Lebende müssen sich erinnern

Die Philosophisch-Historische Fakultät der Universität Basel hat am 28. November 1998 der Schriftstellerin Mariella Mehr «die Würde einer Ehrendoktorin phil. I» verliehen. Die Laudatio nannte drei Gründe: Mehrs «eindrückliches persönliches Engagement für die Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus»; ihre Werke, in denen sie «immer wieder Formen der Gewalt thematisiert und damit auch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit deren Voraussetzungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen» angeregt habe; ihre Recherchen und Dokumentationen, mit denen sie «eine wichtige Grundlage für die umfassende wissenschaftliche Erforschung der Tätigkeit des ‘Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse’, seiner ‘rassenhygienischen’ Theorien sowie der Politik gegenüber den Jenischen in der Schweiz» geschaffen geschaffen habe.

Die Waffe der psychiatrischen Akten

Am Abend zuvor hat Mariella Mehr, selber Jenische und ein «Kind der Landstrasse», im «Übungsraum 1» des Historischen Seminars in Basel zu gut drei Dutzend Studierenden, Dozierenden und Interessierten gesprochen. Sie begann mit einem Zitat aus ihren eigenen psychiatrischen Akten: «Vor Ihnen steht eine ‘verstimmbare, haltlose, impulsive und geltungsbedürftige Psychopathin mit neurotischen Mechanismen und einem starken Hang zur Selbstüberschätzung, was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist. In Erwägung ihrer hereditären Belastung – die Probandin gehört zur vierten Generation einer degenerierten Vagantenfamilie – kann eine dauernde Einweisung in eine Psychiatrische Klinik nicht ausgeschlossen werden.»

Die schwarz gekleidete Rednerin mit den kurz geschnittenen Haaren, den goldenen Armringen und der denkbar ruhigsten Stimme hat nie an einer Universität studiert. Ihre Disziplin war vom ersten Tag an ihr Leben, das heisst die ganze Palette schweizerischer Unterdrückungstechnologie des 20. Jahrhunderts: die Administrativjustiz, die institutionelle Psychiatrie und die Fürsorgeinstanzen – in ihrem Fall das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute (PJ). Daraus ergaben sich mannigfaltige Forschungszweige: Als Tochter einer Jenischen sofortige Fremdplazierung durch das PJ-«Hilfswerk» nach der Geburt 1947. Heim für geistig behinderte Säuglinge in Zürich. Sexueller Missbrauch im Kleinkindalter. Psychiatrische Klinik mit vier Jahren (Deckelbäder). Zweite Einweisung mit sechs Jahren (Elektroschockserie gegen eine angeblich «angeborene Schizophrenie»). Zuweisung in eine Pflegefamilie: sexueller Missbrauch durch den Pflegevater, Flucht. Mit neun Jahren Heim für Kinderpsychiatrie, wieder Elektroschocks (angebliche «Psychopathie»), wieder Flucht. Danach: Kinderheim, Internatsschule, Anstalt, Klinik, wieder Internat und immer wieder Fluchten. Mit achtzehn Schwangerschaft, Verhaftung am Arbeitsplatz, Strafanstalt Hindelbank, wegen «sittlicher Verwahrlosung und Arbeitsscheu» (1966). Geburt des Sohns in der Säuglingsabteilung der Strafanstalt. Nach neunzehn Monaten Entlassung aus dem Gefängnis und Wegnahme des Sohns durch die Pro Juventute, Fabrikarbeiterin, Heirat, um die Vormundschaft loszuwerden, Scheidung, Selbstmordversuche, weitere Klinikaufenthalte. 1974: Beginn der journalistischen Arbeit. 1981: «Steinzeit», Mehrs erster Roman.

