Vorbildliche historische Skizze

In Zusammenarbeit mit der Radgenossenschaft der Landstrasse hat der Zürcher Historiker Thomas Huonker Materialien zur Geschichte und Verfolgung der Jenischen in der Schweiz publiziert. Trotz des vorläufigen Charakters der Arbeit setzt er Standards für die weiteren zu erwartenden wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema.

Von der Sesshaftmachung der herumziehenden helvetischen Kriegergruppen bis zum Vernehmlassungsverfahren für eine «Interkantonale Verwaltungsvereinbarung über die zentrale Aufbewahrung und Verwaltung der ‘Akten der Kinder der Landstrasse’» vom letzten Sommer schlägt Huonker den Bogen, um den Konflikt zwischen Sesshaften und Fahrenden in diesem Land nachzuzeichnen. Zu verschiedenen Zeiten, so zeigt er, gingen die Sesshaften mit vergleichbaren Ideologien gegen die Fahrenden vor, um ihre ökonomischen und ordnungspolitischen Interessen zu verteidigen und auszubauen. Was sich im Laufe der Zeit änderte, waren die angewendeten Kontroll- und Repressionsmethoden.

Was bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Verbannung, Folter, Galeerenstrafen und Betteljagden waren, wurden im 19. Jahrhundert «Anstalten zur Bändigung schädlicher Menschenklassen», Zwangseinbürgerungen und Zigeunerregistraturen. Im 20. Jahrhundert folgte das Ausrottungsprojekt des Pro Juventute-«Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse», das auf den Grundlagen der Rassenbiologie mit Hilfe von Fürsorge, Psychiatrie und Eugenik die Sippenverbände der Jenischen mittels Kinderwegnahmen, Psychiatrisierung und Kriminalisierung weitgehend zerschlug.

Mit einer erfrischend lebendigen Sprache, der Ironie und Polemik nicht fremd sind, zeichnet Huonker seine Skizze der Geschichte des fahrenden Volks. Oft genug muss er die Darstellung eines Aspekts mit dem Hinweis abschliessen, dass ein exaktere Ausleuchtung erst dann möglich sein werde, wenn die Aktenberge im Bundesarchiv und in den Kantonsarchiven zugänglich würden.

Nach einem fotografischen Mittelteil mit Bildern von Hans Staub aus den dreissiger und vierziger Jahren und von Gertrud Vogler aus der neuesten Zeit kommen Betroffene des «Hilfswerks» in elf vorsichtig redigierten und ins Hochdeutsche übersetzten Tonbandinterviews selber zu Wort. Diese «Oral history» ist kein akademisches Fakten- und Fussnotenkonstrukt – hier erzählen getretene Menschen aus ihrer Erinnerung über jene, die sie oft genug mehr als ihr halbes Leben lang getreten haben. Hier wird nicht von obenherab das x-fach abgesicherte Was in möglichst trockenen Worten referiert, hier geht es aus der Sicht der Opfer um das Wie. Wie ist der «Hilfswerk»-Doktor Siegfried mit den verschacherten Kindern umgegangen? Wie ist es den Jugendlichen ergangen, die während des Zweiten Weltkriegs, zum Teil mehrmals, im Knast Bellechasse versenkt worden sind? Wie haben sadistische Ordensschwestern Kinder von Fahrenden kaputtgemacht? Und so weiter.

Das vorliegende Buch zur Geschichte der Jenischen in der Schweiz hat zwei Verdienste: 1. Die Perspektive eines sesshaften Historikers und jene der erzählenden Fahrenden stehen gleichwertig nebeneinander, sich nicht korrigierend, sondern ergänzend. Das mag als «anwaltschaftliche Geschichtsschreibung» denunzierbar sein – sie ist solidarisch, weil sie Partei ergreift. 2. Eine historische Aufarbeitung der zur Zeit noch versiegelten Akten, die unter Ausschluss der Fahrenden in akademische Pseudoobjektivität zurückfällt, wird dank der Vorgabe dieses Buches als fortgesetzte ideologische Unterdrückung der Jenischen durchschaubar sein.

Thomas Huonker (im Auftrag der Radgenossenschaft der Landstrasse): Fahrendes Volk – verfolgt und verfemt. Jenische Lebensläufe, Zürich (Limmat-Verlag) 1987.