Warum Mühleberg jetzt vom Netz muss

Die Initiative «Mühleberg vom Netz» verlangt vom Kanton Bern als dem Mehrheitsaktionär der BKW, dass er für die sofortige Abschaltung des AKWs Mühleberg sorgt. Regierungsrat und Grosser Rat lehnen eine solche staatliche Einschränkung der Betriebsdauer ab. Zu Recht?

Jürg Joss: Dank dieser Initiative findet nun eine Volksabstimmung statt. Das heisst: Der Bürger, die Bürgerin entscheidet, nicht Regierung oder Parlament. Wenn das Stimmvolk des Kantons Bern findet, das Werk in Mühleberg sei im weiteren Betrieb zu gefährlich, dann hat es jetzt die Möglichkeit und das Recht, es stillzulegen. Erst bei der Umsetzung des Schliessungsentscheids wäre dann der Regierungsrat gefragt. Er müsste als erstes im BKW-Verwaltungsrat dafür sorgen, dass der Wille des Mehrheitsaktionärs – also der Bevölkerung des Kantons – durchgesetzt würde. So gesehen kann die Annahme der Initiative den Regierungsrat gegen das Parlament unterstützen, rotgrüne Energiepolitik zu machen.

Das wäre Unterstützung gegen den bürgerlich dominierten Grossen Rat.

Einerseits. Andererseits gibt es im Kanton Bern einfach sehr viele Verflechtungen: Die BKW hat nicht nur über das Stromgeschäft grossen Einfluss, sondern – das sehe ich als Gemeinderat von Bätterkinden – bei sehr vielen Geschäften bis hinunter auf Ebene der Gemeinden. Die BKW besitzt fast in jedem Dorf Boden, etwa das Land mit einem Transformerhäuschen, und auch das Stromnetz gehört häufig ihr: Wollte sich eine Gemeinde von der BKW unabhängig machen, müsste sie ihr das Stromnetz abkaufen.

Verflechtungen gibt es aber auch auf der personellen Ebene. Nehmen wir Dieter Widmer, der jahrelang als Pressesprecher der BKW gearbeitet hat, bevor er bis zu seiner Abwahl letzthin als BDP-Fraktionschef die kantonale Energiepolitik mitbestimmt hat. Oder der freisinnige Adrian Haas, der 2010 stark für das neue BKW-Atomkraftwerk lobbyiert hat...

...ein neues BKW-Atomkraftwerk?

Man hat das schon fast vergessen: Kurz vor der Fukushima-Katastrophe, am 13. Februar 2011, hat das Stimmvolk im Kanton Bern in einer Konsultativabstimmung mit 51,2 Prozent der Stimmen ja gesagt zu einem neuen AKW, das Mühleberg ersetzen würde. In der Folge haben sowohl die Betreiber von Mühleberg als auch jene von Beznau Baugesuche eingereicht. Beide Gesuche sind bis heute nicht zurückgezogen worden.

Nach wie vor ist für die Atomlobby vieles offen: Zwar hat Doris Leuthard – eine ehemaligen Atomlobbyistin – als Bundesrätin nach Fukushima die «Energiewende» verkündigt. Seither meinen vielen Leute, mit diesem Wort sei der Atomausstieg bereits beschlossene Sache. Aber beschlossen ist noch gar nichts: Es gibt bisher keine Lenkungsabgabe auf Solar- oder Windenergie; es gibt für Alternativenergien kein Bauprogramm des Bunds; es gibt dagegen die Absichtserklärung, dass die Laufzeiten der bestehenden AKW auf fünfzig bis sechzig Jahre zu verlängern seien –  und weiterhin möglich ist, dass in einigen Jahren ein neues AKW gebaut wird. Insgesamt ist es mein Eindruck, dass der Bevölkerung die demokratische Kontrolle über die Atomkraftwerke immer weiter entgleitet.

Trotz Fukushima?

