Zum Glück nie fluchttauglich

In einer der neusten Kolumnen hat der Schriftsteller Peter Bichsel über seine «riesige Sammlung» von Reisetaschen und Koffern als «kleinbürgerliche Fluchtbeutel» geschrieben und festgestellt: «Fluchttauglich bin ich ohnehin nicht.» («Schweizer Illustrierte», 5.7.2004) In der Tat: Wenn sein Kollege Paul Nizon seinen Abschied von der engen Schweiz zur Staatsaffäre stilisierte, so hat Peter Bichsel ein Leben lang aus seinem Bleiben eine solche gemacht. Keiner hat mehr über seine eigene und «Des Schweizers Schweiz» geschrieben und trotzdem keiner sich hartnäckiger dagegen gewehrt, als «Schweizer Schriftsteller» zu gelten. In einer seiner Reden beharrte er: «Ich bin kein Schweizer Autor, auch wenn ich Schweizer bin, ich bin ein schriftdeutscher Autor.» (NZZ, 16.8.2003) Und in einem Interview sagte er: «Ich halte Patriotismus, wo auch immer, für ein Verbrechen.» («SonntagsZeitung», 20.12.1998)

So ist Bichsel: In Text, Rede und Gespräch hauptsatzmässig prägnant mit Formulierungen, die nicht selten kokett schillern zwischen Widerspruch und Widersprüchlichkeit.

Ärger mit dem Wortpolitiker

Noch wenn Peter Bichsel über Kinder, Kneipen oder Kaffee nachdenkt, lässt sein Räsonnement die Begriffe präzis in ihren politischen Bezügen aufscheinen. Darum kann es Ärger geben, wenn er als eigensinniger Wortpolitiker die Kreise der realpolitisch Bemühten und Bemühenden stört:

Ärger gab es 1995 mit der Sozialdemokratischen Partei: Im WOZ-Gespräch zum Sechzigsten Geburtstag sagte er im März: «Die SP ist heute eine bürgerliche Partei; die Revolution ist weg, doch ich finde die Partei ganz tapfer.» (WOZ 11/95) Drei Monate später gab er – der seit 1957 der Partei angehörte und als Ghostwriter von Bundesrat Willy Ritschard zeitweise einer ihrer Vordenker war – den Parteiaustritt. Grund: Die solothurnische SP zog mit dem Slogan «Kussecht und vogelfrei» in den Wahlkampf. Bichsel: «Mein Austritt hat nichts mit ästhetischen Gründen zu tun, sondern mit meiner sozialdemokratischen Überzeugung – ich mag kein Sauglattist sein».

Ärger gab es 2002 auch mit der «Gruppe Olten»: Wochen vor deren Selbstauflösung gab Bichsel seinen Austritt aus dem Verband, den er 1971 mitbegründet hatte. Die «Gruppe Olten» sei ein «lächerlicher Lotterhaufen», der in der «Vereinsmeierei» verkommen sei. Gedacht gewesen sei sie als Gesprächsrunde einiger weniger um Max Frisch: «Als immer mehr Leute hinzu kamen, tauchte die Idee eines Vereins auf. Von da an war es für uns eigentlich schon wieder vorbei.» Im übrigen wisse er nicht, «warum Schriftsteller unterstützt werden müssen. Man übt diese Tätigkeit ja freiwillig aus.» (NZZaS, 2.6.2002).

So pathetisch sich Peter Bichsel als «Sozialist und Demokrat» bezeichnet (Parteiaustrittsschreiben, 22.6.1995), so antigewerkschaftlich denkt er als Schriftsteller. Hier glaubt er an die Gnade der glücklichen Entdeckung, die ihm selber widerfahren ist: Dank seinem Kollegen Jörg Steiner fand er 1964 mit seinem Erstling «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» zum Walter-Verlag; dank seinem Kollegen Otto F. Walter wurde der Text dort tatsächlich gedruckt; dank Marcel Reich-Ranickis grosser Rezension in der «Zeit» wurde er zum Senkrechtstarter der Saison; dank dem Preis der «Gruppe 47» von 1965 und wieder dank Otto F. Walter, der 1967 als Verlagsleiter zu Luchterhand ging, schaffte er den Sprung nach Deutschland.

Die Welt eines Skeptikers

In den frühen neunziger Jahren hat Bichsel zu Suhrkamp gewechselt. Hier wie dort schätzte man nicht zuletzt seine Kolumnen, die er für Deutschschweizer Zeitungen und Zeitschriften verfasste. Zwischen 1979 und 2003 erschienen sie in seinen beiden deutschen Verlagen in je drei Einzelbänden. Diese insgesamt 310 Kolumnen – ergänzt um 25 weitere aus den Jahren 2003/04 – hat der Suhrkamp-Verlag nun zu Bichsels siebzigstem Geburtstag in einem Band neu veröffentlicht. So kommt in diesem Frühjahr eines der dicksten – und schönsten – Bücher ausgerechnet vom Wenigschreiber aus Bellach.