Das Thema ihres Vortrags im «Übungsraum 1» sind die Akten, welche seit Generationen als Arbeitsmaterial in den von jeder Öffentlichkeit abgeschotteten Archiven der psychiatrischen Kliniken lagern; Akten, die immer dann wieder hervorgeholt werden, wenn am aktuellen Krankengut die «hereditären Belastungen» aufgezeigt, das heisst: die erbliche Minderwertigkeit nachgewiesen werden soll; jene Akten also, «die den untersuchten Menschen nicht die geringste Menschenwürde zubilligten, da sie ja Minderwertige waren»: «Ihr Fluch fällt auf jeden ihrer Nachfahren, der das Unglück hat, in eine der Anstalten eingewiesen zu werden. Der Rassismus, dem die Ärzteväter der nachkommenden Psychiater einen pseudowissenschaftlichen Anstrich gaben, verleitet jene, in denselben Kategorien zu denken. Geschriebene Wörter sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen, ebenso wenig wie eine einzige, gute Tat», sagt Mehr.

Am Abgrund der Realpolitik

Dr. h. c. Mariella Mehr: Selbstverständlich ist dieser universitäre Ehrentitel ein Feigenblatt, das erst auffällig auf das hinweist, was es verdecken soll. Nämlich auf dies: Bereits 1972, als der «Beobachter»-Journalist Hans Caprez – übrigens unterstützt von Mariella Mehr – mit einer Artikelserie die Schliessung des unsäglichen PJ-«Hilfswerks» durchsetzte, wird die universitäre Sozialgeschichtsschreibung in diesem Land gewusst haben, was da öffentlich zu werden versuchte: der grösste sozialpolitische Skandal der Schweiz in diesem Jahrhundert, der darin bestand, dass die allgemein gegen Randständige in der Gesellschaft praktizierte «Versorgung» durch die Administrativjustiz aus blankem Rassismus auf die Minderheit der Jenischen flächendeckend angewendet worden war. Die akademischen Disziplinen schwiegen. Sie schwiegen, als im Mai 1975 mit der Gründung der Radgenossenschaft das direkte Gespräch mit einer Organisation der Jenischen möglich geworden wäre. Sie schwiegen, als im Juni 1983 eine Studienkommission des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements die wissenschaftliche Untersuchung der Folgen des «Hilfswerks» forderte. Sie schwiegen, als sich Bundespräsident Alphons Egli am 3. Juni 1986 für die finanzielle Unterstützung des «Hilfswerks» durch den Staat bei den Jenischen offiziell entschuldigte.  Sie schwiegen, als Nationalrätin Angéline Fankhauser mit einem Postulat erneut die Aufarbeitung der «Hilfswerk»-Folgen forderte (9. Oktober 1986). Sie schwiegen, als das Bundesamt für Kultur 1987 eine Vorstudie des Zürcher Historikers Thomas Huonker sang- und klanglos schubladisierte, weil Huonker kein Blatt vor den Mund zu nehmen gewillt war. Sie schwiegen seither weitere zehn Jahre lang.

Unterdessen ist im «Übungsraum 1» eine angeregte Diskussion im Gang. Mehr hat nämlich in ihrem Vortrag gesagt: «Ich meine deshalb, dass diese Akten, wenn nicht den Betroffenen ausgehändigt […], dann wenigstens vernichtet werden müssen.» Aber nein doch! Akten seien für die historische Forschung unabdingbares Arbeitsmaterial! Wie solle man sonst dem, was gewesen ist, gerecht werden können? Wie sonst könne man die Publikationen der Täter, die ja dann einzige Quellen blieben, relativieren? Eine Welle schöngeistigen Engagements bewegt die Anwesenden. Mehr relativiert ihre Forderung lächelnd: Sie wäre nicht dagegen, wenn die psychiatrischen Akten an neutraler Stelle interdisziplinär und kritisch Forschenden zur Verfügung gestellt würden. Falls sie jedoch als potentielles Arbeitsmaterial im Einflussbereich der institutionellen Psychiatrie verbleiben, dann plädiere sie weiterhin für ihre vollständige Vernichtung. Die Frage, die sich daraus ergibt: Wie bringt man die durch je andere kantonale Gesetzgebungen abgeschirmten psychiatrischen Kliniken dazu, ihre zweifellos in jeder Beziehung unabsehbaren Aktenbestände interdisziplinär und kritisch Forschenden bedingungslos auszuhändigen? Hier öffnete sich der Blick für einen Moment in den grausen Abgrund der Realpolitik.