Soweit ich sehe hat der Staat seither die Forderung der bürgerlichen Kreise erfüllt und der Energieindustrie nicht dreingeredet. Das AKW Mühleberg zum Beispiel ist nach Fukushima von der Aufsichtsbehörde ENSI aufgefordert worden, aufgrund jener Katastrophe Unsicherheiten im eigenen Werk zu eruieren. Das AKW Mühleberg meldete einige Punkte zurück, das ENSI bat daraufhin um Präzisierungen und eine Auflistung der vorgesehenen Gegenmassnahmen.

Das heisst: Das ENSI hat nicht festgestellt, was in Fukushima in den typenidentischen Reaktoren passiert ist, und danach von Mühleberg entsprechende Nachrüstungen verlangt, sondern höflich angefragt, welche Probleme der Betreiber zu erkennen und zu beheben bereit wäre. Beispiel: 2011 nannte die BKW als Schwachpunkt die unzulängliche Notkühlung des AKW. Trotzdem wurde zuerst das Projekt einer aareunabhängigen Kühlung mit einem Kühlturm und Ende 2013 dann das Projekt mit einer Kühlung aus der Saane fallen gelassen, letzteres mit dem Argument, das Werk werde ja 2019 sowieso stillgelegt, und eine solche Investition würde sich nur bei einem Langzeitbetrieb lohnen. Das ENSI hat das geschluckt und nun um Darlegung gebeten, wie ein zusätzlicher Sicherheitsgewinn ohne Notkühlung möglich wäre. So läuft das. Seit Fukushima ist sogar den Betreibern klar, dass Mühleberg dringend eine vom Aarewasser unabhängige Notkühlung braucht. Jetzt, drei Jahre später, gibt es dazu nicht einmal mehr ein Projekt.

Ein zentrales Argument der Initiativgegner ist die Behauptung, die BKW habe ja die Abschaltung des AKW Mühleberg für 2019 sowieso angekündigt. Darum sei die Initiative unnötig.

Dass die BKW den Termin von 2019 überhaupt ins Spiel gebracht hat, hat ökonomische Gründe: Unterdessen kostet die Kilowattstunde Strom auf dem freien Markt noch rund 4 Rappen, weil es in Deutschland insbesondere in den Sommermonaten ein Überangebot an Alternativenergien gibt. Das macht die Pumpspeicherwerke überflüssig, die mit billigem Nachtstrom aus den AKW Wasser in die Stauseen hinaufpumpen und mit dem Wasser am nächsten Mittag teuren Spitzenstrom produzieren. Unterdessen gibt es um die Mittagszeit genug Strom aus Sonnenenergie. Trotzdem produziert die BKW in Mühleberg weiterhin Strom pro Kilowattstunde für rund 7 Rappen. Das kann die Firma solange tun, wie sie das Absatzmonopol hat und den Preis diktieren kann. Die wirtschaftsliberalen Kreise, die jetzt die unternehmerische Freiheit der BKW hochhalten, müssten eigentlich auch den freien Strommarkt gegen das AKW Mühleberg verteidigen.

Heisst das nicht, dass die BKW letztlich froh sein müsste, Mühleberg so schnell wie möglich vom Netz nehmen zu dürfen?

Dagegen steht, was Suzanne Thoma als CEO der BKW letzten Samstag im «Bund» gesagt hat: «Ein Strom produzierendes Mühleberg liefert im Vergleich zu einem still stehenden Mühleberg einen Beitrag von rund 120 Millionen Franken zum Konzernergebnis ab.» Darum soll der uralte Reaktor am Netz bleiben.

Diese Strategie ist unternehmerisch falsch: Die BKW hat bis heute immer wieder auf riesige zentrale Anlagen gesetzt, auf Gas- und Kohlekraftwerke und eben auch auf ein neues AKW. Gleichzeitig sehe ich, wie die Bauern landauf landab ihre Dächer zu nutzen beginnen und sich mit Strom nicht nur selber versorgen, sondern Strom auch verkaufen. Eigentlich hätte die BKW diese Dächer unbedingt zusammenkaufen und als Dienstleister und Stromproduzent auftreten müssen. Wo ist das Produktionsgeschäft der BKW, wenn Mühleberg abgestellt ist? Die BKW verpasst im Moment die dezentralisierte Energiezukunft.