Peter Bichsel ist ein grossartiger Kolumnist. Kolumnen zu schreiben ist seine Methode, sich die Welt und der Welt sich selbst zu erklären. Dabei inszeniert sich der ehemalige Lehrer als Aufklärer, der mit dem fremden Blick eines Kindes seine alltäglichen Beobachtungen befragt und sie mit den deutenden Geschichten eines Grossvaters in den Zusammenhang seiner Weltsicht stellt.

Es mag 1986 gewesen sein, als Bichsel anlässlich einer Werkstatt an den Solothurner Literaturtagen gesagt hat, erzählen sei Lautgeben, wie das Bellen eines Hundes. Für einen jungen WOZ-Spund wie mich war das eine Provokation: Mit der Sprache sollte gefälligst aufgeklärt und nicht gebellt werden. Aber Bichsels Satz war stärker als mein Trotz. Langsam habe ich begriffen, dass am Anfang des Redens stets und überall die soziale Bedürftigkeit des Lautgebens steht: als Signal (mich gibt es noch) und als Bitte (hab mich gern). Begriffen habe ich nach und nach auch, wie tief die Sprachskepsis ist, die einer solchen Überlegung vorausgeht. In diesem Sinn bildet eine tiefe, melancholisch-lakonische Skepsis das Fundament von Bichsels Texten (der Literaturkritiker Heinz F. Schafroth hat sie im «Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur» als «inflationär ausgelebte Trauer» kritisiert). Aufklären, obschon jedes Reden vor allem anderen Lautgeben ist: Die Überzeugung letztlicher Vergeblichkeit nimmt Bichsels skrupulösem Rechthaben alles Rechthaberische.

Leider hat das Kolumnen-Buch einen Makel: Sämtliche Drucknachweise, die in den Einzelausgaben zusammengestellt sind, wurden gestrichen. Damit sind die Bedingtheiten der Texte zum Verschwinden gebracht worden: Kolumnen werden für den (datierbaren) Tag  geschrieben, mit einer bestimmten Längenvorgabe für ein bestimmtes Medium und dessen Publikum. Wenn Texte, die in der Deutschschweiz – auch – als politische Interventionen veröffentlicht und verstanden worden und lesend als solche zu rekonstruieren sind, in Frankfurt zu «reiner Literatur» simplifiziert werden, so ist das mehr als Ignoranz: Es ist eine philologische Dummheit.

Von Wetterfahnen und Leuchttürmen

Besonders ärgerlich ist die Streichung dieser Nachweise, weil so mit Bichsel einer zum Sprachartisten zurechtgestutzt wird, der immer der Tradition eines ethisch verantworteten Schreibens verpflichtet gewesen ist – früher hätte man gesagt: der «litterature engagée». Bichsel schreibt zwar nicht gegen die Grossen dieser Welt, aber für die Identität jener, die durch die Machenschaften der Grossen zu Rädchen in deren Maschinen verschliffen werden sollen (es ist kein Zufall, dass das Personen- und Stichwortregister des Kolumnenbands «Christoph Blocher» fünfmal nennt, den Begriff «Kind» aber 141mal).

Schreibend leistet Bichsel mit grosser Hartnäckigkeit, Kunst und Geradlinigkeit seit über vierzig Jahren Kulturarbeit. Es stimmt: Er war nie so linksradikal wie viele 68er, die mit lautem Getöse einige Zeit heftig links blinkten, bevor sie still und leise rechts abbogen. Bichsel war immer nur ein Nonkonformist. Aber das war er schon, als die 68er noch zur Schule gingen. Und er ist es heute noch.

Zum Glück gibt es nicht nur Wetterfahnen in den Böen des Zeitgeists, sondern auch einige Leuchttürme. Und zum Glück war Peter Bichsel nie fluchttauglich.

Peter Bichsel: Kolumnen, Kolumnen. Frankfurt am Main (Suhrkamp-Verlag) 2005.

Aktuell

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Die Website «Textwerkstatt Fredi Lerch» versammelt journalistische, publizistische und literarische Arbeiten aus der Zeit zwischen 1972 und 2022, ist abgeschlossen und wurde deshalb am 15. 1. 2024 zum zeitgeschichtlichen Dokument eingefroren.

Vorderhand soll die Werkstatt in diesem Zustand zugänglich sein, längerfristig wird sie im e-helvetica-Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek einsehbar bleiben. Teile des Papierarchivs, das für die vorliegende Website die Grundlage bildet, sind hier archiviert und können im Lesesaal der Schweizerischen Literaturarchivs eingesehen werden.

 


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