Der Brief an die Mutter

Dr. h. c. Mariella Mehr: Trotz allem ist dieser Titel ein weithin sichtbares Zeichen dafür, dass fortschrittliche akademische Kreise (wie jener um den Basler Geschichtsprofessor Heiko Haumann) heute bereit sind, die Skandale der schweizerischen Sozialgeschichte ins Auge zu fassen, dass vielleicht in diesem Jahr mit der Veröffentlichung der Studie des Zürcher Professors Roger Sablonier zum «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» (siehe WoZ Nrn 24/1998 und 40/1998) und der Ehrendoktor-Verleihung an Mariella Mehr gar ein kleiner Durchbruch gelungen ist. Der Titel ist aber auch ein Zeichen gegen jene militanten Rassisten, die Mehr im Mai 1997 in Chur zusammengeschlagen und im Juli zwischen Zürich und Olten aus dem langsam fahrenden Zug warfen und sie so mit ihrem Lebenspartner ins Exil trieben (die beiden leben heute in der Nähe von Arezzo in Italien). Und schliesslich ist der Titel ein Zeichen, dass es neben der akademischen noch andere Formen relevanter Geschichtsaufarbeitung gibt: Mehr hat sich seit 1974 ausschliesslich journalistisch und literarisch geäussert (zuletzt mit dem Roman «Brandzauber» und dem eben erschienenen Gedichtband «Nachrichten aus dem Exil»).

Im «Übungsraum 1» hat Mariella Mehr noch einen zweiten Text vorgelesen: «Kehretuni», der 1989 geschriebene und 1996 überarbeitete Brief an ihre Mutter Maria Emma Mehr (1924-1983), der mit den Worten beginnt: «Mein Gehirn ist kein Sperrkonto, das ich mit unsern Erinnerungen belasten könnte, um so, befreit von aller Erinnerung, fröhlich weiterleben zu können. Ein jeder meiner Tage ist ein neuer Versuch und ein Lernen, mit diesen Erinnerungen, den Deinigen und meinigen, mit den Erinnerungen an die Geschichte unseres Volkes zu leben, ohne daran zu zerbrechen.» Mehr hat ihre Mutter kaum gekannt und die biografischen Hinweise für diesen Brief aus dem «schulmeisterhaft gehefteten orangen Ordner» der «Hilfswerk»-Akten rekonstruiert. Der Brief ist demnach eine Aktenrecherche über eine Frau, die früh und unrettbar in die Fänge der Administrativjustiz geriet. Im Gefängnis Bellechasse notierte man 1945 zum Beispiel: «Sie glaubt, sie wäre eine Schönheit, sie trägt ihr Haar offen. Wir haben uns also mit einer Haftentlassung nicht zu beeilen.» Nach der Geburt der Tochter Mariella 1947 wurde sie endgültig interniert: «In Irrenanstalten wird Dir Erinnerung zurechtgerückt, Dein Herz von der Wahrheit entsorgt. Erinnerungen sind ihnen suspekt, den weissen Göttern. Deinesgleichen hat sich nur an die Schuld zu erinnern, überhaupt und lange zu sein.»

Die tödlichsten Waffen der institutionellen Psychiatrie gegen die Jenischen – Lobotomien und Elektroschocks – waren jene, die Erinnerung zerstören. Damit wurde die mündliche Geschichtstradierung der Jenischen verunmöglicht. Mehrs Brief an die Mutter schliesst: «Ich wünsche Dir Glück, Frieden und einen langen Tod. Nur Lebende müssen sich erinnern.»

Nach dem ersten Schritt müsste man nun – warum nicht an der Universität Basel? – den zweiten tun: Mariella Mehr den Raum und das Gehör geben, dass sie in «Jenischen Geschichtsvorlesungen» die Erzähltradition der Fahrenden darstellen und aufzeigen kann, was das bedeutet, wenn Erinnerung Leben ist und Vergessen Tod. Das wäre lehrreich: immerhin ist die mündliche Geschichtswissenschaft der Fahrenden bedeutend älter als jene der Sesshaften, ob sie sich nun auf Akten oder auf Oral History beruft.