoffnungsvoll begrüssten Aktenkommission, vom Bundesamt für Kultur, vom Zentralsekretariat des EDI und einzelnen psychiatrischen Kliniken, schmälert nicht die politische Verantwortung der heutigen MitarbeiterInnen und Stiftungsräte der PJ für dieses menschenverachtende Manöver. Wenn sich der Vorstand der Radgenossenschaft in aller Öffentlichkeit mit der PJ arrangiert, kommt das einer Verhöhnung der Leiden der ehemaligen Opfer gleich, ja, einige Mitglieder dieses Vorstands, selbst Opfer oder Nachkommen von Opfern, verhöhnen damit sich selbst und die Leiden ihrer Angehörigen. Sie werden mit dieser Ungeheuerlichkeit leben müssen. Selbst die gerechten Petitions-Anliegen der heutigen Jenischen, menschenwürdige Standplätze, Anerkennung ihrer Kultur und Tradition und vereinfachte Erwerbsbedingungen sind, falls sie überhaupt zustande kommt, den Deal Petitionsunterstützung gegen «Versöhnung» nicht wert.

Wir hatten einmal den gemeinsamen Willen, uns zurückzuholen, was uns weggenommen worden ist und zusteht. Die Versöhnung mit der PJ ist ein weiterer Schritt in die schleichende Getthoisierung der Jenischen in der Schweiz. Statt Solidarität mit allen verfolgten Zigeunern in der Welt zu üben, hat sich der Vorstand der Radgenossenschaft der PJ, ihren ehemaligen QuälerInnen, in selbstmörderischer Weise für deren Geschichtsbereinigung zur Verfügung gestellt. Wer weiss, vielleicht sind wir schon bald einmal bei der «Hilfswerk-Lüge». Die neue Generation Rassisten wird es dem Vorstand der Radgenossenschaft danken.

Nur eine ehrliche, radikale Vergangenheitsbewältigung sowohl der Opfer als auch der TäterInnen bringt eine gewisse Gewähr, als potentielles Opfer gegen rassistische Übergriffe gewappnet zu sein. Die Brandstifter und Mörder im Nachbarland zeigen mit aller Deutlichkeit, wohin verdrängte Geschichte führt.

Da die Radgenossenschaft der Landstrasse, als ein politischer Dienstleistungsbetrieb des jenischen Volkes in der Schweiz, ihren Deal mit der PJ ohne Rücksprache mit den Betroffenen aushandelte, lege ich Wert darauf, mich in aller Form davon zu distanzieren. Es wäre mir unerträglich, in einem Atemzug mit Opportunisten und Profiteuren genannt zu werden, selbst wenn sie, wie ich, Jenische sind. Ihnen kann ich, etwas abgewandelt, nur Friedrichs Zitat aus dem Jahre 1986 in Erinnerung rufen. Offenbar ist auch die Radgenossenschaft der Landstrasse eine Fiktion und hat kein Geschichtsbewusstsein.»

Mariella Mehr

Ich danke Mariella Mehr für ihr Einverständnis, diesen Offenen Brief hier zweitveröffentlichen zu dürfen. (Mail Mehr an fl., 16.8.2014)

 

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Pro Juventute – Radgenossenschaft: Stichworte zur Chronologie

Gute Worte und ein Trinkgeld

 

• 1926-1973: In Zusammenarbeit mit lokalen, kantonalen und eidgenössischen Stellen arbeitet das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse», eine Abteilung der Pro Juventute (PJ), an der Endlösung der Vagantenfrage in der Schweiz. Als rassenhygienische Massnahmen werden vor allem Familientrennung (Kindswegnahmen), Unfruchtbarmachung (Sterilisationen und Kastrationen) und Einschliessung (Kriminalisierung und Psychiatrisierung) angewendet. Offiziell werden 619 Jenische Opfer dieser Massnahmen; neuere Quellen sprechen von «etwa 2000» Opfern.

• 1972/73: Eine publizistische Kampagne des «Schweizerischen Beobachters» (ab Nr. 7/1972) führt im Mai 1973 zur Schliessung des «Hilfswerks».

