Der solidarischste Bernburger

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«Junkere 37», 7. Mai 1965: An diesem Abend kommt aus Thalwil Konrad Farner in das Berner Diskussions-Podium an der Junkerngasse, um über «Management in der Kunst» zu sprechen. Farner ist ein gebildeter Mann, der Geschichte, Philosophie und Theologie studiert hat, aber er ist auch Mitglied des Zentralkomitees der PdA, der kommunistischen Partei der Schweiz. Darum sitzt an diesem Abend auch ein Spitzel im Publikum, der dafür sorgt, dass mit dieser Veranstaltung die Staatsschutzfiche der Junkere 37 eröffnet wird. Über dem ersten Eintrag heisst es auf dieser Fiche: «Spiritus rector: Sergius Golowin / Sekretär-Kassier, Organisator: Niclaus von Steiger». 

Mit Niklaus von Steiger ist am 23. Januar 2019 der letzte Junkere 37-Aktivist gestorben.

Als Kulturarbeit noch Kryptokommunismus war

Neben Sergius Golowin (1930-2006) und Niklaus von Steiger (* 1933) gehört auch Zeno Zürcher (1936-2008) zum innersten Kern dieser Aktivisten. Der Bibliothekar Golowin prägt inhaltlich und moderiert, unterstützt vom Primarlehrer Zürcher, der daneben die Öffentlichkeitsarbeit macht. Und der Bankangestellte von Steiger schaut, dass es finanziell irgendwie geht. Darum herum helfen Leute wie der Grafiker Ueli Baumgartner (1927-2000), der Musiker Baschi Bangerter (1936-2010) oder etwas später Golowins zweite Partnerin Heidi Ramseier. 

Verbunden sind sie alle durch den «Tägel-Leist», den sie selber gegründet haben. Zweck des Kreises: Mit breitem kulturellem Engagement soll gegen die Avantgarde der Moderne die sogenannte «Volkskultur» rehabilitiert werden – ein Begriff, der damals wegen seiner nationalsozialistischen Verseuchung kaum mehr verwendet werden kann. Die Junkere 37 ist für die Tägelleistler das Instrument, im Sinn ihres Programms öffentlich zu wirken. 

Der Keller an der Junkerngasse 37 wird im Winter 1963/64 gemietet. Die erste Veranstaltung findet am 4. Februar statt. Von da an gibt es wöchentlich Lesungen, Vorträge und Diskussionen, ab und zu auch Musikabende oder Kunstausstellungen. 1990 erzählt von Steiger in einem Gespräch, die Junkere 37 sei «ein öffentlicher Vortragskeller mit Bierverkauf» gewesen: «Hier versuchten wir, möglichst kontradiktorisch alles einfliessen zu lassen, sei es literarisch, sei es politisch, zum Teil sehr extrem politisch, wobei wir verschiedene politische Spektren einbezogen haben. Angefangen beim Kommunisten Farner bis zu Leuten wie Béguelin, bis zu Berner Regierungsräten, bis zu Adorno. Alle sind gekommen.» Für viele sei das Diskussionspodium freilich ein Skandal gewesen: «Man hat uns beschimpft, wir seien subversive Nestbeschmutzer, Kryptokommunisten, die die Schweiz in den Untergang treiben würden.» 

Der Fehde-Handschuh gegen den Nihilismus

Als Niklaus von Steiger im Gespräch 1990 gefragt wird, ob er nicht auch Schriftsteller sei, winkt er ab: «Ich bin Bänkeler», er schreibe «schon lange nicht mehr». Aber er hat geschrieben: In der Tägelleistzeitschrift «Sinwel» betätigt er sich ab 1958 wiederholt als Essayist. Im Frühjahr 1958 zum Beispiel beschreibt er die «junge europäische Generation» so: «Wie die Natur den Igel mit Stacheln ausgestattet hat, so dient der Zynismus dem jungen Menschen, um sich einer harten und feindlichen Umwelt zu erwehren. Genussgierig sind die Jungen auch. In ein Dasein hineingeboren, dessen Zukunft von H-Bomben und mörderischen Staatsformen bedroht ist, versuchen sie, dem Leben noch soviel wie möglich zu entreissen.» Und zur Lancierung des «Sinwel» hält er fest, diese Zeitschrift sei von «einer Art zorniger junger Männer» gegründet worden: «Zornig sind sie auf eine gewisse avantgardistische Presse, die ihre Modernität durch eine dekadente und nihilistische Einstellung zum Leben ausdrücken will. Der SINWEL nun wirft diesen angefaulten Tendenzen den Fehde-Handschuh hin und versucht, eine künstlerische Gegenströmung auszulösen.» 

Dieser Haltung bleibt von Steiger später treu, allerdings nicht mehr als Publizist. Er, dem man intellektuelle Kompetenz und aristokratische Herkunft in Sprache und Auftritt jederzeit abnimmt, stellt sich in die zweite Reihe. Auf der Bühne stehen Gäste von nah und fern, steht sein Cousin Golowin, stehen die Kleinbürger Zürcher und Baumgartner oder mit seiner Geige der Jenische Bangerter. Von Steiger steht als klarer Kopf im Hintergrund, hält das minimale Budget zusammen und ist sich nicht zu schade, an den Junkere-Abenden die Kasse zu betreuen und von den Gästen die 1.75 Franken Eintrittsgeld zu kassieren (und anschliessend davon der Gewerbepolizei die Billettsteuer zu entrichten). Dass er, wenn nötig, finanzielle Löcher aus dem eigenen Sack ausgleicht, darf man sich ruhig vorstellen. Darüber geredet hat er nicht. 

Als der «Junkere 37» auf Frühling 1970 wegen Eigenbedarfs gekündigt wird, zieht der Tägelleist an die Münstergasse 14 und betreibt das Projekt unter dem Namen «Stärnekeller» noch bis 1975 weiter. Von Steiger zieht als Kassenwart mit. Seine Buchhaltungsunterlagen der frühen 1970er Jahre liegen heute im Schweizerischen Literaturarchiv. Sie belegen die unspektakuläre, treue Solidarität dieses diskreten Mannes, der anderen eine Bühne garantiert, weil er um den Wert kultureller Prozesse für die Emanzipation der Menschen weiss – auch der Kleinbürger, auch der Freaks und Abgestürzten, die damals dazu gehört haben.

Persönlicher Nachsatz: Der Schreibende hat die Geschichte dieser Berner Subkultur zwischen 1991 und 2001 in einem umfangreichen Projekt aufgearbeitet (siehe hier und hier). Niklaus und Anke von Steiger haben es mit Rat und Tat jederzeit unterstützt.