Wenn Sie heute operativer Chef der BKW wären: Was würden Sie tun?

(überlegt lange) Wohl ein bisschen verzweifeln. – Die BKW hat sich an veraltete Produktionsstrategien gefesselt und es verpasst, die Fesseln rechtzeitig abzuschütteln.

Die Befürworter der Initiative «Mühleberg vom Netz» argumentieren, die letzten Betriebsjahre des AKW Mühleberg seien die gefährlichsten? Spielt es wirklich eine grosse Rolle, ob die Anlage 42 oder 47 Jahre lang betrieben wird?

Grundsätzlich ist es so: Das Risiko einer Kernschmelze ist solange gross, wie die Kernspaltung im AKW im Gang ist. Sobald man die Anlage abschaltet, beginnt das Risiko zu sinken. Sind die Brennstäbe – frühestens fünf Jahre nach der Abschaltung – ausgebaut, gibt es dieses Risiko nicht mehr. Bei Annahme der Initiative ist das Risiko also frühestens 2019, nach 47 Jahren, weg, bei ihrer Ablehnung voraussichtlich fünf Jahre später.

Voraussichtlich? Die BKW hat ja selber angekündigt, 2019 definitiv abschalten zu wollen.

Mit dem Wort «definitiv» ist es in der Nuklearindustrie so eine Sache. Die Internationale Atomagentur führt eine Liste, auf der der Status von jedem AKW vermerkt ist. Ein Status heisst «Langzeitstillstand». In den USA gab es mehrere AKW, die nach einem Stillstand von mehreren Jahren wieder ans Netz gekommen sind. Solange ein AKW nicht entladen ist und sich im Rückbau befindet, kann es theoretisch wieder gestartet werden.

Allerdings mit steigendem Unfallrisiko.

Klar. – In Mühleberg ist es schon heute so, dass am Kernmantel eine Schweissnaht Risse von nahezu drei Metern aufweist. Bei einem Erdbeben könnte sich an dieser Stelle der Kernmantel schneller und stärker verschieben, dadurch könnten die Brennelemente gegeneinander gequetscht und die Steuerstäbe blockiert werden. In dieser Situation würde der Reaktor unregulierbar. Die Folge wäre eine Kernschmelze.

Der Core Damage Factor ist eine Kennzahl zur Bestimmung der Kernschmelzwahrscheinlichkeit. Dieser Faktor ist von 1,3 [1991] über 1,5 [2002] auf 2,35 [2012] gestiegen. Das heisst: Zurzeit sind zweieinhalb Kernschmelzunfälle auf 100'000 Jahre zu erwarten. Man kann aber auch sagen: Die bernische Bevölkerung ist heute aus Expertensicht doppelt so gefährdet wie 1991 – und zwar, obschon die BKW dauernd beteuert, man sei auf dem neusten Stand der Nachrüstung. Darum sage ich: An diesem Reaktor muss man nicht mehr basteln, man muss ihn sofort abstellen. Das Reaktorgebäude ist zu eng, um alle nötigen Nachrüstungen machen zu können. Kabel, Metalle und elektronische Steuerungselemente altern, und nicht alles lässt sich auswechseln. Kommt dazu: Bei Erneuerungen an der Elektronik müssen die Programme oft neu geschrieben werden. Solche Steuerungsänderungen sind kein Plus an Sicherheit, sondern zuerst einmal ein Fehler-, also ein Sicherheitsrisiko.

Der aktuelle Core Damage Factor für Mühleberg sagt jedoch bloss, dass im Zeitraum von 40'000 Jahre eine Kernschmelze zu erwarten sei.

Das stimmt. Bloss wäre es vielleicht sinnvoll, die Formel, mit der dieser Faktor errechnet wird, kritisch zu hinterfragen. Tatsache ist: In Fukushima dauerte dieser Zeitraum von 40'000 Jahren etwa dreissig Jahre, in Tschernobyl deren zwanzig und im Werk Three Mile Island in Harrisburg bloss deren neun. Zudem gibt es auf der ganzen Welt kein zweites Atomkraftwerk, das bloss 14 Kilometer von einer Stadt in der Grössenordnung von Bern entfernt liegt.