• Mai 1975: Als Selbsthilfeorganisation gründen die Jenischen die «Radgenossenschaft» (RG). Im gleichen Jahr nimmt die RG Verhandlungen mit der PJ auf (es geht u.a. um finanzielle Wiedergutmachung und um Herausgabe der Adressenkartei des «Hilfswerks»). Sie ziehen sich über Jahre weitgehend ergebnislos hin.

• Herbst 1985. Neben der kontinuierlichen Arbeit der RG verstärken der EJPD-Bericht «Fahrendes Volk in der Schweiz – Lage, Probleme, Empfehlungen» (1983), zunehmendes öffentliches Interesse am der dunklen PJ-Vergangenheit und –vermutlich vor allem – ein Verkaufsboykott von Pro Juventute-Briefmarken durch fortschrittliche LehrerInnen (ab Herbst 1985) den Druck auf die PJ.

• 5. Mai 1986. An einer Pressekonferenz in Zürich, redet sich PJ-Zentralsekretär Heinz Bruni heraus, Wiedergutmachung sei in erster Linie Sache des Bundes und Stiftungsratspräsident Rudolf Friedrich prägt gegenüber den anwesenden Jenischen den Satz: «Eine Stiftung kann sich nicht entschuldigen. Sie ist eine Fiktion, sie hat kein Bewusstsein.» Am 3. Juni entschuldigt sich der damalige Bundespräsident Alfons Egli vor dem Nationalrat dafür, dass der Bund das «Hilfswerk» mitfinanziert hat.

• 15. Mai 1987. An einer neuerlichen Pressekonferenz der PJ, diesmal in Bern, sagt deren Stiftungsrat Paolo Bernasconi: «Die PJ ist sich bewusst geworden, wie sehr die jenische Minderheit durch die Tätigkeit des früheren Hilfswerks verletzt worden ist. Die PJ bittet alle Betroffenen um Entschuldigung und ersucht die Fahrenden, diese Entschuldigung anzunehmen.» Damit zieht sich die PJ aus der Bewältigung der eigenen Vergangenheit zurück und überlässt die Entsorgung der Altlast den Krisenmanagern im Eidgenössischen Departement des Innern.

• 28. Juni 1987: Die über 36 Laufmeter «Hilfswerk»-Akten werden aus dem Keller der PJ ins Bundesarchiv überführt. Die restriktiv gehandhabte Akteneinsicht für Jenische hat seither ausschliesslich der Familienzusammenführung gedient. Die von den Jenischen immer wieder geforderte Verantwortlichkeitsstudie wurde bis zum heutigen Tag verhindert. Offen ist deshalb weiterhin, ob die «Hilfswerk»-Praxis nach Artikel II der «UNO-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords vom 9.12.1948» den Tatbestand des Völkermords erfüllt.

• Ab November 1987: Die staatlich alimentierte «Fondskommission» verteilt insgesamt 11 Millionen Franken an «Hilfswerk»-betroffene Jenische und schliesst ihre Arbeit im April 1993 ab (zum Vergleich: ein einziger F/A-18-Militärkampfjet kostet ungefähr 100 Millionen Franken).

23. November 1993: In Genf wird eine gesamtschweizerische Petition lanciert, die um Anerkennung der Kultur der «zigeunerischen Minderheit», um Vereinfachung des Patentwesens und um mehr Standplätze bittet. Einer der Erstunterzeichner ist «Heinz Bruni, Generalsekretär Pro Juventute Schweiz» (wofür ihm «L’illustré» eine Rose zueignet). Der RG-Präsident Robert Huber erklärt bei dieser Gelegenheit – rechtzeitig zum diesjährigen PJ-Briefmarkenverkauf: «Es ist wichtig, die Täter von damals anzuprangern und zu verurteilen. Doch in der neueren Zeit hat die PJ bewiesen, dass sie etwas Gutes für die Jugend tut. Die Öffentlichkeit sollte diese Tätigkeit unterstützen und kontrollieren.» (BaZ, 24.11.1993)