Das künstlich Erzeugte als Leben

«…die drei Gesellen, in Hemdärmeln, die Pluderhosen in die Schäfte der Stiefel gestopft, waren aus dem Hintergrund hervorgesprungen, hatten sich über die Frau geworfen und sie, deren Beine zappelten, an das aufrecht stehende, am Kopfende mit einer Vertiefung versehene Bett gedrückt, dieses an seinem Scharnier umgekippt, den obern Teil der hölzernen Halskrause im Gestell niederfallen lassen, und schon sauste von oben, aus seiner Verkleidung, das riesige Beil mit der schrägen Schneide herab, und trennte vom Körper das Haupt, das, überschüttet von Blut, in den Weidenkorb fiel.»

In den ersten Monaten des Jahres 1980 arbeitet Peter Weiss in Stockholm an der Hinrichtungsszene im zweiten Teil des dritten Bandes seines Romans «Die Ästhetik des Widerstands». Es geht ihm nicht gut. Seine täglichen Notizen  berichten von einer Herzattacke: «Diesmal Streifschuss. Schmerzen im Brustkorb. EKG zeigt leichte Veränderungen. Doch kein Infarkt. Durchblutungsstörungen. Kreislaufkrampf. Dachte: jetzt ist es wieder so weit (werde das Buch nicht zuende schreiben können). Doch wieder entlassen den 16/1.» Darüberhinaus muss er in diesen Tagen umziehen. Am 30. Januar vermerkt er: «Letzter Tag in der alten Wohnung […] Alles verpackt, morgen Umzug, zwischendurch Arbeit am letzten Kap. des Teil I, Band 3.» (Notizbücher 1971-1980 [NB], S. 863 ff.)

Mit äusserster Anspannung beschäftigt sich Weiss in diesen Tagen mit dem Tod: Mit seinem eigenen und jenem der 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichteten Mitglieder der beschriebenen Widerstandsgruppe: «Seit Wochen ein grauenhaftes Gefühl, wie es einen quälen muss, der zum Tod verurteilt ist und die Hinrichtung erwartet, eine ständig mahlende, wühlende Beängstigung, die nicht nur mit den Irritationen, der Enervierung des Umzugs, all den ermüdenden Alltagsverrichtungen zusammenhängt, sondern vor allem wohl mit dem Thema, das ich, zum Abschluss des Buchs, lösen und überwinden muss, das all das Unmenschliche, Unvorstellbare hervorruft. […] Manchmal scheint es unmöglich, weiter leben zu können 22/2.»

Bis in die Augen der in diesem Augenblick hingerichteten Libertas Schulze Boysen denkt er sich vor, bevor er die oben zitierte Hinrichtungsszene schliesslich schreibt: «Blitzhafte Voraussicht: ihr Kopf wird abgehackt werden, sie wird in den Korb blicken, letzter Eindruck: Sturz in den Korb.» Akribisch beschreibt er in der Hinrichtungsszene die Guillotine, die er ein knappes Jahr zuvor besucht hatte: «5/4/79 Plötzensee / hölzernes Dachgestühl / Abflussrinne / der eiserne Balken mit dem Fleischerhaken / 2 gewölbte Fenster / Vorhang Mitte / Fallbeil, Hände auf dem Rücken, Vollzug 7 Sekunden […]» (NB, S. 808/809).

So lange denkt sich Weiss in die Situation hinein, bis er Plötzensee nicht mehr beschreibt, sondern zeit- und raumversetzt in Plötzensee ist und als einer, der nicht eingreifen kann, beobachtet. Dieser Zustand hat etwas Schizophrenes an sich: «Ich bin ein Schizophrener, halte mich seit mehr als 8 Jahren aufrecht mit diesem Roman-Leben. Es ist, als sei das künstlich Erzeugte zu meinem einzigen Leben geworden, alles was hier vorkommt, ist wahr für mich. Tatsächlich besitzt dies alles die gleiche Wahrheit wie die Erlebnisse der sogenannten Wirklichkeit. – Und was besteht denn für ein Unterschied, im Rückblick, zwischen dem Erdachten und dem direkt Erfahrenen – in beiden Fällen ist es nicht mehr greifbar, lässt sich nicht mehr kontrollieren – Reales und Erdachtes ist, als Vergangenes, von gleicher Qualität – .» (NB, S. 872)

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Auf den Tag genau acht Jahre, bevor er am 10. April 1980 notierte: «Passage über Hinrichtung abgeschlossen –», hielt Weiss – er stand damals noch am Anfang der Recherche zu seinem Buch – in seinen Notizen fest: «Die Gespräche geführt nach dem Gesichtspunkt, dem Roman breiteste Realität zu geben. Handlungsverlauf noch nicht geplant. Wächst von selbst heran, aus dem aufgelagerten Material.» Am Anfang der «Ästhetik des Widerstands» war kein formaler Rahmen, keine favorisierte Figur, keine Konstellation, keine runde Story: Da waren nur Fragen. Weiss wollte nicht mit einigen punktuellen Recherchen eine vorgefasste Handlung erhärten; erst ausgedehnte Recherchen in halb Europa zeigten auf, welche Handlung überhaupt möglich war. Erst viel später dann, als er seine Geschichte längst gefunden hatte, dienten die Recherchen der Verdeutlichung der Gerüstes: «Es war immer besser, genau zu wissen, wie die Dinge abgelaufen waren, die Ungewissheit war quälender als das Bild des grauenhaften Ablaufs – ». Erst als Weiss alle noch belegbaren Fakten zur damaligen Realität erforscht hatte, begann er sie mit einem feinen Netz von Fiktion zu verknüpfen: In die Lücken, zwischen das Belegbare, hat er sein Denkbares erzählt.

Im eben letzthin bei Suhrkamp erschienenen Materialien-Band zu «Die Ästhetik des Widerstands» prägt Burkhardt Lindner den Begriff des »‘halluzinatorischen’ Realismus’: das ist der Versuch, Vergangenes in dokumentarischer Faktizität und ästhetischer Wirklichkeitssteigerung gegenwärtig zu machen.» Wobei – dies meine Vermutung – entscheidend ist, dass zuerst die Faktizität ist, erst dann die ästhetische Wirklichkeitssteigerung. Umgekehrt: Es ist nicht möglich, reine Fiktion mit nachgeschobener Faktizität zu steigern. – Dieser Gedanke auch als Beitrag zur aktuellen Realismus-Diskussion.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. Roman in drei Bänden, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1975, 1978 und 1981.

Peter Weiss: Notizbücher 1971-1980, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1981.

Alexander Stephan [Hrsg.]: Die Ästhetik des Widerstands. Materialien, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1983.