Und nicht vergessen sollte man auch, dass 1986 in Mühleberg schon einmal Radioaktivität entwichen ist, als es eine Panne mit dem Filter einer Abluftanlage gab. Die Nachzerfallsprodukte dieser Strahlung findet man zum Teil bis heute in den Böden der Umgebung. Es gibt Krebskranke und es gab unterdessen verstorbene Krebskranke, die ihre Erkrankung mit diesem Unfall in Zusammenhang bringen respektive gebracht haben. Trotzdem existiert bis heute keine epidemiologische Untersuchung über Krebserkrankungen in der Umgebung des AKW.

Abgesehen von dieser Panne könnte man aber immerhin sagen, dass hier in der Schweiz Qualitätsarbeit gross geschrieben werde und dass die Angestellten die Anlage doch sicher im Griff haben.

Im letzten November wurde in der Fernsehsendung ECO der 72jährige Elektroingenieur Ueli Jost porträtiert. Gesagt wurde, er arbeite noch täglich im AKW Mühleberg, und weil er seit Anfang dabei gewesen sei, kenne er die Anlage wie kaum ein anderer. Am Schluss des Beitrags sagte er in die Kamera, er müsse jetzt an eine Besprechung, bei dem das Fernsehen nicht dabei sein dürfe. Ich stelle fest: In Mühleberg scheinen Mitarbeiter Jahre über die Pensionierung hinaus so viel exklusives Know How im Kopf zu haben, dass sie an wichtigen Sitzungen unverzichtbar sind. Dieser Fernsehbeitrag hat nicht zu meiner Beruhigung beigetragen. Umso mehr, als man weiss, dass Atomkraftwerke ein zunehmendes Imageproblem und deshalb ein wachsendes Problem haben mit dem Know-How-Transfer zur nächsten Generation.

Entsprechend waren die Anfang 2013 zu Mühleberg veröffentlichten Ergebnisse der bisher letzten OSART-Mission der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA: Das Team fand zum Beispiel einen Tank, der älter als vierzig Jahre war, aber bei dem die 40-Jahresprüfung nicht durchgeführt wurde; sie fanden Kabel, von denen nicht dokumentiert war, in welchen Kanälen sie laufen; sie fanden Kabel, bei denen die Altersüberprüfungsdokumentation fehlt; sie fanden Sicherheitsventile, die falsch oder nicht dokumentiert waren. Im Notfall würde man sich in Mühleberg offenbar auf Unterlagen beziehen, die zum Teil unvollständig oder falsch sind, und wenn das nicht reicht, müsste man dann Ueli Jost aus dem Bett klingeln, um Genaueres zu erfahren.

Bleibt das Kostenargument: Gedroht wird damit, dass bei einer Annahme der Initiative die Privataktionäre der BKW, die rund 47,5 Prozent der Aktien halten, Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe einklagen könnten. Das ist ein starkes Argument, um in Mühleberg noch einige Jahre russisches Roulette zu spielen.

Das Argument wiegt bei der Bevölkerung schwer, auch weil die BKW behauptet, allerdings nie detailliert ausgewiesen hat, 50 Millionen Franken ihrer Gewinnabgabe an den Kanton stammten aus dem AKW. Und es stimmt, dass ein Ja zur Initiative Kapital der BKW-Aktionäre vernichten würde, auf dem sie bisher ihre Dividende bekommen haben. Aber weil der Kanton nicht gegen sich selber klagen wird, fällt mehr als die Hälfte der Summe von vornherein weg. Und ob die Privataktionäre klagen werden, ist laut «Bund» noch sehr unklar – abgesehen davon, dass der Schaden erst würde berechnet werden können, wenn bekannt wäre, welche Auflagen das ENSI mit einem Betrieb bis 2019 verknüpft.

Demokratiepolitisch fände ich es im übrigen einigermassen pikant, wenn Aktionäre und Aktionärinnen, darunter vermutlich sehr viele aus dem Kanton Bern, juristisch gegen die bernischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger vorgehen würden, zu denen sie selber gehören. Und ebenso pikant ist, wenn Suzanne Thoma als BKW-Chefin, ebenfalls im «Bund», sagt, sie gehe davon aus, dass diese Schadenersatzklagen eingereicht würden. Sie ermuntert damit im Rahmen ihres Kampfs gegen die Initiative die BKW-Aktionäre, Klage gegen jenen Kanton einzureichen, der mehrheitlich für ihren Lohn als BKW-Angestellte geradesteht.

Wie geht es für Sie weiter, wenn die Initiative abgelehnt wird?

Wir würden dranbleiben. Fukushima hat dazu geführt, dass die Forderungen, die wir als AKW-Gegner seit vielen Jahren gestellt haben, auf den Tisch gekommen sind und unterdessen auch endlich Investitionen ausgelöst haben. Es wäre auch weiterhin nicht hoffnungslos, mit Öffentlichkeitsarbeit, Streitschriften und juristischen Schritten für die Stilllegung des AKW Mühleberg vor 2019 zu kämpfen.

[Kasten 1]

Die «Mühleberg vom Netz»-Initiative

 

Die Initiative «Mühleberg vom Netz» verlangt, dass der Artikel 35 der bernischen Verfassung von 1993 um einen vierten Absatz erweitert wird, der lautet: «Der Kanton, als Mehrheitsaktionär der BKW FMB Energie AG, sorgt für die sofortige Ausserbetriebnahme des AKW Mühleberg.» Diese Initiative ist 2011 unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima von einem parteiunabhängigen Komitee lanciert worden.

[Kasten 2]

Jürg Joss

 

Jürg Joss ist Präsident des Vereins «Mühleberg-Ver-fahren» und Mitglied von «Fokus Anti-Atom» (früher «Aktion Mühleberg stilllegen Amüs»). Er arbeitet als Automatisationstechniker und wirkt in Bätterkinden als SP-Gemeinderat (Ressort Hochbau und Liegenschaften). Er betreibt eine informative Homepage mit viel Material zu Atom- und allgemeiner Energiepolitik.

[Kommentar]

Sofort abstellen? Ja, aber…

 

1977 lebte ich in einer studentischen Wohngemeinschaft in Basel und wenn wir abends bei billigem Rotwein in der Küche sassen, ging es um die «soziale Plastik» von Josef Beuys, um die Stürme im Wasserglas der neulinken Basler Splittergruppen oder um Baader, Meinhof, Ensslin und ihren bewaffneten Kampf gegen «das kapitalistische System».

Und natürlich redeten wir immer wieder über Atomenergie – kaum zehn Kilometer rheinaufwärts sollte ja das AKW Kaiseraugst gebaut werden. Dann kam der Pfingstmarsch und mehr als zehntausend Leute marschierten gegen das fast fertige AKW Gösgen. Am 25. Juni 1977 demonstrierten dort erneut 2500, am 2. Juli waren es 6000. Und ich war dabei. Diese Demo wurde für mich zu einem Crash-Kurs in Staatsbürgerkunde, den ich nicht missen möchte.

Ein altes Buch und plötzlich ist alles wieder klar

Was mir letzthin im Gespräch mit Jürg Joss (Teil 1 und Teil 2) aufgefallen ist: Wie wenig seine technisch versierte Argumentation mit jenen Argumenten zu tun hat, die wir damals vertreten haben. Aber wie war das schon wieder?

Beim Schmökern im Bücherbergwerk an der Monbijoustrasse ist mir dann ein Buch in die Finger gekommen, das ebenfalls 1977 erschienen ist: «Atompoker. Kernindustrie in kritischem Licht» von Jean Rossel (Zytglogge). Und siehe da: Schon der Klappentext ist aus heutiger Sicht eine Sensation: Rossel war damals nicht irgendeiner, sondern der Vizepräsident der «Bundeskommission für die Überwachung der Radioaktivität». Man stelle sich vor, der Vizepräsident des ENSI würde heute, getrieben von staatsbürgerlicher Verantwortung, ein kritisches Buch über die Atomindustrie schreiben!

Und nach den ersten Einleitungssätzen Rossels wusste ich wieder: Ja, so war das damals: «[Bei der industriellen Kernspaltung] handelt es sich um ein vielschichtiges Gebiet, indem sich, schwer von einander zu trennen, wissenschaftliche, technische, ökonomische, politische und soziale Probleme von grösster Tragweite gegenseitig überlagern.» Man stelle sich vor, ein heute massgebender AKW-Experte würde sich erlauben, öffentlich über «ökonomische, politische und soziale Probleme» der «friedlichen Nutzung der Kernenergie» nachzudenken. Seine Massgeblichkeit hätte sich erledigt, bevor er den ersten Satz fertig ausgesprochen hätte.

Beim Blättern in Rossels Buch ist mir dann klar geworden, was seit 1977 geschehen ist: Mit einer langfristigen Public-Relations-Strategie hat die Atomindustrie den öffentlichen Diskurs geduldig gespalten in einen relevanten und in einen zu ignorierenden Teil. So wurde mit der Zeit alles irrelevant – weil «unsachlich» –, was das selbstreferentielle Gespräch der Experten in ihrem grosszügig alimentierten Elfenbeinturm hätte stören können.

Anders: Die öffentliche Rede über «die friedliche Nutzung der Kernenergie» wurde immunisiert gegen jede gesellschaftspolitische Perspektive. Wenn es diese Nutzung heute gibt, dann nicht, weil sie tatsächlich existieren würde, sondern weil jeder Widerspruch dagegen hinter dem Horizont des Denkbaren untergegangen ist. Oder, mit den Worten von Günther Anders, eines der bedeutendsten Kritikers der Atomtechnologie: «Die Macht einer Weltanschauung bewährt sich ja nicht durch die Antworten, die sie zu geben weiss, sondern durch die Fragen, die sie abzudrosseln versteht.»

Warum ich damals nach Gösgen ging

Es gab zwei Gründe, warum ich damals in einer Unterführung zwischen Däniken und Dulliken zum ersten und letzten Mal mitgeholfen habe, eine Barrikade zu bauen (bis ich von Polizeigrenadieren weggespritzt worden bin):

1. Es gibt keine Möglichkeit, hochradioaktiven Müll sicher zu lagern. – Zum Abfallproblem schrieb Rossel damals, pro 1000-Megawatt-Kraftwerk und Jahr würden 30 bis 35 Tonnen verbrauchter Brennstoff anfallen, davon nebst anderen «Transuranen» rund 250 Kilogramm (waffenfähiges) Plutonium 239. Bei diesen Transuranen, führte er weiter aus, müsse «mit 500'000 bis 1'000'000 Jahren Abklingzeit» gerechnet werden, «bis die biologische Gefahr ihrer Radioaktivität genügend reduziert» sei. Die Halbwertszeit von Plutonium 239 zum Beispiel liegt bei gut 24'000 Jahren.

Ich bin damals nach Gösgen gefahren, weil niemand von den zuständigen Stützen der Gesellschaft öffentlich garantieren wollte, dass auch in 24'000 Jahren das dannzumal noch halb so stark strahlende Plutonium technisch sicher und vor Missbrauch geschützt gelagert würde.

Man könnte einwenden: Immerhin gebe es die Nagra, die beauftragt sei, «Lösungen für eine sichere, dem Menschen und der Umwelt verpflichtete Entsorgung in der Schweiz zu erarbeiten und zu realisieren». Dazu würde ich sagen: Anfang Oktober 1981 ist die allererste WochenZeitung (WoZ) erschienen mit einem damals stark beachteten Primeur: «Hier will die Nagra bohren».

Bis heute ist die Nagra keinen Schritt weiter. Sie ist der Running Gag der Atomindustrie. Mehr als zu belegen, dass immer fleissig gearbeitet wird, ohne dass etwas geschieht, gibt es für diese PR-Organisation ja auch nicht zu tun. Denn das Problem, das sie lösen soll, ist technisch und politisch unlösbar. Wer möchte schon hinstehen und eine sichere Lösung auf Jahrtausende hinaus garantieren? Und wer könnte sie ohne Waffengewalt durchsetzen?

2. Atomenergie und Demokratie sind langfristig unvereinbar. – Ebenfalls 1977 erschien das Buch «Atomstaat» von Robert Jungk. Seine Ausgangsthese: Atome für den Frieden unterscheiden sich nicht von Atomen für den Krieg. Daraus folgt: Es gibt keine «friedliche Nutzung der Kernkraft». Das wirkliche Problem der atomaren Zukunft ist deshalb nicht die katastrophale Ausnahme – ein Atombombenabwurf, ein grösster anzunehmender Unfall GAU oder ein terroristischer Missbrauch von radioaktivem Material –, sondern die katastrophale Normalität: Das Müllproblem schafft objektiv den Sachzwang, hochradiaktive Endlager zu bauen und langfristig – und das heisst eben: über Jahrtausende – technisch und militärisch zu sichern.

Demokratien im heutigen Sinn werden das mit Sicherheit nicht leisten können. Darum werden zwingenderweise «Atomstaaten» entstehen mit dem entsprechenden Überwachungs- und Repressionspotential. Jungk schrieb damals: «Wer den Ungeheuerlichkeiten, die der Eintritt in die Plutoniumzukunft mit sich bringen muss, nur mit kühlem Verstand, ohne Mitgefühl, Furcht und Erregung begegnet, wirkt an ihrer Verharmlosung mit. Es gibt Situationen, in denen die Kraft der Gefühle mithelfen muss, eine Entwicklung zu steuern und das zu verhindern, was nüchterne, aber falsche Berechnung in Gang gebracht hat.» Darum bin ich am 2. Juli 1977 nach Gösgen gegangen.

Alles kalter Kaffee, könnte man sagen: Jungk hat sich offensichtlich geirrt, es gibt keinen Atomstaat!

Ach ja? Was sind die 37 Jahre seit der Veröffentlichung seines Buches gemessen an 24'000 Jahren? Oder 48'000? Die im Moment lebenden Generationen profitieren davon, dass der werdende Atomstaat vorderhand noch mit Aufrüsten beschäftigt ist. Wer garantiert, dass nicht eines Tages eine Staatengemeinschaft, die nicht mehr zu unterscheiden sein wird von einer supranationalen Mafia der Plutoniumbesitzer, die Welt in Geiselhaft nehmen wird?

Ein Bild statt vieler Worte

Wenn ich an das Gespräch mit Jürg Joss zurückdenke, staune ich, mit wie viel Wissen und Rechercheaufwand AKW-kritische Leute einer jüngeren Generation die technoide PR der Atomindustrie argumentativ zu widerlegen versuchen. Klar soll man nicht verschweigen, dass der Atomausstieg «anfänglich Opfer fordern würde». Darauf hat Robert Jungk ja schon in der «Berner Zeitung» vom 16. August 1986 hingewiesen – Jahrzehnte, bevor sich der Bundesrat nach Fukushima gezwungen sah, die ideologische Worthülse der «Energiewende» zu lancieren, um zu signalisieren, dass etwas getan wird, ohne etwas zu tun (nämlich zum Beispiel Mühleberg stillzulegen).

Heute ist das kleinere Problem, dass der Uraltreaktor von Mühleberg nach 42 statt erst nach 47 Jahren vom Netz geht. Das längerfristig grössere ist, dass er 1972 überhaupt hochgefahren wurde.

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PS. Als ich am 29. April nach der Mittagspause über den Viktoriaplatz ins Büro zurückgehe, studiere ich eben am Schluss dieses Kommentars herum. Da sehe ich ihn vor mir stehen: Neben dem Haupteingang der BKW steht Beatrice Simon, die kantonale Finanzdirektorin und Verwaltungsrätin des Konzerns, und telefoniert. Manchmal sagt ein Bild mehr als jede Pointe.

Die Initiative «Mühleberg von Netz» ist am 18. Mai 2014 mit 63,25 Prozent Nein-Stimmen (236285 Nein zu 137285 Ja) abgelehnt worden. – Das Interview mit Joss ist am 25. und am 27. April in zwei Teilen veröffentlicht